Tritt ein und lass dich verzaubern
Hier dreht sich alles um die phantastische Welt der Märchen und davon bekommst du jede Menge geboten. Über 4000 klassische und sehr viele brandneue Märchen warten auf dich.
Der Sohn des Wesirs
Ein reicher Wesir hatte einen Sohn, einen Jüngling von bescheidenem, wohlanständigem Betragen. Eines Tages erkrankte der Wesir, und als er merkte, daß er sterben würde, rief er sein Weib zu sich. „Ich spüre, daß ich nur noch wenige Stunden zu leben habe“, sprach er. „Gottlob ist unser Sohn wohlgeraten. Aber wer weiß, was noch aus ihm wird, ist doch der Mensch ein ungelöstes Rätsel, zumal ein heißblütiger Jüngling. Vielleicht verfällt er eines Tages auf den Gedanken, sein väterliches Erbe zu verschleudern, so daß du auf deine alten Tage betteln gehen mußt. Deshalb wünsche ich, daß du die Schlüssel zu meinen drei Geheimkammern an dich nimmst, sie sorgfältig verwahrst und sie keinem aushändigst. Dann wirst du niemals Not leiden.“ Die Frau des Wesirs nahm die Schlüssel an sich, und kurz darauf war der Wesir tot. Der Sohn richtete ihm ein reiches Begräbnis aus, wie es die Sitte verlangte, und ging täglich an seines Vaters Grab, um dort zu beten. Der Wesir hatte drei Diener in seinem Hause, die samt und sonders einen hohen Lohn bekamen, aber auf seinem Sterbelager hatte er sie vergessen und in seinem Testament nicht über sie verfügt. Deshalb fragten sie sich nun besorgt, ob der junge Herr ihnen wohl den hohen Lohn weiterzahlen würde, und zerbrachen sich den Kopf, wie sie es anstellen könnten, ihm eine große Summe abzulisten und sich dann mit heiler Haut davonzumachen. „Seid ohne Sorge!“ sagte endlich der jüngste Diener. „Ich will den Wesirssohn betrunken machen und ihm danach mindestens die Hälfte seines Reichtums abnehmen!“ Als sich der Wesirssohn am folgenden Tage wieder zu seines Vaters Grab begab, um zu beten, schlich ihm der Diener heimlich nach, einen Schnapskrug unter dem Gewand verborgen, und setzte sich, während der Jüngling sein Gebet sprach, auf einen in der Nähe befindlichen Grabstein. Dort zog er den Krug hervor, führte ihn mit feierlicher Gebärde zum Munde und trank. Das beobachtete der Wesirssohn, ohne sein Gebet zu unterbrechen. „Was machst du hier?“ fragte er, nachdem er fertig war. „In diesem Grabe liegt mein Vater“, gab der Diener zur Antwort. „Und nun sitze ich hier und schaue zu, wie wohl es ihm im Paradies ergeht.“ — „Wie gelingt es dir denn, deinen Vater zu sehen, obgleich er tot ist? Ich komme täglich auf den Friedhof und bete, aber mein Vater ist mir noch nie erschienen.“ — „Teurer junger Herr! Würdest du von diesem Wunderwasser trinken, dann könntest du deinen lieben Vater ebenfalls erblicken — „Was ist das für ein Wunderwasser?“ fragte der Wesirssohn. „Laß mich einmal kosten.“ — „Oh nein!“ wehrte der Diener ab. „Das geht leider nicht. Es ist zu teuer.“ — „Nun, glücklicherweise hat mir mein Vater Geld und Gut in Hülle und Fülle hinterlassen, so daß ich nicht damit zu geizen brauche. Gib mir von dem Wasser, ich will’s dir bezahlen.“ — „Dann bin ich einverstanden. Gib mir zehn Dukaten und leere den Krug in einem Zuge, so wirst du deinen Vater sehen.“ — „Hier ist das Geld!“ rief der Wesirssohn, zählte dem Diener zehn Dukaten