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Märchenbasar

Der Biedermann Elend und die Bohnenranke

Es war einmal hier ganz in der Nähe ein Mann, der war so arm, so arm, daß man ihn den biederen Elend nannte. Eines Tages hatte er seinen Sack über die Schulter geworfen und suchte sich sein Brot längs der Landstraßen. Da traf er zwei gutgekleidete Herren, die aufmerksam nach rechts und links blickten. Es war der liebe Gott und Herr St. Petrus, die sich durch Augenschein überzeugen wollten, ob der Steuereinnehmer die Leute nicht zu sehr bedrücke, und sie waren nicht zufrieden mit dem, was sie gesehen hatten. »Ein Almosen bitte, ich bin der biedere Elend!« »Du bist groß und stark,« sagte St. Peter, und sah ihn von der Seite an, »und das Meer ist voller Fische; vielleicht glaubst du, du seiest ein Edelmann und brauchst nicht zu arbeiten?« »Man kann nicht mit der Hand fischen,« versetzte der wackere Elend, »St. Petrus selbst, der doch ein großer Heiliger war, brauchte dazu Netze, und trotzdem fand er, daß das Geschäft nicht viel einbringe, da er es vorgezogen hat, sich mit dem Kopf nach unten kreuzigen zu lassen, anstatt länger beim Fischen zu schwitzen. Sowenig, wie ihr wollt, meine lieben Herren! Ich werde damit zufrieden sein!« »Gib ihm eine Bohne!« sagte der liebe Gott, »und sag ihm, er soll zufrieden sein!« St. Peter schüttelte den Kopf, aber er fuhr mit der Hand in die Tasche: »Da!« sagte er, »du Faulpelz, der liebe Gott will, daß du zufriedengestellt werdest.« Und er gab ihm die Bohne. Der Brave kam ganz vergnügt heim und erzählte seiner Frau, daß er den lieben Gott gesehen habe. »Um so besser für dich, wenn du davon satt geworden bist!« erwiderte sie, »was soll ich mit deiner Bohne machen? Der liebe Gott hätte dir ein wenig Holz geben sollen, um sie zu kochen, und ein wenig Butter und Grünzeug, um sie zu schmelzen, und wenigstens einen silbernen Löffel, um sie zu essen. Aber niemand kümmert sich um die Armen!« Der gute Mann fand gleichfalls, daß eine rohe Bohne kein hinreichendes Mahl für zwei Personen sei, und da er keinen Garten hatte, pflanzte er sie in die Aschengrube seiner Hütte. Die Bohne trieb und trieb und wurde unter ihren Augen größer. Abends schaute sie bereits beim Schornstein heraus und am nächsten Morgen sah man schon die Spitze nicht mehr: nicht einmal der Pfarrer mit seiner Brille konnte sie entdecken. Zwei Tage darauf sagte die Frau zu ihrem Gatten: »Der liebe Gott hat dich nicht betrogen, seine Bohne ist wirklich von einer guten Sorte, geh und pflücke davon, was wir zum Essen brauchen!« Der gute Mann widersprach ihr niemals, er zog seine Holzschuhe aus und kletterte von Stufe zu Stufe; er schaute unter sich und sah die Erde kaum so groß wie ein Senfkorn; aber sein Suchen war umsonst, er fand ebensowenig Schoten an der Bohne wie auf seiner flachen Hand. Er stieg immer höher, hielt an, um sich zu verschnaufen, und stieg wieder und befand sich schließlich vor einem großen, ganz goldenen Hause: das war das Paradies. Ein Klopfer hing an der Tür und er pochte: »Poch poch!« »Wer kommt da?« fragte St. Peter. »Ich, großer St. Petrus, Ihr kennt mich wohl: ich bin der Biedermann Elend. Ich wollte etwas zum Mittagessen holen, aber es scheint, daß die Bohnen im Paradies nicht viel tragen, weil Ihr ohne Zweifel die Erbsen bevorzugt, und ich möchte gern ein Stückchen Brot … Weißbrot haben, wenn es Euch nichts ausmacht.« »Du sollst es haben und genug, und Fleisch und Wein noch dazu!« Der gute Mann stieg von Stufe zu Stufe wieder herunter und fand seine Tafel beladen; er aß viel, trank noch mehr und legte sich mit zufriedenem Sinn schlafen, aber seine Frau wälzte sich die ganze Nacht in ihrem Bette.
Am nächsten Tage weckte sie ihn frühzeitig. »Man kann nicht schlafen in dieser elenden Spelunke!« sagte sie zu ihm, »man fürchtet ständig, daß einem die Mauern auf den Kopf fallen. St. Petrus ist gut, er würde dir ein größeres und festeres Haus nicht verweigert haben, aber du denkst nie an etwas!« Der gute Mann antwortete nichts und pfiff; das war so seine Art, nein zu sagen. Aber zum Frühstück aß seine Frau nichts: »Der Anblick dieser alten Möbel nimmt mir den Appetit!« sagte sie seufzend, »und ich habe Angst, erdrückt zu werden, aber das ist dir ganz gleichgültig, dann heiratest du eben eine andere.« Der gute Mann schüttelte den Kopf, zog seine Holzschuhe aus und kletterte von Stufe zu Stufe; es ging nicht ganz so schnell wie das erstemal, aber er kam doch an das Tor. »Poch poch!« »Wer kommt da?« »Euer armer Biedermann Elend!« »Was willst du schon wieder?« »Ach, hochgelobter heiliger Petrus, man fühlt sich nicht sicher in meinem Gemäuer, laßt es mir nur aus Nächstenliebe neu bewerfen, hebt es um ein Stockwerk über den Keller und vergrößert es durch einen Pavillon, rechts und links mit einer Freitreppe davor und einem Garten dahinter. Die Hütte droht in Trümmer zu fallen, wenn der Wind sich erhebt; letzte Nacht hat meine arme Frau nicht schlafen können, weil die Ratten Umzug hielten.« »Es sei!« sagte St. Peter, »du sollst ein bürgerliches Haus haben, fest gebaut wie ein Gefängnis, aber komm nicht wieder: ich kann meine Zeit nicht damit vergeuden, um für deinen Privatbedarf Wunder zu wirken und ich liebe die Bettelei nicht.« Der gute Mann stieg von Stufe zu Stufe wieder herunter und kannte sein Haus nicht wieder: ein Eisengitter war vor dem Tor, Enten schwammen auf einem sauberen Teich, Hennen gackerten an der Türe eines Hühnerstalles und in allen Zimmern standen Lehnsessel. Unnütz zu sagen, daß die Frau sehr zufrieden war; am ersten Tage setzte sie sich in alle Sessel und schaute sich in alle Spiegel, am folgenden Tage zog sie all ihre Kleider an und aus, am übernächsten gab sie den ganzen Tag ihren Dienstboten Befehle, aber am vierten langweilte sie sich sehr und wußte nicht mehr, was sie daheim anstellen sollte, sie ging daher auf dem Feld spazieren.
Sie kam ganz traurig heim und legte sich ohne Abendessen schlafen. »Glaubst du,« sagte sie zu ihrem Mann, als er aufgewacht war, »daß ich gestern unserm Nachbarn begegnet bin und daß er mich nicht gegrüßt hat?« »Es gibt schlechterzogene Leute!« erwiderte der wackere Elend. »Aber da kann man nichts machen, nur dem König und der Königin ist man den Gruß schuldig.« »Nun,« rief sie in höchstem Zorn, »warum sind wir nicht König und Königin wie die andern? Wenn du St. Petrus darum gebeten hättest, so hätte er es dir nicht abgeschlagen.« »Sicher,« sagte sie am andern Morgen, »St. Petrus hätte es dir nicht abschlagen können, der liebe Gott hat gesagt, er wünschte, daß du zufriedengestellt werdest.« Und jeden Morgen wiederholte sie ihm, sobald er aufgewacht war: »Wirst du heute den heiligen Petrus darum bitten?« Manchmal weckte sie ihn sogar eigens auf und unterließ es niemals, einige Tränen zu vergießen. Zuerst antwortete der gute Mann gar nichts, dann zog er die Schultern hoch, schließlich befahl er ihr, ihn in Frieden zu lassen, aber sie weinte von Tag zu Tag heftiger und beklagte sich, sie sei sehr unglücklich. Endlich sagte er eines Morgens in einem Anfall übler Laune zu ihr: »Laß mich in Ruhe, morgen gehe ich!« Sie umarmte ihn zweimal, war den ganzen Tag über liebenswürdig und begab sich in die Küche, damit das Mittagessen rechtzeitig fertig würde. Der Gatte sah, daß es unnütz sei, den Mittag um vierzehn Uhr zu erwarten. Er zog am nächsten Morgen seinen Sonntagsanzug an und kletterte von Stufe zu Stufe. Am Tor angekommen, klopfte er mit hängenden Ohren: »Poch poch!« »Du bist also schon wieder da, unwillkommener Gast!« rief der heilige Petrus, ohne das Tor zu öffnen. »Ich wußte wohl, daß du unersättlich sein würdest.« »Großer Heiliger!« versetzte demütig der Biedermann, »vergebt mir nur noch dieses Mal, wie auch ich vergebe meinen Schuldigern. Meine Frau hat es gewollt; sie ist ein wenig widerwärtig, aber sie hat auch ihre guten Seiten: der Anblick des Elends schneidet ihr ins Herz, sie meint, wenn sie Königin wäre und ich König, so würden die armen Leute nicht mehr so arm sein.« »Da du mich aus Nächstenliebe darum bittest, König zu werden,« erwiderte St. Petrus, »so will ich es dir noch einmal gewähren; aber komm nicht wieder hierher, sonst geschieht ein Unglück.« Der gute Mann stieg von Stufe zu Stufe herunter und fand seine Frau auf einem Throne sitzen, wie sie gerade die Huldigungen ihrer Höflinge entgegennahm. Zwei Tage lang war sie auf dem Gipfel der Wonne, aber am dritten bemerkte sie ein graues Haar auf ihrem Kopf und wunderte sich, daß der liebe Gott die Königinnen auch alt werden lasse. Am folgenden Tage wollte sie warmen Kuchen essen und fraß soviel davon, daß man genötigt war, in aller Eile einen Arzt zu holen; am Tage darauf erfuhr sie, daß die Frau des ersten Ministers plötzlich gestorben sei, und es war vorbei mit ihrem Glück. Sie wurde nachdenklich, aß den Rest der Woche nichts mehr und sagte am Sonntag zu ihrem Mann: »Du hattest recht, die königliche Würde hindert uns nicht, krank zu werden und vielleicht zu sterben: wir hätten nicht darum bitten sollen. Aber wenn du der liebe Gott wärest und ich die heilige Jungfrau, dann hätten wir nichts mehr zu wünschen.« Der gute Mann glaubte, sie sei verrückt und empfahl ihr, sich in der frischen Luft zu ergehen. »Ich wußte es wohl,« fing sie am nächsten Morgen wieder an, »daß du mich nie geliebt hast, und trotzdem habe ich, wenn ich auch jünger war als du, nie auf die Liebhaber gehört: ich war sehr dumm!« Er zuckte die Schultern und ging in den Garten, seine Pfeife zu rauchen. Am folgenden Tage fuhr sie in derselben Tonart fort: »Wenn ein König nicht einem Mastschwein gleichen will, so muß er Ehrgeiz haben und wünschen, ein Gott zu werden, wäre es auch nur deshalb, um jeglichem seiner Untertanen das Wetter zu geben, das er zu seinem Korn braucht.« Ein Tag folgte dem andern, aber sie waren alle einander gleich. Auf die Bitten folgten Vorwürfe, dann kamen Beleidigungen und Drohungen; sie setzte den braven Mann auf die Kost von trocknem Brot, aber er trug alles heroisch. Unglücklicherweise wurde er manchmal ungeduldig, denn der Mensch ist nicht vollkommen. Eines Tages, da sie ihn wieder heftig bearbeitet hatte, schrie er ganz außer sich: »Wirst du das Maul halten, alte Ratschen!« und er versetzte ihr einen Schlag auf den Rücken. Da rief sie aus Leibeskräften: »Mein Mann hat mich geschlagen!« weinte heftig, weinte dann noch heftiger und erwiderte auf alle Tröstungsversuche ihrer Hofdamen: »Mein Mann hat mich geschlagen!« Der gute Mann begriff, daß ihm nichts übrig blieb, als zu gehorchen. Er begab sich, ohne ein Wort zu sagen, zu seiner Bohne und kletterte von Stufe zu Stufe. Er beeilte sich nicht, aber er kam trotzdem an, kratzte sich den Kopf und klopfte ganz leise an das Tor: »Poch poch!« Er hörte eine grobe Stimme, welche sagte: »Ich wette, daß es schon wieder dieser ekelhafte Biedermann ist!« »Ach ja, mein lieber heiliger Petrus,« erwiderte dieser, »und ich bin verloren, wenn Ihr niemals eine Frau gehabt habt.« »Sei nicht so dumm,« versetzte der große Heilige barsch, »und es soll dir schlecht bekommen, daß du glaubtest gescheiter zu sein als ich; denn du wirst ebenso arm werden wie du warst, ehe du mir begegnetest.« Der gute Mann wollte um Gnade bitten, um wenigstens einige Renten zu behalten, aber er fand sich auf die Erde zurückversetzt und bemerkte seine Frau an der Tür ihrer Hütte, welche wie ehedem armseliges Werg spann: nichts hatte sich geändert, nur die Hütte drohte noch mehr zusammenzufallen und die Kleider der Frau waren noch zerlumpter. Als sie ihn erblickte, erhob sie sich wütend und warf ihm vor, immer auf einen dritten und vierten gehört zu haben und kein Mann zu sein; aber er ging und schnitt einen Stock von der Hecke ab, darauf schwieg sie. Bald darauf starb sie aus Ärger, alles durch ihre Begehrlichkeit verloren zu haben. Was den Biedermann Elend anlangt, so tröstete er sich damit, daß er zu allem doch auch seine Frau verloren habe, und fuhr fort, sein Brot zu erbetteln. Wenn ihr ihm begegnet, so gebt ihm aus Liebe zu Gott ein Almosen!

[Ernst Tegethoff: Französische Volksmärchen]

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