In alten Zeiten lebte einmal ein überaus fauler Mann, der zu faul war, auch nur einen Finger zu krümmen. Das war schon immer so. In seiner Kindheit hatten ihm seine Eltern jeden Wunsch von den Lippen abgelesen, während sie selbst hart arbeiten mussten und sich ihren Reichtum redlich verdient hatten. Als sie starben, hinterließen sie ihrem Sohn ein beträchtliches Vermögen sowie ein Haus inmitten einer schönen Landschaft, umgeben von den herrlichsten Wiesen und Feldern. Leider war der faule Mann nie zufrieden mit dem, was er hatte. Sein Geiz kannte keine Grenzen und war allen bestens bekannt.

Einmal kam an einem heißen Sommertag eine arme Frau in zerlumpten Kleidern des Weges und bettelte um ein Glas Wasser. Doch der Mann erwiderte, er bräuchte jeden Tropfen selbst. Sie bräuchte sich nur umzusehen, wie groß sein Land ringsherum war. In Wirklichkeit war er viel zu faul, um sich über den Ackeranbau oder um eine Ernte zu kümmern, geschweige denn auch nur einen Fuß auf das Feld zu setzen.
Für Bettelnde hatte er keine Almosen übrig, obwohl es seinem Geldbeutel nicht geschadet hätte. Er war der Meinung, dass er keine Ruhe mehr vor dem Gesindel hätte, wenn er sich auch nur einmal erweichen lassen würde.
So hatte der Faule natürlich die geerbten Goldmünzen sehr gut versteckt. Seine Matratze war bis oben hin damit vollgestopft. Ihm würde es ganz gewiss nicht passieren, nachts bestohlen zu werden, dachte er.
Ständig überlegte er, wie er ohne jedwede Anstrengung zu noch mehr Besitz gelangen könnte. Zudem blickte er stets gelangweilt zu seinem Nachbarn hinüber, der tagtäglich von frühmorgens bis spät abends fleißig auf dem Feld stand, um den Acker zu bewirtschaften und mit einem Wasserwagen die Saat goss. Er hingegen stand am Zaun und war zu faul, um seinen Nachbarn zu grüßen.

An einem wunderschönen Morgen wollten sich zwei Strolche einen Spaß mit ihm erlauben. Sie kamen des Weges und taten so, als würden sie den Mann am Zaun nicht bemerken und redeten laut miteinander: "Hast du schon gehört, was der Bauer dort drüben gerade anpflanzt?"
"Nein!", sagte der andere und zerrte am Ärmel seines Freundes. "So red‘ doch endlich und tu‘ nicht so geheimnisvoll!"
Wie der Faule diese Worte hörte, spitzte er die Ohren, wollte er doch zu gern wissen, wie der Nachbar seinen Reichtum vergrößerte.
"Dieses Gespräch bleibt aber unter uns!", fuhr der größere Strolch fort und blieb stehen. Sein Kumpel legte die Finger ans Herz, um zu schwören.
Da begann der größere Strolch zu erzählen: "Wusstest du, dass man Goldmünzen säen kann? Ja, ja! Das kannst du getrost glauben! Innerhalb eines halben Jahres vermehren sie sich aufs Zehnfache!"
Nun fing der andere zu lachen an: "Ja, wenn das so einfach wäre, würde das jeder machen."
Der faule Mann verhielt sich mucksmäuschenstill. Das Gespräch wurde immer aufregender.
"Einen Haken hat das Goldmünzensäen schon: man kann diese Arbeit nur verrichten, wenn der Mond voll am Himmel steht, der Frühling ins Land hereingezogen und der Boden trocken ist. Zwischen den Goldstücken sollte eine Handbreit Platz sein, damit sich ordentliche Wurzeln bilden können. Es sollte monatelang nicht geregnet haben. Und genau so ein Tag ist heute!", erklärte der größere Strolch.
"Ach, zu schade, dass wir nicht auch ein paar Goldmünzen übrig haben!", bedauerte sein Kumpel. "Dann wären wir im Herbst reiche Leute!"
Mit diesen Worten marschierten sie weiter.
Der Faule hingegen lief sofort ins Haus, schlitzte seine Matratze auf und holte die vielen Goldmünzen hervor. Schnell packte er sie in einen großen Sack und lief damit auf sein Feld hinaus.
Er lachte in sich hinein und überlegte, was er mit dem ganzen Reichtum anfangen würde: zuallererst wollte er sich ein größeres Haus kaufen, dann würde er ein paar Dienstboten einstellen, die ihn rund um die Uhr zu versorgen hatten. Ja, und eine Kutsche wäre auch nicht schlecht. Bisher waren ihm seine Goldmünzen zu schade gewesen, um sie für eine Kutsche auszugeben.
Ja, und wenn er gut auf die drei Zeichen, den Mond, den Frühling und den Boden, achtet, dann könnte er das Goldmünzensäen ständig wiederholen. Von Jahr zu Jahr würde er reicher werden. Irgendwann wäre er sogar reicher wie der König. Ach, vielleicht würde er eines Tages selbst König sein. Wie majestätisch so ein Leben wäre! Er bräuchte nur auf seinem Thron zu sitzen und das Land zu regieren. Alle hätten seinen Befehlen zu gehorchen. Er müsste sich nicht mal mehr ums Essen kümmern, das Bett würde gemacht werden. Auch bräuchte er sich nicht mehr länger Gedanken über seinen Reichtum machen, dafür wäre der Schatzmeister zuständig.
Langweilig wäre ihm nie, schließlich gab es Hofnarren und Zauberer am Schloss.
Ja, so ein Leben wollte er haben! Aber bis es so weit war, musste er selbst Hand anlegen und jede einzelne Münze in besagtem Abstand voneinander vergraben. Da er keinen Wasserwagen besaß, holte er seine Gießkanne und goss Wasser über die goldenen Samen. Das musste halt sein. Schließlich hatte er seinem Nachbarn oft genug bei der Arbeit zugeschaut.
Der Faule musste sehr oft zum Brunnen laufen, um Wasser zu holen.
Am Abend konnte er sich kaum mehr rühren vor lauter Schmerzen. Die ungewohnte Arbeit hatte ihm hart zugesetzt. Da war es nur verständlich, dass er todmüde in sein Bett fiel. Sofort sank er in einen tiefen Schlaf und träumte von seinem wundervollen Leben. Weil gerade der Vollmond schien, war es für die zwei Strolche ein leichtes Spiel, sämtliche eingegrabenen Goldmünzen wieder aus der Erde zu holen. Schleunigst machten sich die zwei mit diesem Schatz auf den Weg in ein neues, sorgenfreies Leben, während der faule Mann wohl immer noch darauf wartet, dass seine goldenen Samen zu sprießen beginnen und seine Träume in Erfüllung gehen.

Quelle: Carmen Kofler

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