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Märchenbasar

Der lederne Gurt

Es waren zwei Könige, der eine war König von England und der andere König von Spanien. Und der König von Spanien ging auf die Jagd und fing einen goldenen Hirsch. Und der König von England fing einen goldenen Mann. Er hatte in seinem Schlosshof ein kleines vergittertes Zimmer, dort sperrte er ihn ein. Und dann reiste er nach Spanien, um den goldenen Hirsch anzuschauen, den der König von Spanien gefangen hatte. Der König von England hatte einen kleinen Sohn. Der spielte im Hof mit seinem Ball, und der Ball flog ins zum goldenen Mann hinein. Da bat er den goldenen Mann: „Gib mir meinen Ball zurück!“ Der sagte: „Ich gebe ihn dir nur dann zurück, wenn du mich von da hinauslässt.“ „Wie kann ich dich herauslassen, ich habe ja keinen Schlüssel!“ „Deine Mutter hat den Schlüssel in ihrer Kitteltasche. Weißt du was?” sagte der goldene Mann! „du sagst deiner Mutter, es juckt dich am Kopf, du hast Läuse, sie soll sie dir suchen. Dann legst du den Kopf in ihren Schoß, und während sie dir die Läuse sucht, greifts du in ihre Rocktasche und erwischst die Schlüssel.“ Der Bub machte es so, wie der goldene Mann es ihm geraten hatte. Er sagte zu seiner Mutter: „Mutter, schau, es beißt mich da und dort.“ Die Mutter nahm seinen Kopf in den Schoß, und der Junge drehte sich solange hin und her, bis er seiner Mutter in die Rocktasche fahren und den Schlüssel erlangen konnte. Dann sagte er: „Jetzt beißt’s mich nicht mehr!“ und lief davon. Mit dem Schlüssel ließ er den goldenen Mann aus seinem Gefängnis heraus. Da gab der goldene Mann dem Jungen einen ledernen Gurt und sagte: „Schau, wenn du dir den umbindest, bist du so stark, daß du einen Baum mitsamt der Wurzel aus der Erde ziehen kannst!“ Der Bub band sich gleich den Gurt um und hob – so ein kleiner Fratz! – einen Baum mitsamt der Wurzel aus der Erde und setzte ihn wieder an seinen Platz zurück. Als der König nach Hause kam und erfuhr, daß sein goldener Mann durchgegangen war, schimpfte er seine Frau und schlug sie sogar. „Ich habe den König von Spanien zu mir eingeladen, um ihm meinen goldenen Mann zu zeigen. Jetzt kommt er, und der goldene Mann ist nicht mehr da! So eine Schande! Aber nur du bist schuld! Dir habe ich den Schlüssel anvertraut. Jetzt pack dich und geh mit deinem Buben wohin du willst! Ich brauche euch nicht mehr!“ Und er jagte Weib und Kind davon. „So gehen wir halt“, sagte der Bub zu seiner Mutter. Er band sich seinen Gürtel um und sein Schwert, nahm sein Gewehr auf die Schulter, und so gingen sie fort, in den Wald. Sie fanden im Wald eine leere Holzschlägerbaracke und richteten sich darin ein. Der Bub ging auf die Jagd – er war stark! – und brachte jeden Abend Wild nach Hause.

Einmal ging er tiefer in den Wald hinein und kam auf eine schöne Wiese, und da war so ein flacher Stein. Er dachte sich: ob er ihn aufheben kann? Er hob ihn auf – hört! war dort unter der Platte eine Stiege, die unter die Erde hinunterführte. Was wohl da unten sein kann? dachte er sich. Er stieg hinunter und kam in ein Zimmer, und da standen zwölf großmächtige Betten. Zwölf Riesen wohnten dort. In einem anderen Zimmer fand er eine wunderschöne Prinzessin, die hatten die Riesen geraubt, sie war angebunden, mit einer goldenen Kette. Er befreite sie und führte sie aus dem Loch hinaus. Sie gab ihm einen Ring und sagte: „An diesem Ring werde ich immer meinen Retter erkennen.“ Er selbst aber blieb zurück, um mit den Riesen zu kämpfen. Als sie am Abend heimkamen, nahm er den Kampf mit ihnen auf und brachte sie alle um. Er wußte aber nicht genau, waren es ihrer zwölf oder elf, die er umgebracht hatte; genug dazu, einer von den Riesen hatte sich versteckt und der Johann kümmerte sich weiter nicht darum. Er ging zu seiner Mutter und sagte: „Mutter, jetzt kommst du mit mir in die Höhle der Riesen; dort wohnen wir in einem Haus, nicht wie in der Hütte da; dort schlafen wir in Betten und haben alles, was wir zum Leben brauchen.“ Sie fanden darin alles, was ihr Herz begehrte. Immer, wenn Johann in die Höhle hinabstieg, hob er die Platte auf und ließ sie wieder hinter sich zufallen. Das konnte nur er und die Riesen aufmachen.

Eines Tages kam der Riese, der am Leben geblieben war, zu der Mutter ins Haus und verlangte zu essen. Er sei hungrig, er sei ein versteckter Riese, sagte er; und sie gab ihm zu essen. Er kam den einen Tag, kam den anderen Tag – hat die alte Vettel sich nicht zuletzt in den Riesen verliebt? Sie gab ihm gut zu essen; ihrem Sohn aber gab sie immer weniger. „Da kommen so arme Handwerksburschen vorbei“, sagte sie, „und ich gebe ihnen halt zu essen.“ „Gib nur, gib nur den Armen“, sagte der Sohn. Jetzt sagte der Riese zur Mutter: „Es wäre ein schönes Leben, wenn der Johann nicht wäre! Weißt du was? Ich weiß einen Garten, der wird von einem wilden Löwen bewacht. Schick den Johann, er soll dir von dort Salat bringen!“ Sagte die Mutter: „Hörst, Johann, ich fühl mich nicht gut. Dort und dort ist ein Garten, geh, bring mir von dort einen Salat vielleicht wird es mir dann besser.“ Der Johann nahm einen Sack und ging in den Garten. Als er durch das Tor trat, sprang der Löwe auf ihn los, aber der Johann packte ihn an der Kehle und sagte: „Hörst du, entweder bist du von nun an mein Hund, oder ich erwürge dich.“
Da wurde der Löwe zahm und folgte ihm wie ein Hund. Der Riese fragte die Mutter: „Ist er mit dem Salat gekommen?“ „Nicht nur daß er gkommen ist, er hat auch noch den Löwen mitgebracht.“ „Dann ist es gefehlt für uns! Es bleibt nichts anderes übrig, ich muß ihn selbst aus der Welt schaffen.“ Immer wenn Johann schlafen ging, hängte er den Gurt über seinem Bett an die Wand auf. In der Nacht ließ die Mutter den Riesen ins Zimmer herein; der nahm den Gurt von der Wand und band sich ihn um. Jetzt war er stark; er packte den Löwen und sperrte ihn in den Keller. Dann ging er her, band den Johann mit einem Strick fest und stach ihm beide Augen aus. Dann schleppte er ihn aus dem Haus und ließ ihn auf dem Rasen liegen. Der Johann schrie, und der Löwe im Keller brüllte; er scharrte und kratzte mit seinen Tatzen so lange, bis er sich zu seinem Herrn ein Loch gegraben hatte. Er kam unter der Erde hervor, biß ihm den Strick durch, strich ihm mit dem Schweif sanft über die Augen, und dann gab er ihm das Schweifende in die Hand. Er ging voraus, und der blinde Johann ging hinterher. So zogen sie durch das Land. Und wenn der Johann sagte: „Löwe, ich bin hungrig“, dann sammelte der Löwe Wurzeln und Kräuter und gab ihm davon zu essen.

Sie kamen in eine große Stadt. Sie hatten gehört, daß in der Stadt eine berühmte Ärztin sei. Der Johann redete zu dem Löwen, und der verstand ihn.
Um in die Stadt zu gelangen, mußte man über ein großes Wasser setzen. Und da war eine so große Barke, mit der fuhr man hinüber. Aber die Leute wollten den Johann mit dem Löwen nicht aufnehmen. Umsonst sagte er ihnen: „Der macht euch nichts.“ „Nein! einen Löwen nehmen sie nicht mit. Da sagte er: „Geh mein lieber Löwe und bring mir was zu essen!“ Der Löwe lief fort, und die Barke stieß ab. Als der Löwe zurückkam, waren sie schon in der Mitte des Wassers. Da stürzte er sich ins Wasser und schwamm der Barke nach. Als er sie einholte, sprang er hinauf und schüttelte sich, daß die Tropfen nur so nach allen Seiten flogen und die Barke erzitterte. Die Leute fürchteten sich, aber der blinde Johann beruhigte sie: „Fürchtet euch nicht!“ So gingen sie in die Stadt und kamen zum Krankenhaus der Ärztin. So viele Leute gingen mit ihren Krankheiten zu ihr! Diese Ärztin aber war keine andere als die Prinzessin, die Johann aus der Höhle der Riesen errettet hatte. Sie hatte nach ihrer Befreiung die Heilkunst erlernt und war eine berühmte Ärztin geworden. Johann wurde im Spital aufgenommen, aber die Prinzessin erkannte ihn nicht, und er erkannte die Prinzessin auch nicht. Als er im Bett lag, gingen die Schwestern in den Sälen herum, um nachzusehen. Er hatte seine Hände auf der Decke liegen.

Als sie zu ihm kamen, betrachteten sie ihn, und sie sahen den Ring und den Namen darin. Sie fragten ihn nicht, woher er den Ring hätte, aber sie sagten der Prinzessin: „Da ist einer, der hat deinen Ring gestohlen.“ Sie ging sofort hin, und als sie den Ring ansah, erkannte sie in dem Blinden ihren Retter. Da sagte sie: „O mein Johann, neue Augen kann ich dir nicht geben, aber du bist mein Retter und Erlöser, und ich lasse nicht mehr von dir ab!“ Und sie verließ ihren Vater und das Krankenhaus und wanderte mit Johann in die Welt hinaus. Auf ihrer Wanderschaft kamen sie auf eine Wiese, und dort war ein Brunnen, neben diesen setzten sie sich auf eine Bank. Als sie so saßen, sah die Prinzessin: Es kam ein großer nackender Vogel, flog in den Brunnen und puddelte sich im Wasser. Als er sich das erstemal darin wälzte, bekam er Stiftel von Federn; als er sich das zweitemal im Wasser wälzte, bedeckten sich die Stifte mit Flaum; und als es sich zum drittenmal darin gewälzt hatte, war ihm ein schönes, neues, reiches Gefieder gewachsen. Da dachte sich die Prinzessin: Halt! Das ist ein Fingerzeig, ein Zeichen für uns! Sie sagte: „Komm, mein lieber Johann, ich will dir im Brunnen die Augen waschen.“ Als sie ihm die Augen zum erstenmal im Brunnen wusch, zeigte sich in ihnen schon das Weiße; als sie die Augen zum zweitenmal wusch, kamen schon die Augensterne zum Vorschein, und beim drittenmal rief er aus: „Ich sehe ja wieder die Welt!“ Jetzt waren sie glücklich und froh. Sie gingen zum Vater der Prinzessin, und der gab dem Johann seine Tochter zur Frau und machte ihn zum Erben des Königreichs. Johann aber dachte immer nur daran, wie er seinen ledernen Gurt wiedererlangen könnte. Er nahm eine Kompanie Soldaten mit sich und ging mit ihnen in den Wald, bis sie zu der Behausung der Riesen kamen. Die Soldaten hoben mit Stangen den Stein auf, und der Johann stieg allein in die Höhle hinunter. Es war Nacht; die Mutter schlief, und der lederne Gurt über dem Bett an der Wand. Johann sprang hin, nahm den Gurt und band ihn um. Der Riese wurde wach und griff nach dem Gurt – weg war er! Jetzt war der Johann wieder stark. Er schlug dem Riesen den Kopf ab, und dann sagte er zu seiner Mutter: „Du warst an allem Leid schuld, aber du bist meine Mutter, und dem Sohn steht es nicht zu, die Mutter zu strafen!“ Und damit kehrte er um. Er ließ seine Mutter dort, wo sie war, und ging zurück zu seiner Prinzessin. Und sie lebten glücklich und vergnügt miteinander, bis an das Ende ihrer Tage.

Märchen aus dem Banater Bergland