Der Winterkönig wohnte in einem Schneepalast, der inmitten von weichen Schneewolken stand. Er war verzweifelt. Seit einiger Zeit schon bekam er die Tür zum Schneezimmer nicht mehr auf, der Schlüssel war spurlos verschwunden. Das war schlimm, denn es war gleichzeitig der Schlüssel für die Türen zu den anderen Jahreszeiten. All der Schnee, den der König zur Erde schicken wollte, lagerte in diesem Zimmer. Der Hofstaat raufte sich die Haare, er hatte im ganzen Reich vergebens gesucht. „Welch ein Unglück, welch ein Unglück“, riefen sie.
„Das geht nicht mit rechten Dingen zu“, dachte der Winterkönig bekümmert, und die Eiszapfen in seinem langen, weißen Bart zittern. Er war sehr in Eile, denn die Kinder schauten jeden Tag sehnsüchtig zum Himmel empor und warteten darauf, dass es endlich anfing zu schneien. Sie hatten Ferien, wollten rodeln und Schneemänner bauen.
Als der König eines Abends wieder voller Sorgen auf seinem Schneethron saß, kam ihm eine Idee. Zwei seiner Minister, die für Schneegestöber und Glatteis zuständig waren, sollten in die Nachbarländer Frühling, Sommer und Herbst reisen. Vielleicht konnte man ihnen dort weiter helfen. Sie mussten sich aber beeilen. Der König ermahnte die beiden: „Haltet euch nicht zu lange dort auf, bedenkt, dass ihr sonst schmelzt.

Der Herrscher des Frühlingslandes war ein freundlicher König. „Oh, meinte er verschlafen, bin ich schon dran? Kann ich meine Blumen wecken?“ „Nein, nein“, nur nicht“, sagten die Minister entsetzt, „es hat doch noch gar nicht geschneit. Uns plagt ein großes Problem im Winterland, wir bekommen die Tür zum Schneezimmer nicht auf , der Schlüssel ist verschwunden. „Dann haben wir hier auch ein Problem“, sagte der König erschrocken. Denn wenn der Schlüssel sich nicht wieder einfindet, kann euer König auch nicht die Frühlingstür aufsperren, ich nicht die Sommertür, und der Sommerkönig nicht die Herbsttür. Das wäre ja nicht auszudenken. Er durchsuchte aufgeregt seinen Palast, in jeder Ecke sah er nach. “Bei mir ist er nicht“, sagte er, „versucht es doch mal im Sommerland.“

Der Sommerkönig und sein ganzes Reich lagen noch in tiefem Schlaf. Ihr Schnarchen war weithin zu hören. Nur mit Mühe gelang es ihnen, den König zu wecken. „Was wollt ihr denn hier?“, brummte er und bekam seine Augen kaum auf. „Wisst ihr denn nicht, dass ich noch jede Menge Zeit habe?“ Er gähnte herzhaft, schloss die Augen und fing wieder an zu schnarchen. „Um Himmels Willen, hör uns an“, riefen die Minister entsetzt. Sie schwitzten sehr in diesem Land und standen schon in ihren eigenen Pfützen. Sie rüttelten und schüttelten den Sommerkönig verzweifelt. Träge öffnete er endlich ein Auge und schielte zu ihnen hinüber: „Na los, macht schon, erzählt was ihr auf dem Herzen habt. Aber beeilt euch, ich bin sehr müde.“ Hastig erzählten die beiden ihm von den Sorgen ihres Königs. „Ach du liebes bisschen, der Schlüssel, das ist tatsächlich unangenehm, ein Winterkönig ohne Schnee, oh, oh. Und was soll nur aus dem Sommer werden?“ Auch er suchte in jeder Ecke seines Palastes, sah in den Schränken und sogar unter dem Bett nach, nichts. „Also, ich würde es mal bei dem König vom Herbstland versuchen, vielleicht hat er nur vergessen, ihn nach seiner Jahreszeit an euren König weiterzugeben, viel Glück.“ Als die Minister sich umdrehten, schnarchte er bereits wieder.

Erschöpft erreichten sie das Herbstland. Dort schliefen der König und sein Volk noch fester, als die anderen zuvor. Sie mussten sich sehr anstrengen, um ihn wach zu bekommen. Ärgerlich fuhr er die Abgesandten an: „Was soll das ? Wieso stört ihr mich in meiner wohlverdienten Ruhe? Ich habe lange noch nicht ausgeschlafen.“
„Aber du bist der Einzige, der uns jetzt noch helfen kann“, sagten die zwei verzweifelt, „der Schlüssel vom Schneezimmer ist verschwunden. Vielleicht weißt du ja, wo er ist. Was ist denn das für ein Winter, so ganz ohne Schnee. Das bedeutet auf der Erde, keinen Schneemann bauen, keine Schneeballschlacht, weder Schlittschuhlaufen noch Schliddern.“
„Das ist wahrlich schlimm“, sagte der Herrscher über das Herbstland, „doch ich habe den Schlüssel pünktlich zum Winterbeginn an euren König weitergereicht. Er wird ihn verlegt haben. Hier ist er jedenfalls nicht. Hätte ihn jemand gefunden, so wüsste ich es. So, und jetzt lasst mich gefälligst weiterschlafen.“

Betrübt machten die Minister sich auf den Rückweg. Mit lautem Brausen kam ihnen ihr Kollege Schneesturm entgegen.
„Hey ihr“, rief er, „warum schneit es noch nicht? Der König ist spät dran in diesem Jahr.“
Die beiden erzählten ihm traurig von ihrem Kummer.
Ungläubig fragte der Sturm: „Der Schlüssel für das Schneezimmer und die Jahreszeiten ist verloren gegangen?“ Wie schade, was bin ich denn für ein Schneesturm, wenn ich nicht mit einer Menge der weißen Pracht übers Land toben kann.“ Er heulte und pfiff, dass es die Minister fast umhaute.
„Ich hab`s“, brüllte der Sturm, nachdem er eine Weile überlegt hatte, „er könnte vielleicht bei Roswitha sein.“
„Bei wem?“, fragten Minister Schneegestöber und Minister Glatteis entgeistert wie aus einem Mund.
„Roswitha ist eine Elster, die nicht weit von hier ihr Zuhause auf einem der hohen Bäume hat. Da sich der Schlüssel in keinem Land der Jahreszeiten befindet, kann er nur bei ihr sein. Sie sammelt alles, was irgendwo herumliegt und trägt es in ihr Nest. Ich könnte schnell hinsausen und sie fragen.“
„Ja bitte“, sagten die Minister hoffnungsvoll, „das wäre noch eine Möglichkeit. Fliege geschwind zu ihr, wir gehen schon mal zum König und berichten ihm.“
„Oh je, oh je“, seufzte der Winterkönig enttäuscht, als er hörte, dass der Schlüssel nirgends aufzutreiben war, „ jetzt können wir nur noch hoffen, dass der Sturm mehr Glück hat.“

Unterdessen erreichte der Schneesturm das Nest der Elster. „Roswitha, Roswiiiitha!“, schrie er.
Erschreckt hüpfte die Elster in ihrer Behausung hin und her: „Was willst du denn hier?“, schnarrte sie. Etwa mein Zuhause herunterpusten? Da wirst du dich anstrengen müssen, mein Lieber, ich habe es solide gebaut. Ich wüsste nicht, was ich dir getan habe. Also, zieh deiner Wege und stürme woanders.“ Giftig sah sie ihn an.
„Aber Roswitha“, sagte der Sturm erstaunt, „warum sollte ich dich vom Baum pusten? Es gibt da ein Problem im Winterland, das ich mit dir besprechen möchte, vielleicht kannst du mir helfen.“
Nachdem er der Elster alles erzählt hatte, betrachtete die ihn argwöhnisch: „So, so, und du denkst wohl, ich hätte diesen Schlüssel, wie? Meinst du etwa, ich lasse dich in meine Schatzkammer schauen? Ich habe viele Dinge dort versteckt und vielleicht auch den Schlüssel, da könntest du Recht haben.“, sagte sie lauernd.
„Dann wäre es nett von dir, wenn du nachsiehst und mir den Schlüssel gibst, wenn du ihn gefunden hast“, sagte der Sturm.
„Waaas? Ich soll dir einen meiner Schätze geben?“, kreischte der große Vogel empört. „Du spinnst wohl, schließlich habe ich alles allein gesammelt, jedes Teil davon gehört mir, verstehst du? Miiir!“

Jetzt verlor der Sturm seine Geduld: „Wirst du wohl endlich nachsehen?“, tobte er und blies die Backen so dick auf, dass sie fast platzten. „Du weißt doch, wie wichtig dieser Schlüssel für uns alle ist. Mach schon, sonst blase ich dein Zuhause bis zum Nordpol.“ Der hohe Baum wackelte schon sehr bedenklich.
„Bist du wahnsinnig“, kreischte Roswitha, „ist ja gut, ist ja gut, beruhige dich wieder.“ Ärgerlich kramte sie in den Sachen, die sie im Laufe der letzten Zeit eingesammelt hatte.
„Beeile dich“, drängelte der Sturm.
„Bin ja dabei, wie du siehst“, nörgelte die Elster und fragte dann hinterhältig: „Sag, was bekomme ich eigentlich dafür, wenn ich dir das gute Stück gebe?“
„Bitte was?“ Der Sturm glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Entrüstet brüllte er: „Ich sage nur eines, denke an den Nordpol!“ Das wirkte.

„Der meint es ernst“, dachte die Elster schaudernd, und suchte hastig weiter. „Verflixt, wo habe ich ihn nur hingelegt? Ah, da ist ja das begehrte Teil.“
„Hier hast du ihn“, schnarrte Roswitha, „er fiel dem König aus der Tasche, als er unterwegs zum Winterland war.“
„Und du hast ihn nicht abgegeben“, entrüstete sich der Sturm.
„Er glänzte doch so schön“, antwortete sie nun kleinlaut geworden. „Du weißt , wie sehr wir Elstern Glänzendes und Glitzerndes lieben. Ich habe in dem Moment einfach nicht an die Folgen gedacht, bitte entschuldige.“
„In Ordnung“, meinte der Sturm, aber denke beim nächsten Mal genau nach, ehe du wieder irgendetwas einfach mitnimmst. Nun muss ich mich sputen.“

Im Winterland wartete man derweil voller Ungeduld auf ihn.
„Ich hoffe, der Sturm hatte Erfolg“, sagte der König bedrückt und rang seine Hände, „was sollen nur die Kinder von mir denken, es hat noch nicht ein Fitzelchen geschneit.“
Die Minister und der ganze Hofstaat jammerten und jammerten.
Plötzlich hörten sie ein immer lauter werdendes Heulen und Pfeifen. Das konnte nur der von ihnen ersehnte Sturm sein. Da schrie es auch schon von weitem: „Leute, ich habe ihn, ich habe den Schlüssel. Die Elster hatte ihn versteckt. Sie war es, die ihn fand, als er dem König aus der Tasche fiel. Deckung, ich puste ihn jetzt direkt zum König.“
Durch die Heftigkeit des starken Windes flogen im Schneepalast alle Türen und Fenster auf, außer natürlich die Tür zum Schneezimmer, die ja nach wie vor verschlossen war. Die Minister und der gesamte Hofstaat purzelten durcheinander. Der König konnte sich noch so eben an der Lehne seines Thrones festhalten, als der Schlüssel auch schon auf seinem Schoß landete.

„Na, muss der Sturm denn gleich so übertreiben?“, japste er, doch er war überglücklich.
„Unser Kollege freut sich, dass er endlich wieder als ein echter Schneesturm durch die Welt ziehen kann“, riefen die Minister atemlos.
„Genau“, pfiff der Sturm ungeduldig, „mach schon, König, schließe die Tür zum Zimmer auf, ich kann es kaum erwarten.“
Der Herrscher des Winterlandes eilte zum Schneezimmer, schloss die Türe auf und öffnete das Fenster. Sogleich fing es auf der Erde an zu schneien. Heulend schoss der Sturm davon: „Hei, das macht Laune“, jubelte er, „jetzt bin ich wieder ein richtiger Schneesturm. „Es ist so lustig durch die Bäume und Sträucher zu fegen, und den Menschen die Mützen von den Köpfen zu pusten.“
„Ja, aber achte auch fein auf deine Pausen“, rief ihm der König hinterher, „die Kinder wollen ja im Schnee toben und wenn du es übertreibst, müssen sie in ihren Häusern bleiben.“ Er wandte sich an seine Minister Schneegestöber und Glatteis: „Nun könnt ihr auch eure Arbeit verrichten. Wenn ihr fertig seid, veranstalten wir ein Fest.

Genauso geschah es. Es wurde ein wunderschönes Winterfest und der König tanzte mit seiner Frau und dem ganzen Reich den Schneewalzer.



Quelle:
Dagmar Buschhauer

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