Da war mal, weißt du, so eine Sache, ich sag dir’s zu deinem Besten. Da gerieten sich, nimm’s mir nicht übrigens nicht krumm, so, wie jetzt du und ich, zwei wie unseresgleichen
in die Haare, zwei Bäuerlein, beide arm wie Kirchenmäuse. Der eine lebte recht und schlecht, schlug sich mit Lug und Trug kümmerlich durch, war, weißt du, geschickt im Betrügen, und auch aufs Stehlen verstand er sich, der andere aber, hörst du, hielt es mit der Wahrheit und wollte von seiner Hände Arbeit leben. Über diese Sache kamen sie denn auch ins Streiten. Der eine sagte, es sei besser, mit der Lüge zu leben, der andere aber meinte, mit der Lüge könnte man nicht sein Leben hinbringen, es sei besser schlecht zu leben, aber mit der Wahrheit, So stritten sie und stritten, und keiner, weißt du, konnte den anderen überzeugen. Da gingen sie denn auf die Straße, mein Lieber. Gingen auf die Straße und beschlossen, drei Leute, die ihnen in den Weg kommen würden, zu fragen und zu hören, was die dazu sagten. So gingen sie und gingen, mein Lieber, und sahen – da pflügte ein Leibeigner. Da, weißt du, gingen sie auf ihn zu. Traten sie ihm und sprachen: „Gott helfe dir, Freund. Schlichte du unseren Streit:
„Wie lebt man besser auf der weiten Welt – mit der Wahrheit oder mit der Lüge?“
„Nein, hört mal, meine Lieben! Mit der Wahrheit kann man sein Leben nicht fristen, mit der Lüge kommt man weiter. So ist es auch bei uns: Immerzu, hört ihr, nehmen uns die Herren die Tage weg, und wir haben keine Zeit, für uns selbst zu arbeiten. Und weil man unfrei ist, stellt man sich, als ob einem etwas zugestoßen ist, als ob man sich, wißt ihr, eine Krankheit geholt hat. Derweil fährt man aber in den Wald nach Brennholz, und wo nicht am Tage, dann bei Nacht, wenn es verboten ist.“ „Nun, da hörts du’s, ich hab recht“, sprach der Unaufrichtige zum Wahrheitsliebenden. Da schritten sie wieder die Straße fürbaß – was würde ihnen wohl der zweite sagen? Sie gingen und gingen und sahen – ein Kaufmann kam zweispännig in einem gedeckten Wagen dahergefahren. Da traten sie zu ihm. Traten zu ihm und baten: „Halt’ mal ein Weilchen an, hörst du, und nimm uns nicht krumm, was wir dich fragen wollen.
Schlichte du unseren Streit, hörst du: Wie lebt man besser auf der Welt – mit der Wahrheit oder mit der Lüge?“
„Nein, hört dich, ihr Burschen! Mit der Wahrheit lebt es sich schwer, besser fährt man mit der Lüge. Man betrügt uns, und wir, hört ihr, betrügen sie auch.“ - „Nun, da hörst du’s, ich hab recht“, sprach der Unaufrichtige abermals zum Wahrheitsliebenden. So schritten sie wieder die Straße fürbaß – was würde wohl der dritte sagen? Sie gingen und gingen, da sahen – ein Pope kam ihnen entgegengefahren. Da gingen sie auf ihn zu. Traten zu ihm, weißt du, und baten: „Halt mal ein Weilchen an, Väterchen, schlichte du unseren Streit: Wie lebt man besser auf der Welt – mit der Wahrheit oder mit der Lüge?“ „Da fragt ihr mich was Rechtes. Mit der Lüge, das weiß doch jedes Kind. Was für eine Wahrheit gibt es heutzutage! Für die Wahrheit, hört ihr, kommst du nach Sibirien, ein Ränkeschmied bist du, wird man sagen. So ist es zum Beispiel ungelogen, bei mir: In meiner Gemeinde geht höchstens jeder zehnte zur Beichte, wir aber, das weiß doch jedes Kind, tragen alle ein. Dann haben auch wir es besser; manchmal halten wir nur einen kurzen Gottesdienst anstelle der Messe.“
„Nun, da hörst du’s“, sprach der Unaufrichtige zum Wahrheitsliebenden, „alle sagen, daß man mit der Lüge besser lebt.“ – „Nein, höre! Man muß gottgefällig leben, wie Gott es gebietet. Komme, was da wolle, aber mit der Lüge, hörst du, will ich nicht leben“, sprach der Wahrheitsliebende zum Unaufrichtigen. so schritten sie wieder die Straße fürbaß.
Sie gingen und gingen – der Unaufrichtige verstand es, sich bei jedermann lieb Kind zu machen, überall gibt man ihm zu essen, und er hatte Weizenkringel, der Wahrheitsliebende aber trank Wasser, arbeitete und bekam dafür etwas zu essen. Der Unaufrichtige aber machte sich nur immer lustig über ihn.
Einmal nun bat der Wahrheitsliebende den Unaufrichtigen um ein Stückchen Brot:
„Gib mir ein Stückchen Brot, hörst du!“„Und was gibst du mir dafür?“ fragte der Unaufrichtige. „Wenn du etwas willst, nimm, was ich habe“, sagte der Wahrheitsliebende.
„Laß mich dir ein Auge ausstechen!“ „Nun, so stich es aus“, gab er ihm zur Antwort. Da stach der Unaufrichtige dem Wahrheitsliebenden ein Auge aus. Stach es aus und gab ihm ein Stückchen Brot. Der Wahrheitsliebende, hörst du, ertrug es, nahm das Stückchen Brot, verzehrte es, und sie schritten weiter die Straße fürbaß.Sie gingen und gingen – und abermals bat der Wahrheitsliebende den Unaufrichtigen um ein Stückchen Brot. Da begann er ihn wieder auf mancherlei Art zu verspotten. „Laß mich dir auch das andere Auge ausstechen, hörst du, dann gebe ich dir ein Stückchen.“
„Ach, Bruderherz, hab Mitleid, ich werde ja blind“, bat der Wahrheitsliebende ihn flehentlich. „Nein, hörst du, dafür bist du ein Wahrheitsliebender, ich aber lebe von der
Lüge“, entgegnete ihm der Unaufrichtige. Was tun? Nun, es sollte wohl so sein.
„Da, stich mir auch das andere Auge aus, wenn du die Sünde nicht füchtest“, sprach der Wahrheitsliebende zum Unaufrichtigen. „Da, mein Lieber, stach er ihm auch das andere Auge aus. Stach es aus und gab ihm ein bißchen Brot. Gab ihm das Brot und ließ ihn, hörst du, auf der Straße zurück. „Da, soll ich dich vielleicht führen?“ „Nun, was konnte der Blinde tun, er aß, weißt du, das Stückchen Brot auf und machte sich, mit einem Stock tastend, langsam auf den Weg. Er ging und ging schlecht und recht, hörst du, von der Straße ab und wußte nicht, wohn er sich wenden sollte. Da begann er denn Gott zu bitten: „O Herr! Verlaß mich, deinen sündigen Knecht nicht!“ Er betete, hörst du, betete, und da vernahm er eine Stimme. Jemand sprach zu ihm: „Gehe nach rechts. Bist du nach rechts gegangen, kommst du zu einem Wald; bist du zu dem Wald gekommen, finde tastend den Pfad. Hast du, hörst du, den Pfad gefunden, geh ihn entlang.
Bist du den Pfad entlanggegangen, stößt du auf eine murmelnde Quelle. Bist du auf die murmelnde Quelle gestoßen, wasch dich mit dem Wasser daraus, trink von jenem Wasser und benetzte deine Augen damit. Hast du deine Augen damit benetzt, wirst du, hörst du, das Augenlicht wiedererlangen! Hast du dein Augenlicht wiedererlangt, geh quellaufwärts, und du wirst eine große Eiche erblicken. Hast du die große Eiche erblickt, nahe dich ihr und steige hinauf. Bist du hinaufgestiegen, warte die Nacht ab. Hast du, hörst du, die Nacht abgewartet, gib acht, was die bösen Geister unter dieser Erde sprechen werden. Sie fliegen, hörst du, zum Timmelplatz hierher.“ Mit Mühe und Not schleppte er sich bis zum Wald.. Schleppte sich in den Wald, irrte eine Weile darin umher und geriet irgendwie auf den Pfad. Er ging den Pfad entlang und gelangte zu der Quelle, weißt du, und wusch sich mit dem Wasser. Wusch sich mit dem Wasser, trank davon und benetzte seine Augen damit. Benetzte seine Augen und sah auf einmal wieder Gottes Welt – er hatte das Augenlicht wiedererlangt. Nachdem er so das Augenlicht wiedererlangt hatte, ging er, hörst du, quellaufwärts. Er ging und ging an jener Quelle entlang, da erblickte er eine große Eiche. Unter ihr war der Boden festgestampft.
Da stieg er auf jene Eiche. Stieg hinauf und wartete die Nacht ab. Da, hörst du, begannen von allen Seiten Teufel herbeizufliegen und unter jener Eiche zu versammeln.