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Märchenbasar

Der Hirt und die drei Samovilen

Einmal weidete ein junger Hirt auf einer Lichtung zwischen dichten Gebüschen in der Nähe eines klaren Flusses; dort sah er eines Morgens, wie sich drei schöne Mädchen in dem Flusse badeten. Sie waren so schön, daß der Hirt die Augen nicht von ihnen wegwenden konnte. “Ach,” dachte er bei sich, “wenn ich doch näher am Flusse wäre, daß ich eins von den schönen Mädchen ergreifen und sie dann zur Frau nehmen könnte.” Als die Mädchen mit dem Bade fertig waren und sich angekleidet hatten, eilten sie fort und verschwanden vor seinen Augen. Am nächsten Morgen früh, es war beinahe noch Nacht, trieb der Hirt die Schafe wieder dahin und verbarg sich im Dickicht, um die drei Mädchen baden zu sehen. Gleich bei Sonnenaufgang kamen sie auch und badeten, aber es gelang dem Hirten nicht, eine zu fangen; er war eben zu weit von ihnen weg.

Am dritten Tage verbarg er sich wieder in einem Gebüsch ganz nahe am Flusse und wartete dort auf die Mädchen. Sowie die Sonne aufging, kamen sie auch lachend und vergnügt, wie helle Sterne, zogen die Hemden aus und stiegen in den Fluß, sich zu baden. Der Hirt saß da und dachte nach, wie er eine von ihnen in die Hände bekommen könnte: es konnte ihm nicht anders gelingen, als wenn er ihnen die Hemden raubte und sie nackt dastehen ließe; dadurch würde er eine in die Hände bekommen, wenn sie zu ihm kommen und ihre Hemden verlangen würden. Dazu entschloß er sich, brach plötzlich hervor und nahm ihnen die Hemden weg. Als die Mädchen das sahen, standen sie verwundert mitten im Flusse still und baten den Hirten, er möge ihnen die Hemden wiedergeben, sie wollten ihm auch viel Gutes tun. Da war der Hirte überzeugt, daß er eine von ihnen bekommen werde und sagte: “Ich will euch die Hemden geben, ihr Mädchen, aber eine von euch muß mich zum Manne nehmen, sonst gebe ich sie euch nicht, sondern ihr müßt wissen, daß ich dann ein Feuer anmache und die Hemden verbrenne; ihr könnt dann nackt nach Hause gehen.” – “Gut,” antworteten sie, “du willst eine von uns, aber du mußt wissen, daß wir drei Schwestern sind, drei Samovilen; deswegen darfst du keine von uns zur Frau nehmen, damit die Leute dich nicht auslachen, daß du eine Samovila heimführst.” – “Und wäret ihr nicht Samovilen, sondern Samodiven, ich will doch eine von euch, nur so gebe ich euch die Hemden.” Als die Samovilen das hörten, überzeugten sie sich, daß er ihnen die Hemden nicht wiedergeben werde, ohne eine von ihnen zu bekommen. – “Nun, wenn es so ist, nimm eine von uns, welche du willst, und gib uns die Hemden, daß wir nach Hause gehen können, denn wir wohnen weit weg.” Darauf wählte der Hirt die jüngste, die anderen Schwestern gaben sie ihm, riefen ihn beiseite und sagten ihm, er solle ihr das Hemd nicht geben, denn darin sei ihre Kraft, und sie werde ihm entfliehen, wenn sie es anziehe; er solle ihr ein anderes Hemd zu tragen geben. Das merkte sich der Hirt, gab dann den beiden Samovilen ihre Hemden wieder, die flogen davon, und die jüngste ging mit dem Hirten nach Hause; dort heiratete er sie und hatte von allen jungen Frauen an seiner Samovila die schönste.

Fast ein Jahr hatten sie zusammen gelebt, da traf es sich, daß sie bei einem Verwandten des Hirten zur Hochzeitsfeier gehen sollten. Da traten alle junge Frauen, die dort waren, zum Reigentanz an, nur des Hirten Samovila nicht. Alle Frauen wollten gern, daß auch die Samovila mittanze, aber sie trat nicht mit an, weil sie ihr Samovilenhemd nicht anhatte. Da quälten sie den Hirten, er solle es ihr doch geben, damit sie nur die Samovila tanzen sähen. Nach vielen dringenden Bitten der jungen Bäuerinnen gab der Hirt nach, ging nach Hause, nahm das Hemd von der Stelle, wo er es versteckt hatte und brachte es auf die Hochzeit. Aber ehe er es seiner Frau gab, verstopfte er alle Löcher und Ritzen; dann gab er es ihr, und sie zog es an.

Als die Samovila zum Tanz antrat und nun den Samovilenreigen tanzte, blieben alle Hochzeitsgäste, groß und klein, vor Verwunderung starr stehen. Die Samovila aber, als der Tanz zu Ende war, ging zu ihrem Mann, faßte ihn bei der Hand und sagte: “Leb wohl, mein Hausherr.” Damit flog sie auf durch den Rauchfang. Als der Hirt das sah, rief er ihr nach und bat sie: “Frau, Frau, warum versündigst du dich an mir und entfliehst durch den verfluchten Rauchfang, den ich offen gelassen habe? Ich bitte dich, meine schöne Frau, sage mir, wo ich dich suchen soll, daß ich dich noch einmal wiedersehe.” – “Suchen mußt du mich,” antwortete sie von dem Rauchfang her, “im Dorfe Kuschkundaleo, dort wirst du mich dann wiedersehen.” Damit flog sie in die Wolken.

Nach einigen Tagen machte sich der Hirt auf die lange Reise, das Dorf Kuschkundaleo zu suchen, zog von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt und fragte, wo es läge. Alle, die der Hirt nach dem Dorfe fragte, wunderten sich über den Namen und keiner konnte ihm Bescheid geben. Als er so alle Dörfer und Städte durchwandert hatte, zog er in Gebirge und Einöden, um weiter nach einem solchen Dorfe zu suchen. Als er so durch ein Gebirge wanderte, traf er auf einen alten Mann, der stand an eine Buche gelehnt mit einem Krummstab in der Hand. “Was streifst du hier in dieser Einöde herum, mein Bursche, wo kein Hahn kräht und kein Mensch wohnt?” fragte der Alte den Hirten. Der antwortete: “Die Not treibt mich, alter Vater, ich möchte dich bitten, mir zu sagen, wenn du es vielleicht weißt, ob sich in dieser Einöde ein Dorf namens Kuschkundaleo befindet.” – “Von einem solchen Dorf habe ich in dieser Gegend niemals etwas gehört, und ich lebe hier doch schon zweihundert Jahre. Aber, mein Junge, warum suchst du nach dem Dorfe?” – Darauf erzählte ihm der Hirt alles, was ihm geschehen war und schloß mit den Worten: “So ist also meine Lage, alter Vater, wenn du etwas weißt, sag es mir.” – “Einen solchen Dorfnamen kenne ich nicht, mein Junge, wenn du aber noch einen Monat weiter wandern willst, so wirst du einen andern alten Mann finden, meinen Bruder, den grüße von mir; er ist noch älter als ich, etwa dreihundert Jahre. Der ist der Zar aller wilden Tiere des Gebirges und kann dir vielleicht etwas über das Dorf sagen.” Damit entließ ihn der Alte, und als der Hirt noch einen Monat gewandert war, fand er einen andern alten Mann an einer Quelle sitzen, grüßte ihn und erzählte ihm alles der Reihe nach, wie dem ersten Bruder. Der Alte sagte ihm: “Bleib hier, bis ich alle wilden Tiere zusammenrufe und sie frage nach dem Namen des Dorfes, das du suchst.” Darauf schickte er Botschaft an alle Tiere, alle kamen nach kurzer Zeit, traten vor den Alten und warteten auf seine Befehle. “Hört mich an, ihr Löwen, ihr Bären, ihr Wölfe und Füchse und ihr alle Tiere, was ich euch sagen will; ihr kommt nahe an Dörfer und Städte, habt ihr einmal von einem Dorfe gehört, das Kuschkundaleo heißt oder nicht?” – “Einen solchen Namen haben wir nie gehört, erhabener Zar”, antworteten alle Tiere einstimmig. “Siehst du, mein Junge, es gibt kein Dorf des Namens, wie du es suchst. Aber wenn es dich nicht verdrießt, geh noch einen Monat weiter, dort wirst du meinen ältesten Bruder finden, der ist Zar über alle Vögel unter dem Himmel, vielleicht haben die etwas von dem Dorfe gehört, das du suchst.” Da machte der Hirt sich wieder auf den Weg und traf nach einem Monat den dritten Alten, den Zaren aller Vögel, begrüßte ihn, brachte ihm auch einen Gruß von seinen Brüdern und erzählte ihm seine Lage von A bis Z. Sogleich schickte der Alte Botschaft an alle Adler, Raben und alle andern Vögel, zu ihm zu kommen. In vierundzwanzig Stunden erschien alles, was es an Vögeln gab, vor dem Zaren, und alle warteten, daß er sie befrage oder ihnen Befehle gäbe. “Hört, ihr Adler und Raben und ihr Vögel alle, hat einer von euch von einem Dorfe gehört, das Kuschkundaleo heißt?” – “Bis jetzt haben wir einen solchen Namen niemals gehört”, antworteten die Vögel. – “Da muß es einen solchen Namen nicht geben, mein Junge; kein Vogel hat ihn gehört, die Adler nicht und auch die andern nicht; ich bin auch hier alt geworden, bin fast vierhundert Jahre und habe einen solchen Dorfnamen nicht gehört.” Gerade als der Alte so sprach, kam eine lahme Elster herbei und trat vor den Zaren. Der fragte sie: “Warum, Elster, bist du soviel zu spät gekommen? Von allen kommst du zuletzt zu mir.” – Darauf antwortete die Elster: “Ich bin zu spät gekommen, erhabener Zar, weil ich lahm bin und weil ich sehr weit weg wohne, so weit wie das Dorf Kuschkundaleo, wo die Samovilen leben. Als deine Botschaft zu mir kam, war ich von ihnen eingespannt Strohblumen auszudreschen, und beim Dreschen schlug mich eine verfluchte Samovila auf den Fuß, so konnte ich vor Schmerz nicht recht schnell fliegen und zur Zeit hier sein.” – “Nun, mein Junge, hast du gehört, was die Elster sagt, die ist ja aus dem Dorfe, das du suchst. Wenn du magst, mach dich bereit mit der Elster zu gehen. Ich will dir auch einen Adler geben, auf dem kannst du reiten, und er wird dich nach Kuschkundaleo bringen.” Auf diese Worte des Alten antwortete der Hirt: “Wenn du mir diese Güte erweisen willst, erhabener Zar, werde ich es dir niemals vergessen.” Sogleich befahl nun der Zar einem der größten Adler, den Hirten nach Kuschkundaleo zu bringen. So kamen sie, die Elster voraus, der Adler hinterher, in der Frühe nahe bei dem Dorfe an, er stieg ab und ging in das erste Haus um zu fragen, wo die drei Samovilenschwestern wohnen. Zufällig war es gerade das Haus, und schon als er in den Hof trat, hatten ihn die beiden Schwestern seiner Frau gesehen und ihn bedauert: “Ach, ach! Der arme Schwager, was hat er ausgestanden mit Herumwandern und Suchen nach seiner ungetreuen Frau, bis er hierher gekommen ist. Für all die Mühe, die er gehabt hat, müssen wir ihm unsre Schwester auf den Sattel binden, daß er sie mit sich nach Hause nehmen kann.”

Die Schwestern gingen nun zu ihm hinaus und begrüßten ihn als ihren Schwager, fragten ihn auch, wie alles zugegangen sei; er erzählte es und bat sie, ihm seine Frau zu geben. Sie antworteten: “Sei unbesorgt, Schwager, wir haben das auch vor und wollen sie jetzt auf einen Sattel binden, der fliegen kann, auf den setzest du dich und fliegst mit der größten Schnelligkeit, bis du die drei Gebirge da hinter dir hast; von da an brauchst du keine Sorge mehr zu haben. Komm jetzt ins Haus, da wollen wir sie auf dem Sattel festbinden, während sie schläft, du steigst dann auf, und ihr fliegt davon. Sie wird während des Fluges aufwachen und schreien, was sie kann, daß ihr Pferd es hören soll. Das wird hinrennen sie zu befreien, aber wenn es findet, daß du über die drei Gebirge hinüber bist, kann es dir nichts tun, findet es dich aber vor ihnen, so reißt es dich in Stücke und nimmt deine Frau fort.” Nach diesen Worten der Samovilen bestieg der Hirt den Sattel, und ein starker Wind hob ihn in die Höhe. Als sie nun über die drei Gebirge hinüber waren, wachte die Samovila auf und schrie nach ihrem Pferde. Das flog auch gleich auf, um den Hirten zu ereilen und kam an die drei Gebirge, aber seine Kraft reichte nur so weit, und es kehrte um. Der Hirt aber kam mit seiner Samovilenfrau nach Hause und verbrannte sogleich ihr Hemd, um fortan ohne Sorge zu sein. So blieben sie zusammen und bekamen Töchter, eine schöner als die andere, und von diesen Töchtern kommen die schönsten Frauen auf der Welt bis auf den heutigen Tag.

Quelle:
(Balkanmärchen aus Bulgarien)

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