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Märchenbasar

Der Meisterlügner

Da war auch einmal im Land Ichweißnichtwo ein König, dem konnte einer das Blaue vom Himmel herunter in die Ohren lügen; er konnte lügen, daß sich die eichenen Balken im Thronsaale bogen – der König hielt alles für wahr; es gab nichts, was ihm zu Ohren kam, das er am Ende nicht doch für möglich gehalten hätte. Viele Jahre war er nun schon König, und mindestens einmal an jedem Tag war es vorgekommen, daß einer seiner Hofleute oder Minister über irgendeine neue Kunde gesagt hatte: “Das ist eine Lüge!” oder: “Das ist faustdick gelogen!” oder: “Das glaubt ja kein Sterblicher!” Da ärgerte sich der König über sich selbst, weil er immer alles für wahr halten mußte und noch kein einziges Mal in seinem Leben einem ins Gesicht hatte sagen können: “Du großmauliger Schelm, das lügst du!” E i n mal wollte er es aber doch sagen können, ehe er starb, und sollte er gleich sein liebstes Kleinod dafür hingeben müssen. Darum ließ er in seinem Reich durch einen Herold verkünden: wer eine so große Lüge tun könne, daß selbst der König sie nicht glaube, der solle seine einzige Tochter, die schöne Prinzessin, zur Frau bekommen.

Viele edle und unedle Lügenbeutel hatten nun schon versucht, sich mit ihrer Schelmenkunst das Königstöchterlein zu erlügen; doch es war ihnen nicht gelungen. Sie hatten für ihre Dreistigkeit auf sieben Jahre in den dunkeln Turm wandern müssen. Da hörte auch ein wandernder Handwerksgeselle in einer fernen Stadt den Herold die königliche Botschaft ausrufen. Der Geselle hielt sich für einen Erzlügner, dem nicht so leicht einer das Wasser reichen konnte. Zudem dachte er, eines Königs schönes Töchterlein sei ein Preis, um den man schon ein paar saftige Lügen wagen könne, und machte sich also auf den Weg zum Schlosse.

Als der junge, schmucke Bursche durch das Tor trat und den Torhütern und Dienern Bescheid gab, was er da wolle, rieten ihm alle, keinen Schritt mehr weiter zu gehen. Doch der Handwerksbursche ließ sich nicht einschüchtern und verlangte, vor den König geführt zu werden. Der König saß auf seinem goldenen Throne, ihm zur Seite seine Tochter. Sie war so schön, daß der Bursche die Augen schließen mußte, als er sie nur mit einem einzigen Blick gestreift hatte. Der König aber sprach: Drei Lügen will ich dir gestatten. Wenn ich sie aber alle für wahr halte und dich nicht wenigstens e i nmal einen Lügner heiße, so ist der köstliche Preis hier zu meiner Linken verscherzt, und du siehst für sieben Jahre das Licht der Sonne nicht mehr!” Wie der König aber von dem köstlichen Preis zu seiner Linken sprach, wagte der Bursche noch einmal einen Blick zu der schönen Prinzessin hinüber, und – O Wunder! – die lächelte ihm so freundlich und lieb zu, daß er alles Bangen von sich warf und nicht mehr daran zweifelte, daß er sie noch heute in seine Arme schließen werde.

“Zum ersten also!” begann der König. Er wies mit seiner ringfunkelnden Hand auf den Boden des Thronsaales, der mit lauter Goldplatten belegt war, und fragte den Handwerksburschen: “Gelt, Junge, so einen kostbaren Boden hast du noch nirgends gesehen?” – “Ei, warum nicht”, antwortete der. “Wo?” fragte der König. “In meinem Heimatdorf, das gleich hinter dem gläsernen Wald rechts unterm Mond liegt und Lügmireins heißt.” – “Und bei wem hast du einen solchen goldenen Boden gesehen?” – “Na, wo auch? Daheim, bei meinem Vater.” – “Wer ist denn dein Vater?” – “Ei, wer sollt’ er auch sein: der Sauhirt in unserm Dorf.” – “Wieviel Säue hat er zu hüten?” – “An die fünftausend.” – “Wie lange schon treibt dein Vater auf die Weide?” – “Jetzt geht’s gerade ins hundertneunundneunzigste Jahr. ” Der König räusperte sich und sagte: “Daß dein Vater in so viel Jahren mit so viel Säuen so viel Geld erspart hat, daß er am Ende in seine Stube einen goldenen Boden hat legen lassen können, das glaub’ ich gerne; denn Sau- hirt sein ist verdienstlich.”

Der König schmunzelte spöttisch, weil die erste Lüge für ihn nicht groß genug gewesen war. Doch der Bursche ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. “Zum andern denn!” fuhr drauf der König fort, wies mit der Hand nach dem Fenster und sprach: “Geh dorthin und schau in den Garten hinab! Hast du deiner Lebtage schon einmal so große Rüben gesehen?” – “O jemine!” versetzte der kecke Geselle, “da sind die Euren vertrocknete Setzlinge gegenüber denen, die ich heut vor neunundneunzig Jahren weit hinterm Nirgends meer im Land Eckumeck gesehen habe. Selbige sind so groß gewesen, daß unter ihrem Krautwerk sechzehntausend Soldaten beim größten Wolkenbruch unterstehen konnten, und ist keiner auch nur einen Tropfen naß geworden.” Der König räusperte sich zweimal und sagte: “Nun ja, kann sich ein Schweinehirt einen goldenen Fußboden in seiner Stube leisten, so können auch im Land Eckumeck hinterm Nirgendsmeer so große Rüben wachsen. Was ist nicht alles möglich unter der Sonne !?”

Der König lächelte noch spöttischer als beim ersten Male. Und sogleich hob er wieder seine Hand und wies nach dem Fenster auf der andern Seite des Saales. Dann sagte er: “Zum dritten also! Geh dort hinüber und sieh dir die Tanne in meinem Park an. Hast du je einmal auf deinen Wanderfahrten eine so hohe Tanne angetroffen?” Der lustige Geselle, der voller Lügen steckte, besann sieh rasch auf eine, die so grausam erlogen war, daß es gewiß auf der ganzen Welt keinen Menschen gab, der sie glaubte, und begann tapfer und mit prahlerischer Stimme zu erzählen: “O du meine Güte! Das hier? Das ist ja nur ein Besenreis gegen das, was ich im Himmeleieieigebirge einmal an Tannen gesehen habe! Ich habe wundershalber probiert, wie hoch die höchste wohl sein möge. Habe mir also zweiundzwanzigtausend Sparrennägel gekauft und sie einen nach dem andern in den Stamm geschlagen und bin drauf gipfelwärts geklettert. Denkt Euch! Da bin ich bis in den siebten Himmel hinaufgekommen, und die Tannenwipfel waren immer noch nicht zu sehen. Weil ich nun doch schon einmal da war, dachte ich, ich könnte mir auch den Himmel ein bißchen ansehen. Fand viele alte Bekannte aus Lügmireins und aus dem Lande Eckumeck vor und erzählte ihnen, daß ich, eh’ ein Jahr vergangen, des Königs schönes Töchterlein im Land Ichweißnichtwo als Gemahlin heimführen werde. Und sie glaubten mir alle bei ihrer Seele Seligkeit und wünschten mir von Herzen Glück dazu. Sie hätten mich gar zu gerne zum Nachtessen eingeladen, aber ich war drauf bedacht, vor dem Dunkelwerden wieder in die Welt hinabzurutschen, und empfahl mich. Ich habe aber ums Leben nicht mehr die Tanne gefunden, auf der ich heraufgestiegen bin, und hatte drum im Sinn, im Himmel ein verstecktes Plätzchen zum Nachtlager zu suchen. Wie ich da nun so herumstolperte, stieß ich von ungefähr an ein Bollenfaß. Sah hinein und bemerkte, daß es ein gut Stück über den Rand hinaus voll war mit Weizenkleie. Holla! hab’ ich gedacht, du kommst mir gerade recht! Habe aus der Kleie ein Seil geflochten, es mit einem Dutzend übriggebliebenen Nägeln am Himmelsfenster festgenagelt und mich an dem Kleieseil allmählich auf die Welt herabgelassen. Wie ich aber noch weit über den allerobersten Wolken gewesen bin, ist das Trumm ausgegangen. Jetzt was tun? Nun, ich hab’ halt keine andere Wahl gehabt, als das Seil oben abzuschneiden und unten an den Rest wieder anzuknüpfen. Bis ich aber endlich auf festem Boden und geradeswegs vor dem Tor zu Eurem königlichen Palast angekommen bin, hat das Seil – Ihr mögt mir’s glauben oder nicht! – nur noch aus lauter Knöpfen bestanden.”

Da fuhr der König aus seinem Thronsessel auf und rief: “Das ist ja eine Lüge so groß wie das Seil, das du mir da vom Himmel heruntergelogen!” – “Gut”, erwiderte freudestrahlend der Handwerksbursche, “und also bin ich Euer Tochtermann!”, nahm die schöne Prinzessin, die ihn gar liebreich anlachte, bei der Hand und gab ihr den Verlobungskuß. Dann trat das glückliche Paar vor den König, und der legte ihre Hände ineinander, nahm die Krone von seinem grauen Haupt und drückte sie dem wackeren Gesellen in die Locken. Und so ist der Meisterlügner König im Lande Ichweißnichtwo geworden.

Quelle:
(Schwäbische Volksmärchen – Franz Georg Brustgi)

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