Nun wußte Prinz Gajas, warum die Stute ihn geheißen hatte, Wein und Wolle mitzunehmen.
Er befahl den Männern, die Quellen mit der Wolle zu verstopfen, danach das Wasser, das sich in einer großen Mulde gesammelt hatte, auszuschöpfen und den Wein hineinzugießen. Als dies getan war, versteckten der Prinz und die Männer sich im Dickicht. Es dauerte nicht lange, da bebte die Erde unter dem Stampfen einer riesigen Elefantenherde, die sich unter lautem Trompeten ihrer Tränke näherte und alsbald gierig zu trinken begann. So gut hatte den Elefanten das Quellwasser nie zuvor geschmeckt. Und so tranken und tranken sie den Wein, bis es dunkel vor ihren Augen wurde. Da legten sie sich müde auf die Erde und schliefen ein. Jetzt war es für die Männer ein leichtes, den Elefanten die Stoßzähne zu nehmen, und damit hielten sie erst ein, als der Ochsenkarren hochgetürmt mit Elfenbein beladen war. Prinz Gajas hatte mit Hilfe der Männer, die ihn begleitet hatten, seine Aufgabe erfüllt. Der Herrscher des Landes der westlichen Sonne zeigte sich darüber hocherfreut. Seine Ratgeber jedoch steckten erneut die Köpfe zusammen und sannen darüber nach, wie sie dem jungen Recken schaden konnten. Denn im Lande wußte man nicht genug von dem Prinzen zu erzählen. Jeder, der ihm begegnete, verneigte sich vor ihm so tief, wie man sich sonst nur vor einem König zu verneigen pflegt. Nachdem die Ratgeber lange genug ihre Köpfe zusammengesteckt, nachdem ihr Geflüster, das sich wie das Zischen vieler Schlangen anhörte, verstummt war, begaben sie sich zum König. „Es ist nicht gut, wenn sich das Volk vor einem Fremden wie vor einem König verneigt“, sagte der älteste Ratgeber. „Denn die Eitelkeit könnte dem Fremden zu Kopfe steigen, und es könnte ihm einfallen, sich des Thrones zu bemächtigen.“ Der König belächelte die Warnung der Ratgeber. Doch als er am Abend Prinz Gajas von seiner Stute absitzen sah, dachte er, daß es in der Tat nicht gut sei, wenn das Volk sich vor einem Fremden wie vor einem König verneige. Und er dachte auch, daß einem, dem das Volk solche Ehre erweise, in der Tat leicht die Eitelkeit zu Kopfe steigen könne.
Also ließ er seine Ratgeber rufen, und fragte sie, welchen Rat sie ihm hatte geben wollen.
„Schickt Prinz Gajas aus, erneut eine Probe seines Mutes und seiner Tapferkeit zu bestehen, laßt ihn den Feuervogel einfangen“, sagte der älteste Ratgeber. „Der Prinz hat mir zum Sieg über das Heer des Herrschers der östlichen Sonne verholfen, er hat eine große Menge Elfenbein herbeigeschafft, warum sollte es ihm nicht auch gelingen, den Feuervogel einzufangen?“ fragte der Herrscher der westlichen Sonne. „Wie man weiß, lebt der Feuervogel viele Tagesreisen entfernt in einem großen Garten, indem er von unzähligen kleinen Vögeln bewacht wird. Wer in diesen Garten eindringt und sich dem Feuervogel nähert, der wird von den kleinen Vögeln zu Tode gehackt“, sagte der älteste Ratgeber.
Da entließ der König seine Ratgeber, ließ den jungen Recken rufen und trug ihm auf, den Feuervogel zu fangen. Der Prinz dachte, daß ihm der König seine Taten schlecht danke, wenn er ihn vor eine solche Aufgabe stelle. Aber er widersprach nicht. Er ging zu seiner Stute, verneigte sich und bat, sie möge ihm helfen. Die Stute sprach: „Verlange einen Sack Weizen und einen Sack Hirse. Binde beide Säcke auf meinen Rücken und steige selbst auf. Ich werde dich in das Reich des Feuervogels bringen.“ Der Prinz ging in das weiße Zelt. Und der Herrscher des Landes der westlichen Sonne ließ ihm einen Sack Weizen und einen Sack Hirse bringen. Der junge Recke band beide Säcke auf den Rücken der Stute, saß auf und ließ sich viele Tagesreisen weit tragen. Als sie eine feine Melodie vernahmen, hielt die Stute an und sprach: „Das letzte Stück Weges mußt du zu Fuß zurücklegen. Gehe, bis du an eine hohe Hecke gelangst. Hinter der Hecke ist das Reich des Feuervogels. Er wird dein Kommen nicht bemerken. Lege dich im Garten ins Gras schütte Hirse und Weizen über dich, so daß du nicht zu sehen sein wirst, wenn der Feuervogel ausfliegt, sein Futter zu suchen.
Mit ihm werden auch die kleinen Vögel, die ihn bewachen, kommen und die Körner aufpicken. Merke gut....wo dein Herz schlägt, wird sich der Feuervogel niederlassen.
Wenn er das erste und das zweite Korn aufpickt, verhalte dich ruhig, wenn er aber das dritte Korn in seinem Schnabel hat, ergreife ihn.“ Prinz Gajas tat alles genauso, wie die Stute es ihm gesagt hatte. Er schulterte die beiden Säcke und ging damit, von keinem der Vögel bemerkt, in den Garten. Dort legte er sich ins Gras und schüttete sich Hirse und Weizen über. Und nicht lange, da ging ein Raunen durch den Garten, dem bald aufgeregtes Vogelgeschrei folgte.
Die kleinen Vögel hatten die Körner entdeckt und teilten ihre Entdeckung nun dem Feuervogel mit. Ein heller Schein breitete sich aus, als dieser sich auf dem Körnerhaufen niederließ. Kaum aber hatte er das dritte Korn aufgepickt, da ergriff Prinz Gajas ihn. Und er ließ ihn auch nicht los, als die kleinen Vögel mit ihren spitzen Schnäbeln auf ihn einhackten und ihm tiefe Wunden zufügten. Der Prinz lief mit dem Feuervogel den Weg zurück, schwang sich auf die treue Stute und ritt davon. Als der junge Recke dem Herrscher des Landes der westlichen Sonne den Feuervogel überreichte, vergaß dieser, was seine Ratgeber ihm eingeflüstert hatten, vergaß er die böse Absicht, mit der er den Prinzen ausgeschickt hatte, den Feuervogel zu fangen. Die Schönheit des Vogels und die Freude über seinen Besitz waren so groß, daß er zu Ehren des Prinzen ein großes Fest gab, zu dem nicht nur die Edlen des Landes, sondern auch das Volk geladen war. Wie aber erstaunte der König, als er sah, daß sich nicht nur das Volk, sondern auch die Edlen des Landes tiefer vor Prinz Gajas verneigten, als vor ihm.
Oh, seine Ratgeber, wie recht sie hatten! Gewiß würde es diesem jungen Recken auch einfallen, ihn über kurz oder lang von seinem Throne zu verdrängen, wenn er ihm nicht zuvorkäme. Noch ehe das Fest zu Ende ging, zog der König sich mit seinen Ratgebern zurück, und diese ließen mit ihrem Rat nicht lange warten. „Schickt den jungen Recken aus, Euch Prinzessin Arpa, das schönste Mädchen unter der Sonne, zu bringen. Die Prinzessin lebt, viele Tagesreisen entfernt, in einem Schloß, dessen Osttor von einem Bock mit stählernen Hörnern und dessen Westtor von einem Wolf, einem Ausbund an Kraft und List, bewacht wird. Den Bock mit den stählernen Hörnern und den Wolf bezwingt auch der Tapferste nicht“, sagte der älteste Ratgeber. Als der Prinz vernahm, daß er eine neue Aufgabe erfüllen sollte, als er erfuhr, was das für eine Aufgabe war, senkte er den Kopf und ging in den Stall zu seiner treuen Stute. „Der König hat bekommen, was er wollte, doch es ist ihm nicht genug“, sagte er traurig. „Was will der König dieses Mal?“ fragte die Stute. „Er will, daß ich ihm Prinzessin Arpa, das schönste Mädchen unter der Sonne, bringe.
Die Prinzessin lebt viele Tagesreisen entfernt in einem Schloß, daß von einem Wolfshund bewacht wird, den auch der Tapferste nicht bezwingt“, sagte der Prinz. „Nimm Pfeil und Bogen und einen Sack Heu und steig auf“, sprach die Stute, „reiten wir in das weite Land.“ Und der Prinz stieg auf und ritt viele Tagesreisen weit durchs Land und über die Grenze des Landes. Als sie ein heiseres Bellen vernahmen, sagte die Stute: „Das letzte Stück des Weges mußt du zu Fuß zurücklegen. Merke nun ... die weiße Stute, der du zuerst begegnen wirst, beachte sie nicht weiter. Die Hindin jedoch, die dir über den Weg laufen wird, sollst du mit einem Pfeil erlegen und dem Wolf vorwerfen. Wenn du dem Wolf die Hindin vorgeworfen hast, laufe zum Westtor und wirft dem Bock mit den stählernen Hörnern den Sack mit dem Heu vor.
Vergiß jedoch nicht, den Sack aufzubinden. Wenn du das alles getan hast, eile in das Schloß. Dort wirst du die Prinzessin über eine Stickerei gebeugt finden. Aber gib acht, die Prinzessin darf dich nicht erblicken, bevor du ihre Flechten um deine Hände geschlungen hast.“ Prinz Gajas tat alles genauso, wie die Stute es ihm gesagt hatte. Er schulterte den Sack mit dem Heu und legte das letzte Stück Weges zu Fuß zurück. Die weiße Stute, der er begegnete, beachtete er nicht weiter. Die Hindin jedoch, die ihm über den Weg lief, erlegte er mit seinem Pfeil und warf sie dem Wolf, der das Westtor bewachte vor. Dann band er den Sack mit dem Heu auf, lief zum Osttor und warf den Sack vor den Bock mit den stählernen Hörnern. Als er das alles getan hatte, eilte er in das Schloß. Dort fand er die Prinzessin über eine Stickerei gebeugt. Der Prinz ergriff schnell ihre langen schwarzen Flechten und schlang sie um seine Hände. Die Prinzessin ließ die Stickerei fallen und rief mit trauriger Stimme: „Osttor, warum schütztest du mich nicht?“ „Nicht mich, den Wächter mußt du fragen“, antwortete das Osttor. „Westtor, warum schütztest du mich nicht?“ rief die Prinzessin.
„Nicht mich, den Wächter mußt du fragen“, antwortete das Westtor. Da rief die Prinzessin:
„Bock, Böckchen, befreie mich!“ „Ich bekam duftendes Heu, aß noch nicht die Hälfte davon“, antwortete der Bock mit den stählernen Hörnern. Da rief die Prinzessin:
„Wolf, Wölfchen, befreie mich!“ „Ich bekam das Fleisch einer eben erlegten Hindin, aß noch nicht ein Viertel davon“, antwortete der Wolf. Da rief die Prinzessin so laut sie rufen konnte: „Stute, weiße Stute, trage mich fort!“ Die weiße Stute aber hörte nicht, denn mit hellem Wiehern hatte die sprechende Stute des Prinzen die Rufe der Prinzessin übertönt.
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