Ihr seid sicher schon einem dieser armen Einfältigen begegnet, die der Priester mit Hasenschmalz getauft hat und die nichts können, als an den Türen stehen und betteln. Sie sind wie Kälber, die den Weg zu ihrem Stalle verloren haben. Sie schauen sich nach allen Seiten mit großen Augen und offenem Maule um, als ob sie etwas suchten, aber was sie suchen, das ist in diesem Lande nicht so gemein, daß man es auf den Landstraßen findet: es ist nämlich der Verstand. Peronnik war einer von diesen armen Schelmen, die anstatt auf Vater und Mutter auf die Mildtätigkeit ihrer Brüder in Christo angewiesen sind. Er ging immer der Nase nach und wußte nicht, wohin. Wenn ihn dürstete, trank er aus den Quellen, und wenn ihn hungerte, so erbettelte er von den Frauen, die auf den Türschwellen standen, die Abfallkrusten. Wollte er schlafen, so suchte er sich einen Strohhaufen und grub sich hinein wie eine Eidechse. Übrigens war Peronnik für seine Verhältnisse nicht schlecht gekleidet, er hatte eine Leinenhose, der nichts als der Boden fehlte, eine Weste mit einem Ärmel und die Hälfte einer Mütze, die einst neu gewesen war. Daher sang Peronnik aus Herzensgrunde, sooft er satt war, und dankte morgens und abends Gott, der ihm so viele Geschenke gab, ohne ihn dadurch zu etwas zu verpflichten.
Ein Handwerk hatte Peronnik nie gelernt, aber er war in vielerlei Dingen geschickt. Er aß soviel, als man verlangte, er schlief länger als irgend jemand und ahmte mit seiner Zunge den Gesang der Lerchen nach. Heute gibt es mehr als einen im Lande, der solches nicht nachmachen könnte.
Zur Zeit, von der ich spreche, das heißt vor tausend und mehr Jahren, war das Land des weißen Kornes noch nicht so beschaffen, wie ihr es jetzt seht. Seit jener Zeit haben viele Edelleute ihr Erbe aufgezehrt und ihre Hochwälder in Holzschuhe verwandelt; so kam es, daß der Wald von Paimpont sich damals über mehr als zwanzig Gemeinden erstreckte.
Wie dem auch sei, jedenfalls kam Peronnik eines Tages auf einen Hof, der am Rande des Waldes erbaut war, und da es schon lange her war, daß es in seinem Magen das »Benedicite« geläutet hatte, trat er näher, um etwas Essen zu erbetteln. Die Bäuerin kniete gerade auf der Türschwelle und war dabei, ihren Breikessel mit harten Steinen zu säubern; aber als sie die Stimme des Einfältigen hörte, der sie im Namen Gottes um Nahrung bat, hielt sie inne und streckte ihm den Kessel entgegen: »Nimm!« sagte sie, »mein armer Dummhans, iß das Zusammengescharrte und bete dafür ein Paternoster für unsere Ferkel, die nicht gedeihen wollen!« Peronnik setzte sich auf den Boden, nahm den Napf zwischen seine Beine und begann, ihn mit den Nägeln auszukratzen; aber er erwischte nur wenig, denn alle Löffel des Hauses waren schon darin gewesen. Indessen schleckte er sich die Finger ab und ließ ein befriedigtes Grunzen hören, als hätte er nie etwas Besseres genossen. »Es ist Hirsemehl,« sagte er halblaut, »Hirsemehl angerührt mit Milch von einer schwarzen Kuh, und das von der besten Köchin im ganzen Unterland«. Die Bäuerin, welche sich abgewandt hatte, drehte sich geschmeichelt um. »Armer Dummling,« sagte sie, »es ist nur wenig mehr übrig, aber ich werde dir ein Stück Schwarzbrot dreingeben.« Sie brachte dem Burschen eine Schnitte von einem Laib, der gerade aus dem Backofen kam. Peronnik biß hinein wie ein Wolf in einen Lammschenkel und rief, daß der Teig vom Leibbäcker Sr. Eminenz des Bischofs von Vannes geknetet sein müsse. Die Bäuerin antwortete stolz, es wäre noch ganz etwas anderes, wenn man das Brot mit frisch gerührter Butter bestriche, und um es zu beweisen, brachte sie ein wenig Butter in einer kleinen bedeckten Schüssel. Der Dummling pries die Butter aufs höchste, und um sein Lob zu bekräftigen, strich er alles, was sich in der Schale vorfand, auf seine Brotschnitte. Aber die Befriedigung über das Lob hinderte die Bäuerin, dies zu merken, und sie fügte dem, was sie schon gegeben hatte, noch ein Stück Speck hinzu, welches von der Sonntagssuppe übriggeblieben war. Peronnik rühmte ein Stück noch mehr als das andere und verschlang alles, als ob es Quellwasser gewesen wäre, denn schon lange hatte er kein solches Mahl mehr gehabt. Die Bäuerin ging und kam und gab hin und wieder ein paar Brocken dazu, die er sich bekreuzigend entgegennahm.
Während er so beschäftigt war, neue Kräfte zu erwerben, erschien ein gewaffneter Ritter an der Haustür und wandte sich an die Frau, um den Weg nach dem Schlosse Kerglas zu erfragen. »Jesus, mein Gott, Herr Ritter! Dorthin wollt Ihr?« rief die Frau. »Ja!« antwortete der Krieger, »und zu diesem Zweck bin ich aus einem so fernen Lande hergekommen, daß ich drei Monate lang Tag und Nacht habe reiten müssen, um hierher zu gelangen.« »Und was wollt Ihr in Kerglas?« erwiderte die Bretonin. »Ich suche das goldene Becken und die diamantne Lanze.« »Das sind wohl zwei wertvolle Dinge?« fragte Peronnik. »Wertvoller als alle Kronen der Erde,« entgegnete der Fremde, »denn abgesehen davon, daß das goldene Becken augenblicklich alle Speisen und alle Reichtümer hervorbringt, die man sich wünscht, genügt es, daraus zu trinken, um von allen Leiden geheilt zu werden, und die Toten selbst stehen auf, wenn es ihre Lippen berührt. Die diamantne Lanze aber tötet und zerschlägt alles, was sie trifft.« »Und wem gehört diese Lanze und dieses Gefäß?« fragte Peronnik verwundert. »Einem Zauberer namens Rogéar, welcher im Schlosse von Kerglas wohnt!« antwortete die Bäuerin, »man sieht ihn täglich am Waldesrande, auf seiner schwarzen Stute sitzend, vorüberreiten, gefolgt von deren Füllen von dreizehn Monaten; aber niemand würde es wagen, ihn anzugreifen, denn er hält in seiner Hand die erbarmungslose Lanze.« »Ja,« warf der Fremde ein, »aber ein Befehl Gottes verbietet ihm, sich ihrer im Schlosse Kerglas zu bedienen. Sobald er dort ankommt, werden Becken und Lanze in der Tiefe eines dunklen Verließes, welches kein Schlüssel zu öffnen vermag, verwahrt; dort will ich den Zauberer angreifen.« »Weh! Das, wird Euch nicht glücken, Herr!« entgegnete die Bäuerin, »mehr als hundert andere Edelleute haben das Abenteuer vor Euch gewagt, aber nicht einer ist zurückgekommen.« »Ich weiß es, gute Frau,« versetzte der Ritter, »aber sie haben nicht wie ich zuvor die Unterweisungen des Eremiten von Blavet erhalten.« »Und was hat Euch dieser Eremit gesagt?« fragte Peronnik. »Er hat mich alles gelehrt, was ich tun muß,« antwortete der Fremde, »zunächst muß ich durch den Irrwald reiten, wo alle Arten von Zauber angewendet werden, um mich zu erschrecken und mich meinen Weg verfehlen zu lassen. Die Mehrzahl von denen, die mir vorangegangen sind, hat sich dort verirrt und ist erfroren oder vor Hunger und Ermattung gestorben.« »Und wenn Ihr ihn durchschreitet?« fragte der Einfältige. »Wenn ich ihn durchschreite,« fuhr der Edelmann fort, »werde ich einem Zwerg begegnen, der mit einem feurigen Stachel bewaffnet ist, welcher alles, was er berührt, in Asche verwandelt. Dieser Zwerg bewacht einen Apfelbaum, von dem ich eine Frucht pflücken muß.« »Und dann?« fragte Peronnik weiter. »Dann werde ich die lachende Blume finden; sie behütet ein Löwe, dessen Mähne aus Schlangen besteht, und ich muß diese Blume brechen. Darauf muß ich den Drachensee überschreiten, den schwarzen Mann mit der Eisenkugel bekämpfen, welche immer ihr Ziel erreicht und von selbst zu ihrem Herrn zurückkehrt; schließlich werde ich das Tal der Freuden betreten, wo ich alles schauen werde, was einen Menschen verführen und zurückhalten kann, und ich werde zu einem Fluß kommen, der nur eine Furt hat. Dort wird sich eine schwarzgekleidete Dame befinden, die ich hinter mich aufs Roß nehme und die mir sagen wird, was ich weiter tun muß.« Die Bäuerin versuchte dem Fremden zu beweisen, daß er niemals all diese Proben bestehen würde; aber dieser erwiderte, darüber könne eine Frau nicht urteilen; und nachdem er sich den Eingang zum Walde hatte zeigen lassen, spornte er sein Roß und verschwand zwischen den Bäumen.
Die Bäuerin seufzte tief auf und meinte, das sei ein Toter mehr, der vor Gottes Gericht treten müsse; sie gab Peronnik noch einige Krusten und forderte ihn dann auf, seinen Weg weiterzugehen. Dieser folgte ihrem Rate, zumal da der Bauer gerade vom Felde heimkehrte. Er hatte den Knaben, der seine Kühe am Rande des Waldes hütete, davongejagt und überlegte sich, wie er dafür Ersatz schaffen könne. Der Anblick des Dummlings war für ihn ein Lichtstrahl, er glaubte gefunden zu haben, was er suchte, und nach einigen Bemerkungen fragte er Peronnik gerade heraus, ob er auf dem Hofe bleiben wolle, um das Vieh zu hüten. Peronnik hätte es vorgezogen, nur sich selber zu hüten, denn niemand war besser als er zum Nichtstun aufgelegt; aber er spürte noch den Geschmack des Specks, der frischen Butter, des Schwarzbrotes und des Hirseschmarrens auf seinen Lippen, daher ließ er sich verleiten und nahm den Vorschlag des Bauern an. Dieser führte ihn sogleich an den Waldrand, zählte ihm laut die Kühe vor, ohne die Kalbinnen zu vergessen, und schnitt ihm eine Haselgerte ab, damit er sie zusammenhalten könne; dann trug er ihm auf, bei Sonnenuntergang heimzutreiben.
So war Peronnik Viehhüter geworden, er mußte den Kühen verwehren, daß sie Schaden anrichteten, und mußte von den schwarzen zu den roten und von den roten zu den weißen laufen, um sie gehörig beisammenzuhalten. Während er so von einer Kuh zur andern lief, hörte er plötzlich Pferdegetrappel und gewahrte in einem Baumgange des Waldes den Zauberer Rogéar, der auf seiner Stute saß, und dahinter das Füllen von dreizehn Monaten. Am Halse trug er das goldene Becken und in der Hand die diamantne Lanze, die leuchtete wie eine Flamme. Peronnik verbarg sich erschrocken hinter einem Busch; der Riese ritt nahe an ihm vorbei und setzte seinen Weg fort. Als er verschwunden war, verließ Peronnik sein Versteck und schaute nach der Richtung, nach der jener sich gewandt hatte, ohne jedoch den Weg wahrnehmen zu können, den er eingeschlagen hatte.
Indessen kamen unaufhörlich bewaffnete Ritter, die das Schloß Kerglas suchten, aber keinen von ihnen sah man wiederkehren. Vielmehr machte der Riese alltäglich seinen Rundgang. Der Dummling, der allmählich kühner wurde, verbarg sich nicht mehr, wenn er vorüberritt, und betrachtete ihn von weitem mit neidischen Augen, denn das Verlangen, das goldene Becken und die diamantne Lanze zu besitzen, wuchs von Tag zu Tag in seinem Herzen. Aber es verhielt sich damit wie mit einem guten Weib: man kann es sich leichter wünschen als erwerben.
Eines Abends war Peronnik wie gewöhnlich allein auf der Weide, da stand mit einem Male ein weißbärtiger Mann am Waldesrand. Der Dummling glaubte, das sei wieder irgendein Fremder, der gekommen sei, um die Abenteuer zu wagen, und er fragte ihn, ob er etwa den Weg nach Kerglas suche. »Ich suche ihn nicht, denn ich kenne ihn«, entgegnete der Unbekannte. »Ihr seid ihn gegangen und der Zauberer hat Euch nicht getötet?« rief der Einfältige. »Weil er von mir nichts zu fürchten hat«, erwiderte der weißbärtige Greis. »Man nennt mich den Zauberer Bryak, und ich bin der ältere Bruder Rogéars. Wann ich ihn besuchen will, komme ich hierher, aber da ich trotz meiner Zaubermacht den Irrwald nicht durchschreiten könnte, ohne mich zu verirren, so rufe ich das schwarze Füllen, damit es mich führe.« Bei diesen Worten zog er drei Kreise mit seinem Finger in den Sand, murmelte einige Worte, wie sie der Teufel die Zauberer lehrt, und rief: »Füllen mit den leichten Füßen, Füllen mit den scharfen Zähnen, Füllen, ich bin da, komm geschwind, ich wart' auf dich!« Das kleine Roß erschien augenblicklich. Bryak legte ihm ein Halfter und eine Fußfessel an, stieg auf seinen Rücken und ließ es in den Wald zurückkehren.
Peronnik sagte keinem Menschen ein Wort von diesem Abenteuer; aber er wußte jetzt, daß es das erste war, wenn man nach Kerglas wollte, das Füllen zu besteigen, welches den Weg kannte. Unglücklicherweise verstand er weder die drei Kreise zu zeichnen, noch die Zauberworte auszusprechen, die nötig waren, um den Anruf wirkungsvoll zu machen. Er mußte also ein anderes Mittel finden, sich seiner zu bemächtigen, und dann den Apfel zu pflücken, die lachende Blume zu brechen, der Kugel des schwarzen Mannes zu entgehen und das Tal der Freuden zu durcheilen. Peronnik dachte lange darüber nach, und es schien ihm zuletzt, daß es ihm gelingen könne. Die Starken suchen der Gefahr mit ihrer Stärke zu begegnen, und oft gehen sie dabei zugrunde, aber die Schwachen packen die Dinge von der Seite an. Da der Dummling nicht hoffen durfte, den Riesen zu bestehen, so beschloß er, ihn zu überlisten. Vor den Schwierigkeiten schrak er nicht zurück, er wußte, daß die Mispeln hart wie Kiesel sind, wenn man sie pflückt, und daß sie mit ein wenig Stroh und viel Geduld schließlich doch weich werden.
Er traf also alle Vorbereitungen für die Stunde, in welcher der Riese am Waldesrande erscheinen mußte. Er richtete zunächst ein Halfter und eine Fußfessel aus schwarzem Hanf her, dann eine Schnepfenschlinge, deren Haare er in Weihwasser tauchte, einen Leinenbeutel, den er mit Vogelleim und Lerchenfedern füllte, einen Rosenkranz, eine Hollerpfeife und ein Stück Brotrinde, bestrichen mit ranzigem Speck. Hierauf zerbröckelte er sein Frühstücksbrot längs des Weges, den Rogéar mit seiner Stute und seinem Füllen von dreizehn Monaten einschlagen mußte.
Alle drei erschienen zur gewohnten Stunde und durchschritten die Weide, wie sie es alle Tage taten; aber das Füllen, das mit hängendem Kopf und auf dem Boden schnüffelnd einherging, roch die Brotbrocken und blieb stehen, um sie zu fressen, so daß es bald allein und außer Sehweite des Riesen war. Dann schlich sich Peronnik herzu, warf ihm sein Halfter über, fesselte zwei seiner Füße mit den Spannstricken, sprang auf seinen Rücken und ließ es nun laufen, wohin es wollte, denn er war sicher, daß das Füllen, welches den Weg kannte, ihn zum Schloß Kerglas führen werde.
Das Rößlein schlug wirklich ohne Zaudern einen der wildesten Wege ein und lief so schnell, wie es ihm die Fußfesseln erlaubten. Peronnik zitterte wie ein Blatt, denn alle Zauber des Waldes vereinigten sich, um ihn zu schrecken. Bald schien es ihm, als öffne sich ein Abgrund vor seinem Reittier, bald schienen die Bäume in Flammen zu stehen und er sich inmitten einer Feuersbrunst zu befinden, oft, wenn er einen Bach überschritt, wurde der Bach zu einem reißenden Strom und drohte ihn mitzuführen; ein andermal, als er einem Pfad am Fuße eines Hügels folgte, schienen sich ungeheuere Felsmassen abzulösen und auf ihn herabzustürzen, um ihn zu zerschmettern. Der Dummling mochte sich noch so oft sagen, daß dies Trugbilder des Zauberers seien, er fühlte doch sein Mark vor Angst erstarren. Schließlich zog er seine Kappe über die Augen, um nichts zu sehen und sich vom Füllen fortbringen zu lassen.
So kamen sie beide in eine Ebene, wo die Zauber aufhörten. Nun nahm Peronnik seine Mütze ab und blickte um sich. Es war eine dürre Heide und trauriger als ein Friedhof. Von Zeit zu Zeit sah man die Gerippe der Ritter, die gekommen waren, um das Schloß Kerglas zu suchen. Sie lagen da, neben ihren Rossen hingestreckt, und graue Wölfe nagten an ihren Gebeinen. Schließlich gelangte der Dummling auf eine Wiese, die ganz und gar von einem einzigen Apfelbaum überschattet wurde, der so mit Früchten beladen war, daß die Äste sich bis zur Erde niederbogen. Vor dem Baume stand ein Zwerg, der in seiner Hand die feurige Waffe hielt, die alles, was sie berührte, in Asche verwandelte. Als er Peronnik erblickte, schrie er wie eine Meerkrähe und erhob seine Waffe; aber ohne Erstaunen zu zeigen, zog der junge Mann höflich seine Mütze. »Laßt Euch nicht stören, mein kleiner Prinz,« sagte er, »ich möchte nur vorüber, um mich nach Kerglas zu begeben, wohin mich der Zauberer Rogéar bestellt hat.« »Dich?« erwiderte der Zwerg, »wer bist du denn?« »Ich bin der neue Diener unseres Herrn,« antwortete der Dummling, »Ihr wißt doch, der, den er erwartet.« »Ich weiß von nichts,« sagte der Zwerg, »und du siehst mir ganz wie ein Schwindler aus.« »Verzeihung,« unterbrach ihn Peronnik, »das ist nicht mein Beruf, ich bin lediglich Vogelsteller und Vogelabrichter. Aber, mein Gott, haltet mich nicht auf, denn der Herr Zauberer rechnet auf mich und hat mir sogar sein Füllen geliehen, wie Ihr seht, damit ich schneller ins Schloß gelange.« Der Zwerg bemerkte nun wirklich, daß Peronnik das junge Pferd des Zauberers ritt, und begann zu glauben, daß jener die Wahrheit sage. Der Dummling sah übrigens so unschuldig aus, daß man ihn nicht für fähig halten konnte, eine Geschichte zu erfinden. Indessen schien er noch zu zweifeln und fragte ihn, wozu der Zauberer einen Vogelsteller brauche. »Er hat ihn dringend nötig, wie es scheint,« entgegnete Peronnik, »denn, wie er sagt, wird gegenwärtig alles, was im Garten von Kerglas keimt und reift, von den Vögeln gefressen.« »Und wie willst du sie daran hindern?« fragte der Zwerg. Peronnik zeigte die kleine Falle, die er verfertigt hatte, und sagte, kein Vogel könne ihr entgehen. »Davon will ich mich überzeugen«, versetzte der Zwerg. »Mein Apfelbaum wird auch von den Amseln und Drosseln geplündert; stell deine Falle, und wenn du sie fangen kannst, so lasse ich dich vorbei.« Peronnik war einverstanden; er band sein Füllen an einen Baum und näherte sich dem Stamm des Apfelbaums, befestigte das eine Ende der Schlinge daran und rief dann dem Zwerg zu, er solle das andere Ende halten, während er die Futterhölzchen aufrichten wolle. Dieser tat, was der Dummling verlangte; nun zog Peronnik plötzlich den Schiebeknoten zu, und der Zwerg war selbst wie ein Vogel gefangen. Er stieß einen Wutschrei aus und wollte sich losmachen, aber die Schlinge, die in Weihwasser getaucht war, widerstand allen seinen Anstrengungen. Der Dummling hatte Zeit, zum Baume zu laufen, dort einen Apfel zu pflücken und dann wieder auf sein Füllen zu steigen, welches nun seinen Weg fortsetzte.
So verließen sie die Ebene und befanden sich vor einem Lustwäldchen, das aus den schönsten Pflanzen zusammengesetzt war. Dort gab es Rosen in allen Farben, spanischen Ginster, rotes Geißblatt, und über alldem erhob sich eine Wunderblume, welche lachte; aber ein Löwe mit Schlangenmähne lief um das Wäldchen herum, rollte die Augen und knirschte mit den Zähnen wie mit zwei frischgeschliffenen Mühlsteinen. Peronnik blieb stehen und begrüßte ihn wieder, denn er wußte, daß vor Großen die Mütze auf dem Kopf weniger am Platze ist als in der Hand. Er wünschte dem Löwen und seiner Familie alles erdenkliche Glück und fragte ihn, ob er auf dem rechten Wege nach Kerglas sei. »Und was suchst du in Kerglas?« rief das wilde Tier mit fürchterlicher Miene. »Mit Eurer Erlaubnis,« antwortete der Dummling furchtsam, »bin ich im Dienste einer Dame, welche eine Freundin des Herrn Rogéar ist und welche ihm als Geschenk etwas sendet, wovon er eine Lerchenpastete machen kann.« »Lerchenpastete?« wiederholte der Löwe und schleckte mit der Zunge seinen Schnurbart ab, »es ist ein Jahrhundert her, daß ich keine gegessen habe. Hast du viel dabei?« »Alles, was dieser Sack fassen kann, gnädiger Herr!« erwiderte Peronnik und wies den Leinenbeutel vor, den er mit Federn und Leim gefüllt hatte. Und um seinen Worten Glauben zu verschaffen, fing er an, das Zwitschern der Lerchen nachzumachen. Dieser Ton vergrößerte den Appetit des Löwen. »Laß sehen,« sagte er und kam näher, »zeig mir deine Vögel, ich will wissen, ob sie fett genug sind, um unserem Herrn aufgetischt zu werden.« »Ich wünsche mir nichts Besseres,« entgegnete der Dummling, »aber wenn ich sie aus dem Sack hole, fürchte ich, daß sie mir davonfliegen.« »Öffne ihn nur so weit,« versetzte das wilde Tier, »daß ich hineinschauen kann!« Das war es, was Peronnik erhofft hatte, er hielt dem Löwen den Leinenbeutel vor, der seinen Kopf hineinsteckte, um die Lerchen zu packen, da aber sah er sich in den Federn und dem Leim festgehalten. Der Dummling zog geschwind die Schnur des Sackes um seinen Hals zu, machte ein Kreuzzeichen über den Knoten, um ihn unauflöslich zu machen, und lief dann zur lachenden Blume, pflückte sie und eilte mit der ganzen Geschwindigkeit seines Füllens von dannen.
Aber alsbald traf er auf den Drachensee, den er durchschwimmen mußte, und kaum war er darin, so eilten die Drachen von allen Seiten herbei, um ihn zu verschlingen. Diesmal unterhielt sich Peronnik nicht damit, vor ihnen die Mütze zu ziehen, sondern er warf ihnen die Perlen des Rosenkranzes vor, wie man den Enten Korn vorwirft, und bei jeder verschluckten Perle drehte sich ein Drache auf den Rücken und verendete, so daß der Dummling das andere Ufer ohne Schaden erreichen konnte.
Es blieb also noch das Tal, das von dem schwarzen Mann bewacht wurde. Peronnik gewahrte ihn gleich am Eingange, mit den Füßen an den Felsen geschmiedet und in der Hand die Eisenkugel haltend, welche, nachdem sie ihr Ziel erreicht hatte, stets von selbst zurückkehrte. Er hatte sechs Augen rund um den Kopf, welche abwechselnd wachten, aber in diesem Augenblicke hatte er alle sechs geöffnet. Peronnik wußte, daß ihn, sobald er bemerkt würde, die Eisenkugel treffen würde, noch bevor er hätte reden können, daher zog er es vor, am Unterholz entlang zu schleichen. So kam er, hinter dem Gebüsch verborgen, bis auf einige Schritte an den schwarzen Mann heran. Dieser setzte sich gerade nieder, und zwei seiner Augen waren zum Schlummer geschlossen. Peronnik glaubte, jener sei müde, und er begann, halblaut den Anfang der Messe zu singen. Der schwarze Mann schien zuerst erstaunt, er wandte den Kopf; dann aber, da der Gesang auf ihn wirkte, schloß er das dritte Auge. Peronnik stimmte nun das Kyrie eleison an im Tone jener Priester, die vom Schlafteufel besessen sind. Der schwarze Mann schloß sein viertes Auge und das fünfte zur Hälfte. Peronnik begann die Vesper, aber ehe er zum Magnifikat gekommen war, war der schwarze Mann eingeschlafen.
Nun nahm der Bursch das Füllen beim Zügel und führte es leise über Moosflecke; dann gelangte er, rasch am Wächter vorbeigehend, ins Tal der Freuden. Das war die schwerste Probe, denn es handelte sich hier nicht darum, einer Gefahr zu entgehen, sondern einer Versuchung zu widerstehen. Peronnik rief alle Heiligen der Bretagne zu Hilfe. Das Tal, das er durchquerte, glich einem Garten voller Früchte, Blumen und Quellen, aber die Quellen waren von Wein und süßen, berauschenden Getränken, die Blumen sangen mit zarten Stimmen wie die Cherubim im Paradies, und die Früchte boten sich von selber dar. Bei jeder Biegung des Weges sah Peronnik große Tafeln, die gedeckt waren, wie um Könige zu speisen; er roch den Duft des Backwerks, das man gerade aus dem Ofen zog, er sah Diener, die ihn zu erwarten schienen, während etwas weiter abseits schöne junge Mädchen aus dem Bade stiegen und auf dem Rasen tanzten; sie riefen ihn bei Namen und baten ihn, den Reigen anzuführen. Der Dummling machte zwar das Zeichen des Kreuzes, aber er verlangsamte doch den Schritt seines Füllens, ohne es zu merken, er hob die Nase in den Wind, um besser den Duft der Schüsseln zu riechen und die badenden Mädchen zu sehen; fast hätte er angehalten, und dann wäre es um ihn geschehen gewesen; da zuckte ihm der Gedanke an das goldene Becken und die diamantne Lanze durch das Hirn, und sogleich begann er auf seiner Hollunderpfeife zu flöten, um die lockenden Stimmen nicht zu hören, er aß sein mit ranzigem Speck bestrichenes Brot, um den Duft der Schüsseln nicht zu riechen, und er betrachtete die Ohren seines Pferdes, um die Tänzerinnen nicht zu sehen. Auf diese Weise gelangte er ohne Unfall zum Ende des Gartens und sah nun endlich das Schloß Kerglas vor sich.
Aber noch trennte ihn von diesem der Fluß, von dem man ihm erzählt hatte, und der nur eine einzige Furt besaß. Glücklicherweise kannte sie das Füllen und trat am rechten Ort ins Wasser. Peronnik schaute um sich, ob er nicht die Dame erblickte, die ihn ins Schloß führen sollte, und er bemerkte sie auf einem Felsblock sitzend. Sie war in schwarze Seide gekleidet und ihr Antlitz war gelb wie das einer Maurin. Der Dummling zog wieder seine Mütze und fragte sie, ob sie nicht den Fluß überschreiten wolle. »Deshalb erwarte ich dich,« entgegnete die Dame, »komm näher, damit ich mich hinter dich setzen kann!« Peronnik ritt herzu, ließ sie hinten aufsitzen und begann die Furt zu durchreiten. Mitten im Fluß sagte die Dame zu ihm: »Weißt du auch, wer ich bin, du armer Junge?« »Verzeihung,« antwortete Peronnik, »aber nach Euren Kleidern zu urteilen, seid Ihr wohl eine adlige und mächtige Dame.« »Adelig muß ich wohl sein, denn mein Stamm geht auf den ersten Sündenfall zurück; und mächtig bin ich auch, denn alle Völker der Erde beugen sich vor mir.« »Und wie ist Euer Name, gnädige Frau, wenn ich bitten darf?« fragte Peronnik. »Man nennt mich die Pest!« erwiderte die gelbe Frau. Der Dummling machte einen Satz auf seinem Pferd und wollte sich in den Fluß stürzen, aber die Pest sagte zu ihm: »Bleib ruhig sitzen, armer Junge, du hast von mir nichts zu fürchten, und ich könnte dir sogar einen Dienst leisten.« »Ist es möglich, daß Ihr so gütig sein wolltet, Frau Pest?« sagte Peronnik und zog diesmal seine Mütze, um sie nicht wieder aufzusetzen. »Ich erinnere mich jetzt in der Tat, daß Ihr mir angeben solltet, wie ich mich des Zauberers Rogéar entledigen kann.« »Soll der Zauberer sterben?« sprach die gelbe Dame. »Nichts wäre mir lieber,« erwiderte Peronnik, »aber er ist leider unsterblich.« »Höre und suche mich zu verstehen!« entgegnete die Dame. »Der Apfelbaum, den der Zwerg bewacht, ist ein Steckling des Baumes des Guten und Bösen, den Gott selbst ins irdische Paradies gepflanzt hat. Seine Frucht macht wie die, von welcher Adam und Eva aßen, die Unsterblichen für den Tod empfänglich. Sieh zu, daß der Zauberer den Apfel genießt, dann brauche ich ihn nur zu berühren, damit er aufhöre zu leben.« »Ich will es versuchen,« sagte Peronnik, »aber wenn es mir gelingt, wie kann ich das goldene Becken und die diamantne Lanze erwerben, die in einem dunklen Verließ verborgen sind, das kein geschmiedeter Schlüssel aufzusperren vermag?« »Die lachende Blume öffnet alle Tore, und erhellt alle Nächte«, versetzte die Pest.
Nach diesen Worten erreichten sie das andere Ufer, und der Dummling schritt auf das Schloß zu. Vor dem Eingange befand sich ein großes Wetterdach, ähnlich dem Thronhimmel, unter dem S. Eminenz der Bischof von Vannes bei der Prozession des hl. Sakramentes schreitet. Hier lag der Riese vor der Sonne geschützt und hatte die Beine übereinandergeschlagen wie ein Landwirt, der sein Korn eingebracht hat, und rauchte aus einer Tabakspfeife von lauterem Gold. Als er das Fohlen erblickte, auf welchem Peronnik und die gelbe Dame in schwarzer Seide saßen, hob er den Kopf und sprach mit donnerdröhnender Stimme: »Bei Belzebub, unserem Herrn! Das ist mein Füllen von dreizehn Monaten, auf dem dieser Dummkopf reitet.« »So ist es, o größter aller Zauberer!« erwiderte Peronnik. »Und wie hast du es angestellt, um dich seiner zu bemächtigen?« fragte Rogéar. »Ich habe die Worte wiederholt, die mich Euer Bruder Bryak gelehrt hat«, entgegnete der Dummling. »Als ich an den Waldesrand kam, habe ich gesagt: 'Füllen mit den leichten Füßen, Füllen mit den scharfen Zähnen, Füllen ich bin da! Komm geschwind, ich wart' auf dich!' Und das kleine Tier ist sogleich gekommen.« »Du kennst also meinen Bruder?« fragte der Riese. »Wie man seinen Herrn kennt!« erwiderte der Bursch. »Und warum schickt er dich?« »Um Euch zwei seltene Dinge zu überbringen, die er soeben aus dem Maurenlande erhalten hat: hier den Apfel der Freuden und dort die unterwürfige Frau, die Ihr vor Euch seht. Wenn Ihr den ersteren verspeist, werdet Ihr immer einen so zufriedenen Sinn haben wie ein armer Mann, der einen Beutel mit hundert Talern in einem Holzschuh gefunden hat; und wenn Ihr die letztere in Euren Dienst nehmt, so habt Ihr auf der Welt keinen Wunsch mehr.« »Nun, so gib den Apfel und laß die Maurin absteigen!« entgegnete Rogéar. Der Dummling gehorchte; aber sobald der Riese in die Frucht gebissen hatte, rührte ihn die gelbe Dame an, und er fiel zu Boden wie ein Ochs, den man niederschlägt.
Peronnik trat sogleich ins Schloß, in der Hand die lachende Blume. Er durcheilte nacheinander mehr als fünfzig Säle und gelangte endlich vor das Gewölbe mit der Silberpforte. Diese öffnete sich von selbst vor der Blume, welche dem Dummling leuchtete und ihm gestattete, bis zum goldenen Becken und zur diamantnen Lanze vorzudringen. Aber kaum hatte er sie ergriffen, so bebte die Erde unter seinen Füßen, ein schreckliches Krachen ertönte, der Palast verschwand, und Peronnik befand sich inmitten eines Waldes, versehen mit seinen zwei Wunschdingen, mit denen er sich an den Hof des Königs der Bretagne begab.
Nur auf der Durchreise durch Vannes trug er Sorge, die reichsten Kleider zu kaufen, die er finden konnte, und das beste Roß, das in der Bischofsstadt des Landes des weißen Kornes feilgeboten wurde. Als er nach Nantes kam, wurde diese Stadt gerade von den Franzosen belagert, welche die Felder rings umher derart verwüstet hatten, daß kaum ein Baum mehr übrigblieb, an dem eine Ziege hätte rupfen können. Obendrein war Hungersnot in der Stadt, und die Soldaten, die nicht an ihren Wunden starben, kamen aus Mangel an Brot um. Daher verkündete gerade an dem Tage, da Peronnik ankam, ein Trompeter an allen Straßenecken, daß der König der Bretagne denjenigen, der die Stadt befreien und die Franzosen verjagen würde, als Erben einzusetzen verspräche. Als der Dummling dieses Versprechen hörte, sagte er zu dem Trompeter: »Rufe nicht länger, sondern führe mich zum König! Ich bin imstande zu tun, was er verlangt.« »Du?« sagte der Trompeter, der sah, daß er so jung und so klein war, »schau, daß du weiterkommst, kleiner Stieglitz, der König hat keine Zeit, um Vögel zu fangen.« Statt jeder Antwort streifte Peronnik den Soldaten mit seiner Lanze, und im gleichen Augenblick fiel dieser tot zur Erde zum großen Schrecken der zusehenden Menge, die nun entfliehen wollte. Aber der Dummling rief: »Ihr habt gesehen, was ich gegen meine Feinde vermag, erfahrt jetzt, was ich für meine Freunde tun kann!« Und er näherte das Zauberbecken den Lippen des Toten, der augenblicklich wieder belebt wurde.
Der König, der dieses Wunder vernahm, übertrug Peronnik den Befehl über die Soldaten, welche ihm noch geblieben waren; und da der Dummling mit seiner Lanze Tausende von Franzosen tötete, während er mit seinem Becken alle gefallenen Bretonen erweckte, vertrieb er in wenigen Tagen das feindliche Heer und erbeutete alles, was in ihrem Lager zurückblieb. Er schlug weiterhin die Eroberung der benachbarten Länder Anjou, Poitou und Normandie vor, was ihm nur wenig Mühe machte, zu vollbringen; endlich, als er alles dem Könige unterworfen hatte, erklärte er, er wolle abreisen, um das heilige Land zu befreien, und er schiffte sich in Nantes mit dem ersten Adel des Landes auf großen Fahrzeugen ein. In Palästina vernichtete er alle Heere, die gegen ihn ausgesandt wurden, zwang den Kaiser der Sarazenen, sich taufen zu lassen, und heiratete dessen Tochter, mit welcher er hundert Kinder bekam, deren jedes ein Königreich erhielt. Manche sagen, daß er und seine Söhne dank dem goldenen Becken noch lebten und in diesem Lande herrschten; aber andere versichern, daß der Bruder Rogéars, der Zauberer Bryak, die beiden Wunschdinge zurückerobert habe und daß die, welche sie zu erlangen wünschen, sie bloß zu suchen brauchen.


[Frankreich: Ernst Tegethoff: Französische Volksmärchen]
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