Zu der Zeit, wo es noch Prinzessinnen gab, denen jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wurde, regierte König Adalbert ein Land, das wegen seiner nicht in Worte fassbaren Schönheit bekannt war.
Das Königreich strahlte vor lauter Schönheit. Die Bäume und Blumen leuchteten in den buntesten Farben und verströmten weithin einen wunderbaren Duft. Sogar die Tiere und die Bewohner waren zu beneiden, so makellos und unverkennbar war ihr Aussehen. Und genau dieser König hatte drei Töchter, wobei die eine schöner wie die andere war.
Adalbert liebte alle seine Töchter in gleichem Maße. Trotzdem fühlte sich die älteste Tochter ungerecht behandelt.
Eines schönen Tages ließ der König nach seinen geliebten Töchtern rufen, um ihnen etwas mitzuteilen: „Morgen breche ich zu einer langen Reise auf. Damit ihr wisst, dass ich immer an euch denke, will ich euch ein Geschenk mitbringen. Habt ihr einen besonderen Wunsch?“
Die älteste Tochter wusste sogleich, was sie sich wünschen sollte: „Bring mir eine Perlenkette mit!“, denn Prinzessin Arabella war der Meinung, dass Perlenketten das Kostbarste auf der Welt sein mussten.
Die zweite Tochter sagte: „Ja, Schmuck wäre nicht schlecht! Ich lasse mich überraschen!“
Die Jüngste wünschte sich: „Und ich hätte gerne ein Lederband und ein paar Holzperlen. Ich will selbst was daraus machen!“
Arabella freute sich. Ihr Wunsch war nicht zu übertreffen.

Doch als der Vater von seiner Reise heimkehrte, währte die Freude nicht lange. Die Prinzessinnen nahmen dankend ihre Geschenke entgegen. Arabella strahlte, als sie die wunderschöne Perlenkette sah und legte sie sich sofort um den Hals. Alle staunten und beteuerten, wie gut ihr das Schmuckstück stand.
Dann packte die mittlere Prinzessin Sissi ihr Geschenk aus. Der König hatte eine goldene Halskette für seine Tochter erstanden. Die Königstochter war hocherfreut und fiel ihrem Vater um den Hals.
Prinzessin Arabella wurde ganz heiß. Ach, hätte sie sich doch auch so eine wundervolle, goldene Halskette gewünscht! Die sah viel schöner aus als ihre Perlenkette, dachte sie sich.
Schließlich nahm Prinzessin Lorena ein Lederband und lauter kleine und große Holzperlen aus einer kleinen Schatulle. Und im Nu hatte sie daraus eine einzigartige Halskette gefädelt und gebunden, die alsbald ihren Hals zierte.
Obwohl das Lederband und die Holzperlen nicht viel wert waren, beneidete Arabella ihre Schwester um deren Schmuck, den es nirgends zu kaufen gab. So etwas wollte sie auch besitzen! Die älteste Prinzessin kochte innerlich vor Wut.

Jedes Mal, wenn der König sich auf eine Reise begab, durften seine Töchter sich etwas wünschen. Und jedes Mal war Prinzessin Arabella enttäuscht über ihr Geschenk, obwohl Adalbert ihren Wunsch erfüllt hatte. Der Grund für ihr Missfallen war, dass sie stets eifersüchtig und neidisch auf die Geschenke ihrer Schwestern war.

So schenkte der König einmal Prinzessin Arabella ein goldenes Kleid mit einer wunderschönen Schleppe. Prinzessin Sissi stellte sie jedoch mit einem rosaroten Kleid mit silbernem Schimmer in den Schatten. Und das Kleid von Prinzessin Lorena, welches sie sich selbst aus einem bunten Stoff, den ihr Vater von seiner Reise mitgebracht hatte, nähte, war sowieso nicht zu übertreffen.

Ein anderes Mal brachte der König seinen Liebsten Blumen mit. Arabella wünschte sich eine außergewöhnliche Blume in einem schönen Blauton.
Die zweite Königstochter liebte Rosen über alles.
Und die Jüngste entschied sich für eine Sonnenblume, deren sattes Gelb jedes Herz zum Erwärmen brachte.
Wiederum war Prinzessin Arabella rasend neidisch auf die anderen Geschenke, die ihnen der Vater diesmal im Schlossgarten überreichte. Ihre eigene Blume kam ihr auf einmal so unscheinbar und plump vor, dass sie sie einfach in den Schlossteich warf.
Lorena und Sissi schüttelten die Köpfe.
„Ihr ist aber auch nichts gut genug“, sagte Lorena und Sissi meinte: „Wart nur, irgendwann bekommt sie dafür auch noch ihren Lohn.“
Der Neid und die Unzufriedenheit von Prinzessin Arabella waren dem König nicht entgangen. So zerbrach er sich auf seiner nächsten Reise den Kopf, wie er alle seine Töchter gleichermaßen glücklich machen könnte.
Dieses Mal wünschten sich die Prinzessinnen Tiere. Also suchte Adalbert einen Viehhändler auf und vertraute ihm seine Sorgen an: „Ach, meine Älteste ist immer so neidisch auf alles, was ihre Schwestern besitzen. Nie ist sie zufrieden! Sie wünscht sich sehnlichst einen Hund, während meine zwei anderen Töchter einen Vogel und eine Katze haben möchten!“
Der Viehhändler, dem besondere Kräfte nachgesagt wurden, lächelte verschmitzt und sagte: „Bei mir seid Ihr richtig! An meinen Tieren werden Eure Töchter gewiss Gefallen finden!“
Wie der Tierhändler dem König die drei geforderten Tiere vor die Füße stellte, meinte der König: „Aber der Hund hat nichts Ungewöhnliches an sich! Arabella wird sich sehr über dieses Tier ärgern und neidisch auf den Vogel und die Katze sein.“
Da gab der Viehhändler zur Antwort: „Er mag vielleicht äußerlich nicht auffallen, aber in Wirklichkeit ist er ein ganz ungewöhnliches Wesen!“

Zufrieden kehrte König Adalbert in sein Königreich zurück und war schon gespannt auf die Reaktion von Prinzessin Arabella.
Anfangs freute sie sich riesig, doch als sie sah, wie ihre Schwestern mit dem Vogel und der Katze im Garten herumtollten, trieb sie dies zur Weißglut. Sie verpasste dem Hund einen Tritt in den Hintern.
Und was dann geschah, war unvorstellbar!
Der Hund war wie vom Erdboden verschluckt. An seiner Stelle wuchs auf einmal ein unscheinbares, blaues Blümchen.
Prinzessin Arabella erschrak und wusste nicht, wie ihr geschah. Sie bückte sich und betrachtete das Blümchen genauer. War das nicht die Blume, die sie in den Schlossteich geworden hatte? Da ging etwas nicht mit rechten Dingen zu.
Diese Blume begann zu sprechen: „Dies ist dein Lohn für deine Unzufriedenheit. Musst du immer neidisch und eifersüchtig auf das sein, was deine Schwestern besitzen? Immer, wenn du nun meinesgleichen siehst, sollst du dich daran erinnern, dass Eifersucht und Neid nicht glücklich machen, und dass du stets mit dem zufrieden sein sollst, was du hast. Denn ich heiße Vergissmeinnicht!“

Und so ist es heute noch: im Frühling wachsen auf allen Wiesen lauter blaue, violette, manchmal sogar mit rosa besetzte Blumen, die Vergissmeinnicht heißen. Sie zeigen uns, dass sogar kleine, unscheinbare Blumen wunderschön sein können, und wir mit dem zufrieden sein sollen, was wir haben.

Quelle: Carmen Kofler

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