Der helle Vollmond beobachtet, wie der Nikolaus von Haus zu Haus huscht und Süßigkeiten in die Schuhe und Stiefel der Kinder im Märchenland steckt. Endlich glaubt er fertig zu sein, denn sein vorhin noch so praller Geschenkesack ist jetzt schlaff und leer. Knecht Ruprecht grinst, er hat sich diesmal zurückgehalten, da er angeblich böse Rückenschmerzen hat. Gemeinsam machen sie sich auf den Heimweg. Seit einigen Jahren leiht den beiden der Weihnachtsmann gern seinen Schlitten aus, damit am Morgen auch alle Kinder die süßen Gaben naschen können. Die Rentiere Blitz und Donner traben in den Wolken langsam vor sich hin, als plötzlich der Erzengel Gabriel mit seinem Himmelhund an ihnen vorbeisaust, kurz darauf stark bremst, dass es am Himmel aussieht wie ein Sternenschweif, umkehrt und auf Nikolaus und Ruprecht zusteuert. „Oh, welche Ehre! Was verschafft mir das Vergnügen deines Besuches, sogar mit Verstärkung?“, fragt Nikolaus lächelnd und krault den Himmelhund Mars hinter den Ohren.
„Dass es ein Vergnügen ist, glaub ich weniger“, antwortet der Engel. „Ich hoffe, du hast noch Süßigkeiten! Wir haben Bewohner in unserem Märchenwald, die noch nicht lange hier wohnen, aber für die du auch zuständig bist.“
„Ach, herrje! Ich habe nicht einmal mehr einen Zuckerkringel! Was nun?“, jammert Nikolaus und schüttelt zum Beweis den Sack mit der Öffnung nach unten.
„Vielleicht sollten wir die Weihnachtsfee Mariella bitten, uns schnell noch etwas herzuzaubern“, bemerkt Ruprecht.
„Schlaumeier! Was glaubst du, warum Mariella eine Weihnachtsfee ist? Wir haben doch erst Nikolaus! Und eine Nikolausfee gibt es bekanntlich nicht, leider!“, seufzt Nikolaus und ist wahrlich ratlos. Schließlich geht es ihm an die Ehre, wenn brave Kinder leer ausgehen sollten. Da geht es ihm nicht anders wie dem Weihnachtsmann.
Da erinnert sich der Nikolaus: „Ich weiß von einem wundersamen Nikolausstiefel. Er war einst mein wichtigster Helfer, wenn ich in solch einer Notlage war. Schön, seit langem kam ich ohne ihn aus und ich habe mir keine Gedanken mehr um ihn gemacht. Wenn ich ihn jetzt hätte! Im Nu würde er sich auf mein Geheiß füllen. Herrje, wenn ich nur wüsste, wo der Stiefel steckt?“
„Vielleicht könnte ihn Mars erschnüffeln“, meint der Erzengel. „Wie müssen es versuchen!“
Der Himmelhund Mars ist außergewöhnlich gut abgerichtet. Sein Spürsinn überirdisch fein.

„Das wird bestimmt nicht einfach sein. Überall riecht es nach Schokolade, Äpfeln und Pfefferkuchen!“, gibt Ruprecht zu bedenken.
„Doch, eine Möglichkeit sehe ich“, sagt Gabriel. „Alle Schuhe und Stiefel der Kinder sind gebraucht. Also riechen sie mehr oder weniger nach deren Füßchen. Den Nikolausstiefel hat ganz sicher niemand getragen. Das ist ein großer Unterschied und nun wird Mars sein Können unter Beweis stellen.“
Der Erzengel schaut nun nach seinem Himmelhund. Doch Mars hat es sich auf der Felldecke im Schlitten bequem gemacht und scheint zu träumen. Er zuckt im Schlaf. Der Erzengel lächelt und meint: „Sicher träumt er wieder von seiner Venus, eine Hundedame, die es ihm sehr angetan hat. Aber das muss warten. Mars, auf geht’s! Wir haben eine wichtige Mission zu erfüllen.“
Mars ist sofort hellwach und schaut erwartungsvoll. Der Erzengel erklärt seinem Himmelhund wie einem Menschen, was er zu tun hat. Mars nickt und schon braust er los, der Rentierschlitten hinterher.
Plötzlich bleibt Mars vor einer ärmlichen Behausung stehen und zeigt mit der Pfote auf dessen Boden.
„Ich bin mir sicher, dass dort der wundersame Nikolausstiefel verborgen liegt“, jubelt Ruprecht und steigt geschwind durch das Bodenfenster.
„Na so was! Ich denke, er hat so böse Rückenschmerzen. Na ja, wenigsten hilft er mir jetzt, denn da könnte ich sicher nicht durchklettern“, brummelt Nikolaus vor sich hin und klopft dabei auf seinen Bauch. Schon ist sein Helfer zurück, in der Hand hält er einen roten Stiefel.
„Das ist auch das Haus, in das die neuen Bewohner eingezogen sind“, bemerkt der Erzengel. Nikolaus nimmt den Stiefel erleichtert und voller Freude entgegen. Plötzlich fällt es ihm wie Schuppen von den Augen und er sagt frohgelaunt: „Ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Der Stiefel ist immer dort zu finden, wo er am dringendsten gebraucht wird! Jetzt aber das Wichtigste:

Fülle dich auf meine Bitten
mit Äpfeln, Nüssen, Zuckerhippen.
Nur braven Kindern gib die Gaben.
Sie sollen sich an ihnen laben.“

Kaum, dass seine letzten Worte verklungen sind, ist der Stiefel übervoll mit den herrlichsten Leckereien. Ruprecht nimmt ihn an sich und meint: „Du hast heut Nacht genug getan. Lass mich die Stiefelchen füllen. Ich hab das noch nie auf diese Art gemacht.“
Der Nikolaus ist einverstanden und schmunzelt. Schon bald sind die Schuhe und Stiefelchen der sieben Kinder bis obenhin voller Zuckersachen. Knecht Ruprecht staunt nicht schlecht über den wundersamen Stiefel, der nicht leer zu werden scheint. Rundrum zufrieden stapft er aus dem Haus und steigt in den Schlitten. Der Erzengel hat seine Aufgabe erfüllt und mit Hilfe seines Himmelhundes Mars die Ordnung wieder hergestellt. Schließlich ist es wichtig, dass kein braves Kind am Nikolausmorgen leer ausgeht. Müde, aber selig lächelnd ob des guten Ausganges, verabschieden sich alle und der Mond begleitet sie auf ihren Heimwegen.

  © Doris Liese
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