Wenn ihr wissen wollt, wo das Reich der Elfenprinzessin Sarah-Su zu finden ist, dann schließt ganz einfach die Augen und lasst euch von mir in ein Land entführen, das weit fort von unserer Zeit und Welt liegt.
Und dort, wo der Himmel sein schönstes Blau spendet und die Sterne in der Nacht am hellsten strahlen, ist der große Zauberwald.

Auf einer Lichtung könnt ihr ein weißes Schlösschen im Sonnenschein leuchten sehen, umgeben von einem wunderschönen Blumengarten. Zahlreiche Blüten schimmern in Farben, wie ihr sie noch niemals zuvor gesehen habt, und den lieblichen Duft, den die Blumen verbreiten, wenn sanfter Wind sie bewegt, werdet ihr ein Leben lang nicht vergessen.

Die kleine Elfe Sarah-Su mag es gerne, den Garten zu durchstreifen, den Bienen und Schmetterlingen beim sammeln des Blütennektars zuzuschauen. Aber noch viel lieber geht sie in den Wald hinaus, dessen Bewohner sie alle in ihr Herz geschlossen hat.

Sarah-Su ist nicht nur ein freundliches und liebenswertes Wesen, sondern obendrein auch noch sehr klug. Sie kennt alle Kräuter beim Namen, weiß, welche bei Bauchweh oder Husten helfen und wie man Tee davon zubereitet. Bei ihren Ausflügen nimmt sie deshalb stets ihr Körbchen mit.
So auch an diesem frühen Morgen …

Gut gelaunt, wie immer, singt Sarah-Su beim Durchstreifen des Waldes ein Lied vor sich hin. Sie pflückt wohlriechende Kräuter, die vom Morgentau noch ganz feucht sind, und schaut zwischendurch den putzigen Tierchen nach, die ihr über den Weg laufen. Als die Elfe zu einem dicken Baum kommt, springt mit einem lauten „Huhuuuuu!“ Fips, ein frecher, kleiner Kobold hinter dem Stamm hervor. Sarah-Su lässt vor Schreck das Körbchen fallen und schaut in Fips lachendes Gesicht.
„Wie kannst du mich so erschrecken, Fips!“, ruft die Elfe etwas außer Atem.
„Bist du mir nun sehr böse, Prinzessin?“, fragt der Kobold und legt dabei seinen Kopf schief.
„Nein, bin ich nicht. Aber du hast mir einen schönen Schrecken eingejagt und zur Strafe hilfst du mir bitte, die Kräuter wieder ins Körbchen zu lesen.“
Sarah-Su weiß, dass Fips gerne Kräuter isst und passt deshalb gut auf, dass er ihr keine stibitzt.

„Bleib doch noch ein wenig hier, Prinzesschen und unterhalte dich mit mir“, bittet der Kobold, als Sarah-Su weitergehen will. „Erzähle mir eine Geschichte. Ich höre dir so gerne zu.“
„Aber nur eine ganz kurze. Dann muss ich nach Hause, sonst verwelken die Kräuter“, gibt Sarah-Su nach. Sie setzen sich auf den moosbedeckten Boden und die Prinzessin erzählt.
Danach hat es der kleine Kerl mit einem Mal ziemlich eilig, von Sarah-Su Abschied zu nehmen.

„Bis bald!“, ruft er und ist flink im Dickicht verschwunden.
Dann bemerkt die Elfe, dass der Kräuterkorb leer ist.
„Dieser freche Kerl“, murmelt sie. „Nun hat er mich doch noch überlistet, und ich habe es nicht einmal bemerkt.“
Frohgelaunt, trotz Fips Streich, macht sie sich erneut auf die Suche nach Kräutern. Dabei gelangt sie zu einer Höhle, an der sie schon oft vorbei gekommen ist.
„Seltsam“, denkt Sarah-Su, „der Höhleneingang ist doch sonst immer versperrt. Es muss wohl jemand die dicken Äste fortgeräumt haben. Aber wer und warum? Ich möchte so gerne einmal wissen, wohin die Höhle führt.“

Die Prinzessin stellt ihr Körbchen auf dem Waldboden ab und setzt ihre Füße in Bewegung. Da hört sie eine Stimme.
„Gehe nicht dort hinein, kleine Elfe, sonst gerätst du in große Gefahr. Kehr um und laufe schnell nach Hause!“
Sarah-Su bleibt stehen und schaut sich suchend nach allen Seiten um. „Wer ist denn da!“, ruft sie ängstlich.
„Ich bin das, Tarus, der Waldgeist. Du kannst mich nicht sehen und kennst mich auch noch nicht. Doch ich habe schon sehr viel von dir gehört, Sarah-Su, und ich warne dich davor, in diese Höhle zu gehen.“
„Was soll mir denn schon passieren?“, fragt Sarah-Su und lacht. „Ich glaube, du willst mich auch nur ärgern, genau wie Fips. Doch darauf falle ich nicht herein.“
„Gehe nicht …“ Die Elfe hört die letzten Worte des Waldgeistes noch, bevor sie in der Höhle verschwindet.

Drinnen ist es ziemlich eng und dunkel. Sarah-Su tastet sich mit den Händen an den kalten Steinwänden entlang und je weiter sie läuft, umso finsterer wird es. Die kleine Elfe beginnt sich zu fürchten.
Vom Mut verlassen, kehrt sie auf der Stelle um. Doch kurz bevor sie den Ausgang erreicht hat, wird dieser vor Sarah-Sus entsetzten Augen mit Steinen zugeschüttet.
Die Warnung des Waldgeistes fällt ihr ein. Sollte er etwa Recht behalten?

Sarah-Su nimmt ihren ganzen Mut zusammen, um einen anderen Höhlenausgang zu finden. Meter um Meter tastet sie sich abermals an den Wänden entlang. Als ihr zu allem Übel auch noch die Füße wehtun, beschließt sie, für einen Moment auszuruhen und setzt sich auf den harten und feuchten Steinboden. Jedoch ihre Angst überwiegt und drängt sie vorwärts.
„Ich muss einen Ausgang finden“, murmelt sie vor sich hin.
Dann geht die kleine Elfe weiter. Immer weiter, bis es mit einem Male heller vor ihren Augen wird. Sie kann ihr Glück kaum fassen und läuft trotz schmerzender Füße so schnell sie kann ins Freie.
Enttäuscht stellt Sarah-Su fest, dass ihr diese Gegend völlig fremd ist.
Da hört sie laute Stimmen.
„Die Leute werden mir sicher helfen, meinen Heimweg zu finden“, freut sich Sarah-Su. Voller Hoffnung macht sie sich auf den Weg. Die Stimmen werden immer lauter, je näher die Prinzessin ihnen kommt und dort, wo der Waldweg etwas breiter wird, steht die kleine Elfe einer Gruppe von Hexen gegenüber.

„Da ist ja unsere Elfenprinzessin endlich!“, ruft eine der hässlichen Gestalten. „Wir haben den Höhleneingang geöffnet und ihn wieder zugeschüttet, als du drinnen warst. Wir haben gehofft, dass deine Neugier dich in die Höhle zieht. Komm her, Sarah-Su, du wirst schon im Wolkenturm erwartet.“
Die Hexen lachen so laut und schrill, dass es Sarah-Su in den Ohren schmerzt, doch mutig fragt sie: „Was wollt ihr von mir und wer erwartet mich im Wolkenturm?“
„Frag nicht so viel. Du wirst es noch früh genug erfahren“, ist die einzige Antwort.
Abermals brechen die Hexen in Gelächter aus und Sarah-Su will fliehen.
Da bilden die Frauen sofort einen Zauberkreis um die Prinzessin herum, der ihr keine Fluchtmöglichkeit lässt. Anschließend marschieren sie los. Sarah-Su in ihrer Mitte.

Nach einem zweistündigen Marsch durch den Wald geht es einen kleinen Abhang hinunter und wenig später stehen sie vor einem großen See.
„So, Prinzessin, hier ist nun ein Teil deiner Reise vorbei. Dort ist der Wolkenturm.“
Eine der Hexen zeigt mit ihrem krummen Zeigefinger zur anderen Seite des Wassers.
Sarah-Su folgt mit ihrem Blick und entdeckt ein hässliches, graues Haus mit einem riesigen Turm, der bis in die Wolken ragt.
„Was … was soll ich hier?“, stottert sie.
„Der Drachenkönig wartet auf dich. Er ist sehr einsam und möchte, dass du einmal seine Frau wirst. Außerdem hat er schon viel Gutes von dir gehört. Dass du sehr schön bist, immer lustig und freundlich.
Er hat uns beauftragt, dich bis hierher zu bringen.“
Die Hexen lachen abermals.
Da bemerkt Sarah-Su den großen, schwarzen Vogel, der über den See geflogen kommt.
„Der Vogel ist der treue Diener des Drachenkönigs. Er holt dich hier ab und bringt dich zu ihm“, flüstert eine Hexe ihr ins Ohr und wendet sich wieder den anderen zu.

Sarah-Su ist verzweifelt. Der Riesenrabe würde gleich hier sein und sie holen. Dann fällt ihr Blick auf die Hexen, die gebannt dem Vogel entgegenschauen und nicht einmal bemerken, dass sie keinen Kreis mehr um die Prinzessin bilden. Somit ist auch der Zauber gebrochen. Die Elfe nutzt ihre Chance und flieht.

Aber Sarah-Su freut sich zu früh, denn kurz nachdem sie den Abhang hinaufgelaufen ist, hört sie hinter sich auch schon die lauten Stimmen der Verfolgerinnen. Die kleine Elfe achtet nicht auf die wehen Füße und läuft so schnell sie kann. Auch die Hexen sind flink und geben nicht auf, doch der Abstand zu Sarah-Su wird glücklicherweise immer größer.

Nach einer Weile muss die Elfe eine Pause machen und blickt sich rasch um. Weit und breit ist niemand mehr zu sehen und zu hören.

Sarah-Su ist so erleichtert, dass sie plötzlich weinen muss. Und als ein paar Tränen auf den Boden fallen, beginnt die Erde zu beben und in Windeseile wächst vor Sarah-Sus Augen eine undurchdringliche Dornenhecke empor.
Die Prinzessin hat so etwas noch niemals gesehen und weicht einige Schritte zurück. Da vernimmt sie die Stimme des Waldgeistes Tarus:
„Warum hast du nicht auf mich gehört, Elfenprinzessin?“, fragt er. „Aber zum Glück bist du den Hexen entkommen. Die Hecke können sie nicht überwinden. Aber du hast trotzdem noch ein großes Stück Heimweg vor dir. Bleib deshalb immer auf diesem Waldweg. Wenn du aber an die Kreuzung kommst, laufe bitte nicht geradeaus weiter, sondern biege rechts ab. So kommst du nach Hause, ohne dass du an der Höhle vorüber musst.“
„Es tut mir leid, Tarus, dass ich nicht auf dich gehört habe“, erwidert Sarah-Su kleinlaut. „Ich verspreche dir, dass es nie wieder vorkommt.“
„Das ist auch gut so, Prinzessin. Ich muss nun weiter und wünsche dir viel Glück.“
„Dir auch!“, ruft die Elfe ihm zu und beginnt die Heimreise.

Als die Dunkelheit hereinbricht, kriecht sie hinter einen großen Strauch, der am Wegesrand steht und ihr genug Schutz für die Nacht bietet. Sie ist so müde, dass sie auf der Stelle einschläft.
Vogelstimmen wecken die Elfe am nächsten Tag und sie macht sich hungrig wieder auf die Wanderschaft. Sie beobachtet Rehe und Hasen, und isst ein paar Beeren, die sie in der Nähe des Weges pflückt.

Als Sarah-Sus Beine schmerzen, ruht sie sich auf einem Stein etwas aus. Da bemerkt sie das Tier, das aussieht wie ein Pferd. Mitten auf der Stirn hat es ein langes, spitzes Horn, und seine dunklen Augen blicken freundlich. Sarah-Su staunt, aber fürchtet sich nicht.
„Wer bist du?“, fragt sie, steht auf und geht näher an das Tier heran.
„Lotus heiße ich. Ich bin ein Einhorn, doch leider gibt es nicht mehr viele meiner Art“, sagt er traurig.
„Bist du gekommen, um mir zu helfen?“, fragt Sarah-Su freudestrahlend.
„Ja, kleine Elfe. Ich habe dich kurz vor dem See mit den Hexen gesehen und wäre dir gerne zu Hilfe geeilt. Doch auf dem Land des Drachenkönigs und weit um den See herum liegt ein Fluch, der uns Einhörner sofort versteinern lässt, wenn wir es betreten. Der Drachenkönig ist unser größter Feind. Und jetzt komm, setz dich auf meinen Rücken. Ich bring dich nach Hause.“
Und hui, Lotus galoppiert davon, so flink, dass seine Hufen die Erde kaum berühren. Bald darauf schon erreichen sie die Stelle des Zauberwaldes, an der Fips sie am Morgen vorher so erschreckt hatte.

„Halt an, Lotus!“, ruft sie dem Einhorn zu, „von hier aus finde ich alleine heim.“
Lotus bleibt stehen und die Elfe steigt von seinem Rücken, glücklich, ihre vertraute Umgebung wieder zu sehen. Sie bedankt sich ganz herzlich für seine Hilfe und bittet ihn, sie doch recht bald einmal zu besuchen.
„Das will ich gerne tun und du pass bis dahin immer gut auf dich auf.“
Sarah-Su schaut dem Einhorn nach, bis es zwischen den Bäumen verschwunden ist und eilt rasch nach Hause.

Freudestrahlend wird sie von ihren Eltern empfangen, die in sehr großer Sorge und Aufregung um ihre Prinzessin waren. Sarah-Su bekommt sofort etwas zu Essen und zu Trinken. Im Kreise ihrer Familie erzählt sie später, was ihr passiert war …


Quelle: Brigitte Kemptner

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