Es war einmal ein Mädchen namens Amelita. Amelita verbrachte zusammen mit ihrer Familie die Ferien bei ihrer Großmutter. Das ehrwürdige Haus der alten Dame lag, umarmt von einem grünenden Garten, in einem Städtchen, nicht sehr weit von hier.
Wenn das Wetter zu scheußlich tobte, um im Garten zu spielen, durchstöberte Amelita mit ihren Geschwistern das Haus. Es gab versteckte Zimmer und geheime Gänge, die Kinder entdeckten immer wieder Neues.
Das Haus war eine Besonderheit und barg einen großen Schatz, denn Amelitas Großmutter gehörte zu den neun Hüterinnen der Märchenwelt. Doch das wusste Amelita nicht – noch nicht.

An Amelitas zwölftem Geburtstag sollte ein großes Fest ihr zur Ehren stattfinden. Nach dem Mittagessen zog sich die Familie in ihre Zimmer zurück, um für die Geburtstagsfeier am Abend zu ruhen.
Amelita kuschelte sich voller Vorfreude in ihren Ohrensessel, den schon ihr Ururgroßvater für seine Mußestunden zu nutzen wusste. Da fiel ihr Blick auf ein Kästchen auf dem Tisch vor dem Fenster. Sie kletterte aus dem Sessel heraus und nahm das Behältnis vorsichtig in ihre Hände. Ein Geburtstagsgeschenk vielleicht? Das Holz fühlte sich warm an und war glatt wie die Oberfläche eines kostbaren Spiegels. Eine perlmutfarbene Schnalle in Form einer Krone hielt das Kistchen verschlossen. Amelita kniete sich auf den Boden, um den Verschluss geschickt zu offnen.
Im Inneren befand sich ein Schlüssel. Er schien uralt zu sein, denn die Hände all derjenigen, die ihn je berührt hatten, polierten das edle Metall glatt und glänzend. Die Farbe erinnerte Amelita an geschmolzenes Kupfer. Entzückt befestigte sie den Schlüssel sicher an einem Band unter ihrer Schürze. Amelita meinte zu wissen, zu welch geheimnisvoller Tür dieser Schlüssel einzig passen konnte. Mit klopfendem Herzen verließ sie leise ihre Stube und schlich sich Treppe um Treppe hinauf, bis zum höchsten Raum des Hauses.

Der Schlüssel passte, die kunstvoll geschnitzte Holztür schwang mit Leichtigkeit auf und gab den Blick auf einen großen Dachboden frei. Amelita hielt überwältigt den Atem an. Großzügig verteilte die Sonne ihr Licht auf alle Gegenstände. Truhen, in den unterschiedlichsten Größen, die meisten davon randvoll, sodass kaum deren Deckel zugingen, drängten sich dicht an dicht. Bilder hingen an den Wänden und standen auf dem Boden. Tische bogen sich unter dem Gewicht unterschiedlichster Dinge. An der einen Seite des Raumes, umrahmt von Buntglasfenstern, stand ein Schaukelstuhl. Davor stapelten sich auf einem Tisch Unmengen von Büchern, eines davon lag aufgeschlagen obenauf. Darauf ruhte eine feine goldene Brille, fast so, als würde ihr Besitzer gleich wiederkommen. Unwillkürlich drehte sich Amelita um. Doch sie stand allein in dieser für sie magischen Welt.
Amelita schritt langsam in dem Dachboden umher. Trotz des vermeintlichen Durcheinanders schien alles seinen Platz zu haben. Kein Krümelchen Staub lag irgendwo vergessen herum.
Ein Gemälde lies Amelitas Blick nicht mehr los. Sie kniete sich zu dem Bild hinunter, welches in einer Nische an einer der Wände lehnte. Das Mädchen sah darauf eine Wiese, in solch unglaublichen Grüntönen gemalt, es meinte direkt den Geruch des Grases wahrnehmen zu können. Das Bächlein, welches sich quellklar durch das Gras schlängelte, plätscherte in ihrem Ohr und es fühlte an ihrer Hand den warmen Stein der Brücke, die darüber führte. Amelita widerstand nicht dem Drang, das Bild zu berühren. Vorsichtig wollte sie mit ihren Fingerspitzen darüber streichen. Doch was war das? Sie konnte das Bild nicht fühlen, vielmehr versanken ihre Finger wie in einem Behälter voller Wasser. Sie fuhr zurück, ihre junge Stirn kräuselnd betrachtete sie ihre Finger. Alles sah aus wie immer. Ein wenig zitterte Amelitas Hand, als sie das Bild ein weiteres Mal zu berühren versuchte. Und erneut verschwand ihre Hand in dem Gemälde. Es fühlte sich nicht unangenehm an, eigentlich war nichts zu spüren. Amelita zog ihre Hand zurück und ehe sie sich selbst davon abhalten konnte, tauchte sie mit ihrem Gesicht in das Bild hinein. Erst ganz vorsichtig ihre Nasenspitze, dann den Rest. Nicht zu fassen! Amelita blickte genau in die Landschaft, die das Gemälde darstellte. Sie zog ihren Kopf wieder zurück und setzte sich mit gekreuzten Beinen vor das Bild. Was wäre wenn? Amelita kaute auf ihrer Unterlippe. Was bist Du, sprach sie zu sich selbst, eine Prinzessin oder eine Erbse?
Und sie wagte es, kniete sich vor das Bild und krabbelte behutsam auf allen vieren hindurch.
Sie landete weich auf der Wiese, sommerliche Luft umfing sie. Amelita richtete sich auf und drehte sich um. Außer der Gegend aus dem Gemälde konnte sie nichts entdecken. Sie zuckte mit ihren Schultern, strich sich ihre Schürze glatt und spazierte über diese wundervolle Wiese.
Welch seltsame Blumen hier wuchsen. Die Blüten glitzerten in allen erdenklichen Farben. Jede einzelne Blume sah anders aus, bunt wie der Regenbogen. Amelita konnte nicht anders, magisch angezogen, pflückte sie ein Sträußchen und band es sich sorgfältig unter ihre Schürze.

Da flatterte ein zitronengelber Schmetterling auf das Mädchen zu.
„Hallo Amelita“, begrüßte dieser es freundlich. Mit einem Ruck blieb Amelita stehen.
„Woher kennst du meinen Namen?“, wunderte sie sich.
„Ich bin Kiki. Wir Schmetterlinge sind im Märchenreich die Feenboten. Es gehört zu meinen Aufgaben viele Dinge zu wissen.
Außerdem kenne ich deine Großmutter. Sie ist eine der Hüterinnen der Märchenwelt. Was machst du bei uns?“
„Ich fand in meinem Zimmer einen besonderen Schlüssel und gelangte damit auf diesen wundervollen Dachboden. Dort stieg ich durch ein Bild und landete hier. Aber, so schön es auch ist, ich habe heute Geburtstag und möchte auch gern wieder nach Hause. Doch weiß ich nicht wie.“
„Ahh, ich verstehe“, wissend lächelte der auf und ab flatternde Schmetterling, „ich denke dies ist deine erste Prüfung. Diese sollen zeigen, ob du würdig bist, in den Kreis der Märchenwelthüterinnen aufgenommen zu werden.“
„Aber …“
Kiki schnitt dem Mädchen eifrig das Wort ab: „Kein Aber. Wir suchen zunächst für dich einen Weg zurück und zu Hause kannst du alles in Ruhe mit deiner Großmutter besprechen. Sie wird dir viel zu erzählen haben.“
Ungläubig schaute Amelita den Schmetterling an. Skeptische Falten in ihrem jungen Gesicht ließen diesen laut kichern.

Über das Märchenreich plaudernd liefen Amelita und Kiki einträchtig auf die steinerne Brücke zu, die sie auf die andere Seite der Lichtung zum Haus von Rotkäppchens Großmutter führen würde. Kiki erhoffte sich von der klugen Dame einen Ratschlag, wie Amelita zurück nach Hause finden könnte.
Doch das von wilden Weinranken bewachsene Häuschen war verschlossen.
„Mmmh“, nachdenklich zerknautschte Kiki ihre zarten Flügel, während sie sich auf einer prallen Weintraube niederließ.
„Wir könnten es auch bei Frau Holle probieren. Traust du dich in den Brunnen zu Frau Holles Reich hineinzuspringen?“ Mit schiefem Köpfchen blickte Kiki Amelita an.
Diese schwieg kurz und zuckte dann mit ihren Schultern: „Ja klar, warum nicht. Wenn Goldmarie und Pechmarie es wagten, so wird auch mir nichts geschehen.“
Die beiden rannten und flatterten zum Märchenbrunnen und nach kurzem Zögern sprang Amelita dem zitronengelben Falter hinterher.
Es dauerte kaum einen Moment, schon befand sie sich auf einer lila und weiß blühenden Kleewiese. Zu ihrer linken befand sich ein Ofen, der zum Brotbacken genutzt wurde, sauber ausgeräumt und gefegt. Zu ihrer rechten stand ein knorriger Apfelbaum, mit ordentlich in Weidenkörben abgeernteten Äpfeln darunter. Amelita blieb nicht viel Zeit, sich in dieser zauberhaften Welt umzusehen, denn Kiki flog längst weit voraus.
Am Haus von Frau Holle wurden sie nochmals enttäuscht. Zwar trafen sie Goldmarie fleißig bei ihrer Hausarbeit an, Frau Holle hingegen war ausgegangen, um neuen Stoff für ihre Kissen zu erwerben.
Goldmarie führte die beiden zu dem Tor, welches sie in die Welt nach oben bringen würde. Amelita und Kiki bedankten sich und standen kurz darauf, ohne Gold oder Pech, an dem Brunnen, durch den sie in das Reich von Frau Holle gelangt waren. Der Hahn, der darauf saß, nahm sie kaum zur Kenntnis.

Ein Stück weiter des Weges erreichten die beiden das Märchenwalddorf. Zielstrebig flog Kiki auf ein Stoffgeschäft zu, in dem sie Frau Holle vermutete. Dabei ermahnte sie Amelita immer wieder, nicht so oft stehen zu bleiben. Diese achtete vor Staunen nicht mehr wohin sie lief – da schwangen magische Besen, die allein die Gehwege sauber hielten und dort in einer Auslage priesen sich Zauberstäbe mit funkelndem Sprühregen in Krokuslila und Wolkenrosa an. Anmutige Feen flatterten durch die Luft, Zwerge trugen stolz ihre roten Zipfelmützen spazieren, dazwischen wie selbstverständlich die Tiere des Waldes.
Kiki erspähte indes Frau Holle und zu ihrer Freude wurde diese von Rotkäppchens Großmutter begleitet. Amelita fühlte sich auf einmal ganz aufgewühlt, so sehr erinnerte sie die alte Dame an ihre eigene Großmutter. Silbernfeucht glänzten ihre Kinderaugen. Tröstend legte Rotkäppchens Großmutter einen Arm um das Mädchen: „Du musst Amelita sein. Wie sehr du deiner Oma ähnelst. Du hast also den Weg zu uns in das Märchenreich gefunden. Das ist sehr gut. Eines Tages wirst du eine würdige Hüterin unserer Märchenwelt sein.“
Ein skeptisches Piepsen war alles, was Amelita hervorbrachte. Daher übernahm Kiki es, den beiden Damen davon zu erzählen, wie Amelita durch ein Zaubergemälde in ihre Märchenwelt gekommen war und nun einen Weg zurück in ihre eigene Welt suchte.
„Ein märchenhaftes Zaubergemälde also.“ Nachdenklich hielt Rotkäppchens Großmutter inne. „Der gestiefelte Kater malt solche Zauberbilder, um von einer Welt in die andere schlüpfen zu können. Gleichwohl befindet er sich zurzeit außerhalb des Landes. Wir müssen also unser eigenes Gemälde malen. Kannst du dich an all die Details des Ortes erinnern, an dem du das Bild fandest? Nur wenn wir es genauso malen, wirst du auch an die richtige Stelle zurückgelangen.“
Zaghaft nickte Amelita. „Allerdings kann ich nicht besonders gut zeichnen …“
Frau Holle jedoch erinnerte sich: „Dornröschens Zofe nutzte damals die Zeit, in der Dornröschen 100 Jahre schlief, um das Malen zu erlernen.“
Begeistert klatschte Rotkäppchens Großmutter in ihre Hände: „Natürlich, wenn jemand außer dem Gestiefelten Kater solch ein besonderes Bild malen kann, dann die Zofe von Dornröschen. Lasst uns gleich aufbrechen. Ich rufe uns den bösen Wolf, der in Wirklichkeit ein ganz lieber Kerl ist“, fügte sie mit einem Seitenblick auf Amelita hinzu, die bei den Worten böser Wolf ganz blass wurde. „Mit ihm gelangen wir in Windeseile zu Dornröschens Schloss.“

So geschah es auch. Nach einem ungestümen Ritt quer durch den Märchenwald gelangten sie zu dem von Rosen umrankten Schloss. Amelita und Rotkäppchens Großmutter richteten sich nach dem Absteigen ihre verwuselten Haare, während Kiki ihre zerknautschten Flügel glatt strich. Frau Holle hatte sich bereits im Dorf verabschiedet, sie musste zurück an ihre Arbeit.
Im Garten des Schlosses fanden sie Dornröschen und ihre Zofe damit beschäftigt, Rosenbäumchen zu pflanzen. Erfreut über den Besuch nahm Dornröschen sie herzlich in Empfang. Amelita brachte ihr Anliegen vor und die Zofe lief geschwind los, um ihre besten Malsachen zu holen.
Ein wenig abseits setzten sich die beiden in das hohe Gras und Amelita beschrieb mit geschlossenen Augen den Dachboden, wo das zauberhafte Gemälde an der Wand lehnte. Pinselstrich um Pinselstrich folgte die Zofe Amelitas Erinnerungen und schon bald war der geheimnisvolle Raum fertig gemalt. Selbst das Licht konnte die Zofe mit ihren besonderen Wunderfarben so wiedergeben, als schiene wirklich die Sonne in dem Bild.
Die beiden Mädchen, stolz auf ihr Werk, riefen die anderen zu sich.
Amelita umarmte jeden von ihnen und versprach ganz bald wiederzukommen. Nun kannte sie ja das Hinein und Hinaus in diese zauberhafte Märchenwelt. Jetzt wollte sie aber erst einmal mit ihrer Familie ihren Geburtstag feiern. Dazu sprudelte sie über mit Fragen an ihre geliebte Großmutter.
Amelita kniete sich vor das Bild und streckte vorsichtig ihre Hand aus. Doch was war das? Nichts passierte! Ihre Hand berührte lediglich die weiche Oberfläche des Gemäldes, Amelita konnte nicht in das Bild eintauchen, um nach Hause zu gelangen.
Entsetzt drehte sie sich zu ihren neuen Freunden um. Diese rissen ungläubig die Augen auf.
„Probier es noch einmal“, riet Kiki unbeholfen.
Doch auch der zweite Versuch gelang nicht. Amelita ließ sich auf die Wiese plumpsen. Leicht piekste sie etwas an ihrem Schürzenbund. Das Mädchen erinnerte sich an den wundersamen Blumenstrauß, den es am Anfang ihres Weges gepflückt hatte. Vorsichtig nahm sie diesen in die Hand und einer inneren Eingebung folgend krabbelte es zu dem Gemälde und strich vorsichtig mit den regenbogenbunten Blüten über das Bild. Und siehe da, das Kunstwerk begann zu leuchten und nahm die Farben der Blumen auf. Augenblicklich schimmerte es so, wie auch das Gemälde in dem Dachboden, fiel es Amelita auf. Sie wusste, nun würde sie zurück nach Hause kommen, dies war der richtige Weg. Schwungvoll drehte sie sich um.
„Du wirst eine wahre Hüterin der Märchenwelt sein.“ Zärtlich nahm Rotkäppchens Großmutter Amelita in den Arm. Stolz flatterte Kiki dem Mädchen auf die Nase und drückte ihm einen federleichten Schmetterlingskuss darauf. Dornröschen und die Zofe winkten.
Voller Vorfreude stieg Amelita durch das Gemälde hindurch.
Fast augenblicklich befand sie sich auf dem Dachboden, von dem ihr Abenteuer begonnen hatte. Als sie sich umblickte, sah alles so aus wie bei ihrem Verlassen – beinahe alles.
Ihre Großmutter wartete in dem alten Schaukelstuhl auf Amelita und streckte ihr mit einem wissenden Lächeln ihre Hände entgegen.

Quelle: Nadin Hardwiger