Einst saßen drei Freunde beim Kartenspielen in einer Schenke. Je später der Abend wurde, desto mehr sprachen sie dem Wein zu – und umso
redseliger wurde die kleine Gesellschaft.
So kamen sie auch auf den Tod zu sprechen. Sie gerieten in Streit darüber, wie der wohl aussehe.
„Der Tod ist sicherlich ein alter klappriger Mann“, sagte einer.
„Nein, er ist stark und mächtig. Bestimmt hat er Kräfte wie ein Riese“, meinte der zweite von ihnen.
Der dritte im Bunde, ein Musikus, sprach: „Der Tod ist nichts anderes, als ein kleines Kind, das in seinem Zorn unbedacht um sich
schlägt. Er kennt keinen Unterschied zwischen alt und jung oder gesund und krank. Jeden, der ihm in die Quere kommt, holt er sich, ohne lange
zu überlegen, ob richtig oder falsch.“
Sie redeten und diskutierten, doch keiner konnte die anderen von seiner Meinung überzeugen.
Da kam einem von ihnen der Einfall, den Sensenmann herbeizurufen. Dann würden sie ja sehen, in welcher Gestalt er erscheinen würde.
Tatsächlich tauchte sogleich der Tod als Schatten neben den drei Freunden auf.
„Hier bin ich, was wollt ihr von mir?“, und die Stimme klang für den ersten wie die eines alten Mannes. Der zweite vernahm sie donnernd und mächtig, der dritte aber hörte ein kleines Kind.
„Komm näher, auf dass wir dich betrachten können. Wir wollen wissen, wie du aussiehst, damit wir unseren Disput beilegen können.“
„Ich warne euch. Jeder, der mein Antlitz je erblickt hat, gehört mir.“
Doch die nun schon reichlich angetrunkenen Kumpane ließen sich nicht einschüchtern.
„Komm nur, wir haben keine Angst“, meinte einer der drei.
Da trat der Angesprochene in ihre Mitte und jeder sah ihn genauso, wie er sich den Tod vorgestellt hatte.
Erneut erhoben sie ihre Stimmen, doch der Unheimliche gebot mit einer Handbewegung Ruhe.
„Nun haltet euch an die Abmachung und kommt“, forderte er.
Alles Flehen und Betteln nutzte nichts. Zuerst hauchte der eine, dann der andere sein Leben aus. Doch bevor der Tod auch nach dem Musikus greifen konnte, sagte der:
„Für mich bist du nichts weiter, als ein kleines Kind. Ich bin bestimmt viel zu schwer für dich.“
Der Tod nickte: „Ich bin das, was man in mir sieht. Für manche bin ich ein sehnsüchtig erwarteter Geliebter, für manche ein Ungeheuer. Einige erblicken Nichts, für manche bin ich Alles.
Solange du mich als Kleinkind betrachtest, kann ich dich tatsächlich nicht tragen. Mach mir einen Vorschlag! Was soll ich tun, damit ich in deinen Augen wachse und an Kraft gewinne?“
Der Jüngling antwortete: „Ich habe in meiner Kammer ein Klavier. Wenn du das auf den höchsten aller Berge geschafft hast, folge ich dir, wo immer du mich hinführst. Doch bis dahin gehört mein Leben mir und du belästigst mich nicht länger.“
Der Tod war einverstanden.
Der Musiker rieb sich die Hände, denn das Klavier war ein gewaltiges Instrument, gedrechselt aus schwerem Holz. Niemals würde der Tod schaffen, es auf den höchsten Berg zu hieven.
Und wie er gedacht hatte, geschah es. Der Sensenmann konnte das Ungetüm nicht einmal vom Fleck bewegen.
Der Tod jedoch begann das große Instrument zu zerlegen und Taste für Taste, Saite für Saite, Pedal für Pedal, einzeln auf den höchsten aller Berge zu schaffen und dort wieder zusammenzubauen.
Die Jahre vergingen. Aus dem jungen, unbekannten Musiker wurde ein erfolgreicher Komponist. Er hatte bald alles erreicht, was es in einem einzigen Leben zu erreichen gab.
Rings um ihn wurden die Menschen älter und alle, die er gekannt und geliebt hatte, starben, einer nach dem anderen.
„Ich sage euch, der Tod ist ein Kind. Ein schwaches kleines Kind“, sagte er zu seinen Mitmenschen. Doch die lachten ihn bloß aus, schüttelten die Köpfe und hielten ihn für wunderlich.
Noch mehr Zeit verging und nun gab es niemanden, der mit dem Musiker gelacht oder geweint hätte, denn keiner kannte ihn mehr.
Oft dachte er an seinen Handel mit dem Tod und begann, ihn herbeizusehnen. Er wünschte sich, er hätte eine leichtere Aufgabe für den Knochenmann gefunden.
Eines Nachts erwachte er aus seinem Schlaf. Es war ihm, als höre er eine süße Melodie. Er stand auf und ließ sich von dem Klang der Musik nach draußen locken. Der Mond beleuchtete seinen Weg, der ihn immer weiter führte. Immer weiter und immer höher. Bei Sonnenaufgang erklomm er den Gipfel des höchsten Berges. Dort stand sein Klavier und ein Mann spielte auf ihm ein Lied.
Der Musiker gesellte sich zu dem Fremden. Gemeinsam stimmten sie eine wunderbare, unvergleichliche Melodie an.
Als der letzte Ton verklungen war, reichte der Tod dem Komponisten die Hand.
„Komm! Nun ist es wirklich Zeit für dich!“
Der Musiker nickte und blickte in das Gesicht eines willkommenen Freundes.

Quelle: Berta Berger

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