Tritt ein und lass dich verzaubern
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O das Veilchen!
Es waren einmal vier Schwestern, die saßen zusammen auf der Terrasse des Hauses und arbeiteten. Die jüngste war die schönste und die war eine Spinnerin. Wenn sie spann, hatte sie neben sich einen Topf mit Veilchen, und am Abend, wenn sie mit Spinnen aufhörte, begoß sie ihre Veilchen und sang dazu mit süßer Stimme ein Lied mit dem Ritornell: »O das Veilchen! das Veilchen!« Eines Tages nun ging der Königssohn vorüber, sieht die vier Schwestern auf der Terrasse, und wie er die Stimme der jüngsten hört, entbrennt sein Herz in Liebe für sie und er sagt: »Schön ist die, welche liest, schön auch die, welche strickt, und die, welche näht, aber die, welche spinnt, hat mir mein Herz verwundet! O das Veilchen! das Veilchen!« Da erfüllten sich die Seelen der drei ältern Schwestern mit Neid; daß die jüngste das Glück haben sollte, von jenem geliebt zu werden, ertrugen sie nicht, und so warfen sie das Schwesterlein eines Tages in eine tiefe Grube. Im Grunde der Grube war eine Höhle, wo sich die Feen zu versammeln pflegten; auch an diesem Tage fanden sie sich dort, und als sie das Mädchen, durch die Hände der Schwestern geworfen, herabfallen sahen, wo sie sich sicher den Hals gebrochen hätte, trugen sie sie auf Händen herab, und ganz sanft kam sie auf dem Grunde an. Und da war auch schon der Königssohn, der war verzaubert, und die Feen verschwanden. Das arme Mädchen hatte ein Herz voll Unschuld und wußte nichts vom Lauf der Welt. Sie liebte den Königssohn von ganzem Herzen, und wie sie denn so gar allein mit ihm war, geschah es, daß sie, ohne zu glauben eine Sünde zu thun, ihm zu Willen war. Acht Tage hatte sie mit dem Geliebten in der Höhle verbracht, da hörte sie einst von oben her Stimmen, und wie sie hinaustrat, zu sehen, was es wäre, sah sie ihre drei Schwestern. Die verwunderten sich sehr, sie noch am Leben zu finden, merkten aber bald, daß dies nur durch Hülfe der Feen geschehen sein konnte. Sie sahen auch den Geliebten der Schwester, wie er aus der Grotte trat, in der Rechten ein Krüglein Wein, in der Linken eins mit Wasser. Er gab ihr von dem Wasser zu trinken und trank selbst vom Wein. Die drei Schwestern, die sich auf Zauberwerk verstanden, erkannten das Geheimniß des Weines und erriethen, daß der Schwester, sobald sie davon getrunken, die Augen aufgehen und sie erkennen müsse, welche Sünde sie begangen habe. Sie hofften, daß sie alsdann vor Scham am gebrochenen Herzen sterben werde, und sagten: »Schwester, wir bereuen so sehr, daß wir dich umbringen wollten; willst du dich aber retten, so ist es noch an der Zeit: trinke von jenem Wein im Krüglein, und du wirst gerettet sein.« Der Königssohn erschrak und erzürnte sich dermaßen über die Bosheit der Schwestern, daß er sie mit einer Verwünschung vor einen Spiegel bannte, in welchem sie sich so häßlich erschienen, daß sie gingen und sich aufhängten. Die arme Kleine aber hatte bereits vom Wein im