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Märchenbasar

Der Traum des Knaben

Der Knabe eines armen Mannes träumte einmal einen Traum. Sein Vater fragte ihn, was er geträumt habe, aber er wollte es ihm nicht sagen. Und als er es ihm nicht sagen wollte, schlug er das Kind, es sagte [es] ihm aber doch nicht. Als der Vater nichts mit dem Knaben schaffen konnte, jagte er ihn fort. Der Knabe sagte nichts, aber er ging in den Wald, und als er im Wald war, begegnete er dem König Weiß. »Guten Tag, Herr König.« – »Du sollst leben, mein Kind. Was machst du hier im Wald allein?« – »Herr König, ich hatte einen Traum geträumt und konnte ihn meinem Vater nicht erzählen, mein Vater schlug mich und jagte mich aus dem Hause fort.« – »Willst du mit mir kommen?« – »Ich will.« Der König brachte den Knaben nach Hause, gab ihm Abendessen. Als er gegessen, sagte er: »Du Knabe, sag mir jetzt die Wahrheit, was hast du geträumt?« – »Wahrlich bei Gott, ich kann es dir nicht sagen.« – »Du mußt.« – »Tu gut und verzeih mir, aber ich kann nicht.« – »Wenn du ihn mir nicht sagst, bring’ ich dich um.« – »Bring mich um, ich sag’ ihn nicht.«
Der König befahl, ihn in einen Turm zu werfen und den Turm zu vermauern, daß er dort verhungere. Aber die Tochter des Königs hatte den Knaben gesehen und bedauerte ihn, sie machte ein Löchlein in den Turm, daß ein Schüsselchen hineinging mit Suppe und ein Becher mit Wein. Sie brachte ihm jeden Tag zu essen. So starb er nicht, er wuchs groß und wurde ein stattlicher Jüngling. Viele Jahre waren vergangen. Eines Tages kam die Königstochter traurig zu ihm und erzählte ihm, der König Rot habe drei Stöcke geschickt, einer wie der andere und an beiden Enden gleich, ihr Vater solle raten, an welchem Ende sie dünner wären, wenn er nicht recht errate, käme er mit Krieg. Jetzt könne niemand raten. »Geh, leg dich ins Bett und sag, du hättest geträumt, man solle die Stöcke ins Wasser legen. An dem Ende, mit welchem sie hineinfielen, wären sie dicker, das dünnere würde oben bleiben.« So war es. Der König Weiß war befreit. Es verging nur eine kurze Zeit und der König Rot schickte drei Füllen, eines wie das andere, er solle erraten, welches das jüngste sei. Wieder kam die Königstochter und klagte, wie der König Rot sie quäle, und erzählte es dem Jüngling. Dieser sagte ihr: »Du, geh und leg dich ins Bett und sag, du hättest geträumt, man solle in ein Tröglein Kohlen, in eines Korn, in das dritte Milch schütten. Das ältere wird Kohlen fressen, das mittlere Korn und das jüngste Milch.« Gerade so war es.
Aber lange hatte der König Weiß nicht Ruhe vor dem Roten. Nach einer Zeit kam der König Rot selbst zum Weißen und brachte ihm drei Haare, wenn sie auf keinen Kopf paßten, so würde er kommen mit Krieg. Die Königstochter kam weinend zum Jüngling und erzählte ihm, was sich zugetragen. »Du Mädchen, jetzt mußt du sagen, man solle mich herauslassen, sonst geht es euch schlecht.« Der König Weiß versammelte alle Leute und öffnete alle Gefängnisse, daß alle Räuber herauskamen, aber die Haare paßten nirgends, darauf sagte das Mädchen: »Vater, es ist noch einer im Turm eingemauert, laß auch den heraus.« – »Was redest du, Mädchen, der ist noch damals gestorben, dort findest du nur eine Handvoll Asche.« – »Vater, komm, daß wir sehen.« Sie gingen mit einem Maurer, der riß die Mauer ein, da stand ein schöner stattlicher Bursch, wie ein König. »Mein Gott, wie konnte dies geschehen?« Er brachte ihn heraus und zeigte ihm die drei Haare, da sagte der Bursch: »Herr König, die Haare passen niemandem, sie sind vergiftet.« Nur einmal schrie der König Rot: »Dieser Bursch ist übernatürlich, der muß umgebracht werden.« – »Den müssen wir umbringen«, antwortete auch der König Weiß, »kommt, ihr guten Leute, und macht auf dem Berg einen Scheiterhaufen, daß wir ihn verbrennen.«
Unser Bursch hatte so was gefürchtet und hat neun Jünglinge genommen, drei schwarz, drei rot und drei weiß angezogen und sie entfernt aufgestellt, wenn er das Zeichen gebe, sollten sie näher kommen. Beide Könige sahen diese Leute, und sprach einer zum andern: »Was sollte das sein?« – »Verzeiht, Herren Könige, ich will es euch sagen: Die drei schwarzen sind drei Teufel, die kommen, um die in die Hölle zu führen, welche mich umbringen wollen. Die drei roten bringen Feuer, um hier alles zu verbrennen. Die drei weißen sind meine Schutzengel, sie wollen meine Seele ins Gute bringen.« Nach diesen Worten nahmen sie den Jüngling an den Tisch, zwischen die beiden Könige Weiß und Rot, aßen und tranken. Nur einmal fing der Jüngling an: »Nun, jetzt will ich euch den Traum erzählen, den ich als Kind geträumt, um welchen mich mein Vater fortgejagt und der König mich im Gefängnis eingemauert: Ich träumte, wenn ich ein großer Jüngling sei, würde ich zwischen zwei Königen sitzen, den Säbel nehmen und beiden die Köpfe herunterhauen, aber so will ich es auch machen.« Er nahm den Säbel und hieb beiden die Köpfe ab. Von wo ich’s gehört, von dort hab’ auch ich’s erzählt.
[Rumänien: Pauline Schullerus: Rumänische Volksmärchen aus dem mittleren Harbachtal]
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