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Märchenbasar

Die gedemüthigte Königstochter

Es war einmal ein König, der hatte eine sehr schöne Tochter, sie war aber auch sehr launenhaft und stolz, und nie war ihr ein Freier recht. So viele auch auf das Schloß kommen mochten, sie machte sich über alle lustig, und ließ sie mit Schimpf und Schande abziehn, der König machte ihr Vorwürfe, sie aber wollte nicht hören, und trieb nach wie vor mit den Freiern ihr Spiel. Endlich wollte kein Freier mehr kommen.
Da schickte der König in ferne Länder, wo man noch nichts von ihr wußte, und ließ die Bilder von den schönsten Prinzen kommen, sie gefielen ihr aber Alle nicht. Endlich jedoch, weil der König ihr so viel Vorwürfe machte, zeigte sie auf das Bild eines sehr schönen Königs, und sprach: »Lasset Den kommen, ich will ihn zum Manne nehmen.« Da ward der alte König hoch erfreut, und ließ den jungen König mit allen Ehren abholen, und empfing ihn auf’s Glänzendste. Er ließ ihm zu Ehren schöne Festlichkeiten geben, und Alles schien gut weiter zu gehen. Eines Tages aber, da sie zu Tische saßen, bemerkte die Königstochter, daß der junge König einen Stuhl genommen hatte, auf dem ein Federchen lag, und daß ihm beim Essen ein wenig Sauce auf die Brust fiel. »O,« rief sie gleich, »Feder auf dem Stuhl, Sauce auf der Brust!« und wollte ihn nun nicht mehr haben. Da ward der junge König sehr gekränkt, und mußte mit Beschämung in sein Land zurückkehren; der alte König aber ward so zornig, daß er seine Tochter verstieß, und sie mit einer Kammerfrau in die weite Welt hinaus jagte.
Da wanderte die Königstochter mit ihrer Kammerfrau, bis sie in ein Städtchen kamen, wo sie ein kleines Häuschen mietheten. Sie mußten aber doch leben. Also zog die Kammerfrau aus und verschaffte sich Weißzeug, das brachte sie nach Haus, und die Königstochter nähte es. So trieben sie es lange Zeit.
Der junge König aber hatte die Königstochter von Herzen lieb gewonnen, und hatte keine Ruhe ohne sie. Da er nun hörte, daß sie von ihrem Vater verstoßen worden war, verkleidete er sich in einen Hausirer, und wanderte mit seinem Kasten durch das ganze Reich, um sie wo möglich zu finden. Eines Tages nun kam er in die Stadt wo sie wohnte, und da er seine Waare ausrief, fiel ihr ein, daß sie keine Nadeln mehr habe, und rief ihn, um bei ihm welche zu kaufen. Als er sie nun sah, ward er sehr erfreut, und verkaufte ihr allerlei, und dazwischen unterhielt er sich mit ihr. Als er nun hörte, daß sie Weißzeug nähe, bestellte er ein Dutzend Hemden bei ihr, und kam oft, um nachzusehen, wie weit sie wären. Er wollte sich aber an ihr rächen für die Demüthigung, die sie ihm zugezogen hatte, also gab er sich nicht zu erkennen, sondern kam immer als Hausirer.
Nach einiger Zeit nahm er einmal die Kammerfrau bei Seite, und sprach zu ihr: »Wenn es ihr recht ist, möchte ich gern dies junge Mädchen heirathen. Ich kann sie zwar jetzt noch nicht heirathen, aber ich möchte sie doch mitnehmen in mein Land, denn ich kann nicht länger hier bleiben.« Da ging die Kammerfrau zu ihrer jungen Herrin, und redete ihr zu, sie solle den Hausirer doch nehmen, »denn,« sprach sie, »wenn ich sterben sollte, dann wäret ihr ja allein auf der Welt.« Die Königstochter wollte zwar nicht gern, aber ihr Stolz war gebrochen, und sie sagte »ja«, und ging mit dem Hausirer in die weite Welt. Sie wanderten viele viele Tage lang, bis sie in das Reich des jungen Königs kamen. Die arme Königstochter war so matt, daß sie kaum mehr vorwärts konnte; da führte sie ihr Mann in ein ärmliches Häuschen und sprach: »Siehst du, da ist meine Wohnung, da müssen wir uns behelfen.«
Nun mußte die zarte Königstochter alle Arbeit thun, kochen, und waschen und nähen, und jeden Morgen wanderte der Hausirer fort, und wenn er am Abend wiederkam, brachte er ihr eine Kleinigkeit mit, und sagte: »Siehst du, das ist Alles, was ich verdient habe.« Er blieb aber den ganzen Tag in seinem Schloß bei seiner Mutter, der er erzählte, daß er die junge Königstochter bei sich habe, die ihn so gekränkt habe.
Nach einiger Zeit kam er einmal zur Königstochter und sprach: »Wir müssen nun ausziehen, denn ich kann die Miethe nicht länger bezahlen. Ich will aber zur Königin gehen, und sie bitten, uns zu erlauben, in einem ihrer Ställe zu schlafen. Sie ist meine Gönnerin, und wird mir meine Bitte nicht abschlagen.« Da ging er fort, und als er wiederkehrte, sprach er: »Die Königin hat es mir erlaubt, und wir werden von nun an im Stall wohnen.« Also mußte die zarte Königstochter im Stall wohnen, und auf dem Stroh schlafen. Sie trug es aber mit Geduld, und dachte nur: »Ich habe es verdient durch meinen Stolz.« Ihr Mann aber ging jeden Morgen mit seinem Kasten fort, um zu hausiren; er ging aber nur ein Paar Schritte, so lange sie ihn sehen konnte, dann trat er durch eine andere Thüre in das Schloß, kleidete sich als König an, und ging nun immer an ihr vorüber, ohne daß sie in ihm ihren Mann erkannt hätte; sie sah aber wohl, daß er der von ihr verschmähte Freier war, und meinte, sie müsse in den Boden sinken vor Scham.
Eines Tages kam er nun zu seiner Mutter, und sprach: »Die Königstochter ist noch nicht genug gestraft für ihren Stolz; laßt sie heraufkommen, und im Schloß als Näherin arbeiten.« »Ach, mein Sohn,« sprach die Mutter, »laß doch das arme Mädchen in Ruh, und nimm es wieder zu Gnaden an.« »Nein,« antwortete er, »die Demüthigung, die ich durch sie erfahren habe, soll sie auch erfahren.«
Da ging er zu seiner Frau, und sprach: »Im Schlosse wird jetzt viel Kinderzeug genäht, denn der König hat sich verheirathet, und die junge Königin erwartet ein Kind. Die alte Königin aber hat dich rufen lassen, damit du auch arbeiten hilfst.« »Ach nein,« antwortete sie, »laß mich hier bleiben, ich schäme mich dem jungen König unter die Augen zu kommen.« »Ach was,« rief er, »wovon sollen wir denn leben? Geh gleich hinauf, der junge König wird sich nicht um dich bekümmern. Und höre, sei nicht dumm, und wenn du ein Hemdchen oder ein Häubchen nehmen kannst, so thue es, du wirst es bald brauchen.« »Ach nein,« sprach sie, »wie könnte ich so etwas thun.« »Mache mich nicht bös,« rief ihr Mann, »und thue, was ich dir sage. Du kannst es ja im Busen verstecken.«
Die arme Königstochter ging also in’s Schloß, und weil sie sich vor ihrem Mann fürchtete, so nahm sie ein Hemdchen unbemerkt weg, und versteckte es im Busen. Als sie aber so saß und nähte, kam auf einmal der junge König herein, und rief: »Wen habt ihr denn hier zum Nähen? ich kenne diese Frau als eine Diebin.« Die arme Königstochter wurde bald roth, bald blaß, und die alte Königin sprach: »Laß die Näherin in Ruhe, mein Sohn; es ist eine arme Frau, die bei uns im Stall wohnt.« »Nein,« sprach er, »sie ist eine Diebin, und ich will es euch beweisen.« Da griff er ihr in den Busen, und zog das Hemdchen heraus. Die arme Königstochter erschrak so sehr, daß sie ohnmächtig wurde. »Mein Sohn,« sprach die Königin, »sieh, wie das arme Mädchen leidet. Ende nun ihre Leiden.« »Nein,« sprach er, »sie ist noch nicht genug gestraft,« und ließ sie in den Stall hinuntertragen.
Als er am Abend wieder kam, erzählte sie ihm weinend ihr Unglück, und sagte, sie wolle nicht wieder ins Schloß gehen. Er aber fuhr sie hart an, und befahl ihr den nächsten Morgen wieder hinauf zu gehen, und auch wieder etwas zu nehmen. »Du kannst es ja unter die Schürze verstecken,« meinte er. Sie weinte zwar bitterlich, mußte aber doch gehorchen, und den nächsten Morgen ging sie wieder in’s Schloß zum Nähen, und als sie Niemand beobachtete, nahm sie zwei Häubchen, und versteckte sie unter die Schürze. Als sie aber nähte, kam der König herein, und rief: »Habt ihr diese Diebin schon wieder heraufkommen lassen? Ich will euch doch zeigen, daß nichts vor ihr sicher ist.« Da griff er ihr unter die Schürze, und zog die Häubchen hervor. Die Königstochter wurde ohnmächtig, und trotz der Bitten der alten Königin ließ sie der König wieder in den Stall zurückbringen.
In der Nacht aber kam ihre Stunde, und sie gebar einen wunderschönen Knaben. Da brachte ihr ihr Mann ein wenig Fleischbrühe, und sprach: »Die Königin schickt dir diese Fleischbrühe, und diese alten Windeln für unseren Sohn.« In der Fleischbrühe aber war ein Schlaftrunk; und als die Königstochter sie genommen hatte, schlief sie fest ein. Da ließ der König sie in’s Schloß hinauftragen, wo ein schönes Bett für sie bereit stand, und ließ ihr ein Hemd von der feinsten Leinwand anziehen, und sie in’s Bett hinein legen. Neben dem Bett aber stand eine kostbare Wiege für den jungen Prinzen, der auch gekleidet wurde, wie es sich für den Sohn eines Königs ziemte. Der junge König aber legte seine Hausirertracht ab, und zog königliche Kleider an. Als nun die Königstochter erwachte, schaute sie sich verwundert um, und glaubte zu träumen. Da trat der König herein, und frug sie freundlich, wie es ihr gehe. Sie aber wußte nicht, wie sie seinen Augen begegnen sollte. »Kennst du mich nicht?« frug der König. »Ich bin ja dein Mann, der Hausirer. Ich habe dich für deinen Stolz strafen wollen, doch nun ist alles Leid vorbei, und du bist meine liebe Gemahlin.« Als nun die junge Königin gesund geworden war, feierten sie ein glänzendes Hochzeitsfest, und die Eltern der Königin mußten auch kommen, und freuten sich sehr, als sie ihre Tochter wieder sahen. Da lebten sie glücklich und zufrieden, wir aber haben das Nachsehen.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]

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