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Märchen Narbengesicht

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Montana

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Freitag, 4. Mai 2012, 10:31

Narbengesicht

In frühester Zeit gab es keinen Krieg. Bei allen Stämmen herrschte Frieden. Zu jener Zeit war da ein Mann, der hatte eine wunderschöne Tochter. Viele junge Männer wollten sie heiraten, aber immer, wenn jemand um ihre Hand anhielt, schüttelte sie nur den Kopf und sagte, sie wolle keinen Mann. „Was hast du?“ fragte sie ihr Vater. „Einige dieser jungen Männer sind reich, schön und tapfer.“ „Warum sollte ich heiraten?“ antwortete das Mädchen. „Ich habe einen reichen Vater. Unsere Wohnung ist gut. Unsere Vorratskammern sind nie leer. Wir besitzen viele gegerbte Häute und weiche Felle für den Winter. Mir fehlt es an nichts.“ Die Sippe der Raben hielt einen Tanz ab, und alle trugen ihre schönsten Kleider und ihren besten Schmuck, und jeder von ihnen gab beim Tanz sein Bestes. Danach hielten einige der Männer um das Mädchen an, aber wieder sagte es nein. Dann hielten die Büffel, die Füchse und andere Sippen ihre Tänze ab, und unter ihnen waren reiche und berühmte Krieger, die den Mann baten, er möge ihnen seine Tochter zur Frau geben, und abermals sagte sie bei jedem, der sie umwarb, nein. Da wurde der Vater zornig und sagte: „Was soll das? Die besten Männer des Stammes haben um dich angehalten, und immer noch sagte du nein. Ich glaube, du hast heimlich einen Liebhaber.“ „Oh!“ rief die Mutter. „Schande über uns, ein Kind wird geboren werden, und unsere Tochter ist immer noch ledig.“ „Vater und Mutter!“ sprach das Mädchen. „Habt doch ein Einsehen. Ich habe keinen geheimen Liebhaber. Jetzt sollt ihr die Wahrheit erfahren. Die Sonne hat zu mir gesprochen: „Heirate keinen dieser Männer“, hat sie gesagt, „du bist mein. Wenn du mir gehorchst, wirst du immer glücklich sein und lange leben. Aber halte mein Gebot. Du darfst nicht heiraten. Du gehörst mir.“ „Wenn das so ist“, antwortete der Vater, „müssen wir uns daran halten.“ Und sie sprachen nicht mehr darüber. Es gab da einen jungen Mann. Sehr arm war er. Sein Vater, seine Mutter und all seine Verwandten waren zu dem Sandhügel gezogen. Er besaß keine Hütte, keine Frau, die seine Häute hätte gerben und ihm Mokassins nähen können...Mal lebte er bei dieser, mal bei jener Familie. Er war gut gewachsen, nur hatte er auf der einen Wange eine Narbe, und seine Kleider waren alt und abgerissen. Nach einem der großen Tänze trafen die Männer das Narbengesicht. Sie lachten es aus und sagten: „Warum wirbst du nicht um das schöne Mädchen, wo du doch so reich und gut gewachsen bist!“ Narbengesicht lachte nicht, er antwortete: „Gut, ich will auf euren Rat hören. Ich werde um sie anhalten.“ All die jungen Männer hielten das für einen guten Spaß. Sie lachten. Narbengesicht aber ging hinunter zum Fluß. Er wartete dort an der Stelle, wo die Frauen Wasser schöpften, und nach einiger Zeit kam auch das schöne Mädchen. „Mädchen“, sagte er, „warte. Ich will mit dir sprechen. Nicht wie einer, der etwas im Schilde führt, sondern offen und ehrlich, dort, wo die Sonne zuschauen und jeder es sehen kann.“ „Sprich nur“, sagte das Mädchen. „Ich habe dich die ganze Zeit beobachtet“, sagte der junge Mann, „du hast alle jungen Männer, die reich und tapfer waren, abgewiesen. Heute haben sie mich ausgelacht und zu mir gesagt: „Warum hältst du nicht um sie an?“ Ich bin arm, sehr arm. Ich habe keine eigene Hütte, keine Nahrung, keine Kleider, keine Felle und keine warmen Pelze. Ich habe keine Verwandten dennoch bitte ich dich, erbarme dich meiner und werde meine Frau.“ Das Mädchen verhüllte sein Gesicht mit seinem Umhang, mit der Spitze seines Mokassins scharrte es im Sand. Es dachte nach. Nach geraumer Zeit sagte es: „Es ist wahr. Ich habe die anderen jungen Männer abgewiesen, aber jetzt fragst du mich, und ich bin froh. Ich werde deine Frau werden. Du bist arm, aber das macht nichts. Mein Vater wird dir einige seiner Hunde schenken. Meine Mutter wird uns eine Hütte bauen. Meine Verwandten werden uns Felle und Pelze geben. Du wirst nicht länger arm sein.“ Da wollte der junge Mann es umarmen und küssen, aber es hielt ihn zurück und sagte: „Warte! Die Sonne hat zu mir gesprochen. Sie hat mir gesagt, ich dürfe nicht heiraten, ich gehöre ihr. Die Sonne sagte, falls ich gehorchte, würde ich lange leben. Jetzt sage ich Dir: Geh zum Sonnengeist. Sag ihm, daß du mich heiraten willst. Sag ihm, er soll die Narbe auf deiner Wange verschwinden lassen. Das soll ein Zeichen sein, daß er einwilligt. Aber wenn er sich weigert, oder wenn du seine Wohnung nicht finden kannst, dann darfst du auch nicht zu mir zurückkommen.“ „Oh!“ rief der junge Mann. „Zuerst klangen deine Worte gut. Ich war froh. Nun aber ist alles dunkel. Mein Herz ist tot. Wo ist diese Hütte, in der der Sonnengeist wohnt? Wie soll ich den Weg finden, den noch niemand gereist ist?“ „Nur Mut“, antwortete das Mädchen, und es ging zu seiner Hütte zurück. Narbengesicht war traurig. Er verhüllte seinen Kopf mit seinem Umhang und versuchte, sich schlüssig zu werden, was er tun solle. Nach einer Weile stand er auf und ging zu einer alten Frau, die immer freundlich zu ihm gewesen war. „Hab Mitleid mit mir“, sprach er, „ich bin sehr arm. Ich muß eine lange Reise machen. Nähe mir ein paar Mokassins.“ „Wohin willst du reisen?“ fragte die alte Frau. „Wir haben doch keinen Krieg, alles ist friedlich.“ „Ich weiß nicht, wohin ich gehen werde“, antwortete Narbengesicht, „ich habe Kummer, aber ich kann mit dir nicht darüber sprechen.“ Also nähte die alte Frau ein Paar Mokassins, nein, nicht nur ein Paar – sieben Paar nähte sie ihm mit guten Sohlen, und sie gab ihm auch einen Sack mit getrockneten Beeren, gedörrtes Fleisch und Fett vom Rücken des Büffels, denn sie hatte ein gutes Herz. Sie mochte den jungen Mann gern.
Ganz allein und mit traurigem Herzen stieg der junge Mann den Abhang hinauf und warf von oben einen letzten Blick auf das Lager. Er fragte sich, ob er seine Liebste und sein Volk je wiedersehen werde. „Hab Mitleid mit mir, Sonnengeist“, betete er, dann wandte er sich um und suchte den Weg. Viele Tage reiste er, über weite Prärien, durch dichte Wälder, über Flüsse und Gebirge – und jeden Tag wurde der Knappsack etwas leichter, aber er hob von den Lebensmitteln, die ihm die alte Frau mitgegeben hatte, so viel auf, wie er nur irgend konnte, und aß Beeren und Wurzeln und manchmal tötete er ein Tier. Eines Nachts hielt er an vor der Wohnung des Wolfs: „Hay-yah!“ sagte der .„Was tut mein Bruder hier, so fern von seinem Dorf?“ „Ach“, antwortete Narbengesicht, „ich suche den Ort, an dem der Sonnengeist wohnt, ich muß mit ihm reden.“ „Ich bin weit herumgekommen“, sagte der Wolf, „ich kenne alle Prärien, die Täler und Gebirge, aber die Wohnung des Sonnengeistes habe ich nirgends gesehen. Aber warte. Ich weiß, wer dir helfen könnte. Frag den Bären. Vielleicht kann er dir sagen, wo der Sonnengeist wohnt.“ Am nächsten Tag reiste der junge Mann weiter. Hier und da blieb er stehen, um ein paar Beeren zu pflücken, und als die Nacht kam, erreichte er die Hütte des Bären. „Hilf mir!“ sagte der junge Mann. „Ich suche die Sonne. Ich muß den Sonnengeist etwas fragen. Das Mädchen hat es mir aufgetragen.“ „Ich weiß nicht, wo er rastet“, antwortete der Bär, „ich bin vielen Flüssen gefolgt, ich kenne die Gebirge, aber an die Wohnung des Sonnengeistes bin ich nie gekommen. Dort drüben wohnt einer mit einem gestreiften Gesicht, der ist sehr schlau. Geh und frage ihn.“ Der Dachs saß in seinem Loch.
Sich vorbeugend, rief der junge Mann: „Oh, du kluger Dachs, du gutmütiges Tier. Komm hervor, ich muß mit dir reden.“ „Was willst du?“ frage der Dachs und steckte seinen Kopf aus dem Loch hervor. „Ich suche die Wohnung des Sonnengeistes“, antwortete Narbengesicht, „ich will mit dir sprechen.“ „Ich kann dir auch nicht sagen, wo er wohnt“, knurrte der Dachs, „ich reise nie sehr weit. Aber dort drüben, in diesem Wäldchen wohnt ein Faultier, das kommt weit herum und kennt sich aus. Vielleicht kann es dir weiterhelfen.“ Da sah sich Narbengesicht im Wald nach dem Faultier um, aber er konnte es nirgends finden. „Hai-yu!“ rief der junge Mann. „Faultier, hab Erbarmen mit mir. Mein Proviant ist zu Ende. Meine Mokassins sind durchgelaufen. Ich muß sterben.“ „Was gibt’s denn, mein Bruder?“ hörte er da jemand sagen, und als er sich umsah, saß das Tier dicht vor ihm. „Das Mädchen, das ich heiraten möchte“, erzählte Narbengesicht, „ist der Sonne versprochen. Jetzt versuche ich, den Sonnengeist zu finden und bei ihm um sie anzuhalten.“ „Ich weiß, wo der Sonnengeist lebt“, sagte das Faultier. „Warte, jetzt ist es bald Nacht. Morgen will ich dir den Weg zu dem großen Wasser zeigen. Er wohnt am anderen Ufer.“

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Montana

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Mittwoch, 9. Mai 2012, 10:05

Sehr zeitig am Morgen zeigte das Faultier dem jungen Mann den Weg, und Narbengesicht lief zu, bis er an das Ufer des großen Wassers kam. Er sah hinüber, und das Herz blieb ihm beinahe stehen. Nie zuvor hatte er in so großes Wasser gesehen. Man sah nicht bis zum anderen Ufer. Das Wasser schien kein Ende zu haben. Sein Proviant war aufgebraucht, seine Mokassins durchgelaufen. Sein Herz war krank. „Ich kann nicht über das große Wasser kommen“, sagte er, „ich kann nicht zu meinem Volk zurückkehren. Hier am Ufer werde ich sterben.“ Nichts da. Hilfe kam. Zwei Schwäne schwammen heran. „Warum bist du hierhergekommen?“ fragten sie ihn. „Was machst du hier? Bis zu den Wohnungen der Menschen ist es sehr weit.“ „Ich bin hier, um zu sterben“, antwortete Narbengesicht. „Weit fort, in meinem Land, lebt ein sehr schönes Mädchen. Ich will es heiraten, aber es gehört dem Sonnengeist. Deshalb bin ich aufgebrochen, um ihn zu suchen und ihn zu bitten, es mir zur Frau zu geben. Viele Tage bin ich gewandert. Mein Proviant ist zu Ende. Ich kann nicht zurück. Ich kann das große Wasser nicht überqueren. Also muß ich sterben.“ „Nein“, sprachen die Schwäne, „fasse Mut. Wir werden dich auf unseren Rücken hinübertragen.“ Narbengesicht sprang auf. Er fühlte sich wieder stark. Er watete ins Wasser, legte sich auf den Rücken der Schwäne, und sie trugen ihn fort. Sehr tief und schwarz ist dieses Wasser. Seltsame Wesen wohnen dort, riesige Tiere, die die Menschen greifen und sie ertränken. Aber die Schwäne trugen ihn sicher ans andere Ufer. Dort führte ein breiter Weg ins Land hinein. „Kyi“, sagten die Schwäne, „jetzt bist du der Wohnung des Sonnengeistes ganz nahe. Folge diesem Weg, und du wirst dem Sonnengeist bald begegnen.“ Narbengesicht machte sich auf, und bald sah er, daß da einige wunderbare Dinge auf dem Weg lagen: ein Kriegshemd, ein Schild, ein Bogen und Pfeile. Nie zuvor hatte er so schöne Waffen gesehen, aber er rührte sie nicht an. Er ging vorsichtig um sie herum und lief weiter. Nach einer Weile traf er einen jungen Mann, und es war der schönste Mensch, den er je gesehen hatte. Sein Haar war sehr lang, und er trug Kleider aus seltsamen Häuten. Seine Mokassins waren mit bunten Federn benäht. Der junge Mann sagte zu ihm: „Hast du die Waffen gesehen, die auf dem Weg lagen?“ „Ja“, antwortete Narbengesicht, „ich habe sie gesehen.“ „Aber du hast sie nicht angerührt?“ „Nein, ich dachte mir, sie gehören jemanden, der sie dort liegengelassen hat, deswegen habe ich sie nicht mitgenommen.“ „Du bist jedenfalls kein Dieb“, sagte der junge Mann. „Wie ist dein Name?“ „Narbengesicht.“ „Wohin gehst du?“ „Zur Sonne.“ „Mein Name“, erklärte der junge Mann, „ist A-pi-su-ahts, das heißt der „Frühaufsteher“, andere nennen mich auch den Morgenstern. Der Sonnengeist ist mein Vater; komm, ich will dich zu unserer Hütte bringen. Mein Vater ist jetzt nicht zu Haus, aber zur Nacht wird er heimkommen.“ Bald kamen sie an die Hütte. Es war eine schöne und geräumige Wohnung, seltsame Medizintiere waren auf die Wände gemalt. Hinter der Hütte lagen auf einem Dreifuß seltsame Waffen und schöne Kleider. Sie gehörten der Sonne. Narbengesicht schämte sich, einzutreten, aber der Morgenstern sagte: „Nur keine Angst, mein Freund. Wir freuen uns über deinen Besuch.“ Sie gingen in die Hütte.
Drinnen saß eine Frau, Ko-ko-mik-e-is, das rote Licht der Nacht, die Frau des Sonnengeistes und Morgensterns Mutter. Sie redete Narbengesicht freundlich an und gab ihm etwas zu essen. „Warum bist du von so weit her gekommen?“ fragte sie. Da erzählte ihr Narbengesicht von dem schönen Mädchen, das er heiraten wollte. „Es gehört dem Sonnengeist“, erklärte er, „und ich bin gekommen, weil ich um es anhalten will.“ Als die Zeit herankam, da der Sonnengeist heimkehrte, verbarg seine Frau Narbengesicht unter einem Haufen Häute. Als nun der Sonnengeist auf die Türschwelle trat, blieb er stehen und sagte: „Ich rieche etwas.“ „Ja, Vater“, sagte der Morgenstern, „ein junger Mann ist gekommen. Er will dich sprechen. Man kann ihm vertrauen, ich habe meine Waffen auf den Weg gelegt, den er gekommen ist, und er hat sie nicht berührt.“ „Ich freue mich, daß du in unsere Hütte gekommen bist“, sagte er, „du kannst bei uns bleiben, so lange es dir gefällt, mein Sohn ist manchmal einsam. Sei ein Freund.“ Am nächsten Tag rief die Frau des Sonnengeistes Narbengesicht zu sich und sagte zu ihm: „Du kannst mit Morgenstern gehen, wohin du willst, nie aber dürft ihr nahe dem großen Wasser jagen. Laß ihn nicht dorthin, große Vögel mit langen, scharfen Schnäbeln hausen dort, sie töten jeden. Ich habe viele Söhne gehabt, die Vögel haben sie alle umgebracht. Nur Morgenstern ist mir geblieben.“ Lange blieb Narbengesicht bei der Familie und jagte mit Morgenstern. Eines Tages kamen sie an das Wasser und sahen die großen Vögel. „Komm“, sagte Morgenstern, „wir wollen hingehen und einige der Vögel erlegen.“ „Nein, nein“, warnte Narbengesicht, „das werden wir nicht tun. Es sind schreckliche Vögel, sie werden uns töten.“ Morgenstern aber hörte nicht auf. Er lief auf das Wasser zu, und Narbengesicht folgte ihm. Er wußte, er mußte die Vögel töten, wenn er den Freund retten wollte. Gelang ihm das nicht, so würde der Sonnengeist zornig werden, und dann würde sein letztes Stündlein geschlagen haben. Er lief voraus und traf auf die Vögel, die ihnen entgegenkamen. Alle tötete er mit einem Speer, nicht einer blieb am Leben. Dann schnitten die beiden jungen Männer den Vögeln die Köpfe ab und trugen ihre Beute heim. Morgensterns Mutter war froh, als sie hörte, was geschehen war. Sie weinte und nannte Narbengesicht, „meinen Sohn“. Als der Sonnengeist an diesem Abend heimkam, war auch er zufrieden. „Mein Sohn“, sagte er zu dem Narbengesicht, „ich werde dir nie vergessen, was du für uns getan hast. Sag mir jetzt, was ich für dich tun kann.“ „Hay-yu“, antwortete Narbengesicht, „hab Erbarmen mit mir. Ich bin hier, um dich um dieses Mädchen zu bitten, ich möchte es heiraten. Ich fragte es, und es war froh, aber es sagte mir, es gehöre dir und du hattest ihm gesagt, es solle nicht heiraten.“ „Was du sagst, ist wahr“, sprach der Sonnengeist, „aber ich gebe es dir; es gehört dir. Ich bin froh, daß es so klug war. Ich weiß, es hat nie unrecht getan. Dem Sonnengeist gefallen Frauen, die sind wie es. Sie sollen lange leben, und ihre Männer und Kinder auch. Geh jetzt heim, hör auf mich, sei klug. Ich bin der einzige Häuptling, alles gehört mir. Ich habe die Erde geschaffen, die Gebirge, die Prärien, die Flüsse und die Wälder. Ich habe die Menschen geschaffen und all die Tiere. Deswegen sage ich: Ich bin der einzige Häuptling. Ich werde nie sterben. Gewiß, der Winter macht mich alt und krank, aber jeden Sommer werde ich wieder jung.“ Dann sagte der Sonnengeist: „Welches von meinen Tieren ist das klügste? Der Rabe, denn er findet immer Nahrung. Er ist nie hungrig. Welches meiner Tiere ist das heiligste? Der Büffel, er ist für die Menschen bestimmt, er gibt ihnen Nahrung und Schutz. Welches Teil seines Körpers ist heilig? Die Zunge, sie gehört mir. Was ist sonst noch heilig? Die Beeren. Sie gehören mir auch. Komm mit mir und sieh die Welt.“ Und er nahm Narbengesicht mit und führte ihn an den Rand des Himmels, und sie sahen hinunter und erblickten eine Hütte, die war rund und flach. Da sagte der Sonnengeist: „Wird ein Mensch krank oder gerät er in Gefahr, soll sein Weib versprechen, eine Hütte zu bauen, wenn er gesund wird. Und wenn die Frau rein und ehrlich ist, dann werde ich gnädig sein und dem Mann helfen. Ist sie aber schlecht und verlogen, so werde ich zürnen. Die Hütte aber soll aussehen wie die Welt, rund, mit Mauern, zuvor aber sollt ihr ein Schwitzhaus bauen. Es soll sein wie der Himmel. Die eine Hälfte sollt ihr rot malen. Das bin ich. Und die andere Hälfte soll schwarz sein, das ist die Nacht.“ Weiter sagte die Sonne: „Was ist das Beste: das Herz oder das Gehirn? Das Gehirn. Das Herz lügt oft, aber das Gehirn kann nicht lügen.“ Dann erklärte er Narbengesicht alles, was zum Bau einer Medizinhütte und eines Schwitzhauses wissen muß, und als er damit fertig war, rieb er eine starke Medizin auf das Gesicht des jungen Mannes und sprach: „Dies ist das Zeichen für das Mädchen. Dieses Zeichen sollen Mann und Frau immer tragen, wenn sie eine Medizinhütte und ein Schwitzhaus bauen.“ Der junge Mann konnte nun heimkehren. Morgenstern und der Sonnengeist gaben ihm viele schöne Geschenke. Das rote Licht der Nacht weinte, küßte ihn und nannte ihn „meinen Sohn“. Dann zeigte der Sonnengeist ihm einen kürzeren Heimweg. Es war die Milchstraße. Der junge Mann folgte diesem Weg und kam bald auf der Erde an. Es war ein sehr heißer Tag, alle Hüttendecken waren hochgeschlagen, und die Leute saßen im Schatten. Es war da der Häuptling, ein sehr großzügiger Mann, und den ganzen Tag kamen Leute in seine Hütte, um mit ihm zu essen und zu rauchen. Früh am Morgen sah der Häuptling nahezu in einer Senke jemanden sitzen, der seinen Umhang über den Kopf gezogen hatte. Die Freunde des Häuptlings kamen und gingen. Es wurde Mittag, die Sonne senkte sich gegen die Gebirge hin. Dieser Mensch dort in der Senke saß immer noch da und rührte sich nicht. Als es fast Nacht war, sagte der Häuptling: „Warum sitzt dieser Mensch dort so lange? Die Hitze war groß, aber er hat weder gegessen noch getrunken, vielleicht ist er fremd hier. Geht und bittet ihn herein.“ Also gingen einige junge Männer hin und sagten: „Warum sitzt du hier den ganzen Tag in der Hitze? Komm in den Schatten. Der Häuptling lädt dich zum Essen ein.“ Da erhob sich der Fremde, warf seinen Umhang ab, und alle waren sie erstaunt. Er trug schöne Kleider. Seine Pfeile, sein Bogen, sein Schild und alle seine anderen Waffen waren seltsam schön und anders als die ihren. Aber sie kannten dieses Gesicht, obwohl die Narbe fort war. Sie liefen voraus und riefen: „Der arme junge Mann mit der Narbe ist heimgekommen. Er ist nicht mehr arm, die Narbe in seinem Gesicht ist fort.“ Alle Leute kamen herbei. „Wo bist du gewesen?“ fragten sie. „Wo hast du all die schönen Dinge her?“ Er antwortete nicht. Dort in der Menge stand die junge Frau. Der junge Mann nahm zwei Rabenfedern aus seinem Haar, gab sie ihr und sagte: „Der Weg war lang. Fast bin ich gestorben, aber jemand half mir. So fand ich die Wohnung des Sonnengeistes. Er ist froh, er schickt dir diese Federn, sie sind das Zeichen.“ Groß war dann die Freude. Sie heirateten und bauten die erst Medizinhütte, so wie der Sonnengeist ihnen aufgetragen hatte. Die Sonne freute sich. Mann und Frau hatten ein langes Leben. Als sie sehr alt waren, riefen eines Morgens ihre Kinder. „Wacht auf. Steht auf und kommt essen.“ Sie regten sich nicht mehr. In der Nacht, im Schlaf, ohne Schmerzen hatten sich die Schatten davongestohlen.


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