Suche

Märchenbasar

Die drei Schwestern

Es waren einmal drei Schwestern, die standen ganz allein in der Welt und waren sehr arm. Eines Abends saßen diese armen Mädchen am Herd und plauderten untereinander. Die eine sagte: »Ich möchte die Kammerfrau unseres Königs sein.« Die andere sagte: »Ich möchte Seine Majestät bei Tische bedienen.« »Ich,« sagte die dritte, »möchte die Gemahlin Seiner Majestät sein.« – Der König ging gerade bei dem Hause vorbei und hörte es. In sein Schloß dann zurückgekehrt, rief er einen Diener und sagte ihm: »Geh zu den drei verwaisten Schwestern soundso und sag ihnen, der König will sie sprechen, sie sollen sogleich vor sein Angesicht kommen.«
Der Diener ging und richtete die Botschaft aus. Die drei Schwestern wurden so bestürzt, daß sie zitterten und nicht wußten, was sie tun sollten. Dann aber faßten sie sich ein Herz und gingen zu dem König. – »Gestern Abend, was spracht ihr da von mir in eurem Hause?« sagte der König. – »Nichts, Majestät.« – »Wie nichts? Lügt nicht! Ich habe alles gehört.« – Da zitterten die Ärmsten wieder sehr. – »Zittert nicht,« sagte der König, »ich will euch Gutes tun, aber sprecht die Wahrheit.« – Da erzählten sie Punkt für Punkt, was geschehen war und was sie gesagt hatten. Der König aber sagte: »Weil ihr Doppelwaisen seid und anständige und fleißige Mädchen, will ich euch genau das bewilligen, was ihr wünscht.« – Und die erste Schwester machte er zu seiner Kammerfrau, die zweite sollte ihn bei Tisch bedienen, und die dritte machte er zu seiner Gemahlin.
Der König war ein trefflicher Jäger und ging oft auf die Jagd. Nun begab sich’s, daß seine Frau guter Hoffnung wurde, und als die Geburt nahe bevorstand, ging der König wieder zum Jagen aus, so daß, als das Kindchen zur Welt kam, der König nicht da war. Es war aber ein sehr schöner Knabe. Die Schwestern beneideten sie sehr und sprachen unter sich: Wir sind nur Dienerinnen des Königs und unsere Schwester ist seine Frau. Wenn jetzt der König von der Jagd heimkehrt und findet, daß sie diesen wunderschönen Knaben geboren hat, wie viel mehr wird er sie noch lieben. Lassen wir das Kindchen ins Meer werfen, und dem König sagen wir, die Schwester habe ein Hündchen geboren.
So taten sie. Sie nahmen ein Kästchen, wattierten es inwendig aus und schlossen die arme unschuldige Kreatur darin ein und befahlen, das Kästchen ins Meer zu werfen. Dann nahmen sie ein Hündchen und legten es in die Wiege.
Da erscheint der König, der auf die Nachricht von der Niederkunft seiner Frau von der Jagd zurückgekehrt ist, und eilt zur Wiege. Die bösen Schwestern sagen ihm: »Das ist, was deine Gemahlin dir geboren hat« – und zeigen ihm das Hündchen. Als der König es sah, wurde er ganz entsetzt und ließ es forttun.
Bald darauf kam die Königin wieder in die Hoffnung, und auch diesmal brachte sie einen sehr schönen Knaben zur Welt, als der König gerade wieder auf der Jagd war. Und wieder bringen die bösen Schwestern das Würmchen in einer Schachtel mit Baumwolle unter und lassen es ins Meer werfen, und weisen dem König ein Hündchen vor. Als der König es gesehen hatte, wurde er so ergrimmt darüber, daß er sagte: »Wenn es zum drittenmal geschieht, jage ich mein Weib fort.« – Richtig kommt die Ärmste zum drittenmal nieder, da der König auf der Jagd war, und das Kind ist ein Mädchen schön wie die Sonne. Die schändlichen Schwestern tun mit ihr gerade so, wie sie’s mit ihren zwei armen Brüderchen getan hatten, dem König aber, als er von der Jagd kam, zeigten sie diesmal in der Wiege statt eines Hündchens ein Kätzchen. Als der König das sieht, läßt er augenblicklich einen Maurermeister rufen und seine Frau vollständig einmauern bis an den Kopf, und ließ der Armen täglich nichts anderes reichen, als ein Stück Brot und ein Glas Wasser.
Verlassen wir nun aber das Haus des Königs und sehen einmal, wie es mit den drei armen Geschöpfen steht, die die beiden bösen Schwestern hatten ins Meer werfen lassen. Glaubt ihr, liebe Leute, sie seien wirklich ertrunken? Nicht doch! Nichts von ertrunken. Hört nur, liebe Leute, ob sich nicht recht eigentlich die Gerechtigkeit Gottes hier zeigte.
Als die beiden bösen Schwestern das erste Knäbchen ins Meer zu werfen befahlen, sank das Kästchen, in dem es verschlossen war, nicht unter, sondern schaukelte auf dem Wasser weiter. Ein reicher Kaufmann kommt auf einem Schiffe vorüber, sieht das Kästchen und läßt es auffischen. Er macht es auf, und wie er den wunderschönen Knaben sieht, wäre er fast vor Freude gestorben, denn bei all seinem Reichtum fehlten ihm gerade Kinder. Er nahm also das Kind und hielt es mit großer Liebe und ließ es erziehen, als wenn es sein eigener Sohn gewesen wäre.
Um es euch aber nicht lang und breit weiter zu erzählen, will ich gleich sagen, daß es ebenso, wie mit diesem ersten Knaben, auch mit dem zweiten erging und auch mit ihrem wunderhübschen Schwesterchen. Als der reiche Kaufmann diese fand, war er froher als je und sagte: »Jetzt bin ich Vater von drei Kindern, zwei Knaben und einem Mädchen. Ich kann sie erziehen und unterrichten und sie dann mein ganzes Vermögen erben lassen.«
Die Kinder waren schon herangewachsen, da brachte sie der Kaufmann zu einem großen Landgut, das er neben andern besaß, wo ein schönes Schloß stand, und sagte: »Das alles ist mein, aber eines Tages wird es euch gehören. Ihr bleibt jetzt hier; es soll euch an nichts fehlen, und ihr könnt euch so erlustigen, wie ihr wollt.« – Und damit ging er.
Die drei Geschwister blieben in dem Schlosse, und es war eine große Verträglichkeit zwischen ihnen. Die beiden Brüder gingen auf die Jagd, und wenn sie zurückkehrten, ging die Schwester ihnen entgegen und küßte sie vielmals. Die Brüder liebten sie sehr, schenkten ihr die schönsten Blumen, die sie auf dem Felde pflückten, zierliche Vögelchen und Hasen, die sie auf der Jagd fingen. Eines Tages aber, als das schöne Mädchen allein im Hause war und die Brüder auf der Jagd, kam eine arme Alte in das Schloß, um zu betteln. Sie klopfte an das Tor – top, top, top! – »Wer ist draußen?« fragt das schöne Mädchen. – »Bei den armen Seelen im Fegefeuer, gebt der armen Alten ein Almosen, liebes Fräulein!« – »Komm nur herein, arme Alte,« sagt das gute Mädchen, »hier hast du einen halben Laib Brot!« – »Wie schön Ihr seid, liebes Fräulein! Selig die Mutter, die Euch geboren hat! Ihr wohnt in diesem Schloß mit solcher Herrlichkeit, Ihr habt so viel Schätze und Reichtümer, aber Ihr kennt Euer Glück noch nicht! Euch fehlen noch drei Dinge: das gelbe Wasser, der singende Vogel und der tönende Baum. Wenn Ihr diese drei Dinge nicht findet, werdet Ihr nie Euer Glück kennen lernen.«
Das Mädchen wurde traurig und weinte, da sie an das dachte, was die Alte ihr gesagt hatte. Am Abend ging sie nicht wie sonst den Brüdern entgegen, als die von der Jagd kamen, und diese sahen, als sie im Schloß angelangt waren, daß sie geweint hatte und traurig war. Sie fragten sie, was sie hätte. Da erzählte ihnen das Mädchen alles, was ihr die alte Bettlerin gesagt hatte. »Liebe Schwester,« sagte der älteste Bruder, »sei nur getrost, ich werde gehen, das Glück zu finden. Nimm dies weiße Tüchlein. So lange es weiß bleibt, ist es ein Zeichen, daß ich noch lebe; wenn es schwarz wird, bedeutet es, daß ich gestorben bin.«
Damit ging er fort. Er geht und geht und kommt mitten in einen großen Wald, wo ein Häuschen stand, darin die Einsiedler lebten. Als er zu dem Häuschen kam, war es Nacht. Er klopft an. – »Wer bist du, der an die Türe klopft?« fragte ein alter Einsiedler. – »Ich bin ein guter Christ.« – »Wenn du wirklich ein Mensch bist, stecke den kleinen Finger deiner rechten Hand durch das Schlüsselloch, damit ich dich erkennen kann.« – Der Jüngling tat es, und als er erkannt war, wurde ihm geöffnet. – »Mein Sohn, was suchst du in diesen abgelegenen Gegenden?« fragte der Einsiedler. – »Ich gehe,« antwortete der Jüngling, »um das gelbe Wasser, den singenden Vogel und den tönenden Baum zu suchen.« – »Ach, lieber Sohn, wohin willst du gehen? Du gehst in den sicheren Tod. Weißt du nicht, daß eine Menge Fürsten und Ritter die dorthin gehen wollten, nie zurückgekehrt sind?« – »Geh’ es, wie Gott will, ich will hingehen,« sagte der Jüngling, »und wer weiß, ob das Glück mir nicht zufällt?« – »Nun wohl,« sagte der Einsiedler, »weil du um jeden Preis dorthin willst, nimm diese Kugel, setze dich darauf, und sie wird dich bis an den Fuß eines Abhanges tragen. Da wird die Kugel stehen bleiben. Dann nimm ein Pferd und reite den Berg hinan, den du vor dir sehen wirst. Bist du bis zur Mitte gekommen, wirst du viel schrecklichen Lärm hören, wie von Ketten in der Hölle. Aber fürchte dich nicht. Reite immer weiter hinauf, und du wirst die Stätte des Glückes finden. Wenn du aber auf der Mitte des Anstiegs beim Hören jenes Lärms Furcht empfindest, wirst du dort stehen bleiben und mit deinem Pferde zu einem Bilde von Marmor werden.« – »Schön!« sagte der Jüngling. »Ich werde keine Furcht haben.«
Er setzt sich auf die Kugel und fährt ab. Er kommt an den Fuß des Abhanges, wie der Einsiedler ihm gesagt hatte, die Kugel hält an, er steigt zu Pferde und fort im Galopp die Höhe hinan; kommt auch bis zur Mitte, als er aber den Lärm hört, erschrickt er und wird zu einem Marmorbild. Die Schwester sieht nach dem Tüchlein und findet es schwarz. Da fängt sie an zu weinen und ruft laut: »Bruder! lieber Bruder!« – Der andere hört es und eilt herbei. – »Was hast du, liebe Schwester? Warum weinst du so?« – »Wehe, wehe! Unser Bruder ist tot! Sieh das Tüchlein, das er mir gelassen hat, wie schwarz es geworden ist! Wehe mir! Was sollen wir nun tun, lieber Bruder?« – »Weine nicht so, liebe Schwester. Ich will gehn, um zu sehen, was ihm zugestoßen ist. Auch ich will den Weg zum Glück zu finden suchen. Nimm hier diesen Rubin. So lang er klar bleibt, wird es ein Zeichen sein, daß ich lebe; wenn er sich trübt, wird es anzeigen, daß ich gestorben bin.« – So macht er sich auf den Weg und geht fort, und um nicht, was schon gesagt wurde, zu wiederholen, will ich sagen, daß es ihm genau so ging, wie dem andern. Als er auf dem halben Weg den Berg hinan den Lärm hört, wurde er samt seinem Pferde zu einer Marmorstatue.
Die arme Schwester fand den Rubin verdunkelt. Stellt euch vor, wie sie weinte, das arme Mädchen. »Was soll nun aus mir werden, da ich allein geblieben bin! Ich Arme, ich Arme!« – Und weinte und weinte. Dann aber sagte sie: »Ich will gehn und sehen, wie es mit meinen Brüdern gegangen ist. Möchte es mir beschieden sein, das Glück zu finden.« – Sie kleidete sich wie ein Mann und ging fort.
Sie geht, geht, geht, kommt gleichfalls in dem Walde zum Hause des Einsiedels, klopft an, steckt den kleinen Finger der rechten Hand durch das Schlüsselloch, und der Einsiedel öffnet ihr und läßt sie eintreten. »Was hast du vor, schöner Jüngling?« sagt er. – »Ich suche das gelbe Wasser, den singenden Vogel und den tönenden Baum.« – »Oh, lieber Sohn, geh nicht dorthin. So viel Fürsten und Ritter sind hingegangen und nie zurückgekehrt. Vor wenigen Tagen sind auch zwei Jünglinge hingegangen, und die Ärmsten! nicht einmal sie sind wiedergekommen.« – »O, zwei Jünglinge? Das waren meine Brüder. Umsomehr will ich hingehn und sehen, welches Schicksal meine Brüder gehabt haben, und so will auch ich mein Glück versuchen.« Der Einsiedel, als er sah, daß es unnütz war, ihr abzuraten, sagte ihr: »Nun gut! dann gehe nur!« – Er gab ihr die Kugel, wie er sie ihren Brüdern gegeben hatte, und sagte ihr alles andere. »Ich werde keine Furcht haben,« erwidert sie. »Ich werde mir Baumwolle in die Ohren stecken und so den Lärm nicht hören, und meine Augen mit einem Tuch fest verbinden, um nichts zu sehen, und so werde ich mich nicht fürchten!« – »Bravo! recht so!« sagte der Einsiedel.
Das schöne Mädchen setzt sich auf die Kugel und fährt ab. Sie kommt an den Fuß der Anhöhe, die Kugel hält an, sie steigt zu Pferde und fort im raschesten Lauf. Sie kommt bis an die Mitte, der Lärm ist wieder da, aber das Mädchen hört nichts, sieht nichts und hat keine Furcht. Das Pferd aber läuft so geschwinde, daß Pfeile es nicht erreicht haben würden, und so kommt sie in weniger als drei Minuten oben an. Da nimmt sie die Baumwolle aus den Ohren und das Tuch von den Augen und sieht eine Kapelle und einen Teich mit gelbem Wasser, das außerordentlich glänzte. An dem Teich war ein sehr schöner Vogel, der sprang hin und her und sang, daß es eine Lust war, und daneben stand ein Baum, der so schön tönte, daß man nie eine so herrliche Musik gehört hatte. Das war der See der Feen, denn der Vogel, der sang, war nichts anderes als eine Fee.
Als der Vogel auf das gelbe Wasser kam, sang er erst ein wenig und verwandelte sich dann in eine so schöne Jungfrau, daß jeder sich in sie verlieben mußte. Sie näherte sich dem verkleideten schönen Mädchen, das noch zu Pferde saß, und sagte: »Bravo! du warst mutig und hast gesiegt. Ich bin der Vogel, den du suchst, denn ich muß dich begleiten und dir dein Glück bescheren. Steig ab, nimm dies Fläschchen und fülle es mit gelbem Wasser, dann geh zu dem tönenden Baume und brich ein Zweiglein von ihm ab.« – Das Mädchen gehorchte, und die Fee sagte ihr: »Bewahre Fläschchen und Zweig gut auf. Dann setz dich wieder aufs Pferd, du in der Mitte und ich auf der Kruppe, und dann soll’s fortgehn.«
So ritten sie zurück, den Abhang hinunter. Und nun hört weiter.
Während sie ritten, erwachten all die Fürsten und Ritter, die zum See der Feen gekommen und aus Furcht zu Marmorstatuen geworden waren, und jeder ritt auf seinem eigenen Pferde hinter dem schönen Mädchen und der Fee hinunter. – »O welch ein Trost!« rief das Mädchen; »siehst du, Fee, daß mein ältester Bruder aufgeweckt ist?« – »Warte nur ein wenig, und du wirst auch den zweiten sehen.« – »Ja, wirklich! da ist er, auch mein zweiter Bruder ist aufgewacht. Oh welche Freude!« – Und die Brüder ritten sofort zu der Schwester, und alle drei jubelten und freuten sich miteinander, die Fee aber lachte. Dann folgten die Brüder der Schwester zu Pferde mit den anderen Fürsten und Rittern.
Trab, trab, trab kommen sie zu der Hütte des Einsiedels. Ihr könnt denken, wie sehr die Geschwister ihm ihren Dank bezeigten und wie herzlich er sie und alle Fürsten und Ritter empfing, die von seiner Hütte ausgezogen und nicht zurückgekehrt waren. Es war ein förmliches Fest.
Dann verabschiedeten sich die beiden Brüder und die Schwester und reisten ab, und als sie mit der Fee zu ihrem Schloß gekommen waren, schrieben sie sofort an den Kaufmann, der sie wie seine Kinder hielt, und erzählten ihm ihr Glück.
Der Kaufmann, der sie schon tot geglaubt hatte, war sehr froh und eilte gleich herbei, sie zu umarmen. – »Jetzt,« sagte die Fee, »muß man ein großes Gastmahl bereiten und hundert von den größten Fürsten und Rittern einladen und auch den König.« – Und dieser König war gerade der Vater der drei Geschwister.
Die Einladung geschah. Der König wollte nicht hingehen, aber sie baten ihn so lange, bis er es tat. Er wurde von den beiden Brüdern und der Schwester empfangen und sie sagten ihm: »Majestät, wir sind nur arme Waisen, aber gute Leute, und wir wünschen, ihr möchtet uns mit eurer Gegenwart beehren.« – »Sei’s denn!« sagte der König, »ich will euren Wunsch erfüllen.«
Man setzte sich an den Tisch, den die Fee gerüstet hatte. Wie glänzte der Eßsaal, in den man das gelbe Wasser gebracht hatte! Und welch ein Saal! Und dann tönte der Zweig von dem Baume, daß es ganz zauberhaft klang. Und die Fee wurde nun ein wunderschönes Mägdlein und bediente bei Tisch, und dann wurde sie ein sehr schöner Vogel und während das Zweiglein tönte, sang sie zum Entzücken. Stellt euch vor, wie herrlich das war!
Gegen Ende des Mahls sagte die Fee:
»Meine Herren, ihr seid hundert Eingeladene, und auf der Tafel sind hundert Gedecke von sehr großem Wert. Sorgt dafür, daß sich keins davon verliert.« – »Gewiß wird sich keins verlieren,« antworteten alle. – Die Fee geschwinde, geschwinde stiehlt eins und steckt es heimlich dem König in die Tasche. Dann sammelt sie die andern und zählt sie vor allen, und es finden sich nur neunundneunzig. – »Hier fehlt ein Besteck,« sagte die Fee. »Man muß die Taschen untersuchen, um zu sehen, wer es genommen hat.« – »Gewiß, gewiß!« sagten alle. »Untersucht muß werden.« Und erst suchte man in den Taschen der Fürsten und Ritter und fand es nicht. – »Jetzt, Majestät,« sagte die Fee, »muß man auch in euren Taschen suchen, sonst würden sich all die andern Fürsten und Ritter beleidigt fühlen.« – »Freilich,« sagte der König. »Ihr habt Recht.« – Man suchte in seinen Taschen und fand das Besteck. Stellt euch vor, wie dem König zumute war! »Nein,« sagte er, »ich habe das Besteck nicht gestohlen, ich bin unschuldig.« – »Es ist wahr,« sagte die Fee, »Ihr seid unschuldig, Majestät; das Besteck habe ich Euch in die Tasche geschoben. Aber wenn Ihr unschuldig seid, ist es auch Eure Frau, die Ihr seit so langen Jahren leiden laßt, da Ihr sie eingemauert haltet. Seht Ihr hier diese lieben Jünglinge und dies reizende Mädchen? Es sind Eure Kinder, und Eure Frau hat sie Euch geboren.« – Und nun erzählte sie ihm Punkt für Punkt, wie es mit dem Betrug der beiden bösen Schwestern gegangen war, und zum Beweise der Wahrheit ließ sie ihn die beiden Hündlein und das Kätzchen sehen, die sie ihm vorgezeigt hätten statt seiner Kinder. Der König war sehr erstaunt. Dann aber war er sehr erfreut zu hören, daß er Vater von diesen drei lieben und schönen Kindern war, umarmte sie zärtlich und brachte sie sofort in großen Freuden nach seinem Palast. Dann ließ er die beiden Schwestern ergreifen, ließ sie binden und öffentlich in einem Kessel mit Pech verbrennen. Sein armes unschuldiges Weib aber ließ er aus der Mauer befreien, gab ihr ihre Kinder und hielt sie von nun an immer, wie sie’s verdiente, als Königin.

[Italien: Paul Heyse: Italienische Volksmärchen]

Skip to content