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Märchenbasar

Das Mädchen ohne Hände

Eine Frau hatte eine Tochter, die war so schön, daß die Vorübergehenden, wenn sie sie bemerkten, eine kleine Weile stehen blieben, um sie anzuschauen. Aber die Mutter bildete sich selbst etwas auf ihre Schönheit ein und sie war eifersüchtig auf ihre Tochter. Sie verbot ihr, sich überhaupt in der Öffentlichkeit zu zeigen; dennoch bemerkte man sie hier und da und man sprach immer von ihrer Schönheit. Nun beschloß die Mutter, sie gänzlich verschwinden zu lassen. Sie ließ zwei Individuen kommen, denen sie trauen zu dürfen meinte, und sprach zu ihnen: »Ich verspreche euch viel Geld und will es geheim halten, wenn ihr tut, was ich euch sagen werde. Das Geld ist hier gleich nebenan. Es wird euch gehören, wenn ihr meine Befehle ausgeführt habt. Seid ihr einverstanden?« Die Summe war beträchtlich. Die, an welche sie sich wandte, waren arm; sie nahmen also an. »Ihr schwört, alles zu tun, was ich euch sage?« »Wir schwören es!« »Ihr werdet meine Tochter mitnehmen, ihr werdet sie in den Wald führen, weit fort von hier, und dort werdet ihr sie töten. Zum Beweis, daß ihr meine Befehle ausgeführt habt, werdet ihr mir nicht nur ihr Herz bringen, denn ihr könntet mich täuschen, sondern auch ihre beiden Hände.«
Die Männer erhoben laut Einspruch. »Ihr habt es mir versprochen,« sprach sie zu ihnen, »ihr könnt nicht widerrufen. Außerdem: ihr wißt den Lohn, der euch zugedacht ist. Ich erwarte euch in acht Tagen.« Sie gingen also mit der Jungfrau fort. Man sagte ihr, es handle sich um eine kleine Reise zum besten ihrer Gesundheit. Sie geriet zwar ein wenig in Erstaunen über die Wahl ihrer beiden Reisebegleiter, aber die Freude über das Neue, das sie erblickte, ließ sie diesen Umstand vergessen. Sie folgte ihnen also ganz ruhig. Die beiden jedoch waren in arger Verlegenheit. Die Jungfrau hatte ihnen stets Gutes erwiesen, sie hatte ihnen verschiedene kleine Dienste geleistet, und es war ihnen daher sehr schmerzlich, ihr das Leben nehmen zu müssen. Man ritt und ritt in den Wald hinein. Endlich kamen sie an eine öde Stelle. Die Männer hielten an und teilten der Jungfrau den Befehl ihrer Mutter mit. »Wäret ihr wirklich so grausam, mich zu töten?« fragte sie jene. »Wir haben keinen Mut dazu, aber was sollen wir tun? Wir haben geschworen, Eurer Mutter Euer Herz und Eure Hände zu bringen. Das Herz, das wäre nichts, denn das Herz der Tiere gleicht dem der Menschen; aber Eure Hände … Darüber können wir Eure Mutter nicht täuschen.« »Gut denn, schneidet mir die Hände ab und laßt mir das Leben.« Sie töteten einen Hund und rissen ihm das Herz aus: das wird genügen. Aber die Hände … sie mußten sich entschließen, ihr sie abzuhauen. Zunächst versorgten sie sich mit einem Kraut, welches das Blut stillt, dann, als der Eingriff vollzogen war, verbanden sie die beiden Hände mit dem Hemd des Mädchens; sie nahmen die Hände mit und ließen das unglückliche Opfer im Walde zurück, nachdem sie ihm das Versprechen abgenommen hatten, niemals in die Heimat der Mutter zurückzukehren.
Das Mädchen war also ganz allein im Wald. Wie sollte sie sich ernähren, wenn sie keine Hände hatte, um die Speisen aufzunehmen, um sie zum Munde zu führen? Sie nährte sich von Früchten, welche sie anbiß, so gut es ging, aber die wilden Früchte sind nicht nahrhaft. Sie betrat den Garten eines Schlosses und nagte dort an den Früchten, welche sie erreichen konnte, aber sie wagte nicht, sich jemandem zu zeigen. Man bemerkte jedoch die angebissenen Früchte. Fast alle Früchte eines Birnbaums waren schon in diesem Zustand. Man fragte sich, wer das habe tun können? Ein Vogel vielleicht; aber dann wieder: was für ein Vogel? Man lauschte. Ein großer Vogel zeigte sich zwar nicht, aber man bemerkte eine Jungfrau, welche, sobald sie sich unbemerkt glaubte, an den Obstbäumen hinaufkletterte. Man folgte ihr mit den Blicken, um zu sehen, was sie tun würde. Man überraschte sie, während sie die Früchte benagte. »Was tut Ihr da, Jungfer?« »Beklagt mich!« antwortete sie und zeigte ihre beiden der Hände beraubten Arme. »Beklagt mich und verzeiht mir!« Der, welcher sie überrascht hatte, war der Sohn der Schloßherrin. Die Verstümmelung, welche die Jungfrau erlitten hatte, hatte ihre Schönheit nicht beeinträchtigt; das Leiden hatte ihr sogar etwas besonders Bestrickendes gegeben. »Kommt mit mir«, sagte er zu ihr und führte sie insgeheim ins Haus. Er trat mit ihr in einen kleinen Raum und forderte sie auf, sich niederzulegen, dann ging er zu seiner Mutter. »Nun? Du warst auf der Jagd,« sagte sie zu ihm, »hast du Vögel erwischt?« »Ja, ich habe einen erwischt, und zwar einen sehr schönen. Laßt ein Gedeck mehr auflegen, mein Vogel wird an der Tafel speisen.« Er tat, wie er gesagt hatte, er führte das Mädchen zu seinen Angehörigen. Groß war das Erstaunen, da man sah, daß sie keine Hände hatte. Man fragte sie nach dem Grund ihrer Verstümmelung. Sie antwortete in einer Weise, daß sie niemanden bloßstellte: sie glaubte sich noch nicht weit genug entfernt, als daß ihre Mutter nicht von ihr erfahren könnte; sie wußte, daß in diesem Falle die Männer, welche sie verschont hatten, kein Erbarmen finden würden, und sie beschwur jene, welche sie ausforschten, ihr zu erlauben, daß sie verborgen bliebe. Aber das gefiel dem jungen Manne nicht, der sich in sie verliebt hatte und sie heiraten wollte. Seine Mutter bekämpfte den Plan, sie wollte nichts wissen von einer Schwiegertochter ohne Hände, von einer Frau, die ihr vielleicht Enkel, die handlos waren wie sie selbst, bescheren würde. Der Sohn aber bestand darauf und er bestand so hartnäckig darauf, daß seine Mutter sagte: »Heirate sie, wenn du willst, aber es geschieht sehr gegen meinen Willen!« Die Hochzeit wurde gefeiert; die Gatten waren glücklich, sehr glücklich, aber dies Glück war nicht von langer Dauer.
Bald darauf sah sich der Gatte gezwungen, in den Krieg zu ziehen. Mit lebhaftem Kummer trennte er sich von seiner Gattin, und er wünschte, daß man ihm oft Nachricht von ihr sende. Einige Monate später kam ein Bote, um ihm zu melden, daß seine Frau ihm zwei Knaben geschenkt habe; aber er ersuchte ihn, so schnell wie möglich zurückzukommen, weil seine Familie unzufrieden sei, daß er eine Frau ohne Hände geheiratet habe. Zurückkommen, das konnte er nicht; aber er schrieb an seine Frau einen höchst liebevollen Brief und einen anderen an seine Mutter, in welchem er sie ersuchte, seines geliebten Weibes wohl zu pflegen. Aber, weit davon entfernt, ihrer zu pflegen, suchte man sich ihrer zu entledigen. Man schrieb dem jungen Gatten, daß seine Frau mit zwei Ungeheuern niedergekommen sei. Man bemächtigte sich der Briefe, die er an seine Frau geschrieben, hatte und schob andere unter, in denen man ihn abscheuliche Anklagen gegen sie aussprechen und sagen ließ, daß sie große Schuld auf sich geladen haben müsse, da Gott ihr an Stelle von zwei Kindern zwei Ungeheuer geschenkt habe. Dies wiederholte man immerfort, und schließlich überredete man die junge Frau, daß es auf diese Briefe hin unklug von ihr sei, die Rückkehr ihres Mannes abzuwarten, welcher imstande wäre, sie zu töten, und daß es besser für sie wäre, davonzugehen. Sie ließ sich überzeugen; man gab ihr etwas Geld, sie kleidete sich als Bäuerin und ging, ihre beiden Kinder in einem Quersack tragend, das eine hinten, das andere vorn. Aber ihre Verstümmelung machte sie ungeschickt; als sie sich bückte, um Wasser aus einer Quelle zu schöpfen, ließ sie eines ihrer Kinder hineinfallen. Wie sollte sie es herausziehen, da sie keine Hände hatte? Sie sandte ein kurzes, aber heißes Gebet zu Gott, dann tauchte sie ihre beiden Arme, ihre beiden Stümpfe, in die Quelle, um zu versuchen, ob sie das Kind wieder ergreifen könne. Sie ergriff es wirklich, und als sie ihm seine durchnäßten Kleider auszog, merkte sie, daß ihre beiden Hände wieder gewachsen waren: Gott hatte das Gebet ihrer Mutterliebe erhört und ihr die Glieder, welche sie verloren hatte, zurückgegeben. Sie konnte von nun an arbeiten und mit ihren Händen den Lebensunterhalt für ihre Kinder verdienen.
So lebte sie zwölf lange Jahre. Als ihr Gatte aus dem Krieg zurückkam, war sein erstes Wort eine Frage nach ihr. Seine Mutter sah, daß er trotz allem, was man ihm gegen seine Frau gesagt hatte, diese noch liebe, und sie geriet dermaßen in Wut, daß sie sich fast auf ihn gestürzt hätte, um ihn zu schlagen. Er ließ sie reden und forderte, daß man ihm seine Frau zurückgebe. Es verhielt sich aber so, daß niemand ihm sagen konnte, was aus derselben geworden sei. Er glaubte, sie könne trotzdem nicht tot sein, und begab sich auf Reisen, entschlossen, sie wiederzufinden, wo sie auch ihre Zuflucht genommen habe. Er wandte sich an alle Welt, um Aufschlüsse zu erhalten. Eines Tages begegnete er einem kleinen Knaben, der aufgeweckt und verständig war und seine Teilnahme erweckte; er fragte ihn, wer seine Mutter wäre. Das Kind antwortete, daß seine Mutter lange ohne Hände gewesen sei; daß er einen Bruder habe, der gerade so alt sei wie er, und da er seinen Bruder bemerkte, rief er ihn herbei: »Komm!« sagte er zu ihm, »hier ist jemand, der an uns und unserer Mutter Anteil nimmt!« Das zweite Kind war ebenso artig und ebenso verständig wie das erste. Der Reisende befragte sie über ihre Vergangenheit. Alle Aufschlüsse trafen zusammen, er zweifelte nicht, daß er seine Familie wiedergefunden habe. »Und eure Mutter, ihr Kinder, wo ist sie? Geht und holt sie schnell!« Die Mutter, die im oberen Stockwerk war, beeilte sich, herabzukommen. Er erkannte sie sofort, trotz der zwölfjährigen Trennung. Man erzählte, man umarmte sich, man kehrte heim und zog wieder ins Schloß. Allgemeine Versöhnung. Nicht für alle indessen. Die böse Mutter, die kalten Herzens befohlen hatte, ihre Tochter vom Leben zum Tode zu bringen, wurde in einem unterirdischen Verließ eingesperrt und von wilden Tieren zerfleischt.

[Ernst Tegethoff: Französische Volksmärchen]

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