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Märchenbasar

Dermot mit dem Liebesfleck

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(1)
Da waren einst vier Gefährten: Dermot O’Dyna, Conan, Osgar und Goll.
Sie waren stark und klug und kampferprobt, und alle vier gehörten zur Fianna, zu den Männern des großen Fin McCool.
Einmal waren die vier auf der Jagd. Sie jagten, bis es dunkel wurde, dann fing es auch noch zu regnen an.
Nun mochten sie nicht die ganze Nacht trübsinnig unter triefenden Bäumen hocken, also sahen sie sich um, ob nicht in der Nähe ein Strohdach auf sie wartete.
So kamen sie in ein schmales Tal, das keiner von ihnen je betreten hatte, dort sahen sie Rauch aufsteigen aus dem Schornstein einer einsamen Hütte. Dermot stieß den Ruf der Freundschaft aus, um den Bewohnern der Hütte zu zeigen, dass sie nicht in böser Absicht kämen.
Da trat ein alter Mann aus der Hütte, er begrüßte die Männer freundlich und hieß sie willkommen für die Nacht. So traten sie über die Schwelle ans hell lodernde Feuer.
Der Alte wohnte nicht allein in der Hütte. Bei ihm war ein junges Mädchen, kupferrot war ihr Haar, rund und schön waren ihre Brüste, und auf ihren Lippen lag ein Lächeln, zärtlich und lockend, das ließ die Männer die Augenbrauen heben. Und ein mächtiger Hammel lag ruhig und schwer in einer Ecke und glotzte die Gäste aus großen dummen Augen an. Und eine schwarze Katze lag zufrieden schnurrend an der Feuerstelle.
Das Mädchen hängte nun einen großen Kessel übers Feuer, stellte vier hölzerne Schalen auf den weißgescheuerten Tisch in der Mitte des Raumes und legte vier Löffel dazu. Die Männer setzten sich um den Tisch, das Mädchen brachte den Topf mit der würzigen dampfenden Bohnensuppe.
«Greift zu», sagte sie, dann ging sie mit dem Alten in den Nebenraum, um dort das Nachtlager zu richten. Doch gerade wie die Männer Suppe schöpfen wollten, sprang der Hammel mit einem Satz mitten auf den Tisch, aber so geschickt, dass er weder Topf noch Teller umstieß, und sein scharfer Geruch war stärker als der Duft der Suppe.
Ärgerlich wollten die Gefährten den Hammel vom Tisch herunterstoßen, doch der wehrte sich, stieß um sich und schlug so kräftig aus, dass die Männer taumelten und zu Boden fielen.
Endlich glückte es Goll, das Tier vom Tisch zu werfen, aber das sollte den Gefährten schlecht bekommen. Denn bis jetzt hatte der Hammel nur mit ihnen gespielt. Nur aber wurde er böse und teilte so harte Stöße aus, dass die vier stolzen Fianna-Helden im Handumdrehen auf dem Rücken lagen.
Und dann stellte der Hammel dem Goll auch noch die Vorderbeine auf die Brust. Da kam der Alte aus dem Nebenraum.
«O weh,» sagte er, «wie ich sehe, ist es euch schlecht ergangen. Katze, warum hast du das zugelassen? Komm, binde den dummen Hammel fest, dass er kein Unheil mehr anrichten kann.» Da sprang die Katze, die wie schlafend am Kamin gelegen hatte, mit einem Satz dem Hammel ins Genick, krallte sich fest in sein Ohr und lenkte ihn in seinen Winkel zurück, dort band sie einen Strick um seine Hörner, so dass er sich nicht mehr rühren konnte.
Die Männer erhoben sich stöhnend, ächzend und fluchend. «Wir können nicht länger bei Euch bleiben,» sagte Dermot.
«Noch nie sind wir so erniedrigt worden – und das vor den Augen eines schönen Mädchens. Habt Dank für eure Gastfreundschaft. Doch Euer Haus muss verhext sein. Und wir sind wohl nicht Manns genug, diesen Zauber zu brechen. Lieber schlafen wir draußen in Nacht und Nässe, als dass wir uns noch einmal so demütigen lassen!»
Der Alte hob die Hand und lachte leise: «Ihr braucht euch nicht zu schämen, Männer. Kein gewöhnlicher Hammel hat euch zu Boden geworfen, und auch die Katze, die ihn zähmte, was euch nicht gelang, ist kein gewöhnliches Tier. Bleibt also, das wird eurem Ruf nicht schaden.»
«Ja, bleibt», sagte auch das Mädchen, und sie blickte Dermot mit ihren Sternenaugen an. Dermot senkte den Kopf. Der Macht dieser Augen war so schwer zu widerstehen wie dem Hammel.
Doch Goll blieb zornig: «Nein, nein, mit ein paar guten Worten und einem schönen Blick ist unsere Schande nicht getilgt. Wir müssen wissen, wer das ist, vor dem unsere Kraft so erbärmlich versagt hat!»
«Nun, lieber hätte ich es euch verschwiegen », sagte der Alte, «aber wenn ihr so schwer gekränkt seid. Nur hoffe ich, dass euch die Wahrheit nicht noch mehr erschreckt.
Der Hammel, dem selbst vier Fianna-Helden nicht widerstehen können – das ist die Welt. Ihr unterlegen zu sein, dafür muss sich niemand schämen. Die Katze freilich ist noch stärker als die ganze Welt; die Katze nämlich ist – der Tod.»
«Der Tod!?» rief Dermot, «schnell, Männer, lasst uns gehn!»
«Fürchtet euch nicht», sagte der Alte, «nirgends seid ihr sicherer vor dem Tod als in meinem Haus. Solange ihr unter diesem Dach seid, schläft der Tod. Also kommt, es ist spät, ich zeige euch euer Lager.
Es gibt nur drei Räume unter diesem Dach. Dort hinten stehen die Schafe. Hier, am großen Feuer, schlafe ich, der Herr des Hauses. Wir haben euch im dritten Raum ein Strohlager bereitet, da, wo auch das Bett meiner Tochter steht.
Vier stolzen Fianna-Helden kann ich gewiss die Ehre eines jungen Mädchens anvertrauen. Kommt jetzt, ihr werdet müde sein.»
Da legten sich die vier Gefährten ins Stroh, doch keiner von ihnen schlief ein. Was wären das auch für Männer gewesen, wenn sie die Nähe eines schönen Mädchens nicht wachgehalten hätte.
Als dann das Mädchen ins nachtschwarze Zimmer trat und ihre Kleider ablegte, da ging ein weiches Licht von ihr aus. Die Männer hielten sich ganz still, jeder hoffte, dass die andern bald einschlafen würden.
Goll war der erste, der dem Verlangen nicht mehr widerstehen konnte. Leise schlich er zum Bett des Mädchens und flüsterte in ihr Ohr: «Lass mich zu dir, schöner Glanz. Ich will, dass du mein wirst. Ohne deine Liebe finde ich keinen Schlaf.»
Das Mädchen sah ihn an mit ihren weichen lockenden Augen: «Einmal habe ich dir gehört, Goll, doch nie nie wieder wird es geschehn. Leg dich wieder hin.» Zähneknirrschend tappte Goll zurück und grub sich ins Stroh. Eine Weile war es still, dann versuchte Osgar sein Glück.
Doch kaum war er an das Bett des Mädchens gekommen, da hörte er ihre Stimme: «Auch dich kann ich nicht lieben, Osgar. Einmal bin ich deine Liebste gewesen. Aber das ist vorbei und kommt nie wieder.» Nicht lange, dann schlich auch Conan an ihr Bett: «Schönste Feenprinzessin,» flüsterte er, «niemand belauscht uns. Und du bist schön wie eine Wolke, die die Morgensonne rötet. Sei mein, und ich werde dein Lob bis an mein Lebensende singen!»
Aber sie wies auch ihn ab: «Conan, dein Lob brauch‘ ich nicht. Ich bin wie ich bin, ob du mich lobst oder nicht. Doch nachdem ich dir einmal gehört habe, mag ich dich nicht mehr.» Verwirrt kroch Conan zurück zu seinem sein Lager. Was sonst sollte er auch tun? Liebe lässt sich nicht erzwingen. Dermot war auch noch wach und hatte alles gehört. Wenn sie die andern abgewiesen hat, dachte er, so kann ich mir vielleicht Hoffnung machen.
Er schlich zu ihrem Bett, und was er dort sah, verschlug ihm den Atem: das Mädchen hatte sich aufgerichtet, um ihren Leib war nichts als kupferrotes Haar, im Dunkeln leuchtete ihre helle Haut, und sie streckte ihre Arme nach ihm aus: «Dermot, mein Liebster, mein Schönster.
Wie sehr hab‘ ich auf dich gewartet, wie gern schliefe ich mit dir. Doch auch dir kann ich nicht gehören, niemals kehre ich zu dem zurück, der mich einmal besessen hat. Denn ich bin die Jugend. Aber dich liebe ich, Dermot, und es fällt mir schwer, dich wegzuschicken.
Du sollst nicht gehen ohne ein Zeichen meiner Liebe. Komm, neig‘ dich herab zu mir.»
Dermot gehorchte, da strich das Mädchen ihm zärtlich über die Stirn: «Nun habe ich dich gezeichnet, Liebster.
Nun wird dich kein Mädchen, keine Frau mehr ansehen können ohne dich zu lieben. Und jetzt geh, Dermot, und lass mich allein.» Sie beugte sich zurück, ihr Licht erlosch und Dermot tastete sich durch das Dunkel zurück zu seinem Lager.
Doch er fand keinen Schlaf mehr in dieser Nacht. Fortan aber konnte kein Mädchen, keine Frau dem Dermot widerstehen.
Wenn er die Mädchen nur ansah, so fielen sie ihm zu so wie das Gras vor der Sichel fällt. Und darum hieß Dermot O’Dyna seit jener Nacht «der mit dem Liebesfleck».

Quelle: (Frederik Hetmann: Irischer Zaubergarten. Märchen, Sagen und Geschichten von der grünen Insel)

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