Es war einmal ein junger König, der über ein blühendes Reich herrschte. Obwohl er von seinem Volk geliebt wurde und ein großes Vermögen sein Eigen nannte, war er doch nicht glücklich, denn er sehnte sich nach einer klugen Frau, die er von ganzem Herzen lieben konnte. Viele Fürsten und Herzöge kamen an seinen Hof, um ihm die Hand ihrer Töchter anzubieten, doch manche der Mädchen schienen dem König mehr in seine Krone, denn in ihn selbst verliebt zu sein. Andere wiederum wirkten still und unglücklich und er spürte im Herzen, dass sie sich viel lieber einem anderen versprochen hätten. So blieb er allein, während Jahr um Jahr dahinzog, die Bäume ihre Blätter fallen ließen, nur um nach den ersten Frösten wieder lieblich aufzublühen, und die Sehnsucht in seinem Herzen wuchs, bis sie schier unerträglich wurde.
Eines Tages hörte er vor seinem Fenster einen Spielmann eine traurige Weise anstimmen, die von einem fernen Land kündete, in dem eine Königstochter ihres Retters harrte.
„Guter Mann!“, rief der König, noch immer von der Schönheit des fremdartigen Liedes verzaubert, dem Sänger zu. „Sagt, ist es wahr, wovon Eure Weise erzählt?“
„Man sagt so, mein Herr“, kam die Antwort. „Hoch im Norden soll die Burg liegen, in der die arme Prinzessin eingeschlossen ist. Doch es heißt, ein Untier bewacht sie, unter dessen scharfen Klauen bereits viele Edelmänner ihr Ende gefunden haben.“
Der junge König jedoch war fest entschlossen, dem armen Mädchen zu helfen und hoffte, mit ihm vielleicht seine Zukünftige heimzuführen. Schon am nächsten Tag sattelte er sein Pferd, überließ die Regierungsgeschäfte seinen Vasallen und ritt gen Norden davon.
Der Mond magerte ab, verblasste zwischen den Sternen und rundete sich wieder, bis er bleich und voll wie ein silberner Apfel über den Bäumen hing, ehe der König erschöpft von der Reise ein seltsames Land erreichte. In seinem eigenen Reich ließ noch kein Herbstfrost die Blumen verwelken und die Bauern hatten die Ernte noch nicht eingeholt, dieses Land jedoch lag schneebedeckt unter einem bleigrauen Himmel.
„Gewiss bin ich meinem Ziel nun nahe“, sagte sich der König. Doch nirgends sah er eine Menschenseele, die er nach dem Weg zum Schloss hätte fragen können. Die Bauernhöfe und Katen lagen leer unter einer schweren Last von Eis und Schnee. Durch die Straßen der verlassenen Dörfer pfiff der Wind wie ein unheilvoller Geist.
Als der König am Abend rastete, landete eine Lerche in den schneebedeckten Zweigen über ihm und sprach zu seinem Erstaunen mit menschlicher Stimme: „Sagt mir, Herr, was sucht Ihr in diesem unseligen Land?“
„Ich bin auf dem Weg zum Schloss, um die verwunschene Prinzessin zu befreien“, antwortete er. „Aber kein Mensch ist hier, mir den Weg zu weisen.“
„Wahrlich, sie zogen alle fort aus diesem kalten Land, als unsere Königin starb. Zurück blieb einzig die Prinzessin in ihrem Turm. Doch ein wilder Luchs lebt in den alten Gemäuern und tötet jeden Edelmann, der sein Glück versucht. Ich bitte Euch, geht nicht!“
„Ich habe mein Schwert und meinen Mut!“, rief da der junge König und der Vogel ließ traurig die Flügel hängen.
„Dann will ich Euch begleiten, mein Herr, aber das Herz ist mir schwer, denn zu viele habe ich schon in den Tod geführt.“
So flog die Lerche dem König voran und wann immer er sie aus dem Blick verlor, wies ihm ihr heller Gesang den rechten Weg.
Nachdem sie einige Tage durch die frosterstarrte Wildnis gereist waren, erreichten sie ein großes Schloss. Zwar war das Tor verwittert und stand halb offen und die weiße Farbe blätterte schon von den Fensterläden, doch kündeten die hohen Mauern und Türme von vergangenen, ruhmreichen Zeiten.
„Nun denn“, sagte der König zu der Lerche. „Hab Dank, lieber Vogel, nun muss ich allein weitergehen.“
Diese aber schlug wild mit den Flügeln und rief mit ängstlicher Stimme: „Nein, nein! Bleibt hier! Ihr seid der Ehrenhafteste von den vielen Freiern, die schon hierher kamen und ihr Leben ließen. Ich will nicht, dass Euch dasselbe Schicksal droht!“
„Sei unbesorgt, ich weiß mein Schwert gut zu gebrauchen und werde schon mit dem Untier fertig werden“, antwortete der König, doch die Lerche wurde durch seine Worte nur noch verzweifelter.
„Nein, oh nein!“, jammerte sie. „Wie der Kampf auch ausgehen mag, mein Herz müsste vor Schmerz zerspringen! Oh mein Herr, der Luchs ist doch mein Bruder!“
Sie ließ sich auf der Schulter des erstaunten Königs nieder und fuhr fort: „Einst waren wir Menschen, einfache Köhlerskinder. Eines Tages fuhr die Kutsche der Königin durch den Wald, in dem wir lebten, und mein Bruder erhaschte durch die seidenen Vorhänge einen Blick auf ihre schöne Tochter. Der Augenblick, in dem sie sich verliebten, war auch der Anfang unseres Verderbens. Die Königin nämlich war eine große Zauberin und wollte ihr Kind keinem Geringeren als einem König oder Prinzen zur Frau geben, und so verwandelte sie meinen Bruder in ein wildes Tier. Die Prinzessin jedoch brachte sie in den höchsten Turm und legte einen Zauber auf sie, sodass sie zu Stein würde, setzte sie auch nur einen Fuß über die Schwelle ihres Gemaches. Nur an der Seite eines Mannes von adeligem Blut, der sie zu heiraten gedächte, sollte sie die Burg verlassen können.
Als ich davon erfuhr, eilte ich zur Königin und bat um Gnade für meinen Bruder, aber sie verwandelte auch mich und band mich in der Gestalt eines hilflosen Vogels an das Fenstersims der Prinzessin, auf dass mein eigener, hungriger Bruder mich mit seinen scharfen Klauen töte. Er aber erkannte mich und durchtrennte mit seinen Krallen die Bänder, die mich hielten. So lebten wir drei unter dem Fluch, der auch nicht durch den Tod der Königin gebrochen wurde, während das Reich um uns zerfiel und die Menschen in wärmere Länder fortzogen. Freilich kamen immer wieder Prinzen und Edelmänner an den Hof, um sich die schöne Königstochter mit Gewalt zur Frau zu nehmen, doch mein Bruder tötete sie alle, noch ehe sie ihr Gemach erreichten. So bitte ich Euch, geht Eurer Wege und sterbt nicht diesen unsinnigen Tod!“
Der König war berührt von der traurigen Erzählung der Lerche und zögerte, doch schließlich antwortete er: „Der Fluch kann nicht für immer bestehen bleiben, und da ich nun einmal hier bin, werde ich alles tun, um ihn zu brechen!“
Mit diesen Worten fasste er sein Schwert fester und trat durch das Tor, während die Lerche mit hängenden Flügeln am Boden hockte und bittere Tränen um ihn weinte.
Kaum hatte der König das Gemäuer betreten, als aus einer dunklen Ecke wütendes Fauchen drang und ein riesiger Luchs aus dem Schatten stürmte. Rasch duckte er sich, sodass das Tier über ihn hinwegsprang und über den Boden rollte. Der junge König wollte mit dem Schwert nach der Bestie schlagen, aber er erinnerte sich an die Worte der Lerche und wich stattdessen zurück, bis er stolperte und zu Boden fiel. Siegessicher sprang der Luchs herbei, doch als er eben eine Klaue zum tödlichen Schlag erheben wollte, flog die Lerche zwischen beide und ließ sich warm und leicht über dem Herzen des Königs nieder.
„Halte ein, Bruder!“, rief sie. „Der Mann, den du im Begriff bist, zu töten, hat ein gutes Herz, das kann ich dir bezeugen! Er kam, um den Fluch von deiner Liebsten zu nehmen, nicht um sie ihrer Schönheit willen wie ein Beutestück nach Hause zu führen. So höre mich an: Du weißt, wie bittere Tränen die Prinzessin in der Einsamkeit ihres Turmes vergießt. Wenn auch wir beide bis an unser Lebensende verwandelt bleiben müssen, so kann doch sie gerettet werden. Dieser Mann mag nicht ihre wahre Liebe sein, aber er ist ehrenhafter und edler als all die anderen Freier zusammen! Lass sie mit ihm aus diesem schrecklichen Land fortgehen und vielleicht ein besseres Los finden.“
Da senkte der Luchs den Kopf und ließ den König aufstehen. Tränen rannen ihm aus den gelben Augen, als er sagte: „Ich glaube dir, Schwester, und will auf deinen Rat hören, auch wenn es mich mehr schmerzt als alles andere auf der Welt. Du sagst, er habe ein gutes Herz – ich will dir vertrauen. Wenn es auch nach dem Willen meiner Liebsten ist, dann soll er sie als seine Braut heimführen. Worauf wartet Ihr, Fremder, dort ist die Treppe, die in ihr Gemach führt!“
Der König tat einige Schritte, doch dann wandte er sich um und schüttelte den Kopf.
„Ich kann sie nicht erlösen. Zwar bin ich von adeligem Blut, doch wie kann ich wünschen, sie zur Frau zu nehmen, wenn ich weiß, wie unglücklich sie dabei ist? Nein, ich will alles tun, den Zauber von euch zu nehmen, aber heiraten kann ich sie nicht!“
Da erbebte der Boden, die Wände ächzten und als der junge König aufsah, standen statt Luchs und Lerche ein Mädchen und ein junger Mann mit demselben dunklen Haar und denselben grauen Augen Seite und Seite.
Im Hofstaat der alten Zauberin nämlich war eine Fee gewesen, die den schrecklichen Fluch zwar nicht aufheben, aber lindern konnte. Einer, der die ihm dargebotene Hand der Prinzessin ihretwillen verschmähte, so beschloss sie, sollte den Bann für immer brechen können.
Als die Geschwister sahen, was geschehen war, fielen sie sich freudig in die Arme und stiegen dann Seite an Seite mit dem König zum Gemach der Prinzessin hinauf, die ihren zurückverwandelten Liebsten voller Glück in die Arme schloss.
Bereits am nächsten Tag machte sich der König in Gesellschaft der drei auf den Heimweg. In seinem Schloss vermählte man endlich die Prinzessin mit ihrem Liebsten, der König selbst aber heiratete die Köhlerstochter, die er von ganzem Herzen lieben konnte.

Quelle: Miyax