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Märchenbasar

Der Hirtenknabe und das Herz aus Gold

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Es war einmal ein armer Hirtenknabe, der lebte am Rande eines großen, dunklen Waldes. Sein Vater war früh gestorben, und seine Mutter verdiente ihr Brot mit Spinnen und Weben. Der Knabe aber hütete die wenigen Schafe, die ihnen geblieben waren, und war trotz aller Armut heiteren Herzens.

Nicht weit von ihrem Häuschen erhob sich ein prächtiges Schloss, darin wohnte ein König mit seiner einzigen Tochter. Die Prinzessin war schön wie der Morgenstern, doch krank an Leib und Seele. Kein Arzt im ganzen Reich vermochte ihr zu helfen, und der König war darüber so betrübt, dass er verkünden ließ:

„Wer meine Tochter heilt, der soll ihr Gemahl werden und die Hälfte meines Reiches erben!“

Viele kamen – reiche Prinzen, stolze Ritter, kluge Gelehrte. Doch keiner wusste Rat. Die Prinzessin lag bleich und still, und ihre Augen blickten wie in weite Ferne.

Eines Tages trieb der Hirtenknabe seine Schafe tief in den Wald hinein. Da verirrte sich eines der Lämmer, und er folgte ihm zwischen knorrigen Bäumen und über moosige Steine. Plötzlich hörte er ein leises Wimmern. Und siehe da – unter einer alten Eiche lag ein verwundeter Rabe.

Der Knabe kniete nieder und sprach: „Fürchte dich nicht, ich will dir helfen.“ Er verband dem Vogel behutsam den Flügel und gab ihm von seinem Brot.

Da sprach der Rabe mit menschlicher Stimme: „Weil du ein Herz aus Gold hast, soll dir geholfen werden, wenn du selbst in Not gerätst.“

Der Knabe erschrak, doch ehe er fragen konnte, erhob sich der Rabe und flog, so gut er konnte, davon.

Am nächsten Tage fand der Hirtenknabe im Wald eine alte Frau, die kaum noch gehen konnte. Dreimal bat sie ihn: „Trage mich über den Bach, mein Sohn.“

Und dreimal nahm er sie auf seine Schultern und trug sie ans andere Ufer.

Da richtete sich die Alte plötzlich auf und war nicht mehr gebückt, sondern hoch gewachsen und von seltsamem Glanz umgeben. Es war eine Waldfee.

„Du hast ein Herz aus Gold“, sprach sie. „Darum will ich dir ein Geheimnis verraten: Die Königstochter ist nicht krank, sondern verzaubert. Ein neidischer Zauberer hat ihr Herz in einen Kristall gebannt und ihn tief im Wald verborgen. Nur wer ohne Eigennutz handelt, kann ihn finden.“

Kaum hatte sie dies gesprochen, war sie verschwunden.

Der Hirtenknabe dachte nicht an Lohn noch an Krone. Er dachte nur an die traurigen Augen der Prinzessin. So machte er sich auf die Suche.

Er ging einen Tag und eine Nacht. Am zweiten Tage begegnete ihm der Rabe wieder und führte ihn schweigend durch dichtes Gestrüpp. Am dritten Tage gelangten sie zu einer Felsgrotte, aus der ein kalter Wind wehte.

Darin saß der Zauberer, schwarz gekleidet, mit Augen wie glühende Kohlen. Vor ihm stand ein Kristall, darin schimmerte ein schwaches Licht.

„Was suchst du hier, du armer Narr?“ höhnte der Zauberer.

Der Hirtenknabe aber sprach mutig: „Ich suche nicht für mich, sondern für eine, die leidet.“

Da lachte der Zauberer dreimal laut, dass die Felsen bebten.

Beim ersten Lachen flackerten die Fackeln.

Beim zweiten Lachen bebte die Erde.

Beim dritten Lachen sprang der Kristall von seinem Sockel.

Und siehe da – der Rabe stürzte herbei und schlug mit den Flügeln dem Zauberer ins Gesicht, während der Knabe den Kristall ergriff. Doch der Zauberer verwandelte sich in Rauch und verschwand mit einem Schrei.

Der Kristall wurde warm in den Händen des Knaben, und das Licht darin begann hell zu leuchten.

Als er ins Schloss zurückkehrte und der Prinzessin den Kristall reichte, zersprang er in tausend funkelnde Splitter. Die Prinzessin schlug die Augen auf, und Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück.

Groß war die Freude im ganzen Reich.

Der König wollte sogleich Wort halten und dem Hirtenknaben seine Tochter und das halbe Reich geben. Doch der Knabe sprach:

„Majestät, ich tat es nicht um Gold noch um Krone. Ich tat es, weil niemand leiden soll, wenn man helfen kann.“

Da blickte die Prinzessin ihn an, und ihre Augen waren nun warm und klar. „Gerade darum“, sprach sie leise, „bist du der Einzige, der mein Herz verdient.“

Und weil er ein Herz aus Gold hatte, nahm er ihre Hand – nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Liebe. Die Hochzeit wurde gefeiert sieben Tage und sieben Nächte, und selbst die Ärmsten im Land aßen sich satt.

Der Knabe vergaß seine Herkunft nicht, und unter seiner Herrschaft lebten die Menschen gerecht und in Frieden.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

 

© 2026 Mario Eberlein

 

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