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Märchenbasar

Binnorie

Es war einmal, da lebten in einem Schloß nahe der prächtigen Mühlendämme von Binnorie zwei Königstöchter. Die ältere Schwester wurde schon längere Zeit von Ritter William umworben. Er gewann ihre Liebe und schwörte ihr ewige Treue, aber, wie das so ist, bald interessierte er sich auch für die Jüngere der Schwestern, die hatte goldenes Haar und Wangen, so rot wie Kirschen.
Und schon besuchte er nur noch die jüngere Prinzessin, die ältere hatte er bald vergessen.
Das machte die ältere sehr zornig und der Hass und die Eifersucht auf ihre Schwester wuchs und wuchs und sie schmiedete einen Plan, wie sie die Jüngere loswerden konnte.
Eines schönen Morgens, es war klar und sonnig, sprach die Ältere: „Komm Schwester, wir wollen spazieren gehen und nachschauen, ob unseres Vaters Schiffe schon den Mühlenkanal bei Bionnorie heraufkommen. Und Hand in Hand gingen zum Fluss.
Am Ufer angekommen, stellte sich die Jüngere auf einen Stein am Ufer um nach der Landung der königlichen Schiffe ausschauzuhalten, da packte sie die Ältere von hinten und warf sie in das reissende Wasser.
„Oh, liebe Schwester, reich mir deine Hand“, rief die Jüngere in Todesangst, als sie davontrieb, „ und du sollst von allem, was ich besitze und besitzen werde die Hälfte abbekommen!“
„Oh nein, Schande über mich, wenn ich Dir meine Hand reichen und dich retten würde, wo Du mir meinen Liebsten genommen hast. Und deinen Besitz erbe ich ohnehin.
„Oh Schwester, liebe Schwester“, wenn Du mir nicht die Hand reichen willst, dann doch wenigstens deinen Handschuh“, rief sie, während sie stromabwärts trieb, „und du sollst auch deinen Liebsten, William, wiederhaben!“
„Nein, weder Hand noch Handschuh werde ich Dir reichen und wenn du erst ertrunken und gestorben bist, wird der schöne William ohnehin ganz mir gehören!“. Sprachs, drehte sich um und ging zurück zum Schloss.
Manchmal schwimmend, manchmal sinkend trieb nun der Körper der toten Prinzessin den Fluss entlang bis er vom Sog eines Mühlstromes ergriffen wurde.
Es war um die Mittagszeit, als die Tochter des Müllers am Fluss Wasser zum Kochen holen wollte.
Da sah sie etwas Weisses im Wasser zwischen den Mühldämmen treiben.
Sogleich rief sie: „Vater, Vater, schliess die Schleusentore, da schwimmt etwas weisses, wie ein Schwan oder ein Mädchen. Der Müller eilte sofort zum Mühldamm und stoppte das Mühlrad.
Dann zogen sie den Körper der toten Prinzessin mit vereinten Kräften aus dem Wasser.
Und schön war sie noch im Tode, wie sie da lag, lilienweiss mit ihrem langen goldenen Haar, den Perlen und Edelsteinen, dem goldenen Gürtel und dem langen weissen Kleid.
Und wie sie da lag in all ihrer Schönheit, kam ein berühmter Harfnerdes Weges. Er schaute in das blasse Gesicht der Prinzessin und konnte es seit dem nicht mehr vergessen, obwohl er weit reiste und vieles zu sehen bekam.
Nach einiger Zeit kehrte er zurück an den Mühldamm von Binnorie, an die Stelle, wo man die tote Prinzessin begraben hatte. Aber alles, was von der Prinzessin noch übrig war waren Knochen und ihr goldenes Haar.
Sodann baute ersich aus ihrem Brustbein eine Harfe und aus dem Haar der Prinzessin spann der Harfner die Saiten. Dann zug er weiter, den Hügel bergan zum Schloss des Königs.
An diesem Abend war der ganze Hofstaat zusammengekommen: König, Königin, die Tochter und Sir William, der Schwiegersohn. Alle wollten sie der Kunst des berühmten Harfners lauschen. Zuerst sang und spielte er auf seiner alten Harfe, dabei hatte er das Talent, mit seiner Musik ganz nach seinem Belieben alle fröh und glücklich, oder aber auch traurig stimmen zu können.
Später am Abend wollte der Harfner auch auf der neuen Harfe spielen, die er am Nachmittage gebaut hatte, doch wie er sie auspackte, begann sie, völlig von selbst mit klarem dunklen Ton zu singen:

„Dort drüben sitzt mein Vater, der König,
Binnorie, oh Binnorie;
Und dort sitz meine Mutter, die Königin;
bei den Mühldämmen von Binnorie;“

„Und dort steht mein Bruder Hugh,
Binnorie, oh Binnorie
Bei ihm William, mein Liebster“, mal ehrlich, mal verlogen;
bei den Mühldämmen von Binnorie;“

Alle waren erschrocken und der Harfner musste die ganze Geschichte erzählen, wie er die ertrunkene Prinzessin am Ufer des Mühldammes von Binnorie liegen sah, wie er aus ihren Gebeinen die Harfe baute und aus dem Haar ihre Saiten fertigte.
Und gerade als er mit der Geschichte endete sang die Harfe laut und klar:

„Und dort sitzt meine Schwester, die mich ertränkte,
bei den Mühldämmen von Binnorie.“

Doch kaum war der letzte Ton verklungen, da krachte es und die Harfe zerbrach in Stücke und gab nie wieder einen Ton von sich.

Quelle: (Joseph Jacobs – England)