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Märchenbasar

Der Bursche, der keine Geschichte kannte

Es war einmal ein junger Bursche, Paddy Ahern. Er war freundlich zu jedermann und doch nicht gerade willkommen in den Häusern der anderen, denn man hätte statt seiner auch einen Stein in die Ecke setzen können. Ja, stumm wie ein Stein war Paddy, wenn es darum ging, die anderen zu unterhalten. Kein Lied konnte er singen, keine Geschichte erzählen, ja nicht einmal ein Rätsel oder einen Witz konnte Paddy zum Besten geben.
Einmal arbeitete Paddy für einen Bauern in der Gegend von Limerick, mal für diesen, mal für jenen, und übernachtete dort, wo es sich gerade anbot. Aber bald merkte er, dass er auch hier nicht willkommen war in den Häusern, in denen er über Nacht blieb. Denn die Leute waren zwar gastfreundlich, aber sie erwarteten doch, dass er als Fremder Neuigkeiten zu erzählen hätte oder den Abend durch Lieder und Geschichten verkürzen könnte. Der arme Paddy war betrübt, aber was sollte er tun?
So ging er eines Abends einen einsamen Weg entlang, denn er hatte noch keine Unterkunft für die Nacht gefunden. Da sah er auf einmal Licht in einem Haus etwas abseits mitten im Feld. Paddy sprang über den Straßengraben, ging auf das Haus zu und klopfte an die Tür. Es war ein seltsames Haus, groß und dunkel, und die Tür öffnete ein seltsamer großer und dunkler Mann. „Willkommen Paddy Ahern!“, sagte der Mann. „Komm herein und setz dich ans Feuer.“ Paddy wunderte sich, dass der Mann seinen Namen wusste, aber er traute sich nicht zu fragen, denn es war wirklich ein seltsamer Ort. Sie aßen zusammen, und dann zeigte der Mann Paddy, wo er schlafen konnte. Paddy zog seine Kleider aus und legte sich hin, müde wie er war.
Aber viel Schlaf bekam er nicht in dieser Nacht. Denn kaum hatte er die Augen zugemacht, da schlug krachend die Tür auf, und drei Männer kamen herein, sie trugen einen Sarg – er schien sehr schwer zu sein. Vom Hausherrn war nichts zu sehen. „Wer hilft uns nun, den Sarg zu tragen?“, fragte einer der Männer die beiden anderen. „Paddy Ahern, wer sonst?!“, sagten sie.
Nun musste Paddy aufstehen, sich anziehen und mit einem der Männer ans Fußende des Sarges gehen, die beiden anderen gingen am Kopfende, und dann trugen sie den Sarg aus den Haus über die Wiesen, weiter und immer weiter querfeldein durch Gräben und Hecken. Es dauerte nicht lange, da war Paddy völlig durchnässt, schmutzig und ganz zerkratzt. Wenn Paddy stehen blieb, um zu verschnaufen, schimpften die Männer ihn aus, und wenn er stolperte und hinfiel, so traten sie ihn mit Füßen, bis er wieder aufstand. Ihm war hundeelend.

Schließlich kamen sie an eine mannshohe Mauer – schrecklich einsam war es dort. „Wer hebt nun den Sarg über die Mauer?“, fragte einer der Männer. „Paddy Ahern, wer sonst?!“, sagten die beiden anderen. Und nun musste Paddy ganz allein den schweren Sarg über die mauer wuchten, das war kaum zu schaffen. Als er endlich den Sarg über die mauer gebracht hatte, sah er, dass sie auf einem Friedhof standen. Paddy konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Aber die Männer ließen ihm keine Ruhe.
„Wer gräbt nun das Grab?“, fragte einer. „Paddy Ahern, wer sonst?!“ Sie gaben ihm einen Spaten, und Paddy schaufelte ein Grab. Als die Grube endlich ausgehoben war, sagte einer der Männer: „Wer öffnet nun den Sarg?“ – „Paddy Ahern, wer sonst?!“ Paddy wäre fast gestorben vor Angst, aber was blieb ihm übrig? Er kniete nieder, öffnete mit zitternden Fingern den Sarg und nahm den Deckel ab. Und stellt euch vor: Der Sarg – so schwer er war – war leer.
„Wer legt sich nun in den Sarg?“ – „Paddy Ahern, wer sonst?!“ Die drei Männer wollten Paddy packen, aber der wartete nicht länger, er sprang auf, sprang über die Mauer und lief davon über die Felder, so schnell er konnte. Und die drei Männer hinter ihm her, sie schrieen und johlten, eine schöne Hetzjagd war das! Paddy rannte und rannte wie nie zuvor in seinem Leben, und doch hätten die drei Männer ihn mehr als einmal fast gepackt, aber irgendwie konnte Paddy ihnen immer wieder im letzten Augenblick entwischen.
Da sah er in der Ferne Licht im Fenster, und rannte darauf zu. „Macht auf“, schrie er schon weitem, „macht auf, um Himmels willen, und rettet mich!“

Die Tür ging auf, und Paddy stürzte hinein in die Küche. Und wer hatte Paddy geöffnet? Ein seltsamer, großer, dunkler Mann. Das war zuviel für Paddy, ohnmächtig brach er zusammen.

Als Paddy wieder zu sich kam, war es heller Tag, er lag in dem Bett, in dem er am Vorabend eingeschlafen war. Der Hausherr kochte in der Küche Tee. Sonst war niemand zu sehen. „Ah, bist du endlich wach, Paddy?“, fragte er. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen?“
„Ganz und gar nicht“, sagte Paddy. „Völlig zerschlagen bin ich von dem, was ich heut Nacht erlebt habe. Und ich bleibe nicht eine Minute länger in diesem Haus. Ich gehe!“ Er stand auf und schlüpfte in seine Kleider, die vor dem Bett lagen. Ja, aber die waren sauber und trocken, ohne Risse, ohne Flecken, ohne irgendeine Spur von den Erlebnissen der vergangenen Nacht. Paddy wusste nicht, was er davon halten sollte, er nahm sein Bündel und ging rasch zur Tür.

„Hör mal, Paddy,“ sagte da der Hausherr, „du hast mir Leid getan, wie du so umhergezogen bist ohne Lied, ohne Geschichte. Aber sag doch selbst, bevor du gehst: Hast du nun nicht eine schöne Geschichte zu erzählen?“
Paddy gab keine Antwort, sondern machte, dass er hinauskam, und erst als er über den Straßengraben gesprungen war, schaute er noch einmal zurück – aber da war nichts, keine Spur von einem Haus, nur blanke Felder, auf denen Schafe weideten.

Quelle: keltisches Märchen