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Märchenbasar

Der Kaiser als Schweinehalter

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War einmal ein Kaiser, dessen Macht zu seiner Zeit kaum seinesgleichen kannte. Er hatte mit vielen Feinden Krieg geführt und sie alle überwunden, so daß er bei allen seinen Nachbarn als unüberwindlich galt. Wie aber alles einmal ein Ende hat, so auch die Herrlichkeit dieses mächtigen Kaisers. Das Glück hatte ihn, da er wieder einmal mit einem seiner Nachbarn Krieg führte, verlassen, und er wurde so vollständig geschlagen, daß er weder Reich noch Zepter mehr behaupten konnte und so, wie er ging und stand, entfliehen mußte. Nichts von allen seinen Reichtümern und unermeßlichen Schätzen konnte er mit sich nehmen als seine einzige Tochter. Die folgte ihm, so arm wie er selbst war, in die Welt hinaus. Und da er von nun an nicht wußte, wie er sein Brot verdienen sollte, denn er hatte natürlich nichts gelernt, so mußte er die Mildtätigkeit der Leute ansprechen und betteln.
Nachdem er lange so umhergewandert war, gelangte er endlich in eine Stadt, die eben ihren Schweinehalter entlassen hatte. Er meldete sich deshalb beim Senat, bat um diesen Dienst und wurde wirklich als städtischer Schweinehalter angestellt. Auch dieses niedrigste aller Geschäfte hätte er nicht versehen können, wenn er nicht für sich noch ein paar Leute angenommen hätte, welche den Dienst verstanden und die er mit einem Teil seines Lohnes bezahlte. So hatte er einige Monate sein Leben hingebracht, da kam einmal zufällig ein fremder Prinz in die Stadt. Es war der Sohn jenes Kaisers, der ihn einst besiegt und aus seinem Reiche vertrieben hatte, was aber weder der Prinz noch der vertriebene Kaiser wußten, da sie sich gegenseitig nie gesehen hatten. Wie es nun ging, erzählt die Geschichte nicht, aber der Prinz, welcher zufällig die Tochter dieses städtischen Schweinehalters sah, fand sehr großes Wohlgefallen an ihr, so daß er bei sich beschloß, nie eine andere zur Frau zu nehmen als eben diese. Als er zu seinem Vater, dem alten Kaiser, zurückkam, erzählte er ihm von der Schönheit jener Schweinehalterstochter und daß er willens sei, sie zu heiraten. Hierüber erzürnte sich der alte Herr, schalt den Prinzen dieser beabsichtigten niedrigen Verbindung wegen, wozu er, solang er lebe, ihm nie seine Einwilligung geben werde. Der Prinz betrübte sich wohl hierüber, ließ sich aber doch dadurch von seinem Vorsatz nicht abbringen. Und da er hartnäckig und fest darauf bestand, dieses Mädchen und kein anderes zu heiraten, so gab der Vater endlich nach und ließ ihn ziehen, damit er sie als seine Frau heimführen möge.
Als der Prinz vor den Vater seiner Geliebten trat und ihm sagte, daß er gekommen sei, um seine Tochter als Frau abzuholen, schwieg dieser einen Augenblick, ohne weiter über diesen Antrag aus der Fassung zu kommen, alsdann hub er an: »Gut, Herr, dein Antrag ist für mich eine große Ehre; allein ehe ich meine Einwilligung zu einer Verbindung zwischen dir und meiner Tochter gebe, sollst du mir sagen, wer du eigentlich bist und wovon du lebst.« Hierüber lächelte der Prinz, wie sich wohl denken läßt, denn wie sollte ein Prinz und Kaiserssohn nicht zu leben haben? Dann sagte er dem Alten, wer er eigentlich sei und daß er die sichere Anwartschaft habe, einmal Erbe eines großen Kaiserreiches zu werden. Wenn ihm dies nicht genüge, fuhr er dann weiter fort, so möge er wissen, daß sein Vater vor einiger Zeit noch ein zweites mächtiges Reich erobert und den Kaiser davon verjagt habe.
»Dies mag alles sein, junger Herr«, entgegnete hierauf der Alte wieder, »aber es ist mir nicht genug, denn ich gebe meine Tochter keinem, der sich nicht auf ein Handwerk versteht, mit dem er sich und seine Frau erhalten kann.« Gegen diese Ansicht, bei welcher der Vater des Mädchens fest blieb, waren alle Gegenvorstellungen des Prinzen fruchtlos, weshalb dieser nichts Besseres zu tun wußte, als nach der Stadt zu irgendeinem Meister in die Lehre zu gehen, wenn er nicht auf die Hand des Mädchens Verzicht leisten wollte, das er nicht mehr aus dem Sinn bringen konnte.
Er gedachte dort dasjenige Gewerbe zu wählen, welches am schnellsten erlernt sein würde. Deshalb ging er zuerst zu einem Schuhmacher. Dies Gewerbe wollte ihm aber nicht gefallen, denn es hätte ihm viel zu lange gewährt, bis er Meister darin geworden wäre; darum ging er zu einem Kürschner. Dieser konnte ihm aber auch nicht versprechen, ihn die Kürschnerei sehr bald zu lehren, und riet ihm deshalb, als ihn der Prinz darum befragt hatte, einen Korbmacher an, da sich Korbmacher wohl unter allen Gewerben am schnellsten lernen lasse. Dies gefiel dem Prinzen, und er suchte also einen Korbmacher auf, von dem er seine Kunst in ein paar Wochen erlernte, worüber er nicht wenig vergnügt war.
Kaum hatte er seine erste Arbeit fertig, so beschenkte er seinen Meister und eilte fort, um den alten Vater seines geliebten Mädchens aufzusuchen und ihm zu zeigen, daß er bereits ein Gewerbe gelernt habe. Unterwegs schnitt er sich sogleich die nötigen Ruten und flocht unter den Augen des alten Schweinehalters einen Korb, worüber dieser große Freude zeigte. Jetzt segnete der Alte den Jüngling und seine Tochter und sprach zu ihm: »Nun magst du mein Kind immerhin zur Frau nehmen, denn ich weiß, daß du sie in allen Fällen wirst ernähren können! Jetzt will ich dir aber auch sagen, warum ich vorher darauf bestand, daß mein Schwiegersohn sich auf ein Gewerbe verstehen solle. Schau! Auch ich war einmal ein Kaiser und hatte sehr große Macht und lebte in Herrlichkeit, so daß alle Welt mich fast vergötterte und für unbesiegbar hielt. Nichtsdestoweniger wendete sich das Glück von mir, und der Allmächtige schlug mich. Ein fremder Kaiser eroberte mein Reich und vertrieb mich so schnell daraus, daß ich, um mein Leben zu retten, fliehen mußte, wie ich ging und stand. Nichts von allen meinen Reichtümern und Schätzen, welche ich vorher noch mein nannte, konnte ich mit mir nehmen. Nur mein einziges Kind, diese Tochter hier, ließ mir der Himmel damals, sie folgte mir ins Elend. Mein Unglück war aber um so größer, weil ich nie etwas gelernt hatte, um mich selbst durchs Leben fortbringen zu können. Deshalb mußte ich, um nicht gerade Hungers zu sterben, das Brot, welches ich aß, für mich und meine Tochter erbetteln, bis es mir endlich gelang, in dieser Stadt hier den niedrigsten aller Dienste zu bekommen, ich wurde Schweinehalter. Jetzt bin ich gezwungen, jedem Bürger der Stadt, sei er arm oder reich, die Schweine zu hüten. Damit du aber jetzt siehst, daß ich auch die Wahrheit rede, so sieh einmal her!«
Damit zog er ein Päckchen Schriften aus der Tasche und reichte sie dem Prinzen zur Einsicht hin. Dieser wußte vor Staunen nicht, was er dazu sagen sollte; er starrte die Schriften an, aus denen wohl zu erkennen, wes Standes einst ihr Besitzer war. Dann überkam ihn eine mächtige Freude, er neigte sich vor seinem Schwiegervater, beurlaubte sich dann schnell von ihm und eilte, was er nur vermochte, heim, um seinem nicht weniger erstaunten Vater alles zu erzählen, was er jetzt gehört und gesehen hatte. Dieser wollte schnell nach dem unglücklichen Kaiser und seiner Tochter senden, damit er ihn bei sich aufnehme und das Reich mit ihm teile. Der Prinz gab aber das nicht zu, denn er wollte selbst hin, ihm diese frohe Botschaft zu bringen und ihn abzuholen.
Jetzt wurde das Reich wieder geteilt, um sogleich wieder durch die Heirat der beiden überglücklichen jungen Leute vereinigt zu werden. Die beiden alten Kaiser aber freuten sich des Glücks ihrer Kinder noch lange Jahre in großer Eintracht.

[Rumänien: Arthur und Albert Schott: Rumänische Volkserzählungen aus dem Banat]

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