Es war einmal eine arme Witwe, die hatte nur eine Tochter, welche nie von ihrer Seite wich. Andere Mädchen aus der Nachbarschaft baten sie, ihre Tochter am Vorabend der Johannisnacht mit ihnen gehen zu lassen, um im Fluß zu baden. Das Mädchen ging mit der Gruppe. Bevor sie sich in das Wasser begaben sagte ihr eine Freundin: »Nimm deine Ohrringe ab und lege sie auf einen Stein, denn sie könnten dir ins Wasser fallen.« So tat das Mädchen. Als sie im Wasser planschten kam ein alter Mann des Wegs, und wie er die Ohrringe auf einem Stein liegen sah, nahm er sie und steckte sie in seine Hirtentasche.
Das Mädchen war sehr bekümmert als es das sah, und es lief dem Alten, der sich schon weit entfernt hatte, hinterdrein. Der Alte sagte ihm, daß er die Ohrringe zurückgeben würde, sofern es sie in der Tasche suchen würde. Das Mädchen machte sich daran, die Ohrringe zu suchen, und der Alte schlug die Tasche über ihm zu, warf sich die Tasche auf den Rücken und verschwand. Als die anderen Mädchen ohne ihre Gefährtin zurückkehrten, jammerte die arme Witwe ohne Hoffnung, ihre Tochter wiederzusehen. Sobald der Alte das Gebirge überquert hatte öffnete er die Hirtentasche und sagte zu der Kleinen: »Fortan sollst du mir helfen den Lebensunterhalt zu verdienen. Ich gehe durch die Straßen und bettle, und wenn ich sage: Singe, Tasche, sonst spürst du den Stock ... dann mußt du unbedingt singen. Gib gut acht.«
Überall wo der Alte durchkam, waren alle über jenes Wunder erstaunt. Er kam in eine Gegend, wo schon die Nachricht von einem Alten umlief, der eine Hirtentasche singen ließ, und viele Leute umringten ihn, um sich von dem Wunder zu überzeugen. Nachdem der Alte gesehen hatte, daß schon genügend Neugierige versammelt waren, hob er den Stab und sagte: Singe, Tasche, sonst spürst du den Stock ...
Daraufhin hörte man folgenden Gesang:

Ich stecke in dieser Tasche,
wo ich mein Leben verlieren werde,
aus Liebe zu meinen Ohrringen,
die ich an der Quelle ließ.

Dieser Vorfall kam den Behörden zu Ohren und sie versuchten herauszubekommen, wo der Alte Quartier genommen hatte. Sie suchten eine Schankwirtin auf, die sich herbeiließ, die Tasche untersuchen zu lassen, wenn der Alte schlafen würde. So geschah es. Sie fanden da das arme Mädchen, das sehr traurig und krank war, und das alles erzählte, und da erfuhr man auch von dem Fall der Witwe, der man die Tochter geraubt hatte. Die Kleine ging mit den Amtspersonen, die die Tasche mit allem möglichen Unrat zu füllen befahlen, so daß diese, als sie der Alte am nächsten Tage vorführen wollte, nicht sang. Er verprügelte sie mit seinem Stab und da verstreute sich über den Boden all jener Unrat. Das Volk zwang ihn, den Unrat aufzulecken, und dann wurde er in das Gefängnis gebracht und das Mädchen nach Hause zu seiner Mutter.

[Portugal: T. Braga: Contos tradicionaes do povo portuguez]
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