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Märchenbasar

Der’s versteht dem trägt’s das Doppelte

Es war einmal ein Oheim, der hatte einen Neffen, und zu diesem sprach er eines Tages: »Komm Neffe, laß uns auf Beute ausgehen.« Dem Neffen war es recht, und so zogen sie miteinander aus. Wie sie so des Weges gingen, holten sie einen Mann ein, der zwei Schafe an einem Stricke führte. Da sprach der Neffe zum Ohm: »Laß uns diese zwei Schafe stehlen,« worauf ihm der Oheim antwortete: »Einfältiger, wie können wir sie stehlen, da der Mann sie am Stricke führt?« Aber Jener erwiederte: »Das soll uns nicht schwer werden, laß du mich nur machen.« Hierauf eilte er schnell voraus, zog einen seiner Opanken (Socken) aus und warf ihn an den Weg hin, auf welchem der Mann mit den Schafen vorüber kommen mußte, er aber verbarg sich seitwärts der Straße.
Als der Mann mit den Schafen vorbei kam, hob er den Opanken zuerst auf, warf ihn aber gleich wieder weg, indem er sprach: »Was soll mir der Eine?« Kaum hat dies der Neffe vernommen, als er eiligst wieder eine Strecke voraus läuft, den zweiten Opanken auszieht, auf den Weg hinwirft, und sich wieder in der Nähe verbirgt.
Wie nun der Mann mit den beiden Schafen wieder vorbei kam, und einen zweiten Opanken erblickte, that es ihm leid den ersten nicht behalten zu haben, er band daher seine zwei Schafe an einem am Wege stehenden Baume fest, und ging zurück ihn zu holen, um so beide zu haben. Mittlerweile schlich der Bursche herbei, band die Schafe los, und führte sie dem Oheim zu, worauf beide, Oheim und Neffe, beutelustig ihren Weg fortsetzten. Wie sie so gingen, gewahrten sie einen Mann, der mit zwei Ochsen im Felde pflügte. Da sprach der Neffe zum Oheim: »Laß uns eines dieser Rinder vom Pfluge wegstehlen.« Worauf der Oheim erwiederte: »Aber Einfältiger, wie können wir ein Rind vor den Augen dieses Mannes stehlen?« Doch der Neffe sprach: »Das soll uns ein Leichtes sein, besteig du jenen Felsen,« setze dich dann nieder und rufe in einem fort: »ich wundere mich!« und wenn der Mann zu dir kommt und dich fragt, worüber du dich wunderst, so sage ihm, du wunderst dich, daß er nur mit Einem Ochsen pflüge. Der Oheim folgte dem Geheiß des Neffen, ging hin, setzte sich auf den Felsen und fing zu schreien an: »Ich wundere mich, ich wundere mich!« Als es jenem Manne, der da pflügte, ihn weiter anzuhören verdroß, ließ er die Rinder stehen, ging hin zu ihm und fragte: »Worüber wunderst du dich Elender?« Und dieser antwortete ihm vom Felsen herab: »ich wundere mich über dich, der du mit Einem Ochsen pflügst.« Da entgegnete der Ackersmann: »Ich pflüge nicht mit Einem Ochsen, sondern mit Zweien,« worauf er schnell zu seinem Pfluge zurückkehrte, um sich zu überzeugen, daß noch beide Ochsen da seien; wie er aber hinkam, war der Eine davon bereits verschwunden, denn der Neffe hatte sich heran geschlichen und den Ochsen vom Pfluge weggestohlen. Wie Oheim und Neffe nun das Rind und die zwei Schafe vor sich her trieben, kamen sie unter Wegs zu einer Höhle. Dort schickten sie sich an eines der Schafe zu schlachten, weideten es aus und brieten es. Nachdem es gebraten war, sprach der Oheim zum Neffen: »Komm, laß uns nun essen,« aber der Neffe erwiederte: »Gleich Oheim, warte nur bis es ein wenig auskühlt, mittlerweile aber wollen wir uns gegenseitig schrecken, und wer den Andern erschreckt, der soll zuerst zu essen anfangen.« Der Oheim willigte in den Vorschlag, ging hierauf hinaus vor die Höhle und fing draußen zu brummen an: »Wau! Wau! Wau!« Doch der Neffe rief zur Höhle hinaus: »Dein Wauwauen fürchte ich nicht, das bist du ja Oheim.« Da ging der Oheim wieder hinein, und nun trat der Neffe hinaus, nahm das Fell des geschlachteten Lammes, blies es auf und schlug mit einem Knittel darauf los, indem er dabei schrie: »O weh, o weh! Um Gottes willen, das habe nicht ich gethan, sondern der Oheim.« Wie dies der Oheim in der Höhle vernahm, erschrak er und glaubte, der Mann sei gekommen, dem sie die beiden Schafe gestohlen hatten, eilends flüchtete er von der andern Seite, ohne etwas mitzunehmen, heim, und so blieb dem Neffen Alles. Der’s versteht, dem trägt’s das Doppelte.

[Serbien: Vuk Stephanovic Karadzic: Volksmärchen der Serben]