Es war einmal ein kleines Mädchen, das war sehr traurig. Ihre Mutter war nach langer Krankheit gestorben. Auch ihr Vater kam über den Verlust seiner Frau nicht hinweg und zog sich Tag für Tag in den großen Thronsaal zurück, wo er seinen Kummer in die Stille hinausweinte.
Seine Tochter saß indessen verängstigt in ihrer Kammer. „Mama, wo bist du? Wie soll es weitergehen ohne dich?“ Doch sie bekam keine Antwort. Der einzige Trost, den sie fand, war ihre kleine Katze, die auf ihrem Schoss saß und sie wärmte.

Plötzlich knarrte die Tür und eine breite Frau erschien im Zimmer. „Ach, du Armes. Ich trauere mit dir.“ Die dicke Erscheinung war ihre Tante. Sie schlang ihre mächtigen Arme um das blasse Kind. Es schluchzte, sie drückte es noch fester: „Weine nicht, mein Kind!“ Dann fasst sie das schmale Mädchen an der Hand und führte es in den Thronsaal.
„Mein lieber Bruder, lasst mich in dieser traurigen Stunde Sorge tragen für Eure arme Tochter, die so sehr leidet nach dem Tod ihrer Mutter…“
Der König nickte nur und schaute ausdruckslos in die Ferne.
„So will ich denn dein Kindermädchen sein, meine Kleine“, erklärte die Tante laut, „und mich am Dienst an dir und dem Königreich aufopfern.“
Doch der König hörte kaum zu.
„Kind, geh jetzt in dein Schlafgemach, ich komme gleich nach.“
Gehorsam stieg die Prinzessin in ihr Zimmer hinauf und setzte sich vor den Spiegel. Mechanisch griff sie zum Kamm, um sich die Haare zu frisieren.
Als die Schwester des Königs wenig später schnaufend den Raum betrat, ging sie schnurstracks auf das Mädchen zu und meinte entschieden: „Das ist keine Arbeit für eine Königstochter.“ Sie riss ihrer Nichte den Kamm aus den Händen und fing an ihr kräftig die Haare zu bearbeiten.
„Aua“, schrie die Prinzessin auf. Doch ohne darauf Rücksicht zu nehmen, setzte die Frau ihre Arbeit fort.
Um sich abzulenken, fragte das Mädchen: „Wollen wir gemeinsam ein Buch lesen? Ich mache das so gern.“
„Das darf doch nicht wahr sein!“ Entsetzt sah die Tante auf. „Die Verblichene hat dir aber vieles durchgehen lassen. Weißt du denn nicht, dass Sticken und Nähen einer künftigen Königin besser zu Gesichte steht?“
Wie hasste die Prinzessin solch unnütze Arbeiten. Aber sie sagte nichts.

So verging der erste Tag.
Freudig erhob sich die Königstochter am anderen Morgen. Die warmen, hellen Sonnenstrahlen ließen sie für einen Moment die Trauer um ihre Mutter vergessen. Vergnügt lief sie die Treppe hinunter in die Küche, grüßte hier und wünschte dort dem Küchenpersonal einen „Guten Morgen“ und rannte hinüber zu den Stallungen. Dort stand ihr Schimmel in seiner Box und wieherte vergnügt bei ihrem Erscheinen. Ohne Sattel schwang sie sich auf das Pferd und ritt mit wehenden Haaren in wildem Tempo über die Wiesen.
Während dessen stand die Schwester des Königs mit vor Wut gerötetem Gesicht am Portal des Schlosses und sah der Nichte nach.

Beim Mittagsmahl kam sie sofort auf das Thema Erziehung zu sprechen.
„Werter Bruder, ich habe ein wichtiges Anliegen vorzubringen“, begann die dicke Tante, schon als die Suppe aufgetragen wurde, ganz unterwürfig.
„“Mmh“, brummte dieser unwillig.
Beim Schweinebraten wiederholte die Schwester ihren Einwurf: „Mein Liebster…“
„Was steht also an? Heraus damit“, wollte er wissen.
„Wie geht es nun weiter mit der Ausbildung Eurer Tochter?“
„Ich habe dafür keine Zeit!“ Damit war für ihn das Problem vom Tisch.
„Natürlich. Nur ist es beunruhigend zu sehen, wie sich die Thronerbin wie ein dummes Kind aufführt. Es lässt sich mit dem Gesinde ein, benimmt sich kindisch und dumm und reitet wie eine Zigeunerin auf ihrem Pferd…“
„Dann erziehe sie besser. Und nun genug der Worte.“ Der Monarch beendet das Gespräch und verfiel wieder in sein stummes Selbstmitleid.
Seine Tochter war wütend und traurig zugleich. Am liebsten hätte sie losgeheult, aber das taten ja nur kleine Kinder. Aber wie konnte sie sich den Befehlen der Tante entziehen?

Während ihre Tante Mittagsruhe hielt, schlich sich die Prinzessin in die Küche.
„Sag mir, wo kann ich im Dorf unterkommen?“, flüsterte sie ihrem Freund, dem Küchenjungen zu.
„Unser Nachbar hat ein Wirtshaus, da kannst du nächtigen.“
„Warte nach deiner Arbeit am Dorfweg auf mich.“
Der Küchenjunge nickte.

Der Wirt war ein raubeiniger Mann: „Seid Ihr sicher, dass Ihr bei uns übernachten wollte?“
„Ja, eine Woche“, meinte die Prinzessin bestimmt.
Ein angetrunkener Bauer stand am Tresen, leerte seinen Bierhumpen und lallte: „Das kann ja lustig werden.“
Der Wirt kratzte sich am Bart. „Ich will keinen Ärger bekommen.“
„Den werdet Ihr nicht haben“, versicherte ihm die Prinzessin.
„Dann kommt mit.“ Der Wirt nahm einen großen Schlüsselbund vom Haken und die beiden stiegen ins Dachgeschoss hinauf. Er schloss eine halbdunkle Kammer auf. „Das ist die letzte Stube, die ich habe.“
Ein schmales Bett, ein Schemel und ein Tischchen, auf dem eine Waschschüssel stand, war alles, mit dem der Raum ausgestattet war. Doch das Mädchen nickte zustimmend.

Der Wirt stieg alleine die Leiter wieder herunter, als die Hufe mehrerer herangaloppierender Pferde hörbar wurden. Die Wirtshaustür wurde aufgerissen.
„Beherbergt Ihr die Prinzessin?“, schnauzte der Reiterhauptmann.
Der Wirt wurde bleich. Der betrunkene Bauer kicherte.
„Ich habe Euch eine Frage gestellt!“, polterte der Abgesandte des Königs.
Zitternd wies der Wirt nach oben.
„Schnell“, rief der Soldat.
Rasch erklommen drei Reiter die Leiter und rissen die Kammertür auf. Das Bett war leer, das Fenster stand offen.
„Sie ist übers Dach entkommen! Los, alles absuchen! Sie darf uns nicht entwischen!“

Die hagere, alte Frau machte der Prinzessin Angst. Ihr graues Haar, die großen hässlichen Ohren und die Warze auf ihrer Nase wirkten im flackernden Schein der Kerze noch gruseliger. Die Unbekannte hatte der Prinzessin die Hand auf den Mund gelegt.
Erst als die Reiter wieder das Wirtshaus verlassen hatten, nahm sie ihre Hand wieder herunter.
„Wer bist du?“, fragte die Königstochter zaghaft.
„Man nennt mich das Kräuterweiblein oder die Alte aus dem Wald. Manche beschimpfen mich auch als Hexe. Ich wohne in einer Hütte im Wald. Doch die Dunkelheit brach heute sehr früh herein, deshalb nahm ich mir hier ein Zimmer, direkt neben dem deinen.“
„Woher wusstest du, dass die Reiter des Königs kommen würden?“
Die Fremde lächelte. „Ich wusste es eben. Und ich wusste, dass ich dich warnen musste.“
Freundschaftlich fasste die Frau die Prinzessin bei den Schultern und sagte: „So wisse eines, Prinzessin und künftige Königin des Landes…“
Irgendwie kam dem Mädchen die Stimme bekannt vor. Der liebliche Klang. Hatte sie ihn nicht früher immer beim Einschlafen gehört?
„Du besitzt eine Gabe. Eine Gabe, die dir kein Mensch nehmen kann. Du bist eine Gesegnete des Lichtes. Auch der kleinste Lichtstrahl wird in deiner Gegenwart groß. Der schwächste Schimmer wird durch dich zum gleißenden Sonnenlicht.“
Die Prinzessin verstand nicht, was die Alte meinte, doch das Kräuterweiblein ließ ihr keine Zeit, Fragen zu stellen.
„Los jetzt, die Reiter kommen bald zurück.“
Schnell liefen die Alte und das Mädchen aus dem Wirtshaus. Der Bauer an der Theke grinste wieder. Der Wirt tat so, als ob er sie nicht sehen würde.
Die Hexe führte es in den verbotenen Wald, über den viele Legenden im Dorf kursierten. Nach kurzer Zeit hatte die Prinzessin die Orientierung verloren.
Da begann plötzlich der Boden zu zittern und zu beben. Immer stärker.
„Was hat das zu bedeuten?“
„Sie kommen dich holen.“
„Wer kommt?“
„Denke immer an das Licht. Vergiss es niemals“, flüsterte die Alte, strich dem Mädchen übers Haar und war im nächsten Moment in der Dunkelheit verschwunden.
Der Boden hämmerte unter dem Hufgetrappel. Dann rissen die Reiter das Mädchen in die Luft.
„Wir haben sie!“
„Wo ist die Hexe?“, wollte er wissen.
Vor lauter Angst bekam das Mädchen keinen Ton heraus.

„Sie hat sich mit der Hexe verschworen und war schon tief in den verbotenen Wald vorgedrungen“, erstattete der Reiterhauptmann bei seiner Rückkehr Bericht. Die Tante stülpte wütend die Lippen nach vorne.
„Sie verdient eine Bestrafung. Ab in dein Zimmer mit dir!“, befahl der König unwillig. „Und dann will ich von der ganzen Sache nichts mehr hören.“
Die Tante jedoch nahm den Reiterhauptmann bei Seite und steckte ihm einen Beutel mit Münzen zu. „Nicht in ihr Zimmer. Bringt die Ungehorsame in den Kerker!“

So landete die Prinzessin an dem schwärzesten und traurigsten Ort des ganzen Schlosses.
„Nur nicht dahin, ich werde vor Angst sterben“, rief sie.
Grob stießen die Soldaten sie in das dunkle Loch, ohne auf die Bitten der Königstochter zu achten.
Der Boden war kalt und feucht. In einer Ecke floss Wasser durch die Steindecke. Die Tropfen hallten durch die menschenleere Stille. Und es war dunkel. Nicht einmal eine Kerze hatte man mitgegeben. Die Prinzessin lugte unter der Kerkertür durch. Am Ende des Gangs vor der Zelle war ein schwacher Lichtschein zu sehen, aber so weit weg.
Was hatte die Hexe gesagt? Sie könne Licht machen?

Das Mädchen war so erschöpft, dass es einschlief. In ihrem tiefen unruhigen Schlaf tauchte die böse Tante auf, die dem Offizier etwas zuflüsterte. Die Hexe, die auf sie einsprach. Die Reiter, die sie schnappten. Und die sie nicht los ließen. Sie hakten sich bei ihr ein, kratzten sie.
Die Prinzessin wachte auf. Sie war wieder in ihrer dunklen Zelle. Aber da war doch etwas, was sie kratzte und sich bei ihr festhakte. Sie fühlte ein Gewicht auf ihrer Brust.
Eine Ratte!
Sie schrie auf und fegte das Tier von sich. Die Ratte trippelte davon und verschwand unter der Holztür.
Vor lauter Aufregung begann die Königstochter zu weinen. Die Ratte hingegen saß unbeweglich im Gang und beobachtete mit ihren schwarzen Knopfaugen das Mädchen durch den Türschlitz.
Plötzlich schoss der Gefangenen ein Gedanke durch den Kopf.
‚Was wäre, wenn die Ratte nicht so hässlich wäre, sondern so schön und weich wie meine Katze?’, fragte sich die Prinzessin. ‚Vielleicht hat sie auch Angst vor mir…’
Das Mädchen legte sich bäuchlings auf den nassen Steinboden und schob seinen schmalen Arm unter der Tür durch. Die Ratte drehte den Kopf zu ihr um.
In diesem Moment spiegelte sich ein Lichtstrahl in den Augen des Nagetieres und traf die Königstochter.
Mit einem Mal wurde es taghell in der finsteren Gefängniszelle.
Da öffnete das Tier sein Maul. Und die Prinzessin hörte die Stimme der Hexe, die über die Ratte zu ihr sprach: „Ich bin die ganze Zeit mit dir, du bist nicht allein.“
Da wusste sie, dass es die Stimme ihrer verstorbenen Mutter war, die mit ihr sprach und ihr die Kraft zum Kämpfen gab.
Die Prinzessin sah sich in der Zelle um und entdeckte im hellen Lichtschein einen Ziegel in der Wand, der sich gelöst hatte. Sie nahm ihn heraus und sah, dass sich ein kleines Loch nach draußen ergab. Mit einigen Handgriffen lockerte sie die daneben liegenden Steine und konnte so aus dem Verlies entkommen.

Im Thronsaal herrschte eitel Eintracht. Die Tante redete unaufhörlich auf den König ein, der stumm nickte und allen Vorschlägen seiner Schwester zustimmte.
Da erleuchtete der Thronsaal in einem Licht, als ob es zum zweiten Mal Tag werden würde. Ein reiner, weißer Sonnenstrahl kehrte alle Dunkelheit aus dem dunklen Gemäuer.
Und herein trat eine junge Frau, die sicheren Schritts auf die beide Throne zuging.
Der König hatte Schwierigkeiten, die Person zu erkennen: „Wer bist du?“
Doch bevor das Mädchen antworten konnte, rief die Tante: „Das ist die Unruhestifterin, die Verbündete der Hexe… Bruder, sie wird uns alle in großes Unheil stürzen.“
Doch jetzt erkannte der dicke König den Schritt und die Statur der jungen Frau, stand auf und ging ihr entgegen: „Oh meine Tochter, wie ähnelst du deiner Mutter! Segen über dich und die Zukunft unseres Königreichs!“
Noch am selben Abend wurde die böse Tante vom Schloss verbannt.
Die Prinzessin wurde aber eine würdige Nachfolgerin ihres Vaters, und die Leute erzählen sich, dass das Land unter ihrer Herrschaft Gerechtigkeit und Wohlstand gekannt hat. Und wenn die Prinzessin nicht gestorben ist, dann hat sie einen lieben Prinzen geheiratet und hat viele Kinder gehabt.

Quelle: Wolfgang Urach

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