Tritt ein und lass dich verzaubern
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Der Versöhnungsbaum
Ein armer Fischer, welcher abends nie wußte, wie er am nächsten Tag sich und sein Weib erhalten solle, hatte schon die halbe Nacht hindurch sein Netz geworfen und wieder aufgezogen, ohne nur eine Flosse darin zu sehen; ja, er hatte dabei noch alle Not, um es nur immer wieder von dem Kot und Unrat zu reinigen, welchen er damit aufbrachte. Unmutig war er eben mit dieser Arbeit wieder fertig geworden und zog jetzt das Netz so schwer herauf, daß er es kaum über die Wand seines Kahnes zu ziehen vermochte. Bevor er es aber auseinanderlegte, machte sich ein schwarzer, unkenntlicher Gegenstand, den er darin hatte, mit unglaublicher Schnelligkeit selber daraus frei, und plötzlich stand der Teufel vor ihm. Ohne viele Umschweife fragte ihn der Böse: »Was gibst du, was schenkst du mir, Alter, wenn ich dich reich mache, daß du dein Leben lang über und über genug hast?« Nach einigem Besinnen antwortete der Gefragte, der sich von seinem Schrecken wieder etwas erholt hatte: »Ich gebe dir dafür das Liebste, was ich zu Hause habe.« Hierbei dachte der Bauer weder an sein Weib noch an sein Kind, sondern nur an Gegenstände, die einer gewöhnlich sein eigen heißt: an seinen Hund oder seine Katze oder seinen Sonntagsrock. Der Vertrag wurde hierauf beschworen, und zwar so, daß der Fischer sogleich ungeheuer reich sein, seinerseits aber erst in sechzehn Jahren das, was er um diese Zeit am liebsten zu Hause haben werde, an einem besonderen Orte, den ihm der Teufel nachher noch näher bezeichnete, übergeben solle. Den geschlossenen Vertrag bekräftigte dieser alsbald mit einem unermeßlichen Haufen Goldes, welchen er jenem ins Netz warf, als er dieses wieder geworfen hatte. Wie der Fischer mit dickem Schweiß auf der Stirne den Schatz im Kahne hatte und sich nun nach seinem Helfer umsehen wollte, war von diesem bereits keine Spur mehr zu sehen. Hierauf warf der Glückliche schnell wieder aus und tat einen Zug, der eher noch schwerer war als der vorige. Von dem Gewichte des vielen Goldes ging der Kahn so tief ins Wasser, daß er kaum noch eine Spanne über dem Wellenspiegel stand. Jetzt warf er zum drittenmal aus und hatte kaum noch Kraft aufzuziehen; da er jedoch wieder nicht Fische, sondern lauter blanke Dukaten erblickte, so gab ihm die Habsucht Kraft. Er zog auch den dritten Fang in seinen Kahn, mußte nun aber, wenn er nicht samt seinen Schätzen ertrinken wollte, schleunig ans Land rudern. Mit Hilfe der Seinigen wurde bald der ganze Schatz in die armselige Hütte geschafft, welche gleich nach einigen Tagen verlassen und mit einem ansehnlichen Haus in der Stadt vertauscht wurde, wo die arme Fischerfamilie nunmehr in voller Zufriedenheit lebte. Der Sohn ging in die Schule und lernte fleißig, worüber der Alte sich sehr freute. Aus seinem Gedächtnis hatte die Zeit fast jeden Gedanken an den Vertrag, den er mit dem Teufel geschlossen, verwischt; hie und da nur kam es dem Greise trüb, und er wurde unmutig, so daß er in solchen Augenblicken seinen Sohn anfuhr, ja wohl auch mißhandelte.