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Märchenbasar

Der Bursche, der seinen Herrn in Harnisch brachte

Es war einmal ein Mann, der hatte drei Söhne; und da es daheim knapp herging, wollte er sie fortschicken, damit sie sich einen Dienst suchten. Peter sollte sich zuerst auf den Weg machen. Er kam zu einem Mann und fragte, ob er ihm einen Dienst wisse. Der Mann wollte ihn anstellen, aber nur unter der Bedingung, daß, wenn Peter ihn, den Herrn, in Harnisch brächte, er einen Scheffel Geld bekommen solle; komme aber Peter, der Knecht, zuerst in Zorn, so sollte der Herr ihm drei Riemen aus dem Rücken schneiden und Salz hineinstreuen dürfen.
Als ein paar Tage hingegangen waren, standen sie auf der Tenne und wollten dreschen. Der Dreschflegel war sehr schwer, so daß ihn der Bursche nur mit Mühe handhaben konnte. »Was soll ich denn mit dem Mastbaum anfangen?« sagte der Knecht. »Bist du zornig?« sagte der Mann darauf. – »Ach, vergnügt bin ich gerade nicht!« gab der Junge zur Antwort. Da war es aus mit seinem Dienst. Der Mann schnitt ihm drei Riemen aus dem Rücken, streute Salz hinein und jagte ihn nach Hause.
Und nicht besser erging es dem Paul. »Gehört sich das, daß man den Leuten solches Handwerkszeug gibt?« fragte er, als sie ans Dreschen kamen. »Bist du zornig?« fragte der Mann. »Ach, vergnügt bin ich gerade nicht!« gab Paul zur Antwort. Da schnitt ihm der Mann drei Riemen aus dem Rücken und jagte ihn heim.
Nun wollte Pöne ausziehen. »Ach du«, sagten die anderen, »du hast ja nie etwas anderes getan als in der Asche gewühlt.« Aber Pöne wollte sich trotzdem aufmachen. Er kam zu dem gleichen Mann und bat um einen Dienst. Ja, er könne eintreten, aber unter der Bedingung, daß er, Pöne, einen Scheffel voll Geld bekommen solle, wenn der Mann zuerst in Zorn geriete, sollte aber Pöne zuerst in Harnisch kommen, so solle der Mann ihm drei Riemen aus dem Rücken schneiden und ihn heimjagen dürfen.
Darauf ging Pöne ein. Als sie auf die Tenne gingen und zu dreschen anfangen wollten und Pöne den Dreschflegel erblickte, sagte er: »Ist denn das der Mühe wert, dieser jämmerliche Stock da? Der taugt ja nichts, ich brauche mindestens eine Handhabe so lang wie die Längswand und einen Flegel so lang wie die Querwand.« – »Ja«, sagte der Mann, »dann ist es wohl am besten, du gehst in den Wald und haust ein wenig Holz!« Und Pöne ging in den Wald. Dort setzte er einen ganzen Haufen Pfähle um eine gewaltige Fichte herum, so daß es aussah, als ob der Baum an der Wurzel abgehauen wäre und nur noch durch die Pfähle Halt hätte. Als er nun nach Hause kam und gegessen hatte, sagte der Mann, nun werde man wohl am besten das Holz heimfahren. »Wir daheim tragen das Holz immer«, gab der Bursche zurück. Also, sagte der Mann, wolle er es auch so machen. Sie gingen nun in den Wald, und der Knecht hieß den Bauern an den Zweigen ziehn, und er brachte die Fichte wirklich vom Fleck. »Jetzt kannst du den Gipfel anfassen, dann schiebe ich an der Wurzel«, rief der Bursche. Der Mann tat so, aber als sie ein Stück Weges zurückgelegt hatten, setzte sich der Bursche auf die Wurzel, und der Mann schleppte ihn heim. »Du bist doch nicht zornig?« fragte der Knecht. »Nein, warum soll ich denn zornig sein, es ist doch so gut gegangen«, gab der Mann zurück.
Eines Tages sollte der Bursche in den Wald und Schafe hüten. Aber da zog er den Leithammel hinauf in eine hohe Fichte, und die übrige Herde trieb er nach Hause zu seinen Eltern. Als er nun am Abend wieder zu dem Bauern kam, sagte er: »Es ist rein gefährlich, in diesem Wald Vieh zu hüten! Wie ich mit den Schafen draußen war, kam auf einmal ein großer Wirbelwind und blies alle deine Schafe davon nach allen Seiten, und nur der Leithammel ist nicht ganz verschwunden, er ist in einer großen Fichte hängen geblieben. Aber du bist doch nicht zornig?« sagte der Bursche. – »Nein, wie sollte ich dir denn deswegen zürnen?« gab der Mann zurück, und sie gingen miteinander, um den Leithammel herunterzuholen.
An einem anderen Tage sagte der Mann zu dem Burschen: »Heute mußt du mit den Kühen in den Wald.« Pöne tat so; aber als er tief in den Wald gekommen war, schnitt er den Kühen die Schwänze ab und steckte sie in den weichen sumpfigen Boden, und die Kühe trieb er heim zu seinen Eltern. Dann ging er zu dem Bauern und sagte: »Es ist gefährlich, in dem Wald Vieh zu hüten, wegen des Moores. Alle deine Kühe sind eingesunken, daß nur noch die Schwänze herausstehen. Wir müssen gehen und sehen, ob wir sie nicht wieder heraufziehen können.«
Sie gingen, und der Bursche zeigte den Weg, und als sie an Ort und Stelle waren, packte er einen der Schwänze und zog daran, daß der Schwanz aus dem Boden herausfuhr und er selber auf den Rücken fiel, daß der Sumpf um ihn platschte, und so gingen sie von einem Schwanz zum anderen und zogen sie alle heraus. »Aber du bist doch nicht zornig?« sagte der Bursche. »Nein, dafür kann ich dir doch nicht zürnen«, gab der Mann zurück.
So kam die Julzeit. Nun war aber die Mutter des Bauern eine Trollhexe und fuhr in der Julnacht auf die Blaukuppe. Sie kam am Weihnachtstag zurück, aber so spät, daß der Pfarrer schon auf der Kanzel stand. Da verwandelte sie sich in eine Krähe und setzte sich aufs Dach und krächzte. »Das gehört sich doch nicht, daß die Krähe am Weihnachtstag hier sitzt und krächzt«, sagte der Bursche, »darf ich sie nicht herunterschießen?« – »Ja, freilich«, sagte der Mann. Der Bursche schoß, und da sahen sie, daß es die Mutter gewesen war. »Aber du bist doch nicht zornig?« fragte der Bursche. – »Nein, wie könnte ich dir denn deswegen zürnen«, gab der Mann zurück, »ich hab dirs ja selber erlaubt.«
Als die Julzeit zu Ende ging, wollten Mann und Frau eine Hochzeit besuchen. Ehe sie gingen, sagte die Frau zu dem Burschen: »Nun mußt du den Hof noch schön aufräumen, dann kannst du eine Viehbrücke über den Graben setzen, und wenn du damit fertig bist, so kannst du auch noch ein Auge ins Hochzeitshaus werfen.«
Als sie fort waren, schlug der Bursche alles Jungvieh tot, ein Stück nach dem andern, schleppte die Tiere hinaus in den Graben, stach ihnen aber die Augen aus und steckte sie in die Tasche. Ehe er ging, legte er Feuer an das Haus. Als er nun in das Hochzeitshaus kam und auf der Türschwelle stand, nahm er ein Kuhauge und warf es dem Mann gerade ins Gesicht. Dann blieb er eine Weile stehen, und dann warf er wieder eines. »Nun habe ich den Hof aufgeräumt, daß nichts Lebendes mehr zu finden ist«, sagte der Bursche, »und eine Viehbrücke habe ich gemacht von allem deinem Vieh, und jetzt werfe ich ein Auge in das Hochzeitshaus. Aber du bist doch nicht zornig?« – »Nein, dafür kann ich dir nicht zürnen«, gab der Mann zurück.
Einmal hatte sich das Kind beschmutzt. Da hieß die Frau den Burschen das Kind hinausnehmen und säubern und abtrocknen. Der Bursche nahm das Kind mit an den Brunnen, legte es hin, wusch es außen und innen und hing es an einem Zaunpfahl auf zum Trocknen. Als er wieder hineinkam, fragte die Frau, Was er mit dem Kinde angefangen habe. »Ach, das hängt da draußen am Zaunpfahl und trocknet«, sagte der Bursche, und als die Frau hinausschaute, hing das Kind wirklich da. »Aber du bist doch nicht zornig?« sagte der Bursche. »Ach, ich bin nicht sonderlich vergnügt«, gab der Mann zurück. »Erst hast du all mein Vieh umgebracht, dann hast du meine Mutter totgeschossen, dann hast du mein Haus angezündet, und jetzt hast du auch noch mein Kind getötet«, sagte der Mann. »Ja, dann wäre also die Abrede erfüllt«, gab der Bursche zurück, »und nun will ich meinen Scheffel Geld haben, wie wir ausgemacht haben.« Und er bekam ihn und zog damit heim.
Da lagen noch seine Brüder und waren elend von den Riemen, die ihnen der Mann aus dem Rücken geschnitten hatte. Aber nun, als Pöne heimkam, konnten sie den Doktor holen und beide wurden wieder gesund.

[Norwegen: Klara Stroebe: Nordische Volksmärchen]

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