In einer Karawanserei kehrte er ein, hängte Bogen und Kappe an die Wand und brachte Teppich und Krug in einer Ecke unter. Nun erst fühlte er, dass er sehr hungrig war, er hatte ja tagelang keine Speisen zu sehen bekommen. Der Hunger nagte an ihm, aber er hatte kein Geld. Da nahm er den Krug, schöpfte etwas Wasser, brachte den Krug in sein Zimmer und sagte: "He, Krug, gib mir einen Sack voll Gold!" Kaum hatte er es gesagt, sah er auf einem Wandbrett einen Sack voll Gold liegen. Er ging auf den Basar, aß sich satt, kaufte sich neue Kleidung und ließ sich bei einem Heilkünstler seine Wunden behandeln. Als Schawkat danach in seinem Zimmer schlief, wurde er von lauter Musik aufgeweckt. Man blies in lange Hörner und spielte auf Saiteninstrumenten. 'Warum spielt diese Musik so spät in der Nacht?' dachte Schawkat. 'Feiert da jemand Hochzeit?' Er kleidete sich an und ging hinaus. Auf dem Dach des Palastes sah er vierzig Hornbläser, vierzig Lautenspieler, vierzig Flötenspieler und vierzig Trommler. Sie musizierten, obgleich ringsum niemand zu sehen war. Hellwach wanderte Schawkat die ganze Nacht durch die Straßen, und als der Muezzin zum Morgengebet rief, ging er in die Moschee. Als er wieder auf die Straße heraustrat, wimmelte es von Menschen. Alt und jung eilte irgendwohin, als liefen sie auf den Basar. Von Vorübergehenden erfuhr er, dass die Menschen zum Palast eilten, um etwas über das Los des Dshigiten zu erfahren, der tags zuvor als Freier zu Mochistara gekommen war. Der Platz war voller Menschen. Schawkat sah einen schönen Jüngling von etwa neunzehn Jahren, der seines Loses harrte. Trommeln wirbelten, das Tor ging auf, schlanke Mädchen in weißen Seidenkleidern kamen auf den Platz, packten den Jüngling an den Armen und zogen ihn in den Palast. Das Tor schloss sich. Bald danach zeigte der Henker dem Volk den abgeschlagenen Kopf des jungen Mannes und spießte ihn auf eine Zinke über der Mauer. Jammergeschrei und Weinen wurden laut, alte Frauen warfen sich auf die Erde, stöhnten und schluchzten. Allmählich verlor sich die Menschenmenge, und Schawkat kehrte in sein Kämmerchen zurück.
Ein paar Tage saß er dort. Dann entschloss er sich dennoch, zu Mochistara zu gehen. Er hängte sich seinen Zauberbogen über die Schulter, wickelte Krug und Tarnkappe in den fliegenden Teppich, nahm ihn unter den Arm und begab sich zum Palast. Eine Weile stand er am Tor, sah dort aber keine Menschenseele, nur eine große Trommel. Er näherte sich ihr und schlug sie. Mittlerweile feierte und tanzte Mochistara mit ihren vierzig Dienerinnen im Palast. Ihr Vater, Schah Salam, saß nachdenklich in seinem Gemach. Plötzlich ertönte Schawkats Trommelschlag. Da sagte Mochistara: "Wieder ist jemand seines Lebens überdrüssig!" Ihr Vater seufzte und dachte: 'Noch ein unglückseliger Sohn eines unglücklichen Vaters ist gekommen!' Stolz erhob sich Mochistara, während ihre Dienerinnen und die Palastwache umherliefen. Endlich öffnete ein Diener das Tor, trat auf den Platz und ging auf Schawkat zu. Er betrachtete ihn von Kopf bis Fuß und fragte geringschätzig: "He, Bruder, was lärmst du da mit der Trommel?" Schawkat antwortete: "Ich habe mich in die Prinzessin Mochistara verliebt und bin gekommen, um ihr meine Liebe zu gestehen." Der Diener ging in den Palast und meldete: "O Prinzessin! Auf dem Platz steht ein Verrückter. An seiner Schulter hängt ein Bogen, und unter dem Arm trägt er einen alten Teppich. Er behauptet, er habe sich in die Prinzessin verliebt und wolle ihr seine Liebe gestehen." Kokett wandte sich Mochistara um und erwiderte: "Wohlan! Es sei dem so! Die Köpfe dieser Wahnwitzigen gehören nirgendwo anders hin als auf die Mauer!"
Schawkat, der unter der Trommel stand, wurde des Wartens überdrüssig und schlug wieder an die Trommel. Mochistara antwortete nicht darauf. Da befahl Schah Salam einem seiner Höflinge, hinauszugehen und ihm diesen Trommler vorzuführen. Der Mann forderte Schawkat zum Eintreten auf. Der Prinz schritt durch das Tor und sah einen schönen marmorgepflasterten Hof, umgeben von prächtigen Bauten. Ganz am Ende stand ein einzelnes Haus, dessen Eingang von Kriegern bewacht wurde. In dieses Haus rührte der Höfling den Prinzen. Sie betraten ein großes Gemach. An den Wänden hingen purpurne Teppiche, auf denen man wilde Tiere und Fabelwesen sah: Elefanten, Löwen, Tiger und Drachen. Auf einem goldenen Thron saß ein Mann mit einem langen grauen Bart. Er wandte sich an den Prinzen: "Sei mir willkommen, wackerer Jüngling!" Mit einer Geste lud er ihn zum Sitzen ein. Der Prinz erriet, dass dieser Mann Mochistaras Vater, Schah Salam, war. Er blieb stehen und verneigte sich. Dann trat er zwei Schritte vor und verneigte sich von neuem. Bis er den Thron erreichte, verneigte er sich siebenmal. Vor dem Thron küsste er dem Schah die Hand und zog sich, rückwärts gehend, zurück. Erst nachdem ihm der Schah zum zweiten Mal einen Platz angeboten hatte, ließ er sich nieder. Dem Schah gefiel die Bescheidenheit und Höflichkeit seines Gastes. Er setzte sich neben den Prinzen, ließ einen Dastarchan ausbreiten, und die Diener brachten vielerlei Süßigkeiten. Schah Salam bewirtete seinen Gast. Dann wurde der Tisch weggeräumt, und der Schah befragte Schawkat, weshalb er gekommen sei. Da sagte der Prinz: "O mein Gebieter! Wenn Ihr mein Leben schont, dann sage ich es."
Der Schah erlaubte ihm zu sprechen, und Schawkat begann: "Von der Liebe zu sprechen ist keine Schande. Ich habe Eure Tochter Mochistara lieb gewonnen. Ihren Namen kennt die ganze Welt. Vielen hat die Liebe zu Eurer Tochter die Ruhe ihres Herzens geraubt. Ebendarum habe ich mich entschlossen, Mochistaras Bedingung zu erfüllen und mich mit Euch zu verschwägern." - "Ach, mein Sohn! Gott hat mir keine Tochter geschenkt, sondern nur Unglück. Und du, wackerer schöner Jüngling, willst dich selbst in dieses Unheil stürzen. Sie ist doch kein Mädchen, sondern fürwahr eine Henkerin. Kann man Henker denn lieben? Wenn du heiraten willst, dann suche ich dir eine andere Braut als Mochistara. Es lohnt sich nicht einmal, sie anzusehen!" Der Prinz aber entgegnete: "Mochistara ist nicht wegen ihres bösen Gemüts, sondern wegen ihrer Schönheit berühmt. Man sage, was man will, aber nur Mochistara kann meinem Herzen Ruhe geben." - "Ja", seufzte Schah Salam. "Gott hat ihr außergewöhnliche Schönheit gegeben. Viele Schahs, Königssöhne, Fürsten und Fürstensöhne haben von ihr gehört, vor Liebe den Kopf verloren und sind hierher gekommen. Ich habe sie alle beschworen, heimzukehren, sie aber wollten nicht auf mich hören. Keiner konnte Mochistaras Bedingung erfüllen, und alle sind umgekommen. Zweitausend Köpfe haben die Henker über den Mauern des Palastes aufgespießt. Dies alles bereitet mir schwere Sorgen. Sieh meine Tochter nicht an, sie ist fürwahr eine Henkerin! Fliehe vor ihr!" Lange beschwor Schah Salam Schawkat, wegzureisen. Doch der Prinz beharrte auf seinem Willen. "Wenn ein Mensch liebt, fürchtet er nicht für seinen Kopf", beteuerte er. "Selbst wenn ich Mochistaras Bedingung nicht erfülle, sehe ich sie wenigstens - mehr brauche ich nicht." Da verstand Schah Salam, dass er den Prinzen nicht umstimmen konnte, rief die Mädchen herbei und befahl ihnen, den Jüngling zu Mochistara zu führen.
Sie brachten ihn in Mochistaras Gemächer. Inmitten eines prachtvollen Raumes waren Decken aus schneeweißer Seide ausgebreitet. Hinter einem Vorhang drang das Licht eines Leuchters hervor. Der Prinz vernahm eine Stimme: "Tritt näher, wackerer Dshigit, setz dich nieder und sei unser Gast!" Schawkat ließ sich auf den seidenen Decken nieder, die Mädchen breiteten vor ihm einen Dastarchan aus und brachten herrliche Speisen. Nach der Bewirtung wurde hinter dem Vorhang wiederum eine Stimme vernehmbar. Nun war Prinzessin Mochistara selbst gekommen. Als sie eintrat, erhellte ihre Schönheit das ganze Zimmer. Kein menschliches Auge hätte solch ein strahlendes Licht ertragen können, deshalb hingen in ihrem Zimmer sieben Vorhänge. Mochistara fragte: "Was führt dich hierher, mein Gast?" - "Mein Herz sehnt sich nach dem deinen, und deine Stimme, Mochistara, bezaubert mich. Meine Liebe zu dir lässt mir keine Ruhe. Erfülle meinen Wunsch oder nimm dir mein Leben!" Mochistara erwiderte: "Du scheinst mir ja ein tapferer Dshigit zu sein, mein Gast. Schlag dir diesen Gedanken aus dem Kopf! Jeder, der in Liebe zu mir entbrannt ist, dem stelle ich eine Bedingung. Erfüllst du sie, werde ich die deine, erfüllst du sie nicht, verlierst du deinen Kopf." Da sagte der Prinz: "O Mochistara! Ich habe nur den einen Kopf, aber hätte ich ihrer tausend, würde ich sie dennoch nicht schonen!" - "Wenn du unbedingt heiraten willst, dann finde ich für dich ein anderes schönes Mädchen", schlug Mochistara vor. Schawkat aber gab zur Antwort: "Das Herz eines Liebenden ist kein Zugvogel, der sich heute auf einem Ast niederlässt und morgen zu einem anderen fliegt." - "Dann schreibe mir folgendes nieder!" befahl Mochistara. "Ich liebe Mochistara und bin gekommen, um ihre Hand zu erbitten. Wenn ich ihre Bedingung nicht erfülle, muss ich sterben, und niemand wird sich für meinen Tod verantworten müssen. Setze dein Siegel darunter! Nun höre meine Bedingung. Heute bleibst du im Palast und sollst die ganze Nacht mit mir sprechen. Wenn du es fertig bringst, dass ich mich die ganze Nacht mit dir unterhalte und nicht einschlafe, werde ich deine Frau." Der Prinz willigte ein und blieb im Palast. "Nun erlaube ich dir, meine Bedingung zu erfüllen."
Schawkat begann Mochistara alle möglichen Fragen zu stellen, um sie zum Sprechen zu bringen. Sie antwortete jedoch nicht. Er begann ihr alle möglichen Geschichten zu erzählen - aber was kann man machen, wenn ein Mensch nicht sprechen will! Er erzählte, bis er schließlich müde wurde. 'Vielleicht bringe ich sie wenigstens zum Lachen', dachte er und wartete mit allen möglichen komischen Geschichten auf, aber es fruchtete nichts. 'Na, dann will ich ein wenig ausruhen', dachte er, legte sich nieder und sank in Schlummer. Sachte hob Mochistara den Vorhang und sah den Prinzen schlafend daliegen. "Na, Freundchen, nun wird auch dein Kopf morgen auf der Mauer stecken!" höhnte sie. Schawkat blinzelte ein wenig und sah Mochistara in all ihrer Schönheit vor sich stehen. Er zerschmolz schier vor Glück. Mochistara aber ließ den Vorhang fallen, öffnete ein Seitenpförtchen und verschwand. Sofort war es im Raum stockfinster. Verwundert erhob sich Schawkat, setzte seine Tarnkappe auf, nahm die übrigen Dinge unter den Arm und folgte Mochistara. Kaum durchschritt sie ein Zimmer, erhellte ihre Schönheit diesen Raum wie der Vollmond. An einer Wand des letzten Zimmers hingen eine Rüstung und Waffen. Mochistara streifte ihr Gewand ab, legte die Rüstung an und glich nun einem jungen Dshigiten. An derselben Wand hing noch ein Riemen mit drei Haken. Mochistara nahm ihn und ging in den Garten. Der Prinz ließ sie nicht aus den Augen. Sie ging zu einer Mauer warf den Riemen auf dieselbe und zog sich hinauf, danach ließ sie sich an dem Riemen auf der anderen Seite hinab. Schawkat breitete seinen fliegenden Teppich aus und flog mit ihm über die Mauer. Er sah Mochistara davoneilen, als trüge sie Siebenmeilenstiefel.
Auf diese Weise langte sie nach einer Stunde bei einem Anwesen an. Der Prinz folgte ihr auf dem Teppich, legte ihn zusammen und ging ihr nach. In einem Zimmer brannte ein Lichtlein. Mochistara öffnete eine Tür und betrat das Haus. Eine Alte kam ihr entgegen und empfing sie mit den Worten: "Bist du endlich da, meine Tochter? Deine Freundinnen erwarten dich schon lange." Mochistara legte die Rüstung ab, zog ein kostbares Kleid an und trat in das Zimmer. Dort hatten sich schöne Mädchen eingefunden. Sie begrüßten Mochistara und fragten: "Warum kommst du heute so spät, liebe Mochistara?" - "Ach, meine Lieben! Wieder ist ein Tollkopf zu mir in den Palast gekommen. Er beteuert: 'Ich liebe dich und bin bereit, für dich meinen Kopf herzugeben.' Ich habe ihn eingeschläfert, nun wird ihm am Morgen der Kopf abgeschlagen. Kommt und seht es euch an!" - "Da hat er Pech gehabt, der arme Tropf!" meinten die Mädchen und lachten. Die Alte blickte ins Zimmer und fragte: "Der Pilaw ist fertig. Soll ich ihn bringen?" - "Bringt ihn her! Wir wollen essen!" riefen die Mädchen. Die Alte brachte ihnen Wasser zum Händewaschen und holte den Pilaw. Zusammen mit den Mädchen ließ sie sich nieder. Der Prinz unter der Tarnkappe setzte sich ebenfalls zu ihnen, nur sahen sie ihn nicht. So saß Schawkat neben seiner Angebeteten wie ein Mann neben seiner Frau und aß mit vom Pilaw. Als alle gegessen hatten, sagte eines der Mädchen zu der Alten: "Mütterchen, heute gab es recht wenig Pilaw, wir sind nicht satt geworden!" - "Das verstehe ich nicht", versetzte die Alte. "Ich habe ebensoviel Reis in den Kessel getan wie jeden Tag. Ich selbst bin auch nicht satt geworden. Aber ihr esst ja so gern, dass ihr bereit wäret, den Reisverkäufer im Basar zu verspeisen." Die Mädchen brachen in Gelächter aus. Die Alte brachte Tee. Alle tranken der Reihe nach aus einer Schale, Mochistara aber drängte sie: "Sputet euch, Mädchen! Wir dürfen doch unser Mütterchen nicht so lange warten lassen."
Die Mädchen standen auf und gingen in den Garten. Dort setzten sie sich auf eine goldene Bank. Plötzlich stieg die Bank von selbst zum Himmel empor. Schawkat flog den Mädchen auf seinem Teppich nach. Lange schwebten die Mädchen auf ihrer goldenen Bank, dann sanken sie allmählich herab. Der Prinz folgte ihnen. Auf der Erde sah er ein Feuerchen, neben dem die Mädchen landeten. Dort war ein großer Garten. Die Mädchen stiegen von der Bank und liefen hinein. Schawkat faltete seinen Teppich zusammen und eilte den Schönen nach. Im Garten waren die Mauern aus Marmor und die Pforten aus Gold. Nach allen Seiten durchzogen ihn Wege und Wassergräben. Das Wasser war hell wie Milch. In einem Aryk floss es nach der einen Seite, im anderen zurück. Die Wege waren mit Edelsteinen geschmückt, die durch den ganzen Garten strahlten. Am Rande der Wassergräben blühten vielerlei Blumen, und im Laub der Bäume sangen Nachtigallen. Inmitten des Gartens stand ein von goldenen Stühlen umgebener Thron. Auf diesem kleinen Platz drängten sich schöne Mädchen, und auf dem Thron saß die Herrin all dieser Pracht. Als die Mädchen die nahenden Gäste sahen, riefen sie im Chor: "Aha! Da kommt Mochistara mit den Ihren!" Die Gäste verneigten sich vor der Herrin, die sie fragte: "Warum kommt ihr so spät, meine Schwester Mochistara? Ich habe mir schon die Augen nach euch ausgeguckt, so sehr habe ich euch erwartet. Was hat euch aufgehalten?" - "Nehmt es mir nicht übel, Schwester", antwortete Mochistara. "Wir haben uns heute verspätet, es hat aber seinen Grund. Wieder ist ein Wahnwitziger zu mir gekommen und hat erklärt: 'Ich liebe dich und will dich heiraten oder sterben!' Diesen Tollkopf habe ich eingeschläfert und bin dann zu Euch geflogen. Kommt morgen, um seine Hinrichtung anzusehen!" Danach ließ sich Prinzessin Mochistara mit ihren Mädchen neben den anderen nieder. Man schwatzte, veranstaltete Spiele und begann zu tanzen.
Der Garten befand sich im Lande der Feen. Da Mochistaras Mutter eine Fee war, kam Mochistara allnächtlich her geflogen, um mit anderen Feen zu tanzen und sich zu vergnügen. In diesem Garten lebte Mochistaras ältere Schwester, die schöne Badia. Eben sie saß auf dem goldenen Thron. Nach der Musik und dem Tanz spazierten die Mädchen durch den Garten. Da sagte Mochistara: "Ach, liebe Freundinnen, mir ist ganz schläfrig zumute. Ich werde mich ein wenig hinlegen." Sie legte sich auf eine Bank und schlummerte ein. Da nahm der Prinz seinen Zauberkrug, goss Wasser hinein und sagte: "He, Krug, mach, dass meine Seele zeitweilig in Mochistaras Körper übergeht und ihre Seele in den meinen!" Kaum hatte er das gesagt, verließ Mochistaras Seele ihren Körper und ging in den Körper des Prinzen über. Der Prinz begab sich in den Garten. Wieder scharten sich die Mädchen zusammen und begannen von neuem zu singen und zu tanzen. Plötzlich schlug eines der Mädchen vor: "Und jetzt soll uns Mochistara etwas vortanzen!" Alle klatschten in die Hände, und der Prinz in der Gestalt Mochistaras begann zu tanzen. Er tanzte so schön, dass ihm alle zujubelten. Dann sagten sie: "Und jetzt soll uns Mochistara ein Lied vorsingen!" Mochistara mit der Seele des Prinzen stellte sich mitten unter die Mädchen und begann so zu singen, dass alle vor Vergnügen wie Quecksilber zerflossen. Die Mädchen überboten einander im Händeklatschen und beantworteten Mochistaras Lied mit anderen Liedern. Badia freute sich, dass sich alle so schön vergnügten, rief Mochistara zu sich und sagte: "Liebste Mochistara! Du kannst also vortrefflich singen und tanzen! Warum hast du das so lange vor uns verborgen? Ich würde dich für diese Tänze und Lieder mit Gold überhäufen, aber meine Schatzkammer ist weit. Komm näher zu mir, meine Liebe! Heute hat man mir ein neues Kleid gebracht, das will ich dir schenken!" Badia zog ihr kostbares Seidenkleid aus, legte es Mochistara an und küsste sie auf die Stirn. Vor Freude klatschten alle in die Hände und verkündeten eine Pause. Mochistara mit der Seele des Prinzen eilte zu der Bank. Schawkat blickte in den Zauberkrug und sagte: "Jetzt mache, dass meine Seele in meinen Körper und Mochistaras Seele in den ihrigen zurückkehrt!"
Kaum hatte er das gesagt, wurde alles so, wie er wollte.
Mochistara erwachte und fuhr empor, 'Oh, beinahe hätte ich alles verschlafen!' dachte sie und eilte in den Garten. Wieder erklang Musik, und die Mädchen sagten: "Soll Mochistara wieder tanzen!" Dabei klatschten sie in die Hände. Mochistara aber wehrte ab: "Wo denkt ihr hin! Ich kann doch gar nicht tanzen!" Da bat Königin Badia: "Tanz doch noch, liebe Schwester! Wie willst du sagen, du könntest nicht tanzen, da du eben erst so schön getanzt hast?" Mochistara verstand die Worte ihrer Schwester nicht, musste aber tanzen. Doch sie vermochte es nicht so schön wie vordem, als die Seele des Prinzen in ihrem Körper steckte. Nun sagten die Mädchen: "Soll sie uns noch einmal etwas vorsingen!" Mochistara begann zu singen, aber ihre Stimme gefiel nun niemandem, und Badia wunderte sich: "Schwesterlein Mochistara! Du hast doch so schön getanzt und gesungen. Dann aber muss mit dir etwas geschehen sein! Nun gelingt dir dein Tanz nicht, und deine Stimme klingt heiser. Was ist dir widerfahren?" - "Ich weiß es nicht, liebe Schwester." Die Mädchen tanzten noch ein wenig, doch der Tag brach an, und die ersten Vögel begannen zu singen. Für die Mädchen war es Zeit heimzukehren. Mochistara und ihre Gefährtinnen setzten sich auf die goldene Bank und flogen davon, Schawkat ihnen nach. Beim Hause der Alten ließen sich die Mädchen herab und stellten die Bank an ihren Platz. Mochistara kleidete sich um und begab sich in den Palast. Doch der Prinz war ihr auf seinem fliegenden Teppich zuvorgekommen, legte sich auf seinen Platz und stellte sich schlafend. Wieder im Palast, legte Mochistara die Rüstung ab, streifte ihr Kleid über, ging in ihr Zimmer und horchte: Der Prinz schlief, er schnarchte sogar. Mochistara betrachtete ihn, legte sich auf ihr Ruhebett und dachte: 'Pech hast du gehabt, armer Wicht! Morgen früh musst du sterben. Und wer hat dich gezwungen, mich zu lieben?'
Kurze Zeit später gähnte Schawkat zweimal laut, als sei er eben erst erwacht, sprang auf und begann zu sprechen, um Mochistaras Bedingung zu erfüllen. Mochistara lag da und lachte über ihn. Dann aber wollte sie ihn ansehen. Der Prinz sagte zu ihr: "Ach, mein Leben, meine geliebte herrliche Mochistara! Einen wunderlichen Traum hatte ich eben. Höre nur, welch einen wunderlichen Traum!" Mochistara dachte: 'Was für einen Traum kann dieser Verrückte schon gehabt haben!' und lachte höhnisch. Schawkat aber beschrieb ihr, was in der Nacht geschehen war.
"Ich sah dich im Traume, sah, wie du aufstandest, das Zimmer verließest, durch den ganzen Palast gingst, im letzten Raum Männerkleidung anlegtest und den Hof betratest. Ich folgte dir. Du bist durch den ganzen Garten gegangen, über die Mauer geklettert und irgendwohin gewandert. Ich bin dir wieder gefolgt. Dann kamst du in ein Anwesen und gingst in das Haus. Dort wartete auf dich eine Alte und du trafst deine Freundinnen. Die Alte brachte Pilaw, und ihr setztet euch zum Abendessen. Auch ich aß mit euch Pilaw, darum bekamt ihr so wenig und wurdet nicht satt. Nach dem Abendessen habt ihr euch auf eine goldene Bank gesetzt und seid in einen Garten geflogen. Dort erwarteten dich schöne Feen und ihre Königin Badia, deine Schwester. Du hast zur Königin gesagt: 'Ich habe mich heute verspätet, weil da irgendein Tollkopf kam, der in mich verliebt ist. Ich musste ihn einschläfern. Kommt morgen und seht euch seine Hinrichtung an!' Dann wurde getanzt und gesungen, aber du wurdest schläfrig und hast dich auf eine Bank gelegt. Da habe ich dir meine Seele gegeben und mir die deine genommen und in deiner Gestalt mit den Mädchen getanzt und gesungen. Wie ich tanzte und sang, hat allen sehr gefallen, die Feenkönigin Badia küsste mich auf die Stirn und zog mir ihr Kleid an. Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh her: da ist das Kleid!" schloß er seine Erzählung.
Mochistara erkannte das Kleid. Vor Verwunderung brachte sie kein Wort hervor. Schawkat aber erzählte flott weiter, was er an jenem Abend gesehen und zu ihr gesagt hatte. Mochistara hörte seine Worte wie eine liebliche Musik an. Sie verstand, dass er die Wahrheit sagte, ihr Herz begann stürmisch zu schlagen, und ohne es zu wollen, hob sie den Vorhang. Sie sah Schawkat an und sagte: "Mit Vergnügen höre ich deine überzeugten Worte, wackerer Dshigit. Wegen meiner Schönheit nennen mich die Menschen Schönheitskönigin. Ich hatte viele Freier, weil sie aber meine Schönheit besitzen wollten, habe ich sie wie Räuber dem Verderben ausgeliefert. Keiner von denen, die es wagten, die Schwelle meines Gemachs zu überschreiten, ist lebend aus dem Palast gegangen. Auch du hast dich in mich verliebt. Wenn man mich die Schönheitskönigin nennt, dann nenne ich dich König der Liebe. Im Kampf dieser beiden Könige hat die Liebe meine Schönheit besiegt!" Mit diesen Worten schmiegte sich Mochistara an die Brust des Prinzen. Ihre zarten weißen Arme umschlangen seinen Hals, wie eine Ranke sich um einen Baumstamm windet, und erstarrten in zärtlicher Qual. Ihre Lippen vereinigten sich mit den Lippen des Jünglings zum Kusse.
Schawkat hatte die Bedingung der Prinzessin Mochistara erfüllt. Auf den Stängeln der Hoffnung entfalteten sich die Stängel der Liebe zur Blüte, und Nachtigallen priesen dieses Erblühen. Sooft Freier der Prinzessin Mochistara gekommen waren, um ihre Bedingung zu erfüllen, hatten die Bewohner der Stadt und alle Menschen im Palast ihre Sorgen und ihren Gram vergessen und nur noch angstvoll an das Geschick dieser Jünglinge gedacht. Als Schawkat nach dieser schlaflosen Nacht lange in Mochistaras Zimmer blieb, empfanden alle besonderes Mitleid.
Der Morgen brach an. Der Henker kam, zog sein Schwert, wetzte es an einem Stein und verbarg es wieder. Lange wartete er, dass der neue Freier der Prinzessin aus dem Palast kommen und er ihm den Kopf abschlagen würde wie eine Blüte vom Stängel. Mittlerweile scharte sich das Volk vor dem Palast. Die Stunde war gekommen, da Mochistaras Freier erscheinen musste. Man hörte Stimmen: "Wenn der Dshigit die Bedingung erfüllt hat, muss er jetzt herauskommen! Kommt er aber nicht, hat er die Prüfung nicht bestanden." - "Noch keiner hat sie bestanden", widersprachen andere. "Nur ihre Köpfe haben sie unnütz verloren. So wird auch dieser heute ums Leben kommen." Die Mädchen im Palast warteten mit Ungeduld auf den Unglücklichen und weinten sogar. Er aber wollte nicht erscheinen. Man teilte es dem Vater der Prinzessin mit. Erstaunt dachte Schah Salam: 'Wie sonderbar! Schon zehn Minuten sind vergangen, und der Königssohn lässt sich nicht sehen.' Auch im Palast wusste man nichts von Mochistaras Entschluss. Der Prinz war von seinem Lager verschwunden. Da hoben die Dienerinnen den Vorhang und sahen Schawkat auf dem Ruhebett neben Mochistara, beide schliefen eng umschlungen. Die Mädchen eilten zum Schah Salam, um ihm zu melden. "Der Freier hat Mochistaras Bedingung erfüllt!" Vor Freude geriet der Schah außer sich. Er war all dieser Hinrichtungen so müde, dass er einmal sogar gesagt hatte: "Wenn doch die Prinzessin endlich heiraten oder wenigstens sterben würde!" Schah Salam ließ seinen Schatzmeister kommen und das Mädchen, das ihm die Nachricht überbracht hatte, mit Gold überhäufen. Dann hieß er Hornbläser und Saitenspieler aufmarschieren, um dem Volk die gute Botschaft mitzuteilen. Im Palast und in der Stadt wurde sie mit Freuden aufgenommen. Eiligst beglückwünschte der Schah den Prinzen und seine Tochter. Darauf ließ er Schawkat in kostbare Gewänder hüllen. Er veranstaltete ein Gastmahl für das ganze Volk und ließ aus seiner Schatzkammer Gold und Silber austeilen.
Plötzlich sah man vier Tauben herbei fliegen. Sie ließen sich auf die Erde nieder, verwandelten sich im Nu in schöne Feen und überreichten Mochistara einen Brief von Badia, ihrer Königin. Badia schrieb, dass sie sich nach Mochistara sehne, weil sie sie schon eine ganze Woche lang nicht gesehen hätte. Mochistara nahm Feder und Papier und berichtete, wie es um sie stand. Den Brief gab sie den Feen, die sich wiederum in Tauben verwandelten und mit der Nachricht davon flogen. Als Badia den Brief gelesen hatte, erbleichte sie, erzitterte am ganzen Leibe und schlug sich an die Stirn. "Alles ist verloren!" stieß sie hervor und warf sich stöhnend auf eine Decke. Aufgeregt fragten die Feen: "Was ist geschehen, o Herrin? Worüber seid Ihr so bestürzt?" Badia gab ihnen keine Antwort, nahm Feder und Papier und schrieb an Mochistara: "Meine Schwester Mochistara! Du weißt bereits, dass ich mir eine ganze Woche lang schwere Sorgen um Dich mache. Nun, da ich Deinen Brief erhalten habe, weiß ich, was mit Dir geschehen ist. Du schreibst, Du würdest den Sohn eines Menschen heiraten. Weißt Du denn nicht, dass das für uns Feen den Untergang bedeutet? Komm sofort zu mir!"
Beim Lesen dieses Briefes veränderte sich Mochistaras Miene. Sie verwandelte sich und Schawkat in Tauben, und sie flogen zusammen mit den Botinnen zum Garten der Fee Badia. Mochistara verneigte sich vor der Feenkönigin, zeigte ihr Schawkat, doch ihre Gedanken ließen ihr keine Ruhe. Badia entging das nicht, und um sie zu beruhigen, rief sie alle Mädchen zu sich und richtete für das Brautpaar ein großes Festmahl. Sie winkte Mochistara zu sich ins Haus und sagte: "Meine liebe Mochistara! Wie konnte es denn geschehen, dass du damals den jungen Mann mitgebracht hast? Ich dachte, dass du so schön singen und tanzen kannst, und habe ihn auf die Stirn geküsst. Du weißt doch, dass Feen keine Menschen berühren dürfen, weil dies unserem ganzen Volke Unglück bringen kann. Nicht einmal drei Tage werden vergehen, und du hörst auf, eine Fee zu sein und wirst zu einer gebrechlichen Greisin!"
In der Tat begann Mochistara vor aller Augen zu altern, und ihre Schönheit welkte dahin. Schawkat geriet in Entsetzen. Da verwandelte sich Mochistara in einen Vogel und flog, gefolgt von Badia und allen Feen, mit trübseligem Gekreische davon. Schawkat blickte sich nach allen Seiten um- der Garten, Mochistara und die Mädchen waren verschwunden! Bekümmert setzte er sich auf seinen fliegenden Teppich und machte sich auf die Suche nach Mochistara. Lange irrte er umher, bis er endlich den Garten erreichte, in dem Sajora lebte. Als Sajora, ihre Mutter Sanobar, ihr Vater und alle Mädchen den Gast zurückkehren sahen, liefen sie ihm freudig entgegen und begrüßten ihn. Nachdem Schawkat davon geritten war, hatte Sajora lange bitterlich geweint, Tag und Nacht an ihn gedacht und auf seine Rückkehr gewartet. Auch ihre Eltern, die ihre Tochter leiden sahen, empfanden viel Bitternis. Nun, da Sajora Schawkat erblickte, seufzte sie tief auf und sank ihm in die Arme. Der Gast wurde auf den Ehrenplatz gesetzt, Gastgeber und Gast befragten einander und erzählten sich viel. An diesem Abend wurde ein frohes Mahl veranstaltet. Sajora wurde wieder lustig, blühte auf wie eine Hyazinthe, sang wie eine Nachtigall und eilte, in ein Reh verwandelt, durch den Wald.
Bei Sajoras Anblick fiel es Schawkat wie Schuppen von den Augen. Er bereute seine Torheit. Er hatte erkannt, dass Mochistara eine grausame, böse Fee war, die ihn durch ihre Schönheit verblendet hatte, in der aber Seele und Herz eines Dämons wohnten. Er dachte nicht mehr an sie, sondern bat Sadyk und Sanobar um die Hand ihrer Tochter. Vierzig Tage und vierzig Nächte feierten sie Schawkats und Sajoras Hochzeit. Danach begaben sich beide zu Schawkats Vater, wo abermals ein frohes Fest veranstaltet wurde. Seither besuchten sie einander immer wieder. Prinz Schawkat lebte in Frieden und Glück, denn er hatte die Erfüllung seiner Wünsche erreicht.
Quelle:
(Usbekistan)