Es geschah irgendwann, irgendwo! Die hübsche Melora betrieb mit ihrer verwitweten Mutter eine kleine, aber gediegene Weberei. Die Käufer kamen in Scharen herbei, denn nirgendwo sonst gab es so kostbare Stoffe. An einem strahlenden Frühlingstag betrat der junge Graf Thure von Schwarzenstein das Weberhaus. Als er Melora erblickte, verliebte er sich stehenden Fußes in das Mädchen und begann, um ihre Gunst zu werben. Weil dies der jungen Weberin gefiel, zeigte sie sich nicht abgeneigt. Aber die Mutter sprach zu ihr: ,,Kind, schlag dir den Grafen aus dem Kopf, auf seiner Familie liegt ein Fluch.“
„Das ist doch nur Altweibergewäsch, Mutter. Neidische Zungen verbreiten diese boshaften Gerüchte.“
„Er wird dich ins Unglück stürzen. Diese adlige Bagage hat zuvor noch nie eine Bürgerliche in ihrer Familie geduldet.“
Jedoch Melora schlug die Warnung in den Wind, verlobte sich mit Graf Thure und folgte ihm.

Von Schwarzenstein half seiner Braut galant aus dem Wagen. Vor ihr lag der Familienbesitz, ein düsteres, altes Gemäuer, eingebettet in dichte Hecken und Baumbewuchs. Am Arm des Grafen stieg Melora die rötlichen Sandsteinstufen hinauf und durchschritt erschauernd das knarrende Portal. In der Eingangshalle herrschte ungemütliches Halbdunkel. Ein alter, spindeldürrer, schwarzbefrackter Diener schlurfte herbei. Er nahm das Gepäck und quälte sich damit die kunstvoll geschwungene Treppe hinauf.
„Ich freue mich schon sehr, nun bald deine Eltern kennenzulernen“, sagte die junge Braut in die eisige Stille hinein.
„Da wirst du dich noch etwas gedulden müssen“, entgegnete Thure kühl, ,,sie befinden sich auf einer längeren Reise.“
Klopfgeräusche ließen das Mädchen herumfahren. Im spärlichen Licht der wenigen Wandlampen humpelte am Stock ein dralles Weib heran, ebenso alt wie der Diener. Die weiße Schürze und Haube wiesen es als Köchin aus.
„Während ich mit Marthe das Nachtmahl bespreche, kannst du dir von Frieder dein Schlafgemach zeigen lassen. Geh nur zu ihm hinauf“, sagte der Graf.
Melora nickte, wandte sich der Treppe zu und bemerkte plötzlich ein mannshohes Wandgemälde. Sie verharrte, um es näher zu betrachten. Es zeigte eine seltsam anmutende Jagdgesellschaft. Die Männer saßen allesamt auf Wölfen statt auf Rössern. An den Hüften der Jäger hingen zahlreiche Trophäen. Der schönen Weberin lief es eiskalt über den Rücken. Sie schaute sich um und fand sich allein. Rasch eilte sie die breiten Stufen nach oben. Dort hörte sie in einem der vielen Zimmer den Diener wirtschaften. Melora zog die angelehnte Tür auf und trat ein. Der Raum verströmte die gleiche beklemmende Düsternis wie das gesamte Palais. Dunkle, schwere Möbel wirkten nahezu erdrückend. Hinzu kam ein modriger Geruch. Frieder schob die Koffer in einen Wandschrank, verneigte sich vor dem Mädchen und wollte gehen. Aber sie hielt ihn auf und fragte: ,,Bitte, wer sind die Männer auf dem großen Gemälde in der Halle?“
Der alte Mann sah an der Weberin vorbei, schüttelte sein Haupt und sagte kein Wort.
„Weißt du es nicht, oder willst du mir nicht antworten?“
Er blieb weiterhin stumm.
„Nun gut, das macht dich mir nicht sympathischer“, bemerkte sie verstimmt.
Da schlurfte Frieder dicht an Melora heran, öffnete weit seinen Mund und deutete mit dem Zeigefinger hinein. Verdutzt starrte sie in die leere Mundhöhle und wich einen Schritt zurück. ,,Das... du kannst gar nicht sprechen, weil du keine Zunge mehr hast.“
In diesem Moment erschien Thure und versicherte: ,,So ist er schon von Geburt an. Aber nun wird es Zeit zu speisen.“
Das junge Paar ging gemeinsam die Treppe hinunter. Als es am Gemälde vorbeikam, blieb Melora fast das Herz stehen. Die merkwürdige Jagdgesellschaft war verschwunden. An ihrer Stelle blühte ein großes Feld von rotem Klatschmohn. Die verwirrte junge Frau vermeinte sogar den Hauch eines Sommerwindes zu verspüren. Graf Thure führte sie zur festlich gedeckten Tafel. Das flackernde Kerzenlicht verlieh dem Antlitz des jungen Adligen teuflische Züge.
„Dieses uralte Gemäuer scheint mir die verrücktesten Bilder vorzugaukeln“, dachte das Mädchen. Später, als es allein in dem altväterlichen Himmelbett lag, fand es keinen Schlaf. Immer wieder sah es die wechselnden Motive des großen Wandgemäldes vor sich.

In der Ferne schlug eine Uhr Mitternacht, als Melora sich vor dem Gemälde wiederfand. Abermals hatte es sich völlig verändert. Ein romantisch verwilderter Garten lud zum Verweilen ein. Neben den gelben Seerosen im Teich prangte in der Idylle zuhauf stark duftender Hibiskus. Leises Quietschen ließ sie näher herantreten. Da bemerkte Melora am oberen linken Bildrand, halb verborgen in der Hecke, eine leicht geöffnete, kunstvoll verzierte Gitterpforte. Plötzlich schoss im Seerosenteich eine Fontäne in die Höhe. Wie in Trance schritt die junge Frau in das Gemälde und stand tatsächlich in einem Garten, welcher ihr nun auf seltsame Weise bekannt vorkam. Die geheimnisvolle Pforte zog sie magisch an und so schlüpfte sie neugierig hindurch. Verblüfft stellte sie fest, dass sie sich nunmehr in der elterlichen Weberei befand. Ihre Mutter lag schwer krank und völlig ausgezehrt darnieder.
„Was ist mit dir geschehen?“, rief Melora verzweifelt. Jedoch die alte weißhaarige Frau schien sie weder zu sehen noch zu hören. Weinend kniete die Tochter am Bett nieder und griff nach der mütterlichen Hand.

Schweißgebadet erwachte Melora vor dem Wandgemälde und erblickte darauf wiederum die wilden Jäger.
„Wie komme ich hierher?“, flüsterte sie und hastete in ihr Zimmer zurück.
Wenig später nahm sie mit ihrem Verlobten das Frühstück ein.
„Hattest du eine angenehme Nacht?“, fragte er.
,,Nein. Ein böser Traum quälte mich.“
,,Sehr schlimm?“
„Ja, Thure, aber es war ja nur ein Traum, deshalb möchte ich auch nicht näher darauf eingehen.“
„Wie du willst, meine Teuerste. Ich muss dich jetzt für einige Stunden allein lassen. Meine Geschäfte dulden leider keinen Aufschub.“

Der Tag floss zäh dahin. Das alte Dienerpaar ließ sich nicht blicken und die schöne Weberin sah sich etwas genauer in dem Palais um. In allen Räumen herrschte die gleiche bedrückende Atmosphäre.
Inzwischen war die Sonne untergegangen und der Graf noch immer nicht zurückgekehrt. Marthe bat die junge Frau zum Abendessen.
„Ich möchte mit dem Mahl auf den Hausherrn warten“, sagte Melora zur Köchin. Diese erwiderte mürrisch: ,,Das soll mir Recht sein, aber ich lege meine alten Knochen jetzt zur Ruhe. Gute Nacht, Gnädigste.“
„Schlaf gut, Marthe.“ Dann zog sich Melora ebenfalls zurück.
Sie saß auf dem Diwan und bürstete ihr langes, kupferrotes Haar, als es in der Eingangshalle laut klirrte. Hastig flocht sie einen Zopf, warf ein Tuch um die Schultern und schlich zur Treppe. Stufe für Stufe wagte sie sich hinunter. Allerdings konnte sie nichts Ungewöhnliches erspähen und wollte gerade wieder hinaufgehen, als ihr das Wandgemälde ins Blickfeld geriet.
„Was passiert hier nur? Es hat sich schon wieder verändert“, dachte sie.
Ein sonnendurchfluteter, herbstlich gefärbter Mischwald bot sich ihren Augen. Melora vernahm deutlich das Rauschen von Bäumen. Ein Windstoß wehte ihr tatsächlich welke Blätter vor die Füße. Sie konnte einfach nicht widerstehen und betrat den Wald. Plötzlich hörte sie schnell näherkommendes Pferdegetrappel und Jagdhörner. Im nächsten Moment wurde sie von einer Meute Hunde umringt. Zu Tode erschrocken versuchte sie zu fliehen und rannte immer tiefer in das Dickicht hinein. Bald musste sie erkennen, dass es kein Entrinnen gab. Die Reiter blieben ihr dicht auf den Fersen, jagten sie erbarmungslos, bis sie schließlich erschöpft zusammenbrach. Einer der Jäger beugte sich höhnisch lachend über sie, ergriff ihren kupferroten Zopf und schlug ihn mit seinem Hirschfänger ab. Dann knüpfte er das Jungfrauenhaar an seinen Gürtel. Melora schwanden die Sinne.

Eiseskälte riss die schöne Weberin in die Wirklichkeit zurück. Sie lag spärlich bekleidet und frierend in der Halle. Verstört erhob sie sich, schleppte sich zur Treppe und erstarrte vor dem abermals veränderten Wandgemälde. Die teuflische Reiterhorde aus dem Herbstwald starrte auf sie herab. Auch diese Kerle ritten auf Wölfen und mitten unter ihnen entdeckte Melora ihren Verlobten. An seinem Gürtel hing ein kupferroter Zopf. Sie tastete nach ihrem Haar, stieß einen gellenden Schrei aus und sank ohnmächtig zu Boden. Als sie wieder zu sich kam, schaute ihr ein Knabe ins Gesicht. Er half ihr aufzustehen. Vom finsteren Palais, dem Dienerpaar und dem Grafen Thure war weit und breit nichts zu sehen.
„Aber... wo ist denn der Familienbesitz derer von Schwarzenstein?“, fragte Melora den Burschen. Dieser erwiderte verwundert: ,,Du bist sicher nicht von hier! Eine solche Grafenfamilie hat in dieser Gegend zwar einmal gelebt, aber das war vor zweihundert Jahren.“
,,Und die Tuchweberei? Gibt es die etwa auch nicht mehr?“, fragte Melora ängstlich.
„Aber ja, die befindet sich gleich hinter der Wegbiegung.“
„Danke, Junge“, rief sie erleichtert.

Die Weberei befand sich Dank des neuen Besitzers in gutem Zustand. Der jüngsten seiner sieben Töchter widerfuhr in ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr das gleiche seltsame Schicksal wie einst der schönen Melora.

Quelle: Däumelinchen