…, dann stirbt eine Fee.“ Papa schloss das Buch und gab Toni einen Kuss auf die Wange. Sie drehte ihm den Kopf zu und lächelte. „Danke Paps.“ Obwohl sie mit ihren zehn Jahren selbst schon Harry Potter verschlungen hatte, war es schön, wenn Papa ihr abends im Bett noch einige Seiten vorlas.
„Schlaf schön mein Schatz.“ Papa stieg von Antonias Hochbett. Ihr Blick wanderte aus dem Fenster. Die Sonne neigte sich dem Horizont zu und der Garten war in ein eigentümliches Zwielicht getaucht. Wirbel, ihre kleine Katze, sprang durch den Garten und jagte einen flinken, hellen Schmetterling.
Antonia sah sich selbst, wie sie mit Peter Pan an der Hand über die Bäume davonflog, Feenstaub glitzerte und die Wilden Jungen warteten auf sie beide. Das wäre echt cool…
Wirbel hatte den kleinen Schmetterling mehrmals mit der Tatze erwischt und dieser taumelte jetzt panisch im Blumenbeet umher, es schien fast, als wolle er sich zwischen den Blüten verstecken. Toni war wütend auf die Katze, wäre sie unten im Garten, dann hätte sie Wirbel von der Jagd auf den Falter abgehalten. Ihr Bruder Matthes hatte extra zu Weihnachten ein Glöckchenhalsband für Wirbel besorgt, damit die Vögel gewarnt würden, wenn die Katze sich näherte. Sie war ein echter Killer!
Antonia griff nach einem Buch, aber die Zwergenabenteuer konnten sie diesmal nicht fesseln. Immer wieder sah sie in den Garten und beobachtete die verzweifelten Versuche des verletzten Flatterlings, den nach ihm schlagenden Katzenkrallen zu entwischen. Vorsichtig öffnete sie das Fenster. „Wirbel!“, rief sie leise. Papa musste sie nicht unbedingt hören, aber Katzenohren sind ja besser.
Nun, heute wohl nicht.
„Wirbel!“
Der Schmetterling hatte sich in einer Tulpenblüte verkrochen und Wirbel schlich sich geduckt an.
„WIRBEL! Lass das!“
Die Katze ignorierte sie, war ganz auf ihre Beute konzentriert.
Jetzt schon richtiggehend verärgert und besorgt um den kleinen Schmetterling überlegte Antonia, was sie unternehmen könnte. Die Sonne verschwand hinter dem Nachbarhaus und Toni bemerkte ein Leuchten in der Tulpenblüte.
Sollte das ein Glühwürmchen sein?
Ein Glühwürmchen mit Schmetterlingsflügeln?
Beunruhigt setzte sie sich auf. Wirbel sprang und ein heller Funken sauste aus der Tulpe direkt gegenüber in den blühenden Goldregenbusch, landete an einem Ast und begann langsam nach oben zu klettern. Die Katze schoss hinterher, hatte aber zwischen den vielen hellen, gelben Blüten einige Schwierigkeiten ihr „Jagdwild“ auszumachen.
Antonia musste in den Garten. Matthes schlief bereits im Nachbarzimmer, der würde nichts mitbekommen. Mama war beim Sport, nur Papa war da. Gut. Heute war Mittwoch, da würde er wieder seine Weltraumserie sehen. Wenn sie vorn zur Tür herausschlich, um das Haus herum rannte und sich unter den Stubenfenstern duckte, könnte sie es schaffen.
Wirbel sprang zwischen den Zweigen des Goldregens umher, Blütenblätter rieselten herab. Wenn das Mama sehen würde.
Richtiggehend verzweifelt hüpfte das Schmetterling-Glühwürmchen von Ast zu Ast, versuchte aufwärts zu klettern und rutschte immer wieder runter.
Toni stahl sich die Leiter von ihrem Hochbett herunter, huschte dann barfüßig in die untere Etage. Die Tür zum Windfang knarrte, aber gerade als sie diese öffnete, explodierten im Fernsehgerät in der Wohnstube mehrere Raumschiffe. Papa war wohl irgendwo auf einem anderen Planeten, nur nicht zu Hause…
Sie schlüpfte in ihre Sandalen, öffnete die Haustür und legte einen Schuh von Mama so hin, dass die Tür nicht zuschlagen und sie aussperren konnte.
Hu, das war kühl hier draußen, so kurz nach Ostern.
Dann flitzte sie um das Haus herum in den Garten, rannte geduckt an den Stubenfenstern vorbei und war mit wenigen großen und sehr schnellen Schritten am Goldregenstrauch.
„Wirbel! Wirst du wohl aufhören!“
Die Katze sprang einige Schritte zurück, ein dicker Schwanz signalisierte Aufgeregtheit und ein halblautes Maunzen brachte Protest zur Sprache.
Antonia kniete sich vor den Strauch und spähte mit gerunzelter Stirn zwischen die Zweige. Was hatte Wirbel da gejagt?
Etwa in Augenhöhe nahm sie hinter einem dickeren Zweig ein feines, leicht flackerndes Leuchten wahr. Auf allen vieren kroch sie um den Strauch herum. In einer Astgabel lag etwas. Etwas, das mit einem angenehmen aber langsam ersterbenden Licht leuchtete und von Toni auch jetzt wieder nicht richtig gesehen werden konnte. Vorsichtig, ganz vorsichtig griff das Mädchen nach dem Leuchten, fühlte weiche, kleine Flügel, fasste behutsam zu und stand auf.
Plötzlich schoss die Katze heran und sprang Antonia an, fauchend den lebenden Schatz in ihrer Hand angreifend.
„Wirbel! Spinnst du?“, schnaubte Antonia, verbarg das Schmetterling-Glühwürmchen in ihrer hohlen Hand und betrachtete drei lange blutige Schrammen an ihrem Unterarm.
„So!“, sagte sie zornig zu der aufgeregt herumstreichenden Katze. „Du bekommst morgen nichts zu fressen!“
Natürlich würde sie ihrer Katze Futter geben, aber allein, dass sie diese Drohung aussprach, besänftigte ihren Zorn wieder etwas.
„Lass mich bloß in Ruhe, du!“
Danach hastete sie auf demselben Weg zurück, nicht ohne mit ihrer freien linken Hand noch einige frische Grashalme abzureißen.
Wieder in ihrem Zimmer nahm sie sich eine kleine Pappschachtel, füllte die Grashalme hinein und ließ dann vorsichtig das jetzt nur noch schwach leuchtende Schmetterling-Glühwürmchen hineingleiten.
Sie konnte es nun das erste Mal in Ruhe betrachten.
Dann zwinkerte sie und drehte das Kästchen etwas mehr ins Licht. Plötzlich wurden ihre Augen ganz groß und der Mund öffnete sich. Aufstöhnend holte sie Luft, hatte aber dabei das Gefühl, als säße ihr Bruder beim Rangeln auf ihrem Brustkorb und sie könne nicht tief genug einatmen, um so viel Luft zu bekommen wie sie brauchte.
„Was ist denn das?“, entfuhr es ihr.
Vor ihr lag weder ein Schmetterling noch ein Glühwürmchen auf dem Grasbett, überhaupt kein Insekt. Eine kleine, nicht mal fünf Zentimeter große Frau mit roten, hüftlangen Haaren, einem leichten, fast durchsichtigen und durch Wirbel wohl auch sehr zerrissenem, knielangen Kleidchen und zwei wunderschönen, zarten und bunt schillernden, schmetterlingsähnlichen Flügeln auf dem Rücken.
Sie schien von einer feinen Lichthülle umgeben zu sein, die jedoch langsam verblasste und hatte die Augen geschlossen.
„Oh mein Gott! Scheiße, eine Fee!“
Toni stand auf, trat ein Schritt zurück. „Ich träume, ich muss träumen. Es gibt gar keine…“, da schlug sie sich mit der Hand auf den Mund. Nein, selbst im Traum durfte man so etwas nicht sagen!
Papa! Ja, Papa würde wissen ob sie träumte. Betont langsam ging sie hinunter in die Stube und stellte sich neben den Sessel, in dem Papa saß. Er ergriff ihre Hand. „Was ist?“
„Träume ich?“
„Weiß nicht. Wen hältst du denn bei der Hand?“
„Papa!“, vorwurfsvoll rollte sie die Augen. „Dich natürlich.“
„Gut, dann träumst du nicht.“
Toni atmete tief durch. Vielleicht konnten Leute in Träumen einem aber auch erzählen, dass man nicht träumte. Oder man träumte, man wäre wach und … nein, das wurde zu kompliziert.
„Was ist denn?“
„Nichts.“ Papa sah sie an, und sie wusste, dass er wusste, dass doch etwas war, wenn sie in diesem Ton ‚Nichts’ sagte. Aber ihr war auch klar, dass er sie nicht fragen würde, dass sie von alleine erzählen sollte, was sie bedrückte. Antonia gab ihrem Vater einen Kuss und ging wieder in ihr Zimmer.
Die Fee lag noch immer in ihrem Grasbett.
Nein, sie träumte nicht. Dort lag wirklich eine Fee. Toni nahm ein paar von ihren Puppensachen, breitete eine kleine Decke aus, legte ein winziges Kissen darauf und bettete die Fee um. Sie deckte die zierliche Frau mit einer anderen Decke zu und strich ihr dann ganz sanft mit der Fingerspitze über die feinen roten Haare. Mit einem Seufzer hob sich der winzige Brustkorb der Fee und sie drehte, scheinbar erleichtert, den Kopf zur Seite.
Antonia flitzte ins Bad, holte den Zahnputzbecher mit Wasser und tröpfelte mit einem Plastikstäbchen vorsichtig einen Tropfen auf die Lippen der Fee. Ein leises Schmatzen war zu hören und das winzige Zauberwesen entspannte sich merklich. Die Lichtsphäre um die Fee hörte auf zu flackern und begann in einem warmen, goldenen Schein zu erglühen, noch schwach zwar, doch stabil.
Toni nahm einen Teller von ihrem Puppengeschirr, legte einige kleine Stückchen Schokolade von einem angefangenen Osterhasen drauf und stellte diese Mahlzeit neben das provisorische Krankenbett ihrer Patientin.
Essen Feen Schokolade? Sie wusste es nicht. Vielleicht essen sie ja gar nichts, nehmen nur den Morgentau zu sich. Oder sie haben eine besondere Feenspeise, die ihre Königin ihnen zubereitet. Nein, das nicht, Mama hatte mal erzählt, dass Feen einzeln leben und nur bei Gefahr oder Geburt einer neuen Fee von der Feenkönigin zusammengerufen werden.
Egal, sie ließ die Schokolade da liegen, auf der Ablage am Fenster, genau neben der Fee, so dass sie alles von ihrem Bett aus sehen konnte. Der Zahnputzbecher mit Wasser blieb ebenfalls stehen.
Antonia legte sich hin, stützte den Kopf mit der linken Hand ab und beobachtete die Fee. Ihr Herz schlug noch immer bis zum Hals. Eine Fee, eine echte Fee …
Etwa eine halbe Stunde später drehte sich die Fee auf die Seite, legte ihren Arm unter den Kopf und zog die Knie an. Leicht bewegten sich die Flügel unter der Decke. Aber da schlief Antonia schon lange.
Als der Wecker am nächsten Morgen klingelte, schoss Antonia hoch. Das kleine Krankenbett war leer, die Süßigkeit weg. Mit einer krakeligen Kinderschrift aus verschmierter Schokolade waren am Fenster in winzigen Buchstaben fünf Worte geschrieben:

„Ich tanke tir. Biss palt.“

Quelle: Carsten Zehm
Erstveröffentlichung in der Anthologie "Fantasie im Elfenreich", Elfenverlag, Sangerhausen

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