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Märchenbasar

Der fleißige und der faule Fischer

Es war einmal ein Fischer, der war so fleißig, dass es keinem Menschen zu sagen ist; er fischte vom frühesten Morgen bis in die tiefe Nacht. Aber das Glück wollte ihm nimmer wohl, er war und blieb ein armer Mann. Und was noch mehr war, seine Frau und sein einzig Kind starben ihm in Zeit von einem Jahre, und er fühlte sich so allein, dass er meinte, er hätte verzweifeln müssen. Darum ließ er aber das Vertrauen auf Gott den Herrn nicht fahren und trug alles mit Geduld und Ergebung.

Am Vorabend von St. Andreas – der Heilige war nämlich sein Patron – ging er einmal ganz allein spazieren und dachte seinem argen Schicksal so recht nach, auch, wie er gar nicht Besseres noch vor Augen sähe. Über all dem wurde er so betrübt, dass er anfing, laut aufzuweinen. Mittlerweile wurde es dunkler und dunkler, und er war so verloren in seiner Traurigkeit, dass er es gar nicht merkte. Erst als es recht finster war, stand er auf und wollte nach Hause gehen, aber da sah er plötzlich ein kleines Flämmchen, welches auf dem Meere tanzte, dann ans Land schnellte, an den Resten einer alten Fischerhütte herumfuhr, geschwind wieder ins Meer schoss, wo es an einer Stelle hell aufleuchtete und schnell wieder ans Land fuhr. Nun hatte der Fischer zwar häufig sagen gehört, dass solche Flämmchen im Meer versunkene Schätze anzeigten, aber er war doch zu furchtsam, als dass er hätte bleiben mögen; so drehte er dem Flämmchen den Rücken und wollte nach Hause gehen.
Da rief plötzlich jemand seinen Namen. Der Fischer kehrte sich um und sah hinter den Hüttentrümmern ein blasses, altes Männlein in ganz fremdartigen Kleidern stehen. Das sah ihn mit einem so flehenden Auge an, dass es dem braven Fischer ganz leid tat.
“Habt Ihr mich gerufen, Herr?” fragte er. “Dann sagt mir, war Ihr wünscht.”
Da antwortete der Mann: “Andreas, du hast dich so sehr über dein Unglück beklagt. Ich will dich zu einem reichen Mann machen, wenn du tun wirst, was ich dir sage.”
Nun wurde dem Fischer erst recht ängstlich zu mute, denn er glaubte, der Mann wäre der leibhaftige Teufel, und er schlug schnell ein Kreuz und sprach: “Nein, ich habe Eure Hilfe nicht nötig. Ich will lieber arm sein, als Geld von Euch nehmen.”
Doch lächelte der Mann und sprach: “Du meinst, ich wäre der Teufel, aber da irrst du dich; du kannst nur volles Vertrauen zu mir haben, und es wird dir gewiss zum Guten ausschlagen. Willst du, dann nimm den Ring hier und komm über drei Tage wieder; gehe dann um Mitternacht just einen Büchsenschuss weit in Meer. Dort findest du drei umgestülpte Töpfe. Davon musst du den mittleren aufheben, dann ist die darin eingeschlossene Seele eines armen Ertrunkenen erlöst. Gehe aber schnell wieder zurück, kümmere dich ja um nichts, was du auch sehen und hören magst. Ich werde dich reichlich dafür belohnen, und du wirst so glücklich sein wie nur ein Mensch in der Welt.”
Mit diesen Worten verschwand der Mann, und im selben Augenblick fiel ein alter verrosteter Ring vor die Füße des Fischers. Aber er hatte nicht Mut genug, das Abenteuer zu bestehen und sprach zu sich selbst: “Was kümmern mich die Seelen der Ertrunkenen, und warum sind sie so närrisch, sich unter einen Topf fangen zu lassen.”
Gleichgültig ging er nach Hause und dachte gar nicht weiter an die Geschichte. Daran tat er aber nicht recht. Das zeigte sich auch bald, denn in den ersten Tagen nachher verlor er alles Geld, was er sich seit mehreren Jahren kümmerlich abgespart hatte, und gleich darauf wurde er krank und blieb neun ganze Monate im Spital liegen. Als er herauskam, war er so arm wie Hiob, und es blieb ihm fast nichts anderes übrig, als zu betteln.
Ohne dass er selbst wusste, wie, befand er sich am Vorabend von St. Andreas wieder am Meere und an derselben Stelle wie im vorigen Jahr. Das Meer war aber nicht so ruhig wie damals, sondern warf große Wellen und war recht wild. Noch nicht lange stand er da, erinnerte sich an die Erscheinung und wie er hätte glücklich werden können, als er das Flämmchen wieder sah und auch seinen Namen wieder rufen hörte. Bald darauf stand, husch, wie hergeblasen, das kleine alte Männchen vor ihm und wiederholte seinen alten Vorschlag. Als es verschwunden war, guckte der Fischer auf die Erde. Richtig, da lag der alte verrostete Ring. Er nahm ihn schnell auf und steckte ihn in die Tasche, denn er hatte nun fest beschlossen, einmal Mut zu fassen und ins Meer zu gehen.
Am dritten Tage um Mitternacht kam er wieder an die alte Hütte und ging mutig ins Wasser los, aber je tiefer er meinte hinabzusteigen, desto weniger Wasser fand er, im Gegenteil, er kam auf die schönste Wiese, die man nur mit Augen sehen kann; darauf waren Hunderte von Jünglingen beschäftig, das Gras abzumähen und in große Bündel zu binden. Dazwischen sangen sie lustige Lieder. Der Fischer kehrte sich aber nicht daran, obgleich er unter ihnen viele seit langem ertrunkene Freunde kannte. Rüstig schritt er weiter. Da kam er an ein schönes Haus, und aus dem Haus stürzte ihm eine schöne Frau entgegen und rief mit einer gar süßen Stimme: “Ach, so kommst du denn endlich und heiratest mich! Ach, wie lange habe ich dich erwartet!” Da hätte der Fischer bald der Warnung des Männchens vergessen, nämlich, dass er auf nichts achten solle, was er auch hören oder sehen mochte.
Aber er fasste sich bald wieder, lief schnell weiter nach den drei umgestülpten Töpfen. Einige zwanzig Meter weiter erblickte er sie und fasste, tapp, den mittelsten und warf ihn um. Zu gleicher Zeit stieß die schöne Frau einen grausamen Schrei aus, und alle Jünglinge von der Wiese stürzten über den Fischer her, aber der wurde von einer mächtigen Hand gefasst und so schnell nach oben gerissen, dass ihm Hören und Sehen verging und er ganz und gar von sich selbst kam.
Als er sich endlich wieder erholte, lag er am Gestade im Sande und fühlte eine so grässliche Müdigkeit in allen Gliedern, als wenn er keinen Knochen am Leibe mehr ganz gehabt hätte. Was ihn aber dabei tröstete, das war ein ledernes Säckelchen voll goldenen Münzen und kostbarer Edelsteine, welches neben ihm lag. Die steckte er voller Freude zu sich und ging nach seiner Hütte zurück. Diese ließ er bald niederreißen und setzte ein schönes Haus an ihre Stelle. Nicht lange nachher nahm er sich eine neue Frau und lebte mit der so glücklich und zufrieden wie ein Fisch im Wasser. Alles was er anfing, gelang ihm prächtig. In der Zeit von fünf Jahren war er ein steinreicher Mann und zog in die Stadt, wo er von seinen Renten lebte.

Nun lebte in der Nachbarschaft von Andreas ein anderer Fischer, der hieß Peter und war ebenso faul, wie Andreas fleißig war. Man brauchte ihn auch nur anzusehen, um zu erkennen, was hinter ihm steckte. Sein Gesicht war so runzlig wie eine alte Pflaume, er hatte Augen wie eine Katze und einen Bart, der einem Stoppelfelde ähnlich sah. Dabei waren seine Beine nicht dicker wie ein Besenstiel und noch nicht einmal so gerade wie eine Sichel. Er war nur einmal am Tage betrunken, nämlich vom frühen Morgen bis zum späten Abend, so dass er selten oder gar nie arbeiten konnte und sicher hätte betteln müssen, wenn er nicht so eine fleißige und kreuzbrave Frau gehabt hätte. Er hielt aber trotzdem nicht viel auf sie, und das ist nicht schwer zu begreifen. Denn wenn die arme Frau den ganzen Tag gefischt hatte und abends meinte, sich etwas zugute tun zu können, dann kam ihr Mann betrunken nach Hause und verlangte Gott weiß was zu essen und zu trinken und hatte auch nicht eher Ruhe, bis sie ihn zu Bette prügelte, wo er sie dann zum Dank in die Tiefe des Meeres verwünschte, damit er und die Fische Ruhe vor ihr bekämen.
Das ging lange so fort. Eines Abends aber fand er seine Frau nicht zu Hause, und bald darauf erzählten ihm heimkehrende Fischer, dass sie ertrunken sei. Da war nun keiner froher als der faule Peter, denn nun brauchte er sich nicht mehr zu zanken und bekam auch nicht jeden Abend Schläge. Doch stieg bald die Sorge in ihm auf, wovon er denn künftig leben werde. Selbst fischen wollte er nicht, und andere Arbeit konnte er nicht. Als er so darüber nachdachte, ging er langsam aus seinem Hause hinaus und gegen das Meer zu. Da fiel ihm auf einmal bei, was sein Nachbar Andreas ihm erzählt hatte von den Seelen der Ertrunkenen, welche auf dem Boden des Meeres unter umgestülpten Töpfen säßen, und er dachte: So gut wie der eine solche Seele erlöste, kann ich es auch; auf diese Weise bekomm ich ein artig Sümmlein und brauche nicht mehr zu tun und kann trinken vom Morgen bis Abend, juchhei! Damit sprang er stuhlhoch in die Luft, schwenkte lustig dreimal seinen Hut und ging nach der alten Hütte zu, wo er sich auf einen morschen Balken niedersetzte. Er saß noch nicht lange da, als das kleine Flämmchen schon erschien und hin und wieder lief, und bald darauf stand auch das alte Männchen da.
“He, Gevatter”, schrie Peter, “seid Ihr da? Das bin ich gar zufrieden, denn ich möchte auch gern eine Seele erlösen und mir die Taschen bei der Gelegenheit mit Gold füllen. Schnell, schnell, Gevatter, zeigt mir den Weg, denn ich bin ein Kerl, der Mut hat und nicht mit sich spaßen lässt!”
Das Männchen gab keine Antwort sondern warf ihm nur den Ring vor die Füße und verschwand. Peter nahm den Ring schnell auf und lief dem Meere zu. Das Wasser wich immer weiter vor ihm zurück, und als er einige fünfzig Schritte getan hatte, da stand er auf der Wiese, wo die Jünglinge noch immer mähten und sangen. Ach, sagte er, käme nun doch auch die schöne Frau, ich würde mich ganz anders gegen sie benehmen wie der dumme Andreas. Ich heiratete sie auf der Stelle. Kaum hatte er die Worte aus dem Munde, als die Tür des nahen Hauses sich öffnete und ein Weib herauskam, welches dicker war als die größte Biertonne. Sie hatte einen Mund, der ging nicht weiter als von einem Ohr zum anderen, Augen so groß sie dicke Nadelköpfe, ganz kurze Beinchen und ganz breite und lange Füße.
“Ach, gnädige Frau”, stotterte Peter erschrocken, “wolltet Ihr mir wohl sagen, wo denn eigentlich die drei Töpfe stehen?”
“Also du kommst nicht hierher, um mich zu heiraten”, schrie die Dicke, “dann soll dich der Tausend holen!” Und damit schrie sie, so laut sie konnte, und stürzte auf den armen Peter los. Dieser besann sich aber nicht lange, sondern lief weg, bis zu den Töpfen, während die Jünglinge ihn verfolgten. Er hatte aber nicht von Andreas gehört, welchen von den drei Töpfen der aufgehoben hatte. In seiner Hast und Not griff er darum aufs Geratewohl nach dem mittelsten und hob ihn auf. Da drang aber ein so grausames Gequak und Gekrächze unter dem Topf hervor, dass Peter vor Schrecken in Ohnmacht fiel. Als er wieder zu sich kam, lag er müde und zerschlagen am Strande. Er raffte sich zusammen und suchte rings nach dem ledernen Sacke mit Gold und Edelsteinen gefüllt. Aber er mochte suchen, wie er wollte, er fand nichts. Halt da, dachte er endlich, vielleicht finde ich ihn zu Hause. Wer kennt schon das Treiben der Geister, oder weiß Gott, wer sie sind, die da im Wasser spuken. Er machte sich auf den Weg nach seiner Hütte. Schon von ferne merkte er, dass die kleinen Fensterlein hell schimmerten, als wenn Licht in der Kammer gebrannt hätte, und das war ihm gar verdächtig. Darum schlich er ganz, ganz sachte heran und guckte einmal durch eine Türritze, aber da rät nun keiner, was er sah. Man kann es nicht raten, es ist unmöglich, darum will ich es nur erzählen: Er sah seine Frau, die mitten in der Kammer saß und ihre Fische zählte und auf ihren Taugenichts von Mann schimpfte. Es fehlte wenig, und Peter wäre von neuem in Ohnmacht gefallen. Er fasste aber Mut und schlotterte bebend an allen Gliedern in die Kammer hinein und warf sich ohne ein Wort zu sprechen aufs Bett, hörte auf gar nichts, was seine Frau ihm auch vorwerfen und nachrufen mochte. Ich bin an meinem Unglück selbst schuld, dachte er, hätte ich den Topf zur Rechten oder den zur Linken aufgehoben, ich wäre sonder Zweifel ein reicher Mann, aber wer konnte auch denken, dass meine böse Frau gerade in dem mittelsten saß?

Ein Märchen aus Norwegen