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Märchenbasar

Die jüngste, kluge Kaufmannstochter

Es war einmal ein kleiner Kaufmann, der hatte drei Töchter, davon war die Jüngste, Maria, sehr schön, und zugleich sehr klug und schlau. Eines Tages nun mußte der Vater verreisen; er rief also seine Töchter und sprach: »Liebe Kinder, ich muß fort; nehmt euch wohl in Acht, denn es sind unsichere Zeiten, seid also vorsichtig.« Damit schied er von ihnen.
Einige Tage vergingen ganz ruhig; eines Tages aber klopfte ein Bettler an die Thür und bat um ein Almosen. Dieser Bettler aber war ein verkleideter Räuber. »Wir wollen diesen Unbekannten nicht herein lassen,« rieth die kluge Maria ihren Schwestern. Als aber der Bettler anfing zu jammern: »Ich bin so müde, ihr lieben Mädchen, es ist so lange her, daß ich nichts Warmes gegessen habe, und mich nicht ordentlich ausruhen kann,« ließen ihn die beiden älteren Mädchen doch herein. Als der Bettler gegessen hatte, sprach er: »Es ist schon Nacht geworden, und wo soll ich ein Obdach finden? Ach, liebe Mädchen, laßt mich diese Nacht hier ruhen.« »Thut es nicht,« warnte Maria, aber die Schwestern hörten nicht auf sie, sondern machten dem Bettler ein Lager zurecht, und hießen ihn dableiben. Maria aber konnte gar nicht schlafen, denn der Verdacht, das möchte kein wirklicher Bettler sein, verließ sie nicht. Als nun Alles im Hause stille geworden war, stand sie auf, schlich bis zu der Kammer wo der Bettler schlief und versteckte sich dicht daneben. Es dauerte nicht lange, so öffnete sich leise die Thür, und der vermeintliche Bettler trat heraus und schaute sich vorsichtig um. Er schlich die Treppe hinunter, schloß die Thür auf, versammelte durch einen Pfiff alle seine Gefährten, und Alle zusammen brachen nun in den Laden des Kaufmannes ein. Maria war schnell entschlossen; wie der Blitz sprang sie durch ein Hinterpförtchen in’s Freie, und lief nach der Polizei. Die kam denn auch herbei, und es gelang ihnen, den einen Räuber, der sich als Bettler verkleidet hatte, zu ergreifen; die Andern entflohen, ließen aber ihren Raub im Stich. Nun ging Maria zu ihren Schwestern, die noch schliefen, weckte sie, und sprach: »Seht ihr was eure Unvorsichtigkeit für Folgen haben konnte? Das und das ist geschehen.« Als nun der Vater zurückkam, hörte er wie muthig und klug seine Tochter gewesen war, und freute sich sehr darüber.
Der Räuberhauptmann aber konnte es gar nicht verwinden, daß ihm ein junges Mädchen seinen Plan vereitelt hatte, und schwur, sich dafür zu rächen. Er nahm also unter seinen Schätzen die schönsten Kleider, bestieg ein schönes Pferd, und kam so als ein großer, reicher Herr in die Stadt, wo Maria wohnte. Dort bezog er ein schönes Haus, und ging dann in den Laden des Kaufmanns, wo er allerlei kaufte, und sich dabei freundlich mit dem Kaufmann unterhielt. Er gab sich für den Sohn eines Reichsbarons aus, und erzählte von seinen Reichthümern und seinem schönen Schlosse. Den nächsten Tag kam er wieder, und so trieb er es, bis der Kaufmann ganz für ihn eingenommen war. Nun hielt er um seine jüngste Tochter an, und der Vater, hoch erfreut über die große Ehre, kam zu Maria und sprach: »Denke dir, mein Kind, der junge Baron will dich heirathen.« Maria aber antwortete: »Ach, lieber Vater, ich bin ja gut bei euch, und Niemand von uns kennt diesen jungen Mann, wie können wir wissen ob er das wirklich ist, wofür er sich ausgiebt?« Der Vater aber war geblendet durch die Reichthümer und durch den hohen Rang des jungen Mannes, und versuchte immer wieder seine Tochter zu überreden, bis Maria endlich sprach: »So thut denn, was ihr wollt.« Da wurde ein glänzendes Hochzeitsfest angestellt, und am Hochzeitstag brachte der Bräutigam einen Brief von seiner Mutter, und darin schrieb sie ihrem Sohn, sie könne leider nicht zur Hochzeit kommen, aber sie hoffe, der Sohn werde sie mit seiner jungen Frau besuchen. Also bestiegen die Beiden nach der Hochzeit ihre Pferde und reisten fort.
Immer steiler und öder wurde der Weg, und Maria sah sich in einer ganz unbekannten, wilden Gegend. Auf einmal drehte sich der Räuberhauptmann nach ihr um, und rief ihr barsch zu: »Steige sogleich vom Pferd. Hast du wirklich gemeint, ich sei der Sohn eines Reichsbarons? Ich bin der Hauptmann jenes Räubers, der durch deine Schuld gehängt worden ist, und ich will mich dafür an dir rächen.« Zitternd stieg Maria vom Pferd. »Jetzt ziehe deine Schuh und Strümpfe aus,« fuhr der Räuber fort, »und klettere jenen Berg hinauf.« Was konnte Maria thun? Sie mußte wohl gehorchen und mit ihren zarten Füßen den steilen Berg ersteigen. Als sie oben angekommen waren, riß der Räuber ihr ihre Kleider ab, band sie an einen Baum und fing an, sie mit Ruthen zu peitschen. »Wart nur,« rief er, »jetzt rufe ich meine Genossen, und dann werden wir dich zu Tode peitschen.« Damit verließ er sie. Da stand nun Maria am Baum festgebunden, und konnte sich gar nicht helfen, und die Ruthenhiebe schmerzten sie so sehr, daß sie in einem fort stöhnte.
Unweit von dem Baume aber zog sich ein schmaler Pfad hin, und auf diesem Pfade ritten eben ein Bauer und seine Frau hin. Die brachten einige Säcke roher Baumwolle zu Markt. Als sie nun das Stöhnen hörten, meinten sie es wäre ein Geist, bekreuzten sich und wollten schnell vorbei. Maria aber hörte sie und rief ihnen zu: »Ach, lieben Leute, ich bin eine getaufte Seele wie ihr auch. Verlaßt mich nicht.« Da stieg der Bauer ab, und als er Maria sah, zog er schnell sein Messer aus der Tasche, schnitt die Stricke auf, mit denen sie gebunden war, und befreite sie. Doch was sollte nun geschehen, denn die Räuber konnten jeden Augenblick erscheinen. Da rieth der Bauer, Maria solle sich in einen von den Säcken stecken lassen. Das geschah denn auch, und rings um Maria herum stopfte der Bauer soviel Baumwolle, als nur in den Sack ging. Dann band er den Sack auf den Esel, setzte sich mit seiner Frau auf, und ritt nun davon, so schnell er konnte. Bald erschienen nun die Räuber, aber wie erstaunten sie, als sie sahen, daß Maria fort war. Der Hauptmann schwur, er wolle sie dennoch umbringen, und setzte den Flüchtlingen nach. Bald erreichte er sie auch, und befahl grimmig dem Bauer zu halten. Bis in den Tod erschrocken, konnten sie doch nichts thun als gehorchen. Nun zog der Räuber sein Schwert, und stach damit in die Baumwollensäcke hinein, und versetzte der armen Maria mehrere Stiche. Sie aber ließ keinen Laut hören, und weil das Schwert immer wieder durch die Baumwolle gezogen werden mußte, so wurden die Blutflecken dabei abgewischt, und der Räuber ließ sich täuschen, und erlaubte den Bauern ihres Weges zu ziehen. Nach einem Weilchen aber lief er ihnen nach, zwang sie zu halten, und stach wieder mit seinem Schwert in die Säcke. Es gelang ihm aber nicht besser als das erste Mal, und so ließ er endlich die Leute ziehen.
Als sie nun in die nächste Stadt kamen, hielten sie bei einer Bekannten an, und sprachen: »Wollt ihr uns einen Gefallen thun, Frau Gevatterin, so gebt uns euer bestes Bett, denn wir haben hier ein armes verwundetes Mädchen, das wir eurer Pflege anvertrauen.« Da legten sie Maria in’s Bett, und weil sie fort mußten, so empfahlen sie sie der Gevatterin. Bei dieser blieb nun Maria, bis sie sich ganz erholt hatte, und wenn man nach ihr frug, so antwortete die Alte immer: »Es ist meine Nichte.« Als nun Maria wieder wohl war, sprach sie eines Tages zu der Alten: »Ich bin nun wieder gesund und will euch nicht länger zur Last fallen; seht zu, ob ihr mir einen Dienst verschaffen könnet.« Die Alte erkundigte sich, und erfuhr, der König suche ein Kammermädchen. Da ließ sich Maria melden, und weil sie dem König so wohl gefiel, nahm er sie in seinen Dienst. Je mehr aber der König sie sah, desto besser gefiel sie ihm, und eines Tages sprach er zu ihr: »Du sollst meine Gemahlin sein, und keine Andere!« Da mußte sie ihm erzählen, daß sie verheirathet sei, und wie sie an den Räuberhauptmann gekommen. »O,« rief der König, »wenn’s weiter Nichts ist, den wollen wir schon kriegen, und wenn er erst einmal gehängt ist, dann bist du seine Frau nicht mehr.« Also wurde Maria von Allen als des Königs Gemahlin angesehen.
Als sie nun eines Tages zusammen am Fenster standen, ging eben der Räuberhauptmann vorbei. »Oho,« dachte er, »lebst du auch noch, und bist noch gar des Königs Frau? Wart nur, ich will dich schon kriegen!« Er ging geraden Wegs zu einem Goldschmied, und sprach: »Meister, ihr müßt mir einen silbernen Adler machen, der inwendig hohl ist, und so groß, daß ich darinnen stehen kann, und er muß in drei Tagen fertig sein.« Der Goldschmied versprach es, und nahm eine ganze Schaar Gesellen, die mußten Tag und Nacht arbeiten, um den Adler fertig zu machen. Als nun die Arbeit fertig war, rief der Räuber einen Lastträger herbei, und sprach: »Mit diesem Adler mußt du so lange an des Königs Fenstern vorbeigehen, bis der König Lust bekommt ihn zu kaufen.« Dann schloß er sich selbst in den Adler ein, der Lastträger nahm ihn auf den Rücken, und trug ihn vor des Königs Fenster vorbei. Der König stand wieder mit Maria an dem Balkon, und da er den schönen silbernen Adler sah, rief er: »Sieh nur, Maria, wie schön! Den wollen wir uns kaufen.« Maria aber hatte damals den Räuber wohl erkannt; deßhalb war sie mißtrauisch und sprach: »Ach, Majestät, ihr habt ja sonst so viele schöne Sachen, was wollt ihr noch das schwere Geld ausgeben!« Dem König aber gefiel der Adler so gut, daß er den Lastträger herauf rief, ihm den Adler abkaufte und in sein Zimmer bringen ließ.
Als nun der König und Maria schliefen, schloß der Räuber den Adler auf und trat hinaus. Vorsichtig schlich er an das Bett des Königs, und legte ein Blatt Papier auf das Kopfkissen; so lange das liegen blieb, konnte weder der König noch die Leute im Hause aufwachen. Dann trat er zu Maria, ergriff sie und schleppte sie in die Küche. »Du dachtest wohl, ich würde dich hier nicht finden,« sagte er höhnisch, und nahm den größten Kessel, füllte ihn mit Oel und setzte ihn auf’s Feuer. »Darin will ich dich sieden!« sprach er. Nun war Maria übel daran, aber sie verlor den Muth doch nicht, sondern sprach: »Muß ich denn sterben, so geschehe es! Laß mich nur vorher meinen Rosenkranz holen, daß ich noch einmal beten kann.« Der Räuber erlaubte es, und Maria eilte in die Kammer, und rief den König. Aber so sehr sie auch rufen mochte, es half Nichts; sie stieß und zupfte ihn, Alles vergebens. Da faßte sie ihn in der Verzweiflung am Bart und schüttelte ihn; durch die Bewegung aber fiel das Blatt herunter, der König erwachte plötzlich, und mit ihm alle Leute im Haus. Da führte sie Maria in die Küche, wo der Räuber noch immer das Feuer schürte; den ergriffen sie und warfen ihn in das siedende Oel. Maria aber heirathete den König und es war eine glänzende Hochzeit. Ihren Vater und ihre Schwestern ließ sie zu sich kommen, und so lebten sie Alle glücklich und zufrieden, wir aber haben das Nachsehen!

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]

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