Vor langer, langer Zeit, lebte hoch oben auf einem Berg in einem riesigen Palast König Constantin.
Der arme Herrscher hatte eine sehr schlimme Krankheit, denn er konnte die Sonne nicht vertragen. Darum schlief der König am Tage und erledigte nachts alle anfallenden Arbeiten. So konnte Constantin das Leben am Tage nicht genießen, nicht die Schönheiten bei Sonnenlicht erleben und das Treiben seiner Untertanen verfolgen. Er sah weder die bunten Blumen noch das Grün des Waldes, denn wenn er nachts aus dem Fenster sah, war die Landschaft grau in grau. Viele Ärzte des Landes hatten ihre Künste an dem Herrscher ausprobiert. Doch keiner konnte ihm helfen.

Im Dorf lebte Anne-Kathrin mit ihrer Mutter. Die Junge Frau war mit einer himmlischen Gabe gesegnet. Kamen Menschen, die traurig oder den Lebensmut verloren hatten, dann sprach sie mit ihnen über deren Kummer und legte ihnen die Hand auf. Gleich darauf durchströmte die Hilfesuchenden eine angenehme Wärme. Sie fühlten sich sofort viel wohler. Und wenn sie die bescheidene Hütte verließen, sahen sie die Welt mit ganz anderen Augen. Der Tag erschien ihnen heller, die Blumen viel bunter und der Wald war noch nie so grün gewesen.

Constantin, der durch seine unheilbare Krankheit, oft in eine trostlose Stimmung geriet, war dieser Frau allerdings noch nie begegnet, denn er schlief am Tage, sie in der Nacht.

Eines Tages zog ein großes Unwetter auf. Der Himmel verfinsterte sich, es wurde so dunkel wie in der Nacht. Der König, der gerade schlief, erwachte, kleidete sich an, sattelte sein Pferd und ritt aus.
Während er noch unterwegs war, verging das Unwetter und es wurde wieder hell. Der Monarch galoppierte gerade mit seinem Pferd durch das kleine Dorf, als seine tiefschwarzen Augen durch das Sonnenlicht zu schmerzen begannen und ihm schwindlig wurde. Er stürzte vom Pferd und fiel auf einen großen Stein, so dass sein Kopf sofort blutete.

Alles das geschah vor Anne-Kathrins Elternhaus, die vom Fenster aus den Sturz beobachtet hatte und sofort nach draußen lief, um zu helfen. Ihre Mutter wurde aufmerksam und kam der Tochter schnell zu Hilfe. Mit aller Kraft, hoben sie Constantin auf und brachten ihn in die Schlafkammer von Anne-Kathrin, legten den gut aussehenden Mann auf das Bett und verbanden die Wunde an seinem Kopf. Dann kochte Anne einen heilsamen Kräutertee, bettet den Kopf des Herrschers an ihre Brust und flösste ihm das heiße Getränk ein, das die Lebensgeister des Königs erweckte. Danach legte die junge Frau ihm beruhigend die Hand auf den Kopf. Sie wusste zu dieser Stunde allerdings nicht, wem sie gerade geholfen hatte.
Als der kranke Mann wieder vollends bei Bewusstsein war, glaubte er nicht, was seine Augen sahen. Die Umwelt war nicht mehr grau in grau.
Er erblickte Anne-Kathrin und verliebte sich sogleich in ihr sanftes Wesen. Constantin war glücklich, als sie gestand, sich ebenfalls in ihn verleibt zu haben. Von Stund an war der Monarch geheilt. Er erzählte beiden von seiner Herkunft und der teuflischen Krankheit. Nun war es ihm doch noch vergönnt, die Welt in all ihrer Schönheit zu erleben.

Die Mutter erfreute sich am Glück der Tochter, aber das Angebot mit aufs Schloss zu kommen schlug sie aus. Jedoch versprach sie, die beiden oft zu besuchen, vor allem, wenn ihr erstes Enkelchen zu Welt käme.
Der König war’s zufrieden, nahm Anne-Kathrin mit in den Palast und machte sie zu seiner Königin. Beide waren glücklich und erfreuten sich noch lange an der farbenprächtigen, schönen Natur.

Quelle: Friedrich Buchmann