Hören wir nun, wie es dem jüngsten Bruder erging. Tage und Nächte ritt er von Fluss zu Fluss, von See zu See, von Berg zu Berg, ließ
Rastplätze und Furten hinter sich. Seine Vorräte hatte er aufgezehrt, nur ein vertrockneter Fladen war ihm geblieben. Schließlich gelangte er an eine Quelle, neben der eine schattige Platane wuchs. Er band sein Pferd an ihrem Stamm fest, langte in den Mantelsack und holte seinen letzten Fladen hervor. Er tauchte ihn ins Wasser, brach ihn und wollte ihn eben verzehren, als er in der Ferne eine Staubwolke gewahrte. Wie er genauer hinsah, erkannte er, dass ein riesiger Affe Hals über Kopf auf in zugerannt kam. Entsetzt kletterte der Jüngling auf den Baum. Der Affe kam indessen herbei, aß den Fladen auf, rieb sich das Maul, hob den Kopf und winkte dem Prinzen zu. „Komm herunter!“
sprach er mit menschlicher Stimme. Der Prinz dachte: „Der Affe ist von dem Fladen satt geworden und will mich auffressen!“ Darum kletterte er noch höher hinauf. Der Affe sprang auf den untersten Ast. „He, Mensch komm herunter!“ rief er wieder. „Wenn ein Vogel in unser Land geflogen kommt, versengt er sich die Flügel. Wenn ein Mensch kommt, verbrennt er sich die Füße! Warum bist du hergekommen?“ Der Prinz kletterte herab und erzählte dem Affen seine Geschichte.
„Wenn ich die Nachtigal mit der süßen Stimme nicht erlange, brennt mein Vater die ganze Stadt nieder und macht sie dem Erdboden gleich“, endete er betrübt. Ein Sprichwort lautet: „Wer dir einmal zu essen gab, vor dem sollst du dich vierzigmal verneigen“ ,antwortete der Affe. „Hätte ich deinen Fladen lieber nicht gegessen! Aber da ich ihn nun einmal gegessen habe, muss ich dir Dank erstatten. Besteige dein Pferd! Wenn wir Glück haben, beschaffen wir den Vogel und retten deine Stadt vor der Verwüstung.“ Zu zweit setzten sie sich aufs Pferd und machten sic h auf die Suche. Lange ritten sie, bis sie an einen von einer hohen Mauer umfriedeten Garten kamen. „Ich werde einen unterirdischen Gang graben. Du wartest hier auf mich“, sagte der Affe. „Wenn ich in fünf Tagen noch nicht wieder da bin dann kehre um.“ Er begann zu graben. Am sechsten Tag kam der Affe zurück. „Ich habe den Gang bis unter den Käfig gegraben, in dem die Nachtigall mit der süßen Stimme unter sieben Decken sitzt. Krieche bis zum Ende des Ganges und warte, bis die Wächter eingeschlafen sind. Dann packe schnell den Käfig mit dem Vogel und bringe ihn her! Hüte dich aber, die Decken vom Käfig zu nehmen!“
Der Prinz prägte sich die Ermahnungen des Affen ein und kroch durch den unterirdischen Gang. Er gelangte bis zu dessen Ende und wartete. Die Wächter – es waren ihrer zehn – schliefen jeder auf seinem Posten ein. Der Prinz schlich sich an ihnen vorbei und packte den Käfig mit dem Vogel. Zu gern hätte er gesehen, ob er wirklich den Wundervogel in der Hand hielt, der auf die Platane seines Vaters geflogen war. Kaum hatte er aber eine der sieben Decken gehoben, da begann die Nachtigall so herrlich zu singen, dass der Prinz wie verwunschen stehen blieb und der Käfig seinen Händen entfiel. Die Wächter erwachten, bemächtigten sich des Prinzen und schleppten ihn zu ihrem Gebieter. Der Schah rief den Henker und befahl: „Schlage dem Dieb beide Arme bis zum Ellenbogen ab!“ Da mischte sich der Wesir ein: „Wartet mit dieser harten Strafe! Lasst uns erst erfahren, wozu er den Vogel haben wollte!“ – „Gut, hören wir ihn an“, stimmte der Schah zu, und der Prinz erzählte alles von Anfang bis Ende. Da sagte der Wesir: „Wenn wir diesen tapferen Jüngling eines Vogels wegen umbringen, geraten wir in einen üblen Ruf. Wollen wir ihn lieber mit einer schweren Aufgabe betrauen!“ Der Schah willigte ein und trug dem Jüngling auf: „Reite dorthin, wo die Sonne untergeht! Nach neun Monaten wirst du eine Stadt sehen. Der Schah dieser Stadt hat eine Tochter, die in einer goldenen Lade schläft. Wenn du mir das Mädchen bringst, schenke ich dir die Nachtigall mit der süßen Stimme.“ Der Prinz kehrte zu dem Affen zurück und erzählte, was ihm widerfahren war. Wieder stiegen sie zu zweit auf das Pferd und traten den langen Weg an. Neun Monate ritten sie, bis sie endlich zu der großen Stadt gelangten. Sie machten auf einem Felde halt, und wieder begann der Affe einen unterirdischen Gang zu graben. Nach neun Tagen und neun Nächten war die Arbeit beendet, und der Affe kehrte zum Prinzen zurück. „Ich habe einen unterirdischen Gang zum Palast der Prinzessin gegraben“, berichtete er. „Du musst eine Treppe von vierzig Stufen ersteigen und vierzig Gemächer durchschreiten. Dann kommst du auf einen Balkon, , wo die strahlende Schönheit, von vierzig Dienerinnen umgeben, au einer goldenen Lade sitzt. Wenn die Prinzessin schlafen will, öffnet sie den Deckel und legt sich hinein. Du hebst erst den Deckel und sieh nach, ob ihre Augen geschlossen sind. Schläft sie mit offenen Augen, dann trage sie davon, sind ihre Augen jedoch geschlossen, dann hüte dich, sie anzurühren!“ Der Prinz kroch durch den unterirdischen Gang bis in den Palast, erstieg die vierzig Stufen, durchschritt die vierzig Gemächer und blickte auf den Balkon. Dort sah er die schöne Prinzessin inmitten vierzig Dienerinnen. Wer sie sah, konnte von ihrer Schönheit den Verstand verlieren. Nun legte sie sich in ihrer Lade zur Ruhe, und rings um sie schliefen die Dienerinnen. Der Prinz hob den Deckel und sah, dass die Augen der Prinzessin geschlossen waren. Er hätte weggehen müssen, aber die Schönheit des Mädchens hatte ihn um den Verstand gebracht.
Darum vergaß er die Ermahnung des Affen und beugte sich hinab, um die Königstochter zu küssen. Sein Atem erwärmte das Antlitz des Mädchens, und es schlug die Augen auf. „Was suchst du hier, fremder Mann?“ rief es. Die Dienerinnen wachten auf und fielen über den Prinzen her, fesselten ihn und führten ihn zum Schah. Zornentbrannt befahl der Schah, den Jüngling sofort hinzurichten. Doch da gab sein Wesir zu bedenken: „O mein Gebieter, wenn wir ihn hinrichten, erfährt am Morgen alt und jung davon, und wir werden in Schande geraten. Besser, wir lassen den Jüngling eine unlösbare Aufgabe erfüllen.“ Der Schah willigte ein und verkündete: „Wie ich gehört habe, befindet sich neun Monate Wegs das Meer Kulsam. Dort gibt es eine Diamanteninsel, auf der Zauberer Orsaky lebt. Er hat ein Ross mit Namen Kara Kaldyrgotsch.
Dieses Ross vermag die Wegstrecke eines ganzen Monat in einem Augenblick zurückzulegen. Beschaffe mir das Ross, bekommst du meine Tochter!“ Der Prinz kehrte zu dem Affen zurück und brach in bitteres Weinen aus. Der Affe beschwichtigte ihn: „Mach dir keine Sorgen, junger Prinz! Wenn wir Glück haben, werde ich dir das Ross Kaldyrgotsch verschaffen.“ Wieder machten sie sich auf die Reise, durchritten Steppen und Gebirge, bis sie endlich am Meer anlangten.
Als der Prinz die unendliche Weite sah, wurde er traurig. „Dieses Meer werde ich nicht durchschwimmen können“, klagte er. „Wir werden umkommen.“ Der Affe aber munterte ihn auf: „Frisch gewagt ist halb gewonnen! Hab keine Angst!“ Und er begann, unter dem Meere einen unterirdischen Gang zu graben. Nach vierzig Tagen und vierzig Nächte war er fertig und kehrte zurück. „Ich habe den unterirdischen Gang bis zu den Vorderhufen des Pferdes gegraben. Du musst deinen Kopf vorsichtig herausstrecken. Kara Kaldyrgotsch wird dann wiehern, und der Zauberer Orsaky wird von seinem Lager aufstehen, herauskommen, das Pferd schlagen und wieder weggehen. Dann wirst du den Kopf wieder herausstrecken, und Kara Kaldyrgotsch wird abermals wiehern, der Zauberer wird kommen, das Pferd schlagen und weggehen. Nun kriechst du leise heraus, und noch ehe das Pferd wiehert, hängst du ihm diesen Futtersack mit Kischmisch* kleine süße kernfreie Trauben* um und sagst: „Ach gutes Pferd Kara Kaldyrgotsch! Wie lange willst noch in der Gewalt des Schurken bleiben und seine Schläge erdulden?“ Dann steig energisch aufs Pferd! Um Sattel, Zaumzeug und Schweißdecke mach dir keine Sorge! Reite los, so schnell du kannst!“ Der Prinz prägte sich die Ermahnungen des Affen gut ein und gelangte unter dem Meer hindurch zu dem Pferd. Er blickte aus dem Erdloch hervor und sah Kara Kaldyrgotsch die Ohren spitzen, den Schweif von sich strecken und auf der Stelle tänzeln. Als das Pferd den Fremden witterte, wieherte er laut. Da kam der Zauberer. Er war so hoch wie ein Minarett, jede Schulter so breit wie eine Platane, sein Mund war wie eine Höhle, seine Augen glichen alten Säcken, seine Nase einem Backofen und sein Körper einem Elefanten. Aus seinem Mund loderten Flammen. „Ach, du elendes Geschöpf!“ schrie er das Pferd an. „Ein Vogel, der hier herfliegt, versengt sich die Flügel, ein Mensch, der herkommt, verbrennt sich die Füße. Glaubst du, du hättest Menschengeruch verspürt?“
Der Zauberer gab dem Pferd einen Peitschenschlag und ging schlafen. Wieder streckte der Prinz den Kopf hervor, wieder wieherte das Pferd. Der Zauberer kam mit seiner Peitsche und brüllte: „Verrecken sollst du! Hast du Menschengeruch verspürt? Selbst wenn er unter der Erde oder am Himmel wäre, entkäme er mir nicht! Wenn ich ihn erwische, zermalme ich ihm den Mund und verschlucke ihn!“ Nachdem er dem Pferd mit der Peitsche einen Schlag versetzt hatte, ging er davon. Nun sprang der Prinz hervor, hing dem Pferd geschwinde den Futtersack mit Kischmisch um und sagte freundlich: „Ach, lieber Freund, wie lange willst du noch in der Gewalt des Zauberers bleiben und seine Schläge dulden?“
Der Prinz streichelte das Pferd, schwang sich auf seinen Rücken, drückte ihm die Fersen in die Flanken und schloss die Augen. Kara Kaldyrgotsch schüttelte seine Mähne, an seinen Seiten wuchsen Flügel hervor, und wie ein Falke stieg er zum Himmel empor. Unter seinen Hufen zuckte ein Blitz und traf den Zauberer an der Stirn. Er erwachte. „Halt, halt!“ schrie er, spreizte seine Krallen und eilte dem Pferd nach. Kara Kaldyrgotsch flog über das Meer. Schon hatte der Zauberer es beinahe eingeholt und streckte die Arme nach seinem Schweif aus, da schlug das Pferd mit den Hinterhufen nach ihm aus. Der Rachen des Zauberers zerriss wie ein altes Leinen. Der Zauberer fiel ins Wasser und ertrank. Der Weg von neun Monaten flog das Pferd in neun Tagen. Der Prinz sah die Stadt und vor der Stadt den Affen, der da saß und Nüsse knackte.
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