Es war einmal ein Blinder, der hatte beim Betteln eine stattliche Anzahl Münzen zusammengebracht. Damit sie ihm niemand stahl hatte er sie in einen Kochtopf getan, den er im Garten unter einem Feigenbaum vergraben hatte. Er kannte die Stelle und wenn er wieder ein hübsches Sümmchen beisammen hatte, grub er den Topf aus, zählte alles und versteckte seinen Schatz wieder. Ein Nachbar beobachtete ihn einmal dabei und sah, wo er den Topf vergrub, ging hin und stahl alles. Als der Blinde das Fehlen seines Geldes bemerkte, blieb er lange Zeit stumm, aber er grübelte darüber nach, ob er nicht eine List fände, sein Geld wiederzuerlangen. Er überlegte, wer wohl der Dieb sein könnte, und es stand für ihn fest, daß es nur ein Nachbar gewesen sein konnte. Er versuchte ein Gespräch anzuknüpfen und sagte: »Schaut, mein Freund, ich will Euch ganz unter uns etwas sagen, daß niemand etwas hört.« »Nun, worum geht's, Herr Nachbar?« »Ich bin krank, und wie man lebt, so muß man auch sterben. Darum will ich Euch davon in Kenntnis setzen, daß ich ein paar Geldstücke in einem Topf direkt unter dem Feigenbaum in meinem Garten eingegraben habe. Da ich keine Verwandten habe, werdet Ihr selbstverständlich alles erben, der Ihr ein so guter Nachbar wart und mich so gut behandelt habt. Ich habe aber in einem Loch noch ein paar Geldstücke und möchte für alle Fälle alles zusammen aufbewahren.« Der Nachbar hörte dies und dankte ihm sehr für seine gute Absicht, und in jener Nacht machte er sich sogleich daran, den Topf mit dem Geld unter dem Feigenbaum wieder einzugraben, um zu sehen, ob er nicht auch die restlichen Geldstücke des Blinden bekommen könnte. Als ihm der rechte Zeitpunkt gekommen schien ging der Blinde zu der Stelle, fand den Topf, nahm ihn mit nach Haus und erhob dann gegenüber dem Nachbarn ein großes Wehgeschrei: »Man hat mir alles gestohlen, man hat mir alles gestohlen, Herr Nachbar!« Und in Zukunft bewahrte er sein Geld an einem Platz auf, wo niemand es finden konnte, so gerissen er auch war.

[Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez]
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