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Märchenbasar

Das Siebengestirn

Es war einmal ein Mann und der hatte sechs Söhne. Er gab ihnen aber keine Namen, wie sie andre Menschen haben, sondern nannte sie schlechtweg nach ihrem Alter: »Aeltester, Zweitältester, Drittältester, Drittjüngster, Zweitjüngster und Jüngster«. Andere Namen hatten sie nicht.
Als der älteste achtzehn und der jüngste zwölf Jahre alt war, schickte sie ihr Vater in die Welt hinaus, damit jeder ein Handwerk lerne. Da zogen sie aus und gingen anfangs ein Stück Weg miteinander, bis sie zu einer Stelle kamen, an der sich ein doppelter Kreuzweg befand, so daß sechs Wege nach verschiedenen Richtungen auseinander führten; da wurden sie miteinander einig sich hier zu trennen und jeder sollte seinen eigenen Weg gehen. Aber am zweiten Jahrestag wollten sie alle wieder an derselben Stelle zusammenkommen und zusammen zu ihrem Vater heimkehren.
Am bestimmten Tag fanden sich alle richtig wieder an Ort und Stelle ein und gingen miteinander zu ihrem Vater. Der fragte nun einen jeden, was er für eine Kunst gelernt habe. Der »Aelteste« sagte, er sei ein Schiffsbaumeister geworden und könne Schiffe bauen, die von selbst gingen. Der »Zweitälteste« war zur See gegangen und Steuermann geworden und konnte ein Schiff ebenso gut über das Land als auf dem Wasser steuern. Der »Drittälteste« hatte nichts anderes als horchen gelernt, aber das konnte er nun so gut, daß er in dem einen Königreich hörte, was im andern vorging. Der »Drittjüngste« war ein Schütze geworden und jeder seiner Schüsse war ein Meisterschuß. Der »Zweitjüngste« hatte klettern gelernt, er konnte an der Wand hinaufgehen wie eine Fliege und keine Felswand war so steil, daß er sie nicht hätte erklettern können.
Als der Vater diese fünf angehört und erfahren hatte, was ein jeder von ihnen konnte, sagte er, daß es zwar recht gut und alles mögliche sei, daß er sich aber doch mehr von ihnen erwartet hätte; denn das, was sie da gelernt, könnten doch andere auch noch. Nun wollte er schließlich wissen, was der »Jüngste« gelernt hätte; auf ihn hatte er immer die größte Hoffnung gesetzt, es war ja sein Lieblings- und Schoßkind.
Der »Jüngste« war froh, endlich auch an die Reihe zu kommen, und antwortete ungemein vergnügt, daß er ein Meisterdieb geworden sei. Als der Vater das hörte, wurde er so böse, daß er ihn bei den Ohren nahm und rief: »Pfui der Schande, die du über mich und die ganze Familie gebracht hast!«
Da traf es sich zur selben Zeit, daß dem König des Landes seine liebreizende junge Tochter von einem bösen Zauberer gestohlen wurde. Und der König versprach sie demjenigen, der sie ausfindig machen und dem Zauberer wieder entreißen könnte, zur Frau und sein halbes Reich als Mitgift obendrein. Da wollten die sechs Brüder ausziehen und ihr Glück versuchen. Der Schiffsbaumeister baute ein Schiff, das von selbst ging. Der Steuermann steuerte es über Land und Meer. Der Horcher lauschte beständig nach allen Seiten herum und sagte endlich, daß er sie im Innern eines Glasberges höre. Dort segelten sie hin. Der Kletterer war in größter Geschwindigkeit oben auf dem Berg und erblickte den Zauberer darin, welcher seinen häßlichen Kopf auf dem Schoße der Prinzessin ruhen ließ und schlief. Da kletterte er wieder herunter, nahm den kleinen Meisterdieb auf den Rücken und stieg mit ihm ganz in den Berg hinein. Der Meisterdieb stahl dem Zauberer die Prinzessin unter dem Kopfe weg, ohne daß er es merkte, und der Kletterer trug dann alle zwei zum Schiff hinunter.
Sobald sie unten an Bord angekommen waren, segelten sie fort und der Horcher mußte unterdes auf den Zauberer Obacht geben. Als sie noch nicht allzuweit vom Land entfernt waren, sagte er zu den andern: »Jetzt erwacht der Zauberer, – jetzt reckt er sich, – jetzt vermißt er die Prinzessin, – jetzt kommt er!«
Da gerieth die Prinzessin in schreckliche Angst und sagte, es wäre nun aus mit allen, wenn sie keinen Meisterschützen bei sich an Bord hätten. Der Zauberer könne überallhin durch die Luft fahren und würde jetzt gleich bei ihnen sein. Er sei unverwundbar und kugelfest, ausgenommen an einem kleinen schwarzen Punkt mitten auf der Brust, der nicht größer als ein Stecknadelkopf sei. – Da kam der Zauberer auch schon durch die Luft gesaust. Der Schütze nahm ihn sogleich aufs Korn, schoß und traf ihn mitten in den schwarzen Punkt hinein. Und im selben Augenblick zersprang der ganze Zauberer in tausend und tausend feurige Stücke, daß die Splitter rauchend weit auseinander flogen, und daher stammen die vielen Feuersteine, die man allerwegen findet.
Die sechs Brüder langten endlich zu Hause an mit der Prinzessin und führten sie an ihres Vaters Hof. Alle waren in sie verliebt und jeder einzelne konnte mit vollem Recht von sich sagen, daß sie ohne ihn nicht gerettet worden wäre. Da war der König in großer Noth, denn er wußte nicht, welchem er seine Tochter geben solle. Und ebenso war die Prinzessin in großer Noth, denn sie wußte nicht, welchen sie am liebsten hatte.
Der liebe Gott wollte aber nicht, daß ein Streit zwischen ihnen entstehe, deshalb ließ er alle sechs Brüder und die Prinzessin in ein und derselben Nacht sterben. Dann versetzte er alle sieben als Sterne an den Himmel, und sie sind das, was man jetzt das Siebengestirn nennt. Der am meisten funkelnde Stern ist die Prinzessin, der matteste aber ist der kleine Meisterdieb.

[Dänemark: Svend Grundtvig: Dänische Volksmärchen]

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