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Begegnung mit dem Weihnachtsmann

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Susi stapfte durch den Schnee dem Wald zu. Es war bitter kalt und fast bereute sie ihren Entschluss, das warme Haus verlassen zu haben. Doch wenn sie an den Mann dachte, mit dem sie dort zusammen gelebt hatte … Nein, ihr Entschluss, das Weite zu suchen, war richtig gewesen. Sie musste nur ein bisschen schneller laufen, dann würde es ihr schon warm werden.
Früher, da war alles anders gewesen. Susi hatte immer ein gutes Frühstück bekommen und mittags einen Snack. Abends hatte ihr Johanna ein leckeres Mahl serviert, das sie selbst gekocht hatte. Johanna und sie hatten danach manchmal zusammen auf dem Sofa gesessen und sich alte Filme angesehen. Oft hatten sie auch miteinander gespielt und Susi durfte immer in ihrem Bett schlafen, wenn der Mann auf einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen war. Susi dachte damals, dass es im Paradies nicht besser sein könnte.
Eines Tages war der Mann Rentner geworden. Er war nun viel zu Hause und beanspruchte Johannas Zeit. Sie machten Ausflüge, fuhren über das Wochenende oder sogar länger fort und Susi war, obwohl die Nachbarin täglich vorbeischaute, viel allein. Trotzdem – der Mann war immer nett zu ihr gewesen, hatte mit ihr geredet und gespielt und trotz der zeitweisen Einsamkeit hatte Susi doch immer das Gefühl gehabt, geliebt zu werden.
Doch dann passierte etwas, womit Susi in ihren schlimmsten Träumen nicht gerechnet hatte: Johanna wurde schwer krank und starb kurz darauf. Nun begann für Susi ein freudloses Dasein. Da war niemand mehr, der mit ihr spielte oder schmuste, niemand, auf dessen Schoss sie es sich vor dem Fernsehgerät bequem machen konnte, niemand, der ihr Leckereien servierte. Es war trostlos geworden in dem einst so glücklichen Heim. Der Mann schien gar nicht zu merken, dass sie auch noch da war. Er beachtete Susi nicht mehr, er kümmerte sich einfach nicht um sie. Sie bekam nicht mal mehr ihre regelmäßigen drei Mahlzeiten, geschweige denn etwas Wärme und Zuneigung. Da hatte sie begonnen, Johannas Mann nur noch „der Mann“ zu nennen, obwohl auch er natürlich einen Namen hatte. Doch Susi fand, dass er ihn nicht mehr verdiente. Robert – das klang viel zu nett für einen Klotz wie ihn. Der Mann saß nur noch am Tisch und starrte vor sich hin. Von Zeit zu Zeit seufzte, ja, weinte er sogar.
Susi verstand die Welt nicht mehr. Natürlich, auch sie war traurig, dass Johanna von ihnen gegangen war, aber das Leben ging doch weiter! Schließlich war sie, Susi, doch noch da! War das etwa nichts? Hatte sie nicht ein Recht auf ein angenehmes Leben? Sie hatte von diesem tristen Dasein wirklich genug! Daher hatte sie einen günstigen Moment abgewartet, um das Haus für immer zu verlassen. Der Mann verdiente sie einfach nicht. Sie hatte Anspruch auf Besseres! Und das wollte sie finden, irgendwo da draußen in der weiten Welt.
Sie sank bei jedem Schritt tief in den Schnee ein und überlegte, ob es nicht besser gewesen wäre, mit dem Ausreißen bis zum Frühjahr zu warten. Aber nein, so lange hätte sie es gar nicht ausgehalten. Wer wusste, ob sie überhaupt den Winter überlebt hätte bei der schlechten Behandlung, die ihr widerfuhr!
Allmählich wurden Susis Beine schwer. Jeder Schritt erforderte gewaltige Anstrengung. Sie war müde und sehnte sich danach, ein bisschen auszuruhen. Nur ein paar Minuten! Sie wusste, dass dies gefährlich war; sie konnte einschlafen und erfrieren. Aber sie musste doch neue Kraft schöpfen!
Gerade, als Susi nachgeben und sich im Schnee zusammenrollen wollte, sah sie am Waldrand etwas aufblitzen. Was das wohl war? Ein Haus vielleicht? Susi raffte sich noch einmal auf und kämpfte sich weiter durch den Schnee in Richtung Licht. Es schien kaum näher zu kommen, so sehr sie sich auch anstrengte. Dann aber war sie endlich in Hörweite. Was war das für ein Geräusch? Es klang wie eine Glocke. Susi schüttelte heftig den Kopf, um als Antwort das Glöckchen an ihrem Halsband zum Klingen zu bringen. Und da hörte sie es wieder, bim-bim, diesmal schon etwas näher. Der Klang erinnerte sie an dieses Fest, das Johanna und der Mann immer im Winter gefeiert hatten und das Weihnachten hieß. Ja, es war ja jetzt auch Winter! Ob schon Weihnachten war? Der Mann feierte es sicher nicht mehr ohne Johanna, soviel stand fest.
Endlich, endlich hatte Susi es geschafft. Ein Haus fand sie allerdings nicht, nur einen Schlitten. Davor waren Rentiere gespannt, die mit den Glocken um ihre Hälse läuteten. Auf dem Schlitten saß ein alter, weißbärtiger Mann in einem roten Mantel. Er lächelte Susi entgegen und sagte mit warmer Stimme: „Da bist du ja, Susi! Komm, spring auf meinen Schoß! Ich muss mit dir reden!“
Das ließ sich Susi nicht zweimal sagen, zumal der Mann ihr seine Hand entgegenstreckte, in der sich einige lecker duftende Kekse befanden.
Nachdem sie einen davon gierig verschlungen hatte, hob sie den Kopf und fragte: „Aber woher kennst du meinen Namen?“ Der Alte schmunzelte: „Ich kenne dich schon seit deiner Geburt. Ich habe dich dein ganzes Leben über beobachtet. Wir sind uns sogar schon begegnet! Erinnerst du dich nicht?“
Susi dachte angestrengt nach, schüttelte dann aber den Kopf.
„Nun, du warst damals auch noch sehr jung. Erst ein paar Wochen alt. Du bist auf einem Bauernhof zur Welt gekommen. Die Bauersleute konnten dich nicht behalten, denn die zahlreichen Kätzchen – du und deine Geschwister – waren ihnen zu viel. Die meisten konnten sie verschenken, aber du warst noch übrig und so hatten sie schweren Herzens beschlossen, dich zu ertränken. Ich habe deine Hilferufe gehört und Robert auf den Bauernhof geschickt. Er ist direkt vor dem Hof mit dem Auto in einen Graben gerutscht. Na ja, ich hatte etwas Schmierseife auf die Straße geschüttet. Nicht die feine englische Art, aber es war ein Notfall, nicht? Er musste auf dem Hof um Hilfe bitten, und da sah er dich. Es war Liebe auf den ersten Blick und er dachte sofort an Johanna, die ein bisschen Gesellschaft brauchen konnte, da er oft lange von zuhause fort war. Tja, so bist du zu Robert und Johanna gekommen! Ich habe dich am Weihnachtsabend mit meinem Schlitten dort hingebracht.“
„Oh, das habe ich nicht gewusst! Ich war wohl noch zu jung, um mich zu erinnern. Aber – der Mann mag mich doch gar nicht! Er macht mir das Leben zur Hölle!“, entgegnete Susi.
Der Weihnachtsmann schüttete den Kopf. „Das siehst du falsch! Robert ist so traurig über den Verlust von Johanna, dass er seine Umwelt – und das schließt dich ein – nicht mehr wahrnimmt. Er ist einfach von seinem Schmerz gefangen und er ist in großer Gefahr. Es gibt aber jemanden, der ihm helfen kann!“
Erstaunt hob Susi den Kopf. „Ja? Wen denn?“, fragte sie.
Der Weihnachtsmann sah sie nur an.
„Wer -, ich etwa?“, maunzte Susi erstaunt.
Der alte Mann nickte lächelnd: „Ja, Susi, genau du! Willst du zurück zu ihm gehen und ihm helfen?“
Susi drehte den Kopf und sah den langen Weg, den sie zurückgelegt hatte. Der Weihnachtsmann verstand sofort, was ihr Sorgen machte, und sagte: „Du darfst wieder in meinem Schlitten fahren! Ich bringe dich heim!“
Obwohl Susi sich noch nicht ganz sicher war, dass sie dem Mann tatsächlich helfen wollte, verlockte sie die Aussicht auf eine Schlittenpartie durch die Wolken so sehr, dass sie zustimmte.
Eine Frage hatte sie aber noch: „Heute ist doch Weihnachtsabend, nicht?“ Als der Alte nickte, bat Susi: „Kannst du mir nicht etwas geben, das ich dem Mann mitbringen kann? Ich glaube, er hat ganz vergessen, dass Weihnachten ist, und ich möchte ihn daran erinnern!“
Der Weihnachtsmann lächelte und angelte etwas aus dem Sack hinter sich. „Was für eine gute Idee, Susi! Hier, nimm ihm diesen Stern mit. Du kannst ihn leicht im Maul tragen!“
Vorsichtig nahm Susi den goldglitzernden Stern zwischen die Zähne und nickte dem Alten zu – sprechen konnte sie nun ja nicht mehr.
Der Weihnachtsmann schnalzte mit der Zunge und – huiii – sausten sie los. Susi wurde genau vor ihrer Katzenklappe abgesetzt. Sie schlüpfte hindurch und lief geradewegs in die Küche. Richtig, da saß der Mann am Küchentisch, vor sich, wie so oft in letzter Zeit, eine große Flasche Whisky. Aber da war noch etwas anderes: einige Röhrchen mit Tabletten. Was hatte er vor? Susi wusste, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Aber was sollte sie machen, um Robert davon abzuhalten, dieses tödliche Zeug zu schlucken? Sie dachte scharf nach. Dann sprang sie lautlos auf die Fensterbank. Von dort aus war es ein weiter Sprung bis auf den Tisch, aber das konnte sie schaffen.
Ein Satz, und schon landete sie neben der Whiskyflasche. Sie nutzte den Schwung aus und schlitterte auf dem Bauch quer über die Tischplatte, wobei sie die Flasche und die Tabletten hinunterfegte. Im nächsten Moment stand sie auf dem Boden und setzte erneut zum Sprung an. Sie landete auf allen vier Pfoten direkt vor Robert, der vollkommen ungläubig von Susi zur zerschmetterten Schnapsflasche und wieder zu Susi guckte. Die Katze stand ihm Auge in Auge gegenüber und sah ihn eindringlich an. Dann legte sie vorsichtig den Goldstern vor Robert, und zwar so, dass dieser lesen konnte, was darauf geschrieben stand: „Gesegnete Weihnachten!“
Es war Robert, als erwachte er aus einem langen, schlimmen Traum. Er sah lange auf den Stern, dann lächelte er, nahm Susi auf den Arm und sagte: „Ich weiß, was du mir sagen willst! Ich glaube, du hast mich gerade vor einer großen Dummheit bewahrt! Johanna würde sicher wollen, dass du und ich zusammen Weihnachten feiern. Und sie wird in unseren Herzen dabei sein. Danke, meine liebe kleine Susi! Du hast mich gerettet, obwohl ich dich in der letzten Zeit so vernachlässigt habe! Ich denke, ich habe bei dir einiges gutzumachen!“ Die Katze räkelte sich genüsslich in seinem Arm und miaute ein zustimmendes, zufriedenes „Jau!“

Der Weihnachtsmann schaute lächelnd durchs Fenster, aber das sah nur Susi. Sie zwinkerte ihm fröhlich zu und kuschelte sich tiefer in Roberts Arm.

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