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Der Arzt von Fougeray
Die Einwohner von Fougeray sind nicht sehr gastfreundlich und sie lieben die Beamten der Regierung nicht sehr, noch weniger aber jene Leute, die sie die »Draußigen« nennen, das heißt die Landfremden, welche sich dort ansiedeln. Das ist jederzeit so gewesen. Einstmals ließ sich ein junger Mann, den man gar nicht kannte, in Fougeray als Arzt nieder. Er war ein großer blonder Bursch mit einem ausländischen Akzent, lebte sehr zurückgezogen und wollte mit keinem Menschen Bekanntschaft schließen. Er hatte in diesem Ort ein Häuschen gemietet, das aus zwei Zimmern im Erdgeschoß und zwei Kammern im ersten Stock bestand. Im Winter sah man ihn fast nie, aber man bemerkte die ganze Nacht Licht in seiner Kammer. Im Sommer saß er vor seiner Türe auf einer Holzbank, rauchte aus einer großen deutschen Pfeife und schaute den Schwalben zu, die um den Kirchturm segelten. Niemals verließen seine Augen die Vögel, welche in ihm Erinnerungen an seine ferne Heimat wachzurufen schienen. Wenn ihn jemand zufällig anredete, so antwortete er kaum und ließ sich niemals in ein Gespräch ein. Wie sollte man sich erklären, daß er einen im hintersten Winkel des Erdbodens versteckten Flecken statt eines Durchgangsortes gewählt hatte? Man wußte es nicht und niemand hätte es gewagt, ihn darum zu fragen. Er hatte keinen Empfehlungsbrief mitgebracht und war keinem Menschen vorgestellt worden. Ein Diener, der ebenso eisig war wie sein Herr, besorgte den Haushalt, die Küche und das Pferd, das der Arzt geglaubt hatte kaufen zu müssen, um seine Gänge zu machen. Ach! er brauchte keine Gänge zu machen, denn nur höchst selten wurde er zu den Kranken gerufen. Und trotzdem hielt man ihn für gelehrt und geschickt. Es gab um diese Zeit in Fougeray auch einen alten Kurpfuscher, welcher zwar nur den Titel eines Wundarztes hatte, aber nichtsdestoweniger das Gewerbe eines Arztes ausübte. Er machte allerdings nur Aderlässe und verschrieb nichts als Klystiere. Dies genügte jedoch, um eine Menge Kranker wieder auf die Beine zu bringen, die, von einem Studierten behandelt, sicher umgekommen wären. Er behauptete, die Tiere seien weniger dumm als wir. »Schaut den Hund an,« sagte er, »wenn er sich krank fühlt, so hört er zu fressen auf und legt sich hin. Wenn der Mensch es ebenso machen würde, so könnte er den Arzt entbehren.« Der arme Doktor kam um vor Langeweile und begann schon den Mut zu verlieren, als er eines Abends sehr spät von einem Besuch bei einem Arbeiter zurückkam, der sich beim Einsturz eines Steinbruches das Bein verletzt hatte. Er durchquerte die ungeheure Heide von Morelles, die heute urbar gemacht ist. Inmitten dieser Heide, die zur Gemeinde St.-Anne-sur- Villaine gehörte, bemerkte er auf einmal tausende von kleinen brennenden Lampen, die voneinander getrennte Gruppen bildeten. Er hielt sein Pferd an, um dieses seltsame Schauspiel genauer zu betrachten. Ohne daß er das geringste Geräusch gehört hatte, war plötzlich ein Reiter an seiner Seite und sprach zu ihm: »Das ist etwas, das dich in Staunen setzt, junger Mann, und wenn ich dir erkläre, was das bedeutet, wird deine Überraschung noch größer sein.«