Suche

Märchenbasar

Der Herrgott und die vier Brüder

Es waren einmal vier Brüder, die zogen aus um Geld zu verdienen. Auf ihrem Wege begegnete ihnen der Herrgott in Gestalt eines alten Mannes und redete sie an: “Guten Tag, Kinder”; sie antworteten: “Gott vergelt’s, Alter.” – “Wohin des Wegs?” – “Auf Gelderwerb, Alter.” – “Kann ich mit euch gehen?” fragte der Alte. Sie antworteten: “Komm nur mit, Alter.” So zogen sie zusammen weiter; unterwegs kamen sie an eine Quelle und setzten sich dort, um auszuruhen, zu essen und Wasser zu trinken. Als sie aufstanden, sagte der älteste Bruder: “Wenn doch der Herrgott geben möchte, daß sich das Wasser dieser Quelle in Wein verwandle; wie wäre das schön; ich würde dann der Verkäufer und könnte auch einmal für die Armen etwas tun.” Sogleich verwandelte sich das Wasser in Wein, und er blieb bei der Quelle, tat einen Laden auf und verkaufte Wein an die Reisenden.

Die andern Brüder ließen ihn nun dort zurück und setzten mit dem Alten ihre Reise fort. Unterwegs kamen sie an ein Grab mit zwei großen Pappeln an beiden Seiten. Als die der zweite Bruder sah, sagte er: “Wenn doch Gott gäbe, daß dies Grab und die Pappeln zu Getreidehaufen und Ochsen würden, wie wäre das schön; da könnte ich auch für die Armen sorgen.” Das hörte der Alte und sagte: “Gott soll geben, mein Sohn, daß es so geschieht”; da verwandelten sich die Grabsteine in Getreideschober und die beiden Pappeln in zwei Ochsen; der zweite Bruder blieb da, richtete eine Dreschtenne her und drosch mit den Ochsen. Die beiden übrigen Brüder verließen ihn und setzten die Reise mit dem Alten fort. Unterwegs kamen sie an einen Friedhof, auf dessen Grabsteinen viele Krähen hockten und krächzten. Da sagte der dritte Bruder: “Wenn doch Gott gäbe, daß die Krähen, die da hocken, alle zusammen schwarze und weiße Schafe würden, wie wäre das schön.” Als das der Alte hörte, sprach er: “Gott soll geben, mein Sohn, daß es so geschieht.” Sogleich verwandelten sich die Krähen und begannen ringsherum zu blöken; der dritte Bruder blieb nun dort und hütete und besorgte die Schafe. Nur der jüngste Bruder blieb noch übrig, um mit dem Alten die Reise fortzusetzen. Auf ihrer Wanderung näherten sie sich einem Dorf; da sagte der Alte: “Komm, mein Sohn, ich will dich zu einer Hochzeit in diesem Dorfe bringen, daß wir uns ausruhen und einen Bissen essen.” Der Bursche antwortete: “Laß uns hingehen, Alter”, und sie machten sich dahin auf. Im Dorfe angekommen, gingen sie zu dem Hochzeitshaus und trafen den Traupaten mit den Hochzeitsgästen, die ihn bewirteten, auf dem Hofe am Tische sitzen; sie wurden eingeladen, sich zu setzen und einen Bissen zu essen und zu trinken. Der Alte und der Bursche setzten sich zusammen und verzehrten, was Gott gab. Nach kurzer Zeit brachte man die Braut heraus an den Tisch, daß sie dem Traupaten und den Gästen die Hand küsse – denn sie wollten sie jetzt zur Trauung mit dem Bräutigam geleiten – und daß sie die Gäste beschenke. Wie sie so nach der Reihe die Hand küßte, kam sie auch zu dem Alten, der aber rief: “Ihr Traupaten und Hochzeitsgäste, diese Braut ist nicht eure, sondern unsre, sie gehört diesem Burschen.” Die fuhren auf und sagten: “Was redest du da, Alter; wie ist so etwas möglich, nachdem alles nach Ordnung und Gesetz vor sich gegangen ist?” – “Wie sollte es nicht möglich sein,” erwiderte der Alte, “möglich ist es. Wenn ihr es nicht glauben wollt, daß die Braut unser ist, so laßt uns drei Rebenschößlinge in die Erde stecken, ihr auf eurer, wir auf unsrer Seite, und auf wessen Seite die Schößlinge ansetzen und Trauben zum Nachtisch geben, dem soll die Braut gehören.” – “Gut”, sagten der Traupate und die Hochzeitsgäste, und sie steckten die Schößlinge ein. Nach kurzer Zeit setzten die des Alten an, gaben Trauben, alle aßen davon, und die der andern verdorrten. Als nun die Hochzeitsleute mit ihren Reden gegen den Alten nichts ausrichten konnten, gaben sie dem Burschen die Braut, trauten ihn mit ihr, und er blieb in ihrem Dorfe wohnen. Der Alte aber ging seines Weges.

Nachdem einige Zeit nach der Erfüllung der Wünsche der vier Brüder vergangen war, wollte der Herrgott erfahren, ob sie sich der Armen angenommen hatten, wie sie es versprochen hatten. Er verwandelte sich in einen sehr alten, armen, zerlumpten Bettler mit dem Stab in der Hand und begab sich auf den Weg zu jedem der Brüder, um sein Herz zu prüfen. Zuerst ging er gegen Abend zu dem Händler und bat ihn: “Sohn, ich habe kaum mit meinem Stab in der Hand bis zu deinem Laden kommen können, laß mich diese Nacht ohne Bezahlung hier übernachten und gib mir zu essen und zu trinken, denn nach dem weiten Weg habe ich nichts mehr übrig.” Der aber antwortete: “Ach Alter, du siehst doch, daß ich großen Zudrang habe; die Leute muß ich zuerst bedienen, nachher kann ich auch dich aufnehmen, aber so ohne Geld, mein Alter, kann ich es nicht.” Der Alte bat zum zweiten- und drittenmal, er möchte ihm wenigstens etwas Brot und Wein zu seiner Stärkung geben, aber er gab es ihm nicht. Da machte sich der Alte wieder auf den Weg, und als er ein wenig von dem Orte weg war, sagte er: “Gott gebe, daß dieser Wein sich in Wasser verwandle, wie es früher in der Quelle war.” Sogleich strömte das Wasser da heraus, und der Händler blieb ganz verwirrt stehen, als er kam, um Wein zu schöpfen und den Gästen zu verkaufen, denn da war nur Wasser.

Darauf kam der Alte zu dem Landmann auf der Tenne, die war ganz umgeben von Getreideschobern, und in der Mitte lagen noch ungeworfelte Haufen. Da bat ihn der Alte, er möge ihm ein wenig Korn und Brot geben, damit er einen Bissen essen könne. Der aber antwortete: “Ach Alter, siehst du nicht, daß von nirgendher ein Wind geht, so daß ich worfeln und dir etwas geben könnte; da nichts geworfelt ist, kann ich dir nichts geben.” Der Alte bat zum zweiten- und drittenmal um etwas von dem, was da war, aber der Landmann gab ihm nichts, und er ging weiter; aber als er sich etwas von der Tenne entfernt hatte, sagte er: “Gott gebe, mein Sohn, daß dies so werde, wie es gewesen ist”, und sogleich verwandelten sich Getreideschober und Tenne in das Grab mit seinen Steinen und den beiden Pappeln, der Landmann aber blieb beschämt zurück und hatte nichts, wie früher.

Von da ging der Alte zu dem dritten Bruder, dem Schafhirten, auf dessen Tränkeplatz, als er gerade die Schafe melken wollte, und bat ihn: “Mein Sohn, gib mir ein wenig Brot, Käse und Milch, daß ich einen Bissen essen und einen Schluck trinken kann, denn ich bin von dem langen Weg sehr hungrig und schwach geworden.” Der Hirt antwortete ihm: “Ach Alter, siehst du nicht, daß jetzt keine Zeit dazu ist? Du bist bitten gekommen, wo ich gerade die meiste Arbeit habe, ich kann meine Schafe nicht ungemolken lassen, um dir das und das zu geben.” Der Alte bat das zweite- und drittemal, aber der Hirt wollte ihn nicht einmal anhören, und er ging weiter. Als der Alte ein wenig von ihm fort war, sagte er: “Sohn, Gott gebe, daß diese Schafe wieder werden, was sie gewesen sind”; und sogleich verwandelten sich die Schafe in die stummen Grabsteine mit den daraufhockenden schwarzen Krähen, die krächzten und mit den Flügeln schlugen; der Hirt aber blieb ganz erschrocken stehen und hatte nichts, wie er früher nichts gehabt hatte.

Darauf begab sich der Alte zu dem Hause des vierten Bruders; der war den Tag über zum Viehhüten aus, und im Hause traf er nur die Frau an, die gerade dabei war, in der heißen Asche einen Fladen zu backen aus Kuhdünger; damit wollte sie die Kinder täuschen und sie hinhalten, daß sie nicht nach Brot verlangten. Der Alte begrüßte sie, sie nahm ihn freundlich auf, nötigte ihn, sich auf die Matte zu setzen, gab ihm ein Kissen, und er setzte sich. Als er so eine Weile gesessen hatte, sagte er zu der jungen Frau, sie solle den Fladen aus dem Feuer nehmen, da er schon ausgebacken sei. Darauf erwiderte sie: “Alter, wenn ich ihn auch herausnehme, es ist kein wirkliches Brot, sondern besteht aus Dünger; wir hatten heute kein Mehl, darum habe ich das so gemacht, damit die Kinder nicht vor Hunger vergehen, bis wir Brot bekommen; nimms mir nicht übel.” Er aber sagte zu ihr: “Nimm das Brot nur heraus, mein Kind, es ist nicht das, was du denkst, sondern es ist wirkliches Brot; Gott hat es angeordnet, daß es so werden soll.” Die Frau gehorchte ihm, nahm den Fladen heraus, wischte ihn ab, und als sie ihn zerbrach, zeigte er sich weiß, wie aus Weizenmehl angerührt. Da gab sie den Kindern Brot, deckte den Tisch für den Alten mit ein wenig Käse und nötigte ihn zuzulangen. Als der Alte tüchtig gegessen hatte, sagte er zu der Frau, sie solle gehen und ihm ein wenig Wein aus dem Fasse einschenken. Die antwortete ihm: “Alter, es ist lange her, daß wir nichts hineingefüllt haben, es ist leer und ausgetrocknet.” Er aber sagte wieder zu ihr: “Geh nur, Kind, und sieh zu, es ist nicht leer, sondern voll; Gott hat gegeben, daß Wein da ist.” Da ging sie, sah, daß das Faß voll war bis ans Spundloch und wunderte sich; dann füllte sie etwas ab und brachte es dem Alten zum Trinken.

Da es dunkel geworden war, blieb der Alte zur Nacht und aß mit ihnen zu Abend; sie aßen und tranken, was Gott gab, und am nächsten Morgen sagte der Alte, der sehr früh aufgestanden war: “Schlachtet mir eins von euren Kindern zum Opfer, bratet es mir in der Pfanne und gebt es mir zu essen.” Mann und Frau warfen sich Blicke zu, ob sie recht gehört hätten oder nicht; aber auf das Drängen des Alten blieb ihnen nichts übrig, sie schlachteten das Kind, richteten es zu, heizten den Ofen und legten es zum Braten hinein. Als die Zeit kam, daß es fertig gebraten sein konnte, sagte der Alte zu ihnen: “Geht und seht nach, ob das Kind in dem Ofen gebraten ist und bringt es mir zum Essen; ich will dann weiter gehen.” Als sie nun den Ofen aufmachten, um es herauszunehmen, erstaunten sie, als sie das Kind munter und gesund mit goldnen Äpfeln spielen sahen und um es herum den Ofen voll von Goldstücken. Da nahmen sie das Kind heraus und gingen wieder zu dem Alten; der ermahnte sie, einander nachzugeben und sich gegenseitig in Ehren zu halten, wenn sie wollten, daß Gott ihnen gewähre, um was sie bäten. Er erklärte ihnen auch, daß sie, wenn sie einig lebten, das allerfeinste Haar spalten und, falls sie wollten, hindurchgehen könnten, und daß sie den allergrößten harten Stein sprengen und durchgehen könnten; wenn sie aber einander nicht nachgäben und in Ehren hielten, Gott ihnen nicht helfen könne. Darauf ging der Alte fort, und sie geleiteten ihn dankbar. Als sie zurückkamen, sammelten sie das Geld aus dem Ofen, hoben die Matte auf, auf der der Alte gelegen und geschlafen hatte und fanden auch unter der Goldstücke; auch die legten sie beiseite und kamen zu Wohlstand, so daß der Mann vom Rinderhirten zum Reichsten im Dorfe wurde. Die Leute wunderten sich über sein Glück und sein schnelles Emporkommen, wußten aber nicht, daß Gott ihn für seine Frömmigkeit und seinen Gehorsam belohnt hatte.

Quelle:
(Bulgarien)

Skip to content