Ein sehr reicher Mann geriet durch sein ausschweifendes Leben in Armut. Da er seinem Sohn eine gute Erziehung hatte angedeihen lassen, verstand es dieser, viele Instrumente zu spielen, und um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ging er in die Welt hinaus. Er kam an einen Ort und hielt vor einem Palast an, in dem man sehr schöne Musikstücke spielte. Er blieb dort ohne zu essen und zu trinken. Als der Herr des Palastes jenen Mann in der Straße sah, fragte er ihn, was er wollte. Er antwortete, daß auch er Musik gern hatte. Der Mann befahl ihm einzutreten, um zu sehen, ob er auch spielen konnte. So geschah es, er spielte und stach alle anderen Musikanten aus. Der Mann wunderte sich, entließ alle Musikanten und sagte dem Jungen, er solle bei ihm bleiben, damit er ihm immer beim Spiel zuhören könnte. Die anderen Musikanten waren verzweifelt und trachteten nur danach, den Jungen zu fangen, um ihn zu töten. Sobald der Alte aber davon erfuhr, beschützte er den Jungen und begleitete ihn stets, und er wollte ihm alles hinterlassen, als ob er sein eigener Sohn wäre. Am Hofe lief das Gerücht von dem Spielmann um, und der König bat den Edelmann, ihm den Jungen zu bringen und ihn ein paar Tage im Schloß zu lassen. Das fiel ihm wohl schwer, aber er konnte es dem König nicht abschlagen. Der Junge versetzte bei den Festen im Schloß alle in Erstaunen, denn er spielte ausgezeichnet.
Eines Nachts, als er sich zur Ruhe begeben hatte, fühlte er daß eine Dame zu ihm ins Zimmer trat und sich zu ihm ins Bett legte. Er wollte wissen, wer sie war, und zündete ein Licht an, aber sie trug eine Maske. Solange er sich im Schloß aufhielt, suchte ihn die Dame jede Nacht auf.
Der Junge drang in sie, daß sie ihm sagte, wer sie sei, und sie antwortete: »Ich kann dir nicht sagen wer ich bin! Morgen wenn wir in die Kirche zur Messe gehen, wirst du mich mit einer weißen Rose im Mund sehen.« Der Junge erzählte alles dem Edelmann, der ihn bereits wie einen Sohn behandelte. Da der Edelmann jedoch an den Haß der Musikanten dachte, wollte er ihn begleiten, damit es nicht etwa eine Falle wäre. Er stellte sich an die Kirchentür, und alle Damen traten ein. Erst als er die Königin sah, erblickte er an ihrer Seite eine Gräfin, die sie begleitete, und die alle am Hofe für sehr tugendsam hielten, und diese trug eine weiße Rose im Mund. Sobald sie den Jungen in Begleitung des Edelmannes sah, warf sie die Rose auf die Erde und trat darauf herum. Der Junge trat zu der Gräfin, um den Grund für ihren Zorn zu erfahren. Sie sagte ihm, daß er sie verraten habe indem er alles dem Edelmann erzählt habe. Er fragte sie, was er tun müsse, um ihre Liebe wiederzuerlangen. Die Gräfin antwortete, das könne nur geschehen, wenn er den Edelmann, der ihm wie ein Vater war, töten würde. In seiner Blindheit tat er dies. Als der König von diesem Verbrechen erfuhr, fand er es so grausam, daß er auf der Stelle Befehl gab, den Jungen aufzuhängen. Da erzählte die Gräfin alles dem König und gestand ihre Schuld. Sie sagte, daß der Junge unschuldig war und seine Tat aus leidenschaftlicher Liebe heraus begangen habe. Da verzieh ihm der König: »Da die Gräfin sein Unglück bewirkt hat, soll sie ihn nun heiraten, um ihn glücklich zu machen.«

[Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez]
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