Einst ereignete sich zur Sommerzeit, man weiß nicht wann und weiß nicht wo, eine gar seltsame Mär.
Großmutter Lottchen döste im Schaukelstuhl und schreckte plötzlich hoch, als ihr Enkel in die gute Stube hereinpolterte.
,,Jungchen, was rennst so, als wäre der Deibel hinter dir her.”
,,Das ist er auch, Großmutter, das ist er auch”, keuchte der kleine Moritz.
,,Soso! Da bin ich aber mal gespannt.”
Moritz kletterte auf ihren Schoß, deutete zum Fenster hinaus und berichtete aufgeregt:
,,Draußen im Garten, hinter dem Pavillon, dort wo mein Geheimversteck ist, da hab ich ihn gerade gesehen. Er ist winzig, trägt feuerrote Gewänder, hat einen kahlen Schädel und blickt gar böse drein.”
,,Hm, also du meinst, das wäre der Teufel gewesen?”
,,Aber bestimmt”, nickte der Bub, ,,der ist doch immer so rot.”
Lottchen lachte, strich ihrem Enkelchen übers Borstenhaar und meinte:
,,Musst dich nicht fürchten, mein Kleiner, du hast nur einen der Blumenwichtel gesehen. Die besuchen schon lange unseren Garten, weil er ihnen so gut gefällt.” Moritz sah seine Großmutter misstrauisch an und verlangte:
,,Trotzdem möchte ich heute bei dir schlafen.”
,,Abgemacht”, erwiderte sie, ,,dann werde ich dir vor dem zu Bett gehen wundervolle Wichtelgeschichten vorlesen.”

Die Sonne lachte schon eine ganze Weile vom strahlend blauen Himmel, als Moritz endlich den neuen Tag begrüßte. Er hockte sich zur Großmutter auf die Ofenbank, verputzte ein großes Stück Gugelhupf und schlürfte genüsslich seine Milch.
,,Na, was ist? Magst nicht hinaus, bei dem Kaiserwetter?”, fragte Lotte.
,,Ach, ich bleib noch ein wenig bei dir herinnen und mach es mir kommod”, antwortete der Bub ausweichend.
,,Bist du etwa krank, Junge, oder hast Manschetten wegen der kleinen Besucher? Hab nur keine Bange. Die Kerlchen sind recht verträglich und ich weiß sogar, wie man sich mit ihnen anfreunden kann.”
,,Ist das wahr? Und wie stelle ich das an?”, fragte Moritz, nun neugierig geworden. Die alte Frau kramte eine zerknüllte Papiertüte hervor, strich sie glatt und füllte buntes Zuckerzeug hinein. Dann reichte sie es dem Knaben mit den Worten:
,,Dieses Naschwerk lockt die Wichtel flugs an. Sie können nicht genug davon bekommen.”

Seine süße Tüte im Arm lief Moritz in den Garten hinaus. Aufmerksam blickte er sich um, konnte aber keinen einzigen Blumenwichtel entdecken. Nachdem er das Versteck aufgesucht hatte, tat er sich an einem Kandis gütlich. Während er gedankenverloren schleckte, raschelte es plötzlich im Gesträuch und noch ehe er sich`s versah, zwackte etwas an seiner Wade. Erschrocken sprang er auf und erblickte den gerade drei Fuß hohen roten Burschen. Dieser meinte keck:
,,Du solltest die Köstlichkeiten besser nicht alleine verschnabulieren, sonst wird dich gar bald höllisches Bauchweh plagen.”
Moritz erwiderte verschmitzt:
,,Oh je, da hast du wohl recht, danke. Dann lass ich lieber noch was für Morgen übrig.”
,,Oder aber”, entgegnete der Winzling lauernd, ,,du überlässt mir den Rest aus deiner Tüte.”
,,Stimmt! Da, greif nur zu”, ermunterte Moritz ihn. Und zog im gleichen Moment das dargebotene Naschwerk mit den Worten: ,,Nein, das mag ich dir nicht antun”, zurück. Der rote Blumenwichtel fragte ihn grimmig:
,,He, du. Was willst du mir nicht antun?”
,,Schau doch”, deutete der Knabe auf das Zuckerzeug, ,,wenn es mir schon den Magen verdirbt, dann muss es dich noch viel kleineren Kerl ja fast dahinraffen.”
,,Potz Blitz”, dachte der Wichtel, ,,dieses Kind ist gar nicht so leicht hinters Licht zu führen”, und er erwiderte: ,,Das habe ich wohl bedacht. Aber da sind ja noch meine drei Brüder.”
,,Brüder?”
,,Ja. Der Zapf, der Zupf, der Zepf und ich bin der Zipf.”
,,Hm. Ach so, ja dann geb ich euch das Naschwerk gern, aber ich sehe die Drei nirgends.”
,,Kannst du auch nicht. Sie sind gerade im Wichteltal.”
,,Och, schade. Wo liegt denn dieses Tal?”
,,Na gut. Komm, Moritz, ich zeige dir den Weg.”
Der Knabe kroch hinter Zipf durch das Gebüsch, bis hin zur Brombeerhecke am hinteren Zaun. Dort lüpfte der Wichtel eine am Boden liegende Dachschindel und ein tellergroßes Loch wurde sichtbar.
,,Siehst du, Junge, hier hindurch, kommt man in unser Tal.”
,,Das hast du dir aber fein ausgedacht”, schmollte Moritz, ,,so musst du mir ja nicht deine Brüder vorstellen!”
,,Wer weiß”, meinte Zipf grinsend und zog eine blaue Beere aus seinem Wams.
,,Aber vielleicht magst du diese Frucht aus dem Wichteltal versuchen?”
Noch nie zuvor hatte der Bub derart blaues Obst gesehen und so steckte er es voller Neugier in den Mund. Kaum war es zerbissen, brannte die Zunge ganz entsetzlich und ein eklig bitterer Geschmack breitete sich aus. Die unangenehme Wirkung trieb Moritz das Wasser in die Augen und als sein Blick wieder klar wurde, bemerkte er verwundert, dass sowohl Zipf als auch das Loch im Erdboden gewachsen waren. ,,Wie konntest du so schnell meine Größe erreichen?”
,,Hab ich doch gar nicht. Das ist ein Irrtum, denn du bist auf drei Fuß geschrumpft und kannst mich nun in unser Tal begleiten. Aber hab keine Furcht, du kehrst später auf die gleiche Weise wieder zurück.”
Dann ließen sich Moritz und Zipf an einem Seil in die Tiefe hinab. Bereits nach wenigen Klaftern erreichten sie eine Plattform. Dort stiegen sie in das bereitstehende Schienenwägelchen ein und sausten geschwind durch einen schummrigen Tunnel. Es dauerte nicht lange und der unterirdische Gang spuckte sie wieder aus. Nun fand sich Moritz in einem malerisch schönen und sonnigen Tal wieder, welches mit vielen lustigen Häuschen geschmückt war.
,,Wo sind jetzt deine Brüder?”, fragte er ungeduldig.
,,Wart es nur ab, wir sind gleich bei ihnen.”

Kurz darauf betraten sie eine der bemalten Hütten und Moritz glaubte zu träumen. Die drei Wichtel glichen Zipf aufs Haar, sie unterschieden sich nur durch ihre Gewänder. ,,Aber Bruder“, rief Zupf empört, ,,wie konntest du nur einen der Riesen in unsere Welt mitbringen. Er wird uns ins Unglück stürzen.”
,,Gemach”, beschwichtigte der rote Wichtel die quirligen Kerlchen. ,,Das ist doch nur ein Kind, ein kluges und gutes Menschlein. Es würde uns niemals Böses wollen.” Dann wandte er sich an Moritz, deutete auf den Wichtel in Grün und erklärte:
,,Das ist Zapf. In Blau siehst du Zupf und in Gelb Zepf.”
Der Bub brachte keinen Ton heraus und betrachtete neugierig die kleine Gesellschaft, bis Zipf ihm zuzischte:
,,Nun rück es endlich raus!”
Was sollte er? Ach ja, er erinnerte sich wieder an sein Naschwerk und überreichte es flugs den Blumenwichteln. Beim Anblick der Köstlichkeiten gerieten die vier Bürschchen völlig aus dem Häuschen und sie lutschten, schmatzten, schleckten, schlugen gar Purzelbäume, tanzten wie wild und wirbelten Moritz immer wieder herum. In ihrem süßen Rausch bemerkte niemand, dass sich inzwischen sämtliche Talbewohner vor dem Haus versammelt hatten. Plötzlich pochte es heftig an der Pforte. Zupf öffnete und schaute in viele fragende Gesichter.
,,Eia weia! Was wollt ihr denn alle hier?”, fragte er verblüfft.
,,Nun”, rief einer aus der Menge, ,,bei dem Lärm ist nicht zu überhören, dass ihr ein Fest gebt. Wohl an, wir wollen mitfeiern.”
Erwartungsvoll blickten alle auf Zupf. Der erschrak mächtig, denn in seinem Mund befand sich gerade das allerletzte Stück Zuckerwerk. Nun war guter Rat teuer. Die Wichtelbrüder machten lange Gesichter und wussten nicht ein noch aus. Moritz hingegen meinte nach einer Weile:
,,Ich denke, ich kann euch helfen.” Er bat Zipf: ,,Jetzt bringe mich bitte in meine Welt zurück.”
Zapf, Zupf und Zepf sahen den Knaben misstrauisch an und einer flüsterte:
,,Von wegen helfen, der will sich doch bloß aus dem Staub machen.”
,,Nein, das mache ich bestimmt nicht”, versprach Moritz.
Zipf begleitete ihn bis zur Brombeerhecke. Dort aß der Junge dann eine grüne Zauberfrucht und erlangte in Windeseile seine normale Größe.

Tags darauf erschien der rote Blumenwichtel wie verabredet am Tunnel und Moritz übergab ihm eine große Tüte mit Naschwerk. Seither verband den Buben und das kleine Völkchen eine innige Freundschaft und von Zeit zu Zeit besuchte Moritz es im Wichteltal. Aber einmal im Jahr, und zwar in einer August Nacht, kommen alle Talbewohner heimlich in Großmutter Lottchens Garten. Dann feiern sie gemeinsam mit Moritz das Glühwürmchenfest und schlemmen dabei allerlei buntes Zuckerwerk.

Quelle: Ulla Magonz