In der Nähe des Königspalastes wohnte ein armer Soldat. An dem Tage und zu der Stunde, da dem König ein Sohn geboren wurde, bekam auch die Frau des Soldaten einen Sohn. Es geschah, daß beide enge Freunde wurden, und da der König gerecht war und ein gutes Herz hatte, gestattete er, daß der Soldat und seine Frau in den Palast zogen, damit die beiden Kinder zusammen spielen konnten. Alle im Palast nannten den Knaben den Soldatengrafen. Er begleitete den Prinzen zu allen Festen und auf allen Jagden.
Einmal befand sich der Prinz auf der Jagd, und die Kehle brannte ihm vor Durst. Der Soldatengraf ging, um ihm Wasser zu holen. Kurz darauf kam er mit einem hübschen Krug voll frischen Wassers zurück. »Wer hat dir einen so schönen Krug gegeben?« »Das war in einer armseligen Hütte. Was gar würdet Ihr tun, Prinz, wenn Ihr die kleine Hand sähet, die ihn mir gab!« Beide gingen, den Krug zur Hütte zurückzubringen, und der Prinz entbrannte sogleich voller Leidenschaft für ein wunderschönes Mädchen, das dort wohnte. Er verliebte sich in sie und besuchte sie heimlich, bis er ihr schließlich versprach, sie zu heiraten, um alles zu bekommen, was er wünschte. Da er aber fürchtete, daß der König von dieser Liebschaft erfahren könnte, kehrte er nie wieder zu der Hütte zurück, aber er war sehr traurig und voller Sehnsucht. Das Mädchen, das nicht wußte, daß ihr Liebster der Prinz war, kam an den Hof und warf sich dem König zu Füßen, damit er ihr hülfe:

Als Gottes Dienerin nehme ich an,
daß Ihr auf Erden der König seid
und ohne Arg stets
Gerechtigkeit widerfahren laßt.
So hört den, hoher König,
daß mir ein Ritter
mit wahrhaftiger Liebe
beteuerte, mein Ehemann zu werden;
und er betrat mein Gemach
und erreichte, was er im Sinne führte.
Und ich, geringe Magd,
gedemütigt und entehrt
in dieser unbeständigen Welt,
bitte zu Euren Füßen um Rache.

Der König antwortete:

Erhebt Euch, edle Dame,
Ihr werdet Ansehen und guten Ruf wiedererlangen,
denn der, der Euch entehrt hat,
wird hart bestraft werden.

Und er ließ den Prinzen rufen, der im Garten spazierenging, damit er vor ihm erschiene. Der Prinz kam und seufzte:

An sie nur denke ich,
für sie leide ich.

Der Soldatengraf, der ihn begleitete, sagte: »So sehnt Ihr Euch also nach einer armen Schäferin!« »Schweigt, mein Freund, Ihr wart auch Soldat, und mein Vater machte Euch zum Grafen, ohne daß Ihr es verdient hättet.« Als er vor dem König erschien, erzählte er ihm alles, und der König befahl ihm, die Schäferin zu heiraten.

[Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez]
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