Es war einmal ein König, dieser lebte mit seiner Gemahlin und seiner Tochter in einem wunderbaren Schloss. Hoch oben auf einem Hügel stand es und sah auf das Dorf zu seinen Füßen herab. Hinter dem Hügel lag der Wald und hinter dem Wald schließlich ein Gebirge. In den kalten Monaten des Jahres bedeckte Schnee die obersten Spitzen der Berge und in den warmen Monaten erblühten sie in einem saftigen Grün.

Als die Prinzessin älter wurde und keinen Gefallen mehr daran fand den Wald zu erkunden, die Hühner im Dorf zu jagen oder sich Schneeballschlachten mit dem Stalljungen zu liefern, befand der König, sie müsse verheiratet werden. Im Grunde hatte die Prinzessin nichts dagegen den Bund der Ehe einzugehen, doch wollte sie, bevor sie die Pflichten einer Königin übernahm, noch ein wenig ihre Jugend leben. Der König gewährte ihr jenen Wunsch.

Eines Tages schlenderte die Prinzessin durch die hohen Hallen des Schlosses und betrachtete die Säulen aus Marmor und Granit. Sie nahm sich Zeit und sah das Schloss auf einmal mit völlig anderen Augen. Die junge Frau war überwältigt von der Schönheit, die sie umgab. Da begann sie sich zu fragen, wer diese Schönheit geschaffen hatte. Die Menschen aus dem Dorf konnten es nicht sein. Hätten die Dörfler diese Hallen erschaffen, würden sie sicher nicht in ihren Hütten aus Holz und einfachem Stein leben. Und auch ihr Vater vermochte nicht, solch ein Bauwerk wie es das Schloss war, zu schaffen. In ihrer Ratlosigkeit suchte sie Antworten in der Bibliothek des Königs. Ihr Vater wäre erbost gewesen, hätte er gewusst, dass sie die kostbaren Bücher seiner Väter und Großväter berührte. Doch ihre Neugier siegte über die Angst. Raschelnd schlug sie die Seiten um und suchte nach der Antwort auf ihre Frage. Gerade als sie aufgeben wollte, fand sie in einem dicken, nach Staub riechenden Buch eine Schrift, die sie innehalten ließ. Die Seiten waren gelb und die Schrift verblasst, doch die Zeichnung neben der altertümlichen Schrift war eindeutig. Ein Mann blickte grimmig aus dem Buch heraus. Er trug lederne Kleidung und in seiner rechten Hand eine eiserne Spitzhacke. Der weiße Bart war geflochten und in den Gürtel geklemmt. Die Prinzessin betrachtete den Mann und überflog die Schrift. Erfreut schlug sie das Buch zu und machte sich auf den Weg zu den Bergen hinter dem Wald. Der Text hatte ihr verraten, dass die Zwerge Schlösser und Hallen wie die des Königs erschufen und in den Tiefen der Berge wohnten.
Sie durchschritt den Wald innerhalb weniger Tage und kam an den Fuß des Gebirges. Hoch ragten die Berge vor ihr auf und nun begann sie sich doch zu fragen, wie sie die Zwerge finden sollte. Ratlos lief sie auf und ab und plötzlich fiel sie durch ein Loch im Boden. Als die Prinzessin wieder zu sich fand, sah sie drei Männer, die sie von oben herab anblickten. Erschrocken rappelte sie sich auf und musste feststellen, dass sie die Männer um mehrere Köpfe überragte. Die kleinen Männer sahen sie neugierig an und flüsterten sich in einer fremden Sprache etwas zu. Die Prinzessin sah sich den Raum an, indem sie gelandet war. Er war ebenso prächtig wie ihr Zuhause.
Einer der Männer zupfte sie am Ärmel und bedeutet ihr, ihm und seinen Kumpanen zu folgen. Die Zwerge führten sie durch eine Halle nach der anderen. Säulen erstreckten sich in unermessliche Höhen und verschwanden im Nichts. Fackeln erhellten den Weg, den sie nahmen. Die Prinzessin kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und endlich betraten sie die größte Halle von allen. In ihrer Mitte stand ein Thron, aus einem einzigen Kristall gehauen und auf ihm saß der Zwergenkönig. Er empfing die Prinzessin freundlich und fragte sie nach dem Leben an der Oberfläche aus. Da erzählte sie von dem Wald und ihrem Zuhause und warum sie überhaupt zu den Zwergen gekommen war. Der kleine König war hocherfreut über ihr Gefallen an der Kunst der Zwerge. Er ließ ihr noch mehr Kunstwerke zeigen und stellte ihr schließlich seinen Sohn vor. Der Junge mochte so alt sein wie die Prinzessin selbst, doch am meisten erstaunte sie, dass er nicht wie der König klein war. Jener erklärte, sein Sohn sei nicht reinen Zwergenblutes, doch ein feiner Bursche. Die Prinzessin und er verliebten sich auf der Stelle ineinander. Doch sehnte sich die Prinzessin an die Oberfläche zurück. So schön die Hallen der Zwerge auch waren, ihr Zuhause war an der Sonne und nicht unter der Erde. Da fragte sie den Zwergenkönig, ob sein Sohn mitkommen dürfe und er stimmte zu, doch sollten sie jeden Vollmond zu ihm kommen.


Die Prinzessin und der Zwergenprinz verabschiedeten sich von den Zwergen und stiegen über eine lange, gewundene Treppe der Sonne entgegen. Sie kehrten zu dem Vater der Prinzessin zurück und der junge Prinz hielt um die Hand der Prinzessin an. Er schenkte ihr einen Ring, verziert mit vielen kleinen, aber sehr reinen Diamanten. Sie waren so rein wie ihre Liebe zueinander.
Jeden Vollmond besuchten sie die Zwerge in den Höhlen der Berge und übers Jahr brachten sie dem Zwergenkönig seinen ersten Enkel. Es wurde ein Feuerwerk veranstaltet, dass die Dorfbewohner glaubten, die Erde hätte sich aufgetan.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
 
Svea Weißbach
1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Rating 4.78 (9 Votes)

Besucher: Heute 328 | Gestern 421 | Insgesamt 4372607

Aktuell sind 77 Gäste und keine Mitglieder online