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Märchenbasar

Das goldene Kreuz

Einem Pfarrer war seine Frau gestorben, die hatte ihm ein kleines Töchterchen hinterlassen und ein Paar kleine, schöne Schuhe, ihre Brautschuhe. Als sie den Tod herannahen fühlte, mußte er ihr versprechen, nur die zur Frau zu nehmen, welcher die Schuhe passen würden. Nun hätte er gerne wieder geheiratet, aber so viel er auch suchte, die Schuhe paßten keiner. Allen waren sie zu klein. So vergingen die Jahre, der Pope hatte das Suchen aufgegeben.
Da kam an einem Sonntage sein nun erwachsenes Töchterlein fröhlich zu ihm gesprungen: »Sieh, Vater, wie gut mir die Schuhe von meiner Mutter passen.« Als er das Kind ansah, erschrak er, beschloß aber sogleich, es zu heiraten. Als er es ihr gesagt, lief sie entsetzt zu einer alten Frau über die Gasse und klagte der ihr Leid. Diese tröstete das Mädchen und sprach: »Willige ein, verlange aber zuerst ein kupfernes Kleid.« Sie kam nach Hause und sagte ihrem Vater, sie würde ihn heiraten, wenn er ihr ein kupfernes Kleid gekauft hätte. Er fuhr auf den Jahrmarkt und brachte das kupferne Kleid. Das Mädchen zog es an und ging in die Kirche und betete. Dann kam sie wieder zu der alten Frau über die Gasse, die riet ihr, sie solle ein silbernes Kleid verlangen, sie tat es. Der Vater fuhr wieder auf den Jahrmarkt und brachte auch ein silbernes. Das Mädchen zog es an, wurde aber immer trauriger, denn es sah, der Vater schaffte ihr, was sie wünschte. Am Sonntag zog sie es an, begab sich in die Kirche, um zu beten und nachher zu der alten Frau über die Gasse zu gehen. »Mein Kind, verlange auch ein goldenes Kleid, wenn er dir’s auch kauft, es vergehen doch wieder einige Tage, und du gewinnst Zeit.« Das Mädchen kam nach Hause zum Vater und verlangte ein goldenes Kleid. Der Alte fuhr auf den Jahrmarkt und brachte ein goldenes, das funkelte und blendete stärker als die Sonne, das Mädchen wurde immer trauriger und bleicher. Sie zog es an, ging in die Kirche und betete und wußte nicht mehr wo aus noch ein vor Herzeleid, da fiel ihr Blick auf den Gekreuzigten, sie kam wunderbar gestärkt nach Hause und ging noch zur alten Frau über die Gasse. Als der Vater aus der Kirche kam, bat sie, er möchte ihr nun auch noch ein goldenes Kreuz kaufen. Der Vater fuhr sogleich in die Stadt und brachte es, das war aber so schön und leuchtete heller als Sonne, Mond und Sterne. In der ganzen Umgegend wurde es nicht mehr Nacht. Das Mädchen warf sich vor diesem wunderbaren Kreuz nieder und küßte es. Da öffnete sich darin eine unsichtbare Türe, das Mädchen stieg hinein, und sofort schloß sie sich wieder.
Bald wurde es im ganzen Dorf bekannt, die Tochter des Popen sei verloren, man suchte und suchte, konnte sie aber nicht finden. Da kam eines Tages der Königssohn vorbeigeritten und wunderte sich über den großen Glanz, trat ein und erblickte das Kreuz und wünschte es zu kaufen. Für den Popen hatte es keinen Wert mehr, daher überließ er’s dem Königssohn um dreihundert Gulden, der nahm es aufs Pferd und ritt heim, dort stellte er’s auf, kniete davor und küßte es. Sogleich sprang die unsichtbare Tür auf, und drinnen stand das wunderschöne Mädchen im goldenen Kleid. Dem Königssohn gefiel es so gut, daß er es sogleich heiratete. Nun war die junge Frau glücklich, hielt aber das Kreuz in Ehren, kniete jeden Morgen und jeden Abend davor und betete und dankte Gott für das große Glück.

[Rumänien: Pauline Schullerus: Rumänische Volksmärchen aus dem mittleren Harbachtal]

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