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Märchenbasar

Das Märchen vom steinernen Krüppelchen

Lebte da einmal im tiefen Walde ein armer Waldarbeiter mit seiner Frau, die hatten ein einziges Kindlein und das war ein armer Krüppel; es hatte einen großen Kopf und einen ganz krummen Rücken, nur ein Auge und nur ein Ärmchen, und seine Beinchen waren so schwach, daß es nicht gehen konnte, sondern immer sitzen mußte. Die armen Eltern waren sehr traurig darüber. Als Krüppelchen noch nicht ein Jahr alt war, da fiel seinem Vater beim Baumfällen ein Baumstamm auf den Kopf und schlug ihn tot; und als man den toten Mann nach Hause brachte, erschrak die Frau so, daß sie auch starb. Da wurden beide zusammen begraben und Krüppelchen war mutterseelenallein in der Welt. Was sollte aus ihm werden?
Niemand wollte sich des armen Waisleins annehmen. Da bestimmte der Oberförster, daß alle Leute im ganzen Walde es der Reihe nach jeder einen Monat lang verpflegen müßte. So wurde Krüppelchen von Haus zu Haus gestoßen; überall bekam es unfreundliche Gesichter, wenig zu essen und viel Schläge und böse Worte. Alle schimpften über die Last, die sie mit dem armen Krüppelchen hatten, und meinten, es wäre doch am besten, wenn es stürbe. Aber es starb nicht; im Gegenteil, es wurde alt und immer älter, Jahr um Jahr ging dahin, und Jahrzehnt um Jahrzehnt verrann; schließlich war es ein steinaltes, eisgraues Männchen mit grauem Haar und grauem Bart und grauem Gesicht, und die ältesten Leute im Wald konnten nicht sagen, ob es hundert oder tausend Jahre alt war. Noch immer trug man es Monat um Monat von Haus zu Haus, bis sie ihm schließlich einen Platz am Bergeshang gaben, wo es Tag und nacht, jahraus, jahrein auf einem Fleck saß. Noch immer schimpften die Leute, die ihm sein tägliches Essen hintragen mußten, noch immer verspotteten es die bösen Buben und machten ihm seinen krummen Rücken und sein schielendes Auge und seinen schiefen Mund nach. Niemand, niemand hatte ihm Freundlichkeit erwiesen; da war auch sein Herz vor Bitterkeit hart wie Stein geworden. und weil es aussah wie ein großer grauer Stein, nannten sie es den steinernen Krüppel.
Nur einmal war eine freundliche Fee zu ihm getreten und hatte ihm gesagt: „Krüppelchen, wenn dir nur ein einziges Mal jemand etwas Liebes tut, so wirst du für viele zum Segen werden.“ Aber ach, würde ihm nur ein einziges Mal jemand etwas Liebes tun? Früher war es seine Freude gewesen, wenn es mit seinem einen Arm die Blümchen in seiner Nähe hatte gießen können und sie dann schön blühten und dufteten. Aber schon lange wollte ihm keiner mehr dazu Wasser bringen, und nun hatten sie auch seine Gießkanne ihm weggenommen und den Berg hinuntergeworfen.
So saß es wieder einmal stumm und still auf seinem Platze. Die bösen Leute aber, die es längst gern los gewesen wären, hatten beschlossen, es heimlich den Berg hinunterzustürzen und zu sagen, es sei von selbst hinuntergefallen.
Es war Nacht, Krüppelchen war eingeschlafen da kamen zwei Männer heimlich herangeschlichen und stießen es den Berg hinunter. Wie es da hinunterkollerte und sich im rollen immer überschlug! Die bösen Leute lachten noch darüber und waren froh, es los zu sein, denn sie meinten, nun se es gewiß tot.
Aber Krüppelchen war nicht tot, es schlief nur einen langen, langen Schlaf. In einem tiefen Tale lag es zwischen Brombeergestrüpp in sumpfigem Grunde und schlief und schlief vielleicht hundert, vielleicht tausend Jahre.
Da geschah es eines Tages, daß ein kleines Mädchen, das Beeren suchen wollte, sich in der Dämmerung dahin verirrt hatte, wo Krüppelchen schlief.
Angstvoll suchte es sich durch die Dornen einen Weg zu bahnen, seine Füßchen sanken in dem Sumpf immer bis über die Knöchel ein es wurde immer dunkler ach, wo sollte es bleiben? Es war so müde, so müde, daß es gar nicht weiter konnte, und hier in dem nassen Sumpfe konnte es sich doch nirgends hinsetzen und ausruhen.
Da sah es im Mondlicht etwas Graues liegen, gewiß ein großer Stein! Ach, wie war es dem lieben Gott dankbar dafür! Nun setzte es sich darauf und schlief ein. Die Sonne schien schon warm vom blauen Himmel, als es aufwachte. Schnell sprang es auf, um heimwärts zu eilen, aber erst beugte es sich nieder zu dem großen Stein, auf dem es gesessen.
„Du guter alter Stein,“ sagte es „wärest du nicht hier gewesen, so wäre ich elend umgekommen. Lohne dir es der liebe Gott, daß du mich davor bewahrt hast.“ Und es legte seine wichen, warmen Ärmchen um den alten Stein und gab ihm einen Kuß. Dann sprang es auf und davon.
Da wachte Krüppelchen auf. Ja, was war denn das? Ein Paar freundliche blaue Augen, die ihn so lieb ansahen, ein Paar weiche Händchen, die ihn gestreichelt, gar ein warmer Kuß das war ihm sein leben lang noch nicht vorgekommen.
Und auf einmal fing es in seinem Herzen an sich zu regen und aus seinem herzen brach eine silberhelle Quelle hervor und sprang als ein munteres Bächlein zu Tal und wohin es kam, da grünten die Wiesen, da blühten die Blumen, da tranken die kranken aus seinen Wellen sich gesund, und alle Menschen priesen das wunderbare, so viel Segen spendende Bächlein.
Die gute Fee aber erschien wieder bei dem steinernen Krüppel und sagte: „Siehe, nun hat eines Kindes Liebe dir Gutes erwiesen, nun kannst du mit deinem Bächlein vielen Tausenden zum Segen sein.“

[P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen]

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