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Märchenbasar

»Bekennst du?«

Es war einmal ein Schmied, der war ein so großer Trinker, daß er das Saufen nicht mehr lassen konnte. Schließlich vertrank er sein ganzes Gehöft, seine Schmiede und sein Handwerkszeug. Er hatte auch eine Frau gehabt, aber als diese bemerkte, daß alles dahinging, hatte sie einen Teil ihrer Habe an sich genommen und sich ein kleines Häuschen in der Nähe der Stadt gekauft.
Als nun der Schmied bis auf sechs Kupferstücke alles vertrunken hatte, ging er zum Seiler und kaufte sich einen Strick, um sich daran aufzuhängen. Der Seiler gab ihm ein gutes Stück und sagte: »Hier hast du einen, der hält!« Der Schmied ging in den Wald und sah sich nach einem passenden Baum um. Da fuhr ein altes Weib mit einem schwarzen Pferd an ihm vorbei und rief: »Mann, Mann, was hast du vor?« – »Ich will mich aufhängen«, antwortete der Schmied. »Warum denn?« – »Das Geld ist alle. Das alte ist vertrunken, und neues ist nicht zu erwarten.« Da sagte die Hexe: »Aber deshalb häng dich doch nicht auf, versprich mir das, was deine Frau jetzt zur Welt bringt, so kann ich dir helfen.« Der Schmied überlegte erst, aber dann versprach er es unter der Bedingung, daß er es fünfzehn Jahre behalten dürfe. »So lange magst du es behalten«, sagte die Hexe. Darauf gab sie ihm einen Beutel und sprach: »Hier hast du Geld, damit du dir helfen kannst.«
Der Schmied ging zu seiner Frau, bat um Teller und schüttete mehrere voll Geld. Dann kaufte er seine Schmiede und sein Handwerkszeug zurück, fing von neuem an zu arbeiten und lebte von da ab wie andere Menschen auch. Die Frau hätte gern gewußt, woher ihr Mann das Geld hatte, aber er wollte es nicht sagen. Mit der Zeit mußte er es aber doch sagen, daß er das Kind versprochen hatte.
Die Frau bekam ein Kind, und es war ein Mädchen. Als es vier Wochen alt war, fing es in der Wiege an zu sprechen: »Ich muß aufstehn und arbeiten, denn ich habe Eile.« Es stand auf und machte Spitzen und andere Arbeiten, wie sie nie zuvor in der Welt gemacht worden waren. Daher wurde das Mädchen von mancher Herrschaft zum Nähen genommen.
Eines Tages, als es bei einer Gräfin nähte, sagte es plötzlich: »Jetzt muß ich nach Hause gehen.« Daheim aber sagte es zu seiner Mutter: »Bringt alles in Ordnung, jetzt werde ich geholt.« Die Mutter erschrak und erzählte dem Vater, was ihre Tochter gesagt hatte. Der Vater rechnete nach, und es waren gerade die fünfzehn Jahre herum. Da brachten sie die Kleider ihrer Tochter in Ordnung. Die Hexe kam und sprach: »War es nicht so verabredet?« – »Das war es«, antwortete der Schmied. Das Mädchen wurde fertiggemacht, um mit der Alten zu gehen. Die Hexe hatte wieder schwarze Pferde vor dem Wagen wie damals, und das Mädchen setzte sich neben sie. Da nahm sie das Mädchen auf ihren Schoß und fragte: »Hast du jemals weicher gesessen?« – »Was ist weicher als der Schoß der eigenen Mutter?« antwortete das Mädchen. Da gab die Hexe dem Mädchen aus einer Flasche zu kosten und fragte: »Hast du je etwas Süßeres gekostet?« – »Was ist süßer als die Milch der eignen Mutter?« antwortete das Mädchen. Neben dem Weg aber stand eine Ahlkirsche, und die Hexe fragte: »Weißt du, warum sie vertrocknet ist?« – »Ich weiß es«, antwortete das Mädchen, »in dieser Truhe ist ein Rock, den ich aus ihren Blättern genäht habe.« Dann fuhren sie in einen tiefen Wald, und dort stand ein großes Haus. Dahinein brachte die Hexe das Mädchen und befahl ihm, dort zu bleiben. Sie gab ihm viele Schlüssel, von denen jeder zu einem besonderen Zimmer gehörte, und sie durfte in alle Zimmer gehen, nur im Flur war ein Zimmer, das sie nicht betreten durfte. Sie fand ein Zimmer mit allerlei Speisen und ein anderes, wo sie schlafen konnte. Als sie eine Zeitlang dort war, kam die Hexe, um nach ihr zu sehen. Da war noch nichts vorgefallen. Sie ging wieder fort und ließ das Mädchen zurück.
Als nun die Schmiedstochter einmal in den Flur kam, dachte sie: ‘Was mag wohl in der Kammer sein?’ – und sie öffnete die Tür. Da hob von der Rückwand ein Toter den Kopf nach ihr, als sie die Tür öffnete, denn von der Tür bis zu dem Toten ging ein Kupferdraht. Sie schlug die Tür zu, und der Tote rief ihr nach: »Bekenne es nur nicht!«
Die Hexe kam nach Hause und sagte: »Du hast die Tür zur Flurkammer geöffnet.« – »Nein, das habe ich nicht getan«, antwortete das Mädchen. Die Hexe sagte: »Da hilft nichts, du mußt deine Strafe haben. Willst du taub, stumm oder blind sein?« Das Mädchen dachte: ‘Wenn ich taub bin, so hör ich nicht, was die Menschen sagen, und höre die Vögel nicht singen, und wenn ich blind bin, sehe ich Gottes schöne Welt nicht.’ Sie antwortete, daß sie am liebsten stumm sein wolle.
Es verstrich einige Zeit, da wurde die Hexe böse und sprach: »Das ist noch nicht genug!«, und sie führte sie auf einen hohen Berg, und unter dem Berg war das Meer. Da zog ihr die Hexe alle Kleider aus und stieß sie von dem Felsen ins Meer. Aber da war sandiger Grund, und sie ging zu Fuß an das andere Ufer. Weil sie aber nackt war, wagte sie sich nicht in die Nähe der Menschen, sondern versteckte sich in einer großen hohlen Eiche.
Dort im Wald waren die Söhne des Königs auf der Vogeljagd. Und die Hunde, welche überall herumschnüffeln, fanden sie in dem Baum. Da ging der junge König hin und fragte: »Ist dort ein Mensch oder ein Spuk?«, und er befahl ihr herauszukommen. Das wollte sie nicht, weil sie nackend war. Aber der König drohte, sie zu erschießen, und da mußte sie kommen.
Sie war ein unsagbar schönes Menschenkind, und der junge König nahm sie zur Frau, obgleich sie nicht sprechen konnte. Nun, und dann bekam sie ein Kind. Die Hexe erschien und fragte sie: »Bekennst du?« Da antwortete sie: »Nein!« Der Hexe konnte sie antworten, und wenn sie sonst wer gefragt hätte: »Bekennst du?«, darauf hätte er Antwort bekommen. Die Hexe nahm ihr das Kind weg und legte einige Knochen neben sie, damit sie glaubten, sie habe ihr Kind aufgegessen. »Aus dem Wald ist sie gekommen«, sagten sie, »und sie wird wohl auch ein wildes Tier sein.« Aber der junge König verteidigte sie, obgleich es ihn sehr betrübte, daß auf diese Weise sein Kind verloren war, denn seine Gattin war ungewöhnlich schön und ganz unvergleichlich in allem.
Nun bekam die Königin zum zweitenmal ein Kind. »Bekennst du, daß du damals die Kammertür geöffnet hast?« Da antwortete sie bloß:
»Nein!« Da nahm ihr die Hexe wieder das Kind weg und legte Knochen neben sie. Die Königin sollte zum Scheiterhaufen verurteilt werden, aber nicht einmal jetzt wollte es der junge König zulassen. Er hatte die Hexe gesehen und sagte: »Wie kannst du nur so einer Hexe antworten, und auf meine Fragen antwortest du nicht?« Das drittemal ging es ebenso. Beim drittenmal verurteilten sie die Königin zu Scheiterhaufen. Der Holzstoß war geschichtet, und viel Volks hatte sich versammelt. Der König führte sie selbst dorthin, denn er liebte sie sehr und hätte sie noch nicht hergegeben, aber das Gesetz verlangte es. Es waren aber dort drei Zauntüren, und jede Zauntür begann zu fragen: »Bekennst du?« Die Königin antwortete: »Nein!« Der König verwunderte sich: »Warum antwortest du den Zauntüren und mir nicht?«
Dann führten sie die Königin auf den Scheiterhaufen, das Feuer war angezündet, und die Flammen züngelten schon nach ihren Kleidern, als die Hexe erschien und rief: »Bekennst du?« – »Nein!« – Da blies die Hexe das Feuer aus und sprach: »Du bist stark geblieben, hier sind deine Kinder.« Es waren zwei sehr schöne Knaben und ein Mädchen. Dann konnte sie wieder sprechen. Freudig brachte jetzt der König sein Gemahl nach Hause, und einige Zeit darauf bat sie ihn um die Erlaubnis, ihre Eltern besuchen zu dürfen. – Aber die Hexe ließ sie von nun an in Frieden, weil sie ihre Probe bestanden und nicht bekannt hatte.

[Finnland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen]