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Maras Reise
Vor langer Zeit lebten in einem kleinen Dorf zwei Mädchen. Obgleich sie nicht blutsverwandt waren, traf man kaum eine ohne die andere an und jedem Wanderer, der sich in die einsame Gegend verirrt hatte, mochten sie wie Schwestern erscheinen. So unzertrennlich sie auch waren, so sehr unterschieden sie sich doch in Aussehen und Gemüt. Während Annchen mit ihren goldblonden Locken und strahlenden Augen einem Engel glich, konnte man Mara mit ihrem gekräuselten Haar und den blitzenden Augen beinahe für einen wilden Waldgeist halten. Gemeinsam spielten sie in den weiten Wäldern und Wiesen um das Dorf. Es geschah aber, dass Mara die Freundin eines Tages beim Versteckspiel nicht mehr finden konnte. Sie wartete, bis die Dunkelheit hereinbrach, doch schließlich kehrte sie alleine und traurig heim. Lange suchte man nach dem Mädchen, aber Annchen blieb spurlos verschwunden, bis selbst ihren Eltern keine Hoffnung mehr blieb. Allein Mara wollte nicht glauben, dass die Freundin für immer verloren war, und so lief sie eines nebligen Morgens davon, um sie zu finden. Viele Tage wanderte sie einsam durch die Wälder, aß von den wilden Beeren und Früchten und schlief im Schatten der hohen Bäume. Als sie beinahe nicht mehr daran glaubte, je auf ein anderes lebendes Wesen zu treffen, fielen erste Sonnenstrahlen zwischen den dicken Stämmen hindurch und das Mädchen trat auf eine weite Lichtung. Dort, zwischen den blühenden Gräsern und blauen Glockenblumen, stand eine Hirschkuh mit seidigem Fell und großen, dunklen Augen. Sie floh nicht, als Mara sich behutsam näherte, und sprach dann zum Erstaunen des Mädchens mit einer menschlichen Stimme: “Noch nie hat sich eine Sterbliche so weit in meinen Wald verirrt. Was willst du, dass du schon so lange durch mein Reich irrst, ohne je ans Aufgeben zu denken?” Da berichtete ihr Mara alles und die weise Hirschkuh wiegte ihren Kopf nachdenklich von einer Seite zur anderen. “Das Mädchen, von dem du sprichst, habe ich nicht gesehen, aber da ich Entschlossenheit in deinem Blick bemerke, werde ich dir dennoch helfen.” Dann führte sie Mara durch den Wald. Das Mädchen wusste nicht zu sagen, ob Tage oder nur ein kurzer Augenblick vergangen waren, bis sie an seinen Rand gelangten. “Nun kann ich dich nicht mehr weiter begleiten”, sagte das weise Tier, “aber meine Freunde werden dich unterstützen. Geh nur immer weiter, bis du zu einem hohen Berg gelangst. Auf dessen Spitze erwartete dich einer, der dir helfen kann.” Mit diesen Worten wies die Hirschkuh mit ihrem Geweih in eine Richtung und verschwand dann im Wald. Mara tat, wie ihr geheißen, und wanderte viele Jahre durch die Lande, immer gen Osten. Endlich erreichte sie einen Berg, dessen Gipfel so hoch war, dass er in den Wolken verschwand. Mühevoll erklomm sie die steilen Berghänge und musste sich vor tiefen, todbringenden Schluchten hüten. Schließlich erreichte Mara, die nun längst kein Kind mehr war, die höchste Spitze des Gebirges. Dort hatte ein riesiger Adler, wie sie in ihrem Leben noch keinen ähnlichen gesehen hatte, seinen Horst errichtet. Als Mara ihm von der Hirschkuh berichtete und ihn um