Es war einmal ein armer Bauerssohn, der lebte mit seiner alten Mutter in einer niedrigen Hütte am Rande eines großen Waldes. Sie besaßen nichts als ein mageres Feld, eine Ziege und ein gutes Herz, und oft wussten sie nicht, wie sie den kommenden Winter überstehen sollten. Doch der Sohn klagte nicht, sondern sprach jeden Morgen:
„Wer redlich ist, den verlässt das Glück nicht.“
Eines Tages, als der Bauerssohn im Wald Reisig sammelte, hörte er ein leises Wimmern. Und siehe da, unter einer dornigen Hecke lag ein verletzter Rabe, dessen Flügel gebrochen war. Der Sohn nahm ihn behutsam auf, verband den Flügel mit einem Streifen seines Hemdes und trug ihn nach Hause. Drei Tage und drei Nächte pflegte er den Vogel, bis dieser wieder fliegen konnte. Da sprach der Rabe mit Menschenstimme:
„Du hast mir geholfen, ohne Lohn zu verlangen. Vergiss nicht: Begegnet dir ein gläserner Berg, so fürchte dich nicht.“
Der Bauerssohn wunderte sich sehr, doch ehe er fragen konnte, war der Rabe davongeflogen.
Nicht lange danach zog ein königlicher Bote durchs Land und ließ ausrufen, dass die Königstochter verschwunden sei. Man erzählte sich, sie sei auf einen gläsernen Berg verzaubert worden, so glatt wie Eis und so hoch, dass kein Mensch ihn erklimmen konnte. Wer sie erlöse, solle sie zur Frau und das halbe Königreich dazu bekommen. Viele reiche Herren und stolze Prinzen zogen aus, doch keiner kehrte zurück.
Da sagte der Bauerssohn zu seiner Mutter:
„Ich will mein Glück versuchen.“
Die Mutter weinte und sprach:
„Du hast weder Ross noch Gold.“
Doch der Sohn antwortete:
„Ich habe ein redliches Herz.“
Auf seinem Weg begegnete er zuerst einem Fuchs, der in einer Falle hing. Er befreite ihn. Dann traf er auf einen Fisch, der im seichten Wasser zappelte, und trug ihn zurück in den Fluss. Schließlich teilte er sein letztes Brot mit einem alten Zwerg, der frierend am Wegesrand saß. Dreimal tat er Gutes, ohne etwas zu fordern.
Als er schließlich vor dem gläsernen Berg stand, glänzte dieser im Sonnenlicht so hell, dass man kaum hinsehen konnte. Der Bauerssohn setzte den Fuß darauf – und rutschte zurück. Da war er mutlos. Doch da hörte er eine Stimme:
„Versuche es noch einmal.“
Und er versuchte es ein zweites Mal. Wieder rutschte er.
„Ein drittes Mal“, sprach die Stimme.
Und beim dritten Mal erschien der Zwerg, dem er das Brot gegeben hatte, und reichte ihm eiserne Schuhe mit goldenen Spitzen. Und siehe da – nun konnte er den Berg erklimmen.
Oben auf dem Gipfel stand ein Schloss aus kaltem Glas. Darin saß die Königstochter und weinte bittere Tränen. Ein böser Zauberer bewachte sie, doch als der Bauerssohn eintrat, erschienen der Rabe, der Fuchs und der Fisch. Der Rabe raubte dem Zauberer die Augen, der Fuchs biss ihn ins Bein, und der Fisch spritzte ihm Wasser ins Gesicht, sodass der Zauberer stolperte und in eine tiefe Spalte fiel. Da war der Bann gebrochen.
Die Königstochter war frei, und das Glas schmolz zu grünem Gras. Gemeinsam kehrten sie zum König zurück. Der Bauerssohn wurde reich belohnt, doch vergaß er seine Mutter nicht und ließ sie in einem warmen Haus wohnen. Er heiratete die Königstochter, und beide regierten klug und gerecht.
Und die Guten lebten in Frieden und Freude bis an ihr seliges Ende.
© 2026 Mario Eberlein