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Die drei Lichter des Winterkönigs

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Es war einmal, zur Zeit der langen Nächte, als der Schnee so hoch lag, dass die Dächer unter seiner weißen Last zu versinken schienen. In einem kleinen Dorf, tief im Wald versteckt, lebte ein Hirtenjunge namens Alrik. Er war arm wie die meisten dort, doch sein Herz war warm wie eine Herdflamme, und seine Stimme konnte, so sagten die Leute, selbst die Vögel zum Schweigen bringen.

Nun geschah es, dass in jenem Jahr die Dunkelheit früher kam als sonst. Die Nächte wurden schwer, die Kälte biss, und selbst die Tiere im Wald waren still. Kein Stern zeigte sich am Himmel, und die Leute sagten: „Ein Schatten liegt über uns.“ Denn es wurde gemunkelt, dass eine alte, böse Macht aus dem Nordwald wieder erwacht sei — die Frosthexe, die alle Freude gefrieren ließ, wenn sie ihren Atem über ein Land hauchte.

Einst, so erzählten die Alten, habe ein mächtiger Winterkönig das Land beschützt. Doch er war verschwunden, seit vielen hundert Jahren. Manche glaubten, er sei nur ein Märchen. Andere sagten, er schläfe irgendwo im Eis.

In der heiligen Nacht, wenn die Menschen im Dorf ein Feuer entzündeten, um die Hoffnung zu feiern, wurde es jedoch so dunkel, dass die Flammen zu verlöschen drohten. Und siehe da: Als Alrik allein mit seiner kleinen Herde im Schnee stand, barfuß fast, weil seine Schuhe durchgescheuert waren, leuchtete plötzlich ein bläulicher Schimmer zwischen den Bäumen.

Er wagte sich näher, und da stand ein großer Mann in einem Mantel aus gefrorenem Nebel. Er hatte Augen wie zwei Sterne über frisch gefallenem Schnee.

„Fürchte dich nicht“, sprach er, „denn ich bin der Winterkönig.“

Alrik fiel vor Schreck in den Schnee, doch der König hob ihn sanft auf.

„Du hast ein reines Herz, Hirtenjunge. Die Dunkelheit bedroht dein Dorf. Nur wer mutig ist, kann drei Prüfungen bestehen und die Frosthexe bannen.“

Darauf öffnete der Winterkönig seine Hand, und darin lagen drei kleine Lichter — jedes so klar wie eine Schneeflocke, und doch warm wie Kerzenflammen.

„Das erste Licht zeigt dir den rechten Weg.

Das zweite vertreibt Furcht und Zweifel.

Das dritte — das mächtigste — bringt Hoffnung, wo sie schon verloren scheint.“

Da verschwamm der König im Wind, und Alrik stand allein, die drei Lichter warm in seinen Händen.

Noch in derselben Nacht zog er los, tief in den Nordwald. Der Schnee wurde höher, der Wind schärfer, und dreimal hörte er das dünne, kalte Lachen der Frosthexe zwischen den Bäumen. Doch er fürchtete sich nicht.

Als er an eine Weggabelung kam, die sich wie drei dunkle Mäuler vor ihm auftat, schimmerte das erste Licht auf. Es schwebte voran, und Alrik wusste: Dies ist der Pfad.

Weiter drinnen im Wald fühlte er, wie die Furcht in ihm wuchs, wie kalte Finger nach seinem Herzen griffen. Da hob er das zweite Licht in die Höhe, und ein sanfter Glanz breitete sich aus. Und siehe da — die Schatten wichen zurück, und der Wald wurde still.

Schließlich erreichte er eine vereiste Lichtung, auf der ein dichter Nebel kreiste. In ihrer Mitte stand die Frosthexe, so bleich wie der Winter selbst. Ihr Haar war gefrorener Nebel, und ihre Augen glühten wie zwei Eiszapfen.

„Was suchst du, kleiner Hirte?“, zischte sie. „Weihnachtsfreude? Wärme? Hoffnung? Alles ist mein, und ich gebe es nicht her!“

Sie hob ihre Hand, und drei Stürme brausten auf Alrik zu.

Doch dreimal hielt er stand.

Dreimal rief er den Mut in sich.

Und dreimal erinnerte er sich an die Worte des Winterkönigs.

Da öffnete er seine Hand und ließ das dritte Licht los.

Es stieg empor, wuchs und wuchs, bis die gesamte Lichtung davon erfüllt war. Es war kein grelles Licht; es war das warme Leuchten eines winterlichen Heimwegs, das Flackern einer Kerze im Fenster, das Lächeln eines Kindes, das das Christkind erwartet.

„Nein!“, schrie die Hexe und versank im Licht, das sie schmolz wie Frost in der Morgensonne.

Der Nebel verzog sich. Die Sterne erschienen. Und weit im Norden erklang ein tiefes, sanftes Horn — der Ruf des Winterkönigs.

Als Alrik zurückkehrte, leuchteten im Dorf die Weihnachtslichter heller als je zuvor. Die Menschen staunten, denn der Himmel über ihnen war klar und sternenübersät.

Und siehe da: In jener Nacht soll der Winterkönig selbst über die Dächer gewandelt sein, und seine Schritte hinterließen funkelndes Eis wie von tausend kleinen Sternen.

Alrik wurde nie reich, doch an Weihnachten sagten die Menschen:

„Bringt eine Kerze ins Fenster, damit der Hirtenjunge uns wieder den Weg zum Licht zeigt.“

Und so blieb sein Name im Dorf lebendig, wie ein warmer Funken im kalten Winter.

 

© 2025 Mario Eberlein

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